12.02.2026
Cinema Moralia – Folge 377

Glaubt nicht dem Jubel!

Der Tod wird kommen
Muss ohne Verleihförderung auskommen: Christoph Hochhäuslers Der Tod wird kommen
(Foto: W-Film)

Pumuckel auf Amrum, Biederkeit und Barbarei: Ökonomie, Ästhetik, Politik im deutschen Film und was das Olympiaoutfit verrät – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 377. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Da die Mode tyran­nisch ist, erträgt sie die Arbi­tra­rität ihrer Zeichen nicht und fühlt sich genötigt, sie in natür­liche Gege­ben­heiten oder rationale Gesetze zu verwan­deln.«
Roland Barthes, »Die Sprache der Mode«

Die Deutschen haben einfach keinen Geschmack. Wo sie irren können, tun sie das auch, stochern im Nebel, mischen Unsi­cher­heit mit naivem, wohl­ge­meintem Drauf­gän­gertum, Scham mit Auftrumpfen – aus Unsi­cher­heit.

Das ist natürlich für sich genommen ein allzu pauschaler Satz. Dass er zutrifft, zeigt sich in konkreten Indizien, Untaten auf dem Feld der Ästhetik und Mode, die man nur als Ausdruck einer großen meta­phy­si­schen Verzweif­lung deuten kann.

Gemeint ist hiermit noch nicht mal jenes dieser Tage in der failed city Berlin veran­stal­tete Film­fes­tival, bei dem wir in den kommenden Tagen vermut­lich weitere Belege für die These finden werden, sondern das peinliche Olympia-Outfit der deutschen Mann­schaft bei den derzei­tigen Winter­spielen in Nord­ita­lien.

Wo andere Nationen großen Mode­schöp­fern – die US-Ameri­kaner etwa Ralph Lauren – vertrauen, wo bei Spaniern und Italie­nern natür­liche Eleganz waltet, wo Franzosen und Japaner auf Klas­si­zität setzen, und die Engländer stil­si­cher in schlaf­wand­le­ri­scher Lässig­keit etwas jeden­falls wunder­bares Poppiges tragen, da greifen die Deutschen ebenso ziel­si­cher wie bera­tungs­re­sis­tent daneben und sind dann, wenn selbst im eigenen Land ein Shitstorm sich erhebt, auch noch trotzig stolz darauf.

Ein Face­book­freund zitiert dazu den seinen: »die Bilder, in Schwarz­weiß vorge­stellt, da könnte auch die 6. Armee auf dem Weg nach Stalin­grad marschieren« und fügt hinzu: »leider peinlich und ästhe­tisch scheiße«.

In der Mode­haupt­stadt Mailand, keine vier Wochen nach dem Tod des großen Valentino, gingen sie wie die Wieder­gänger der Goten quasi in kurzen Hosen in den Dom: Auf dem Kopf der Deutschen saß jenes entsetz­liche Spießer-Hütchen, das die italie­ni­schen Gastgeber schon auf ihren Camping­plätzen zu fürchten gelernt hatten. Darunter die nackte Ratlo­sig­keit in Form eines großen zelt­ar­tigen Übergangs, innen rot und außen schwarz, darauf ein netz­ar­tiges Muster, ein Hauch von Spiderman, schwarz-rot-gelb in den Über­gängen, dadurch dann auch oft lila schil­lernd, also ein bisschen erinnernd ans Deutsch­land-Trikot der miss­glückten Fußball-EM und an Regen­bo­gen­flaggen – die Deutschen sind halt immer auf der Seite der guten Menschen.

»Ist das eine Tages­decke oder eine Luft­ma­tratze?«, fragte Tom Bartels in der ARD-Über­tra­gung und sein Gast­mo­de­rator Giovanni di Lorenzo, mit dem er sich sonst nicht richtig gut verstand, glaubte die Antwort zu kennen: »Hier sieht man Winter­pon­chos, auch was Schönes.«

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Was falsch läuft im deutschen Film wie in der Gesell­schaft, das zeigte sich hier: Geschmack­lo­sig­keit mit gutem Gewissen, Bieder­keit und Barbarei. Sie möchten gewaltsam originell sein und gute Menschen, und das Gute meinen.

Aber »Mühe allein genügt nicht« – das wusste schon Karin Sommer in der legen­dären Jacobs-Krönung-Kaffee-Werbung der 70er-Jahre.

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Glaubt nicht dem Jubel! Jetzt aus Anlass der Berlinale kommen wieder jeden Tag ein bis zehn verschie­dene Jubel­mel­dungen ins E-Mail-Postfach – das alles kann man vergessen.

Reprä­sen­tativ dafür ist die nicht zufällig gerade heute verschickte Jahres­bi­lanz der FFA. Jeder kann das hier selbst in Kurz­fas­sung oder langer Form nachlesen.

Behauptet wird ein »gutes Kinojahr dank deutscher Filme«. Aber schauen wir genauer hin, was das denn heißt:

2,1% mehr Tickets als 2024, ein Umsatz-Anstieg um 6,4 %, das bedeutet erstmal, dass Tickets teurer geworden sind. Die Unkosten bleiben unerwähnt, haben aber vermut­lich weiter zuge­nommen. Dem Kino­be­treiber bleibt da vermut­lich weniger.

Aber auch der Rest der Mittei­lung ist schön­fär­be­risch, einseitig und unauf­richtig, die Zahlen und Aussagen werden nie in ein Verhältnis gerückt. Darum machen wir das jetzt.

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Daten­ge­stützt ist die ökono­mi­sche Situation des deutschen Films nämlich keines­wegs rosig: Und die gängigen Darstel­lungen, in denen von »Rekord­zahlen« oder »Erfolgs­storys« die Rede ist, sind irre­füh­rend.

Laut FFA-eigenen Markt­daten (die aus den im Netz zugäng­li­chen FFA-Jahres­be­richten rekon­stru­iert wurden) gingen vor zehn Jahren (2015) ca. 129 Millionen Leute ins deutsche Kino, 2018 nur noch 105, 2019 wieder mehr, nämlich etwa 118 Millionen. Dann kam der Corona-Einbruch und nach der Erholung gab es 2022 und 2023 ca. 95 bis 96 Millionen. 2024 nur 90–91 Millionen, 2025 ca. 91,9 Millionen, weshalb die FFA einen »Zuwachs« vermeldet.

Aber de facto gab es zwischen 2015 und 2019 Schwan­kungen, mit leichtem Abwärts­trend auf einem Niveau von klar über 100 Millionen, seit 2022 aber über zehn Prozent weniger Zuschauer, weit weg auch vom schwächsten Vorkri­sen­ni­veau (105 Mio.).

Seitdem erholen sich die Zahlen nicht, sondern sinken weiter. Das absolute Niveau der Kino­be­su­cher sinkt lang­fristig.

Der Markt­an­teil deutscher Filme liegt 2025 zwar weit über dem von 2024, aber der deutsche Markt wird weiterhin von inter­na­tio­nalen Filmen dominiert. Auch in guten Jahren liegt der Markt­an­teil im Durch­schnitt unter 30 Prozent.

Wenn von »Rekord­zahlen« gespro­chen wird, wird lediglich ein kurz­fris­tiger Anstieg präsen­tiert, ohne den lang­fris­tigen Vergleich mit früheren Jahren. Der Markt liegt 2025 insgesamt noch deutlich unter dem Niveau der Mitte der 2010er Jahre.

Die FFA lässt den Eindruck entstehen, als habe die deutsche Film­wirt­schaft »aufgeholt«. Tatsäch­lich bleibt der Markt­an­teil über Jahre hinweg heterogen und niedrig – einzelne erfolg­reiche Titel wie Das Kanu des Manitu verändern die Augen­blicks­wahr­neh­mung, ohne die grund­sätz­liche Markt­struktur zu verändern. Solche Darstel­lungen sugge­rieren, deutsche Filme hätten insgesamt zufrie­den­stel­lende Markt­po­si­tionen.

In der Vergan­gen­heit hat die Film­för­de­rungs­an­stalt (FFA) deutlich stärker auf Kunst-, Autoren- und Festi­val­er­folge verwiesen als in der jüngsten Mittei­lung für das Kinojahr 2025, in der der Schwer­punkt vor allem auf Besuchs­zahlen, Markt­an­teilen und Main­stream-Hits liegt. Die jüngste Jahres­bi­lanz zur Markt­ent­wick­lung erwähnt handelsüb­liche »Erfolgs­filme«, aber kunst­spe­zi­fi­sche Festi­val­er­folge wie der Cannes-Beitrag In die Sonne schauen tauchen dort kaum auf.

Was nicht prominent vorkommt, ist eine Würdigung von Festival- und Kritikerfolgen sowie inter­na­tio­naler Erfolge. Selbst ein Cannes-Preis­ge­winner oder ein Auslands­er­folg wie Amrum wird in der breiten FFA-Jahres­bi­lanz nicht hervor­ge­hoben, obwohl er sowohl für inter­na­tio­nales Renommee als auch Relevanz für den deutschen Film­kultur-Diskurs bedeutet.

Die FFA-Jahres­be­richt­erstat­tung 2025 ignoriert das Kunst- und Autoren­kino fast volls­tändig, sie behandelt es allen­falls pro forma und nicht als inte­gralen Teil der Markt­ana­lyse.

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Mit dem neuen deutschen Film­för­der­ge­setz (FFG 2025) hat die FFA ihre Förder­kom­pe­tenzen ausgebaut und bündelt nun auch die »staat­liche jury­ba­sierte kultu­relle Film­för­de­rung«, die zuvor getrennt vom BKM zustande kam.

Das wirkt sich nicht auf die Art der Bericht­erstat­tung aus, im Gegenteil: In vorigen Jahren wurde häufiger auf deutsche Festival-Erfolge und inter­na­tio­nale Preise hinge­wiesen.

Diese wurden tenden­ziell als kultu­relle Erfolge darge­stellt und in ihrer Bedeutung für den Markt gewürdigt, selbst wenn sie keinen großen kommer­zi­ellen Umsatz gene­rierten. Frühere FFA-Publi­ka­tionen präsen­tierten deutsche Film­kultur breiter, und stellten nicht ausschließ­lich markt­wirt­schaft­liche Kenn­zahlen ins Zentrum.

Zu beob­achten ist eine stärkere Betonung quan­ti­ta­tiver Markt­er­folge (Tickets, Umsätze, Markt­an­teil) und die Verschie­bung der Rolle von Kultur­kritik bzw. Festival-Narra­tiven in Richtung rein statis­ti­scher Markt­daten.

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Mich hat die FFA-Mittei­lung auch deswegen scho­ckiert, weil In die Sonne schauen dort auf über 30 Seiten Text, außer in der Tabelle der besten 30 Film­erfolge, überhaupt nicht erwähnt ist, obwohl dies ein großer Arthouse-Erfolg ist. Auch andere Filme, etwa Miroirs No. 3 von Christian Petzold (der in Cannes war), finden nahezu nicht statt. Und das im ersten Jahr, in dem die FFA auch für die kultu­relle Film­för­de­rung zuständig sein möchte.

Warum erwähnt die FFA, die sich doch angeblich auch für Filmkunst inter­es­siert, diese nicht einmal?

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Ein sehr großes Problem ist die Unauf­rich­tig­keit der Kommu­ni­ka­tion. Probleme, wo sie denn vorhanden sind, müssen ehrlich und offen benannt werden. Jubel­mit­tei­lungen erinnern an auto­ri­täre Systeme; sie strahlen einen unguten Auto­ri­ta­rismus aus, denn jeder, der in den Jubel­ge­sang nicht einstimmt, ist gleich ein Stören­fried. Die FFA ist aber kein börsen­no­tiertes Unter­nehmen, das mit der jähr­li­chen Mittei­lung der Quar­tals­zahlen ihre Aktionäre befrie­digen und die Nachfrage steigern, den Akti­en­wert hoch­jazzen muss. Sie ist eine Bundes­behörde, von der man Ehrlich­keit verlangen kann.

Die FFA blendet syste­ma­tisch das Autoren­kino aus. Aber Erfolge sind auch Quali­täts­er­folge, nicht nur quan­ti­ta­tive Erfolge, die sich in Zahlen ausdrü­cken lassen. Die Fixierung des FFA auf Marke­ting­sprech und PR-Kommu­ni­ka­tion ist anti­quiert. Das mag vor 20 oder 25 Jahren funk­tio­niert haben, als es neu war, aber es funk­tio­niert schon lange nicht mehr, weil Jour­na­listen heute dieser Art von Marketing-New-Speak permanent ausge­setzt sind und schnell die Geduld und das Wohl­wollen verlieren. Man möchte ernst genommen und nicht offen­kundig mani­pu­liert werden. Das bedeutet: Man muss ehrlich mit uns und mit der Öffent­lich­keit umgehen.

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Man könnte also sagen, dass Kino lebt wie noch nie – folgt man nur solchen Pres­se­mit­tei­lungen. Aber auf der anderen Seite ist vieles eine Totgeburt, und ich kann auch nur sagen: Wenn ein Film schon Der Wunder­wel­ten­baum heißt und ich nicht erst 11 Jahre alt bin, dann törnt mich das so ab, dass ich schon gar keine Lust habe, mir das anzu­schauen. Was soll man machen?

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Nur ein Beispiel, was schief­läuft: Mit Erlaubnis des Verlei­hers Stephan Winkler von W-Film zitiere ich aus der doppelten (auch nach Wider­spruch) Ablehnung der Verleih­för­de­rung für den neuen Film von Christoph Hoch­häusler, Der Tod wird kommen, der zwar mit Millionen Förder­gel­dern produ­ziert wurde, aber trotz Kino­be­treiber-Unter­s­tüt­zung nur mit wenigen Zehn­tau­send Euro ins Kino gebracht wird: »Trotz eines namen­haften [sic!] Regis­seurs und hand­werk­lich guter Insze­nie­rung mit Span­nungs­ele­menten und solider Erzählung ist die Jury der Ansicht, dass es dem Film an einem inno­va­tiven Allein­stel­lungs­merkmal fehle, um als Thriller im Kino bestehen zu können. Die Jury geht nicht davon aus, dass der Film Interesse bei einer ausrei­chend großen Ziel­gruppe wecken werde, da er in der Gesamt­be­trach­tung in seiner kreativ-künst­le­ri­schen Qualität und Inno­va­ti­ons­kraft nicht deutlich aus der Vielzahl der einge­reichten Projekte hervor­steche«, heißt es im Ableh­nungs­be­scheid.

Man fragt sich, wer so etwas entscheidet? Man fragt sich, wer kompetent genug ist, um irgend­etwas über Allein­stel­lungs­merk­male, Span­nungs­ele­mente und kreativ-künst­le­ri­sche Qualität zu wissen, was ein Regisseur, der schon im Wett­be­werb von A-Festivals lief und mit seinem Filmen im Ausland im Gegensatz zu den aller­meisten anderen deutschen Filmen Erfolge feiert, nicht weiß.

Es geht nicht um den einen Film, sondern um ein System aus klan­des­tinen Gremien, die längst wie Feudal­herren früherer Jahr­hun­derte, aber im Ergebnis schlechter, herrschen.

Es ist Zeit, diese Feudal­herr­schaft der Gremien im deutschen Film zu beenden.

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»Wann immer die Mode die Willkür ihre Entschei­dungen zugibt, tut sie das in empa­thi­schem Ton, so als ob eine Laune, auf die man sich etwas zugute hält, damit schon erträg­li­cher und als ob ein gespielter Befehl damit schon irreal würde. ...«

»Die rheto­ri­sche Verwand­lung der Zeichen in Gründe gilt gewiss für alle kultu­rellen Objekte, wenn sie in einen Kommu­ni­ka­ti­ons­pro­zess eingehen. Das ist der Preis, den die Welt dem Zeichen abver­langt.«

Roland Barthes, »Die Sprache der Mode«