Das wiedergefundene Kino |
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| Hinter der Maske verschwunden: Norbert Pfaffenbichlers Adgin Prrx | ||
| (Foto: IFF Rotterdam · Sixpackfilm) | ||
Von Dunja Bialas
Frauenbeine, Champagner, Unfälle, Yves Montand, Asphalt, Blicke, Gesten und Kühlerhaube. Und dann steht da doch noch dieses seltsame Wort in meinem Notizheft: »Boliden«. Das ist mir irgendwie im Kinosaal zugeflogen. Ein Protokoll der ersten, minimaldauernden Einstellungen von Norbert Pfaffenbichlers neuestem Genie-Streich Adgin Prrx, in Weltpremiere im tollen Rotterdamer 70er-Jahre-Kino Cinerama uraufgeführt. Die aneinandergereihten Buchstaben des unaussprechlichen Titels bezeichnen Grand Prix, John Frankenheimers fast dreistündigen Film von 1966, und zwar neusortiert in alphabetischer Reihenfolge. Die Ordnung der kleinsten medialen Einheiten wird in diesem Found-Footage-Film zum poetologischen Prinzip und stiftet sinnentleerendes Chaos.
Adgin Prrx ist einer von 38 kurzen und langen Filmen, die in »Cinema Regained« von Kurator Olaf Möller zusammengestellt wurden. Alle Filme der Reihe treten in Dialog mit der Filmgeschichte, verankern die aktuellen Filme in der Tiefe der Zeit. Kino ist nicht voraussetzungslos, sagen einem Werke wie Michal Kosakowskis beklemmender Holofiction, in dem er aus unzähligen Spielfilmszenen eine »Anatomie des Genozids« (Marcus Stiglegger) kompiliert hat, die die nach Claude Lanzmann unzulässige Abbildung des Holocausts, das Transgressive der Fiktion, offenlegt.
Von der Heimsuchung durch bad dreams erzählt in der Abstraktion The Thing in the Coffin von Péter Lichter. Ausgehend von Francis Ford Coppolas schwülstigem Bram Stoker’s Dracula (1992) hat der ungarische Experimentalfilmregisseur Hunderte von Dracula-Verfilmungen in einen träumerischen Montage-Reigen gebracht, mit einem suggestiven Soundscape unterlegt und in rote Farbe gebadet. Künstlerisch verfährt Lichter im Zwischenreich vom Analogen und Digitalen: Auf Ebay ersteigerte Filmkopien werden »jpg für jpg« abfotografiert und im Rechner animiert, dabei mit der Kamera des Mobilphons vom Monitor abgefilmt, wie er in Rotterdam erklärt.
Pfaffenbichler, der österreichische Avantgardist, hat nun mit Adgin Prrx ein großmeisterliches Montagewerk geschaffen. Frankenheimers Hommage an den Autorennsport hat er in ihre Einstellungsbestandteile zerlegt und anschließend wieder zusammenmontiert. Gerade so, als wäre der Film selbst ein Rennschlitten, der in seine Einzelteile zerlegt wurde und dann als avantgardistisches Gefährt neue Gestalt angenommen hat. Fahren kann es nun nicht mehr. Aber als beeindruckendes Essay über Zeit und Erinnerung viel über das Kino erzählen.
Einstellung für Einstellung hat Pfaffenbichler isoliert und in die Reihenfolge ihrer Dauer gebracht. Die Montage erfolgte streng metrisch, beginnend mit den kürzesten Shots, endend in langen Plansequenzen. Der Beginn des Films wirft einen auf diese Weise sehr unvermittelt in das Stakkato ultrakurzer Filmfragmente hinein, das die Zeit regelrecht überwindet, so rasant wechseln in Minisekunden die Bilder. Als kurz aufblitzende Bildinformationen dringen sie allenfalls unterschwellig zu einem vor. Bald beginnt man, es sich in der Geschwindigkeit einzurichten, einmal sitzt man mit Antonio Sabàto im Cockpit, wird von der heftig unter einem dahinfliegenden Rennstrecke mitgerissen. Dann der Rennfahrer Jean-Pierre Sarti, verkörpert von Yves Montand, im roten Flitzer. Irgendwann – spät – merkt man, dass die Einstellungen immer länger werden. Bis dann zum Ende hin Adgin Prrx regelrecht ausgebremst wird, fast zum Stillstand kommt, in den langen Einstellungen, die vom Ende einer Beziehung erzählen.
Ein erstaunlicher Effekt legt sich durch die streng metrische Anordnung über die Narration und die erzählte Zeit. Alles wird irgendwie alptraumhaft, durch Bilder, die an verschiedenen Filmpunkten wiederkehren. Die Zeit wird zum Brei, der einen nicht loslässt. Markant zeigt sich das in der Tanzszene, die sich im Original im ersten Fünftel als durchgehende Szene befindet, und die man dort schnell wieder vergisst. Zerlegt in die vielen Einstellungen der Tanzenden, kehren sie im Laufe von Adgin Prrx immer wieder zurück, sekundenschnell durch die wippenden Körper und das Saxophon der schwungvollen Musik aufgerufen. Dazwischen schieben sich etliche andere Einstellungen, dann kommen die Tanzenden wieder und wieder, während der Film voranschreitet, als wären sie im Buñuel’schen Würgeengel gefangen und könnten die Party nicht verlassen.
Pfaffenbichler sprengt mit seiner Remontage die Ketten der Kontinuitätsmontage, die den Plot erst entstehen lässt – und für die Frankenheimers Film zwei Oscars erhalten hatte, für den besten Schnitt und den besten Tonschnitt. Den drive der Narration hat Pfaffenbichler in seiner Remontage verabschiedet. An die Stelle der Kontinuität tritt das Diskontinuierliche, die harten Brüche, das Rausgerissenwerden, und die Wiederkehr von Erzählfragmenten, aus denen sukzessive der Plot konstruiert werden kann. Aktiviert wird das sich erinnernde Gedächtnis, wie es Pfaffenbichler bereits in seinem konzeptuellen Notes on Film 02 vor 20 Jahren realisiert hatte. Auch Adgin Prrx darf als »Hybrid eines strukturellen Films mit narrativen Elementen« (Gerald Weber) gelten. Die rhythmische Dekonstruktion wirft einen umwerfend revitalisierenden und zugleich äußerst verstörenden Effekt über das Original. Anders als dort treten aus dem Film neue Schwere und Ernst hervor. Als die Szenen länger werden, werden die über ihre Beziehungen verhandelnden Figuren von der ganzen Gravitas erfasst.