12.02.2026

Das wiedergefundene Kino

Agdin Prrx
Hinter der Maske verschwunden: Norbert Pfaffenbichlers Adgin Prrx
(Foto: IFF Rotterdam · Sixpackfilm)

In der Reihe »Cinema Regained« tritt das 55. International Film Festival Rotterdam in den Dialog mit der Filmgeschichte

Von Dunja Bialas

Frau­en­beine, Cham­pa­gner, Unfälle, Yves Montand, Asphalt, Blicke, Gesten und Kühler­haube. Und dann steht da doch noch dieses seltsame Wort in meinem Notizheft: »Boliden«. Das ist mir irgendwie im Kinosaal zuge­flogen. Ein Protokoll der ersten, mini­mal­dau­ernden Einstel­lungen von Norbert Pfaf­fen­bich­lers neuestem Genie-Streich Adgin Prrx, in Welt­pre­miere im tollen Rotter­damer 70er-Jahre-Kino Cinerama urauf­ge­führt. Die anein­an­der­ge­reihten Buch­staben des unaus­sprech­li­chen Titels bezeichnen Grand Prix, John Fran­ken­hei­mers fast dreis­tün­digen Film von 1966, und zwar neusor­tiert in alpha­be­ti­scher Reihen­folge. Die Ordnung der kleinsten medialen Einheiten wird in diesem Found-Footage-Film zum poeto­lo­gi­schen Prinzip und stiftet sinn­ent­lee­rendes Chaos.

Montage-Material: Michal Kosa­kowski, Péter Lichter

Adgin Prrx ist einer von 38 kurzen und langen Filmen, die in »Cinema Regained« von Kurator Olaf Möller zusam­men­ge­stellt wurden. Alle Filme der Reihe treten in Dialog mit der Film­ge­schichte, verankern die aktuellen Filme in der Tiefe der Zeit. Kino ist nicht voraus­set­zungslos, sagen einem Werke wie Michal Kosa­kow­skis beklem­mender Holo­fic­tion, in dem er aus unzäh­ligen Spiel­film­szenen eine »Anatomie des Genozids« (Marcus Stig­legger) kompi­liert hat, die die nach Claude Lanzmann unzu­läs­sige Abbildung des Holo­causts, das Trans­gres­sive der Fiktion, offenlegt.

Von der Heim­su­chung durch bad dreams erzählt in der Abstrak­tion The Thing in the Coffin von Péter Lichter. Ausgehend von Francis Ford Coppolas schwüls­tigem Bram Stoker’s Dracula (1992) hat der unga­ri­sche Expe­ri­men­tal­film­re­gis­seur Hunderte von Dracula-Verfil­mungen in einen träu­me­ri­schen Montage-Reigen gebracht, mit einem sugges­tiven Sound­scape unterlegt und in rote Farbe gebadet. Künst­le­risch verfährt Lichter im Zwischen­reich vom Analogen und Digitalen: Auf Ebay erstei­gerte Film­ko­pien werden »jpg für jpg« abfo­to­gra­fiert und im Rechner animiert, dabei mit der Kamera des Mobil­phons vom Monitor abgefilmt, wie er in Rotterdam erklärt.

Reas­sem­bled: Norbert Pfaf­fen­bichler

Pfaf­fen­bichler, der öster­rei­chi­sche Avant­gar­dist, hat nun mit Adgin Prrx ein groß­meis­ter­li­ches Monta­ge­werk geschaffen. Fran­ken­hei­mers Hommage an den Auto­renn­sport hat er in ihre Einstel­lungs­be­stand­teile zerlegt und anschließend wieder zusam­men­mon­tiert. Gerade so, als wäre der Film selbst ein Renn­schlitten, der in seine Einzel­teile zerlegt wurde und dann als avant­gar­dis­ti­sches Gefährt neue Gestalt ange­nommen hat. Fahren kann es nun nicht mehr. Aber als beein­dru­ckendes Essay über Zeit und Erin­ne­rung viel über das Kino erzählen.

Einstel­lung für Einstel­lung hat Pfaf­fen­bichler isoliert und in die Reihen­folge ihrer Dauer gebracht. Die Montage erfolgte streng metrisch, beginnend mit den kürzesten Shots, endend in langen Plan­se­quenzen. Der Beginn des Films wirft einen auf diese Weise sehr unver­mit­telt in das Stakkato ultra­kurzer Film­frag­mente hinein, das die Zeit regel­recht über­windet, so rasant wechseln in Mini­se­kunden die Bilder. Als kurz aufblit­zende Bild­in­for­ma­tionen dringen sie allen­falls unter­schwellig zu einem vor. Bald beginnt man, es sich in der Geschwin­dig­keit einzu­richten, einmal sitzt man mit Antonio Sabàto im Cockpit, wird von der heftig unter einem dahin­flie­genden Renn­strecke mitge­rissen. Dann der Renn­fahrer Jean-Pierre Sarti, verkör­pert von Yves Montand, im roten Flitzer. Irgend­wann – spät – merkt man, dass die Einstel­lungen immer länger werden. Bis dann zum Ende hin Adgin Prrx regel­recht ausge­bremst wird, fast zum Still­stand kommt, in den langen Einstel­lungen, die vom Ende einer Beziehung erzählen.

Ein erstaun­li­cher Effekt legt sich durch die streng metrische Anordnung über die Narration und die erzählte Zeit. Alles wird irgendwie alptraum­haft, durch Bilder, die an verschie­denen Film­punkten wieder­kehren. Die Zeit wird zum Brei, der einen nicht loslässt. Markant zeigt sich das in der Tanzszene, die sich im Original im ersten Fünftel als durch­ge­hende Szene befindet, und die man dort schnell wieder vergisst. Zerlegt in die vielen Einstel­lungen der Tanzenden, kehren sie im Laufe von Adgin Prrx immer wieder zurück, sekun­den­schnell durch die wippenden Körper und das Saxophon der schwung­vollen Musik aufge­rufen. Dazwi­schen schieben sich etliche andere Einstel­lungen, dann kommen die Tanzenden wieder und wieder, während der Film voran­schreitet, als wären sie im Buñuel’schen Würge­engel gefangen und könnten die Party nicht verlassen.

Pfaf­fen­bichler sprengt mit seiner Remontage die Ketten der Konti­nui­täts­mon­tage, die den Plot erst entstehen lässt – und für die Fran­ken­hei­mers Film zwei Oscars erhalten hatte, für den besten Schnitt und den besten Tonschnitt. Den drive der Narration hat Pfaf­fen­bichler in seiner Remontage verab­schiedet. An die Stelle der Konti­nuität tritt das Diskon­ti­nu­ier­liche, die harten Brüche, das Raus­ge­ris­sen­werden, und die Wieder­kehr von Erzähl­frag­menten, aus denen sukzes­sive der Plot konstru­iert werden kann. Aktiviert wird das sich erin­nernde Gedächtnis, wie es Pfaf­fen­bichler bereits in seinem konzep­tu­ellen Notes on Film 02 vor 20 Jahren reali­siert hatte. Auch Adgin Prrx darf als »Hybrid eines struk­tu­rellen Films mit narra­tiven Elementen« (Gerald Weber) gelten. Die rhyth­mi­sche Dekon­struk­tion wirft einen umwerfend revi­ta­li­sie­renden und zugleich äußerst vers­tö­renden Effekt über das Original. Anders als dort treten aus dem Film neue Schwere und Ernst hervor. Als die Szenen länger werden, werden die über ihre Bezie­hungen verhan­delnden Figuren von der ganzen Gravitas erfasst.