Cinema Moralia – Folge 377
Glaubt nicht dem Jubel! |
![]() |
|
| Muss ohne Verleihförderung auskommen: Christoph Hochhäuslers Der Tod wird kommen | ||
| (Foto: W-Film) | ||
»Da die Mode tyrannisch ist, erträgt sie die Arbitrarität ihrer Zeichen nicht und fühlt sich genötigt, sie in natürliche Gegebenheiten oder rationale Gesetze zu verwandeln.«
Roland Barthes, »Die Sprache der Mode«
Die Deutschen haben einfach keinen Geschmack. Wo sie irren können, tun sie das auch, stochern im Nebel, mischen Unsicherheit mit naivem, wohlgemeintem Draufgängertum, Scham mit Auftrumpfen – aus Unsicherheit.
Das ist natürlich für sich genommen ein allzu pauschaler Satz. Dass er zutrifft, zeigt sich in konkreten Indizien, Untaten auf dem Feld der Ästhetik und Mode, die man nur als Ausdruck einer großen metaphysischen Verzweiflung deuten kann.
Gemeint ist hiermit noch nicht mal jenes dieser Tage in der failed city Berlin veranstaltete Filmfestival, bei dem wir in den kommenden Tagen vermutlich weitere Belege für die These finden werden, sondern das peinliche Olympia-Outfit der deutschen Mannschaft bei den derzeitigen Winterspielen in Norditalien.
Wo andere Nationen großen Modeschöpfern – die US-Amerikaner etwa Ralph Lauren – vertrauen, wo bei Spaniern und Italienern natürliche Eleganz waltet, wo Franzosen und Japaner auf Klassizität setzen, und die Engländer stilsicher in schlafwandlerischer Lässigkeit etwas jedenfalls wunderbares Poppiges tragen, da greifen die Deutschen ebenso zielsicher wie beratungsresistent daneben und sind dann, wenn selbst im eigenen Land ein Shitstorm sich erhebt, auch noch trotzig stolz darauf.
Ein Facebookfreund zitiert dazu den seinen: »die Bilder, in Schwarzweiß vorgestellt, da könnte auch die 6. Armee auf dem Weg nach Stalingrad marschieren« und fügt hinzu: »leider peinlich und ästhetisch scheiße«.
In der Modehauptstadt Mailand, keine vier Wochen nach dem Tod des großen Valentino, gingen sie wie die Wiedergänger der Goten quasi in kurzen Hosen in den Dom: Auf dem Kopf der Deutschen saß jenes entsetzliche Spießer-Hütchen, das die italienischen Gastgeber schon auf ihren Campingplätzen zu fürchten gelernt hatten. Darunter die nackte Ratlosigkeit in Form eines großen zeltartigen Übergangs, innen rot und außen schwarz, darauf ein netzartiges Muster, ein Hauch von Spiderman, schwarz-rot-gelb in den Übergängen, dadurch dann auch oft lila schillernd, also ein bisschen erinnernd ans Deutschland-Trikot der missglückten Fußball-EM und an Regenbogenflaggen – die Deutschen sind halt immer auf der Seite der guten Menschen.
»Ist das eine Tagesdecke oder eine Luftmatratze?«, fragte Tom Bartels in der ARD-Übertragung und sein Gastmoderator Giovanni di Lorenzo, mit dem er sich sonst nicht richtig gut verstand, glaubte die Antwort zu kennen: »Hier sieht man Winterponchos, auch was Schönes.«
+ + +
Was falsch läuft im deutschen Film wie in der Gesellschaft, das zeigte sich hier: Geschmacklosigkeit mit gutem Gewissen, Biederkeit und Barbarei. Sie möchten gewaltsam originell sein und gute Menschen, und das Gute meinen.
Aber »Mühe allein genügt nicht« – das wusste schon Karin Sommer in der legendären Jacobs-Krönung-Kaffee-Werbung der 70er-Jahre.
+ + +
Glaubt nicht dem Jubel! Jetzt aus Anlass der Berlinale kommen wieder jeden Tag ein bis zehn verschiedene Jubelmeldungen ins E-Mail-Postfach – das alles kann man vergessen.
Repräsentativ dafür ist die nicht zufällig gerade heute verschickte Jahresbilanz der FFA. Jeder kann das hier selbst in Kurzfassung oder langer Form nachlesen.
Behauptet wird ein »gutes Kinojahr dank deutscher Filme«. Aber schauen wir genauer hin, was das denn heißt:
2,1% mehr Tickets als 2024, ein Umsatz-Anstieg um 6,4 %, das bedeutet erstmal, dass Tickets teurer geworden sind. Die Unkosten bleiben unerwähnt, haben aber vermutlich weiter zugenommen. Dem Kinobetreiber bleibt da vermutlich weniger.
Aber auch der Rest der Mitteilung ist schönfärberisch, einseitig und unaufrichtig, die Zahlen und Aussagen werden nie in ein Verhältnis gerückt. Darum machen wir das jetzt.
+ + +
Datengestützt ist die ökonomische Situation des deutschen Films nämlich keineswegs rosig: Und die gängigen Darstellungen, in denen von »Rekordzahlen« oder »Erfolgsstorys« die Rede ist, sind irreführend.
Laut FFA-eigenen Marktdaten (die aus den im Netz zugänglichen FFA-Jahresberichten rekonstruiert wurden) gingen vor zehn Jahren (2015) ca. 129 Millionen Leute ins deutsche Kino, 2018 nur noch 105, 2019 wieder mehr, nämlich etwa 118 Millionen. Dann kam der Corona-Einbruch und nach der Erholung gab es 2022 und 2023 ca. 95 bis 96 Millionen. 2024 nur 90–91 Millionen, 2025 ca. 91,9 Millionen, weshalb die FFA einen »Zuwachs« vermeldet.
Aber de facto gab es zwischen 2015 und 2019 Schwankungen, mit leichtem Abwärtstrend auf einem Niveau von klar über 100 Millionen, seit 2022 aber über zehn Prozent weniger Zuschauer, weit weg auch vom schwächsten Vorkrisenniveau (105 Mio.).
Seitdem erholen sich die Zahlen nicht, sondern sinken weiter. Das absolute Niveau der Kinobesucher sinkt langfristig.
Der Marktanteil deutscher Filme liegt 2025 zwar weit über dem von 2024, aber der deutsche Markt wird weiterhin von internationalen Filmen dominiert. Auch in guten Jahren liegt der Marktanteil im Durchschnitt unter 30 Prozent.
Wenn von »Rekordzahlen« gesprochen wird, wird lediglich ein kurzfristiger Anstieg präsentiert, ohne den langfristigen Vergleich mit früheren Jahren. Der Markt liegt 2025 insgesamt noch deutlich unter dem Niveau der Mitte der 2010er Jahre.
Die FFA lässt den Eindruck entstehen, als habe die deutsche Filmwirtschaft »aufgeholt«. Tatsächlich bleibt der Marktanteil über Jahre hinweg heterogen und niedrig – einzelne erfolgreiche Titel wie Das Kanu des Manitu verändern die Augenblickswahrnehmung, ohne die grundsätzliche Marktstruktur zu verändern. Solche Darstellungen suggerieren, deutsche Filme hätten insgesamt zufriedenstellende Marktpositionen.
In der Vergangenheit hat die Filmförderungsanstalt (FFA) deutlich stärker auf Kunst-, Autoren- und Festivalerfolge verwiesen als in der jüngsten Mitteilung für das Kinojahr 2025, in der der Schwerpunkt vor allem auf Besuchszahlen, Marktanteilen und Mainstream-Hits liegt. Die jüngste Jahresbilanz zur Marktentwicklung erwähnt handelsübliche »Erfolgsfilme«, aber kunstspezifische Festivalerfolge wie der Cannes-Beitrag In die Sonne schauen tauchen dort kaum auf.
Was nicht prominent vorkommt, ist eine Würdigung von Festival- und Kritikerfolgen sowie internationaler Erfolge. Selbst ein Cannes-Preisgewinner oder ein Auslandserfolg wie Amrum wird in der breiten FFA-Jahresbilanz nicht hervorgehoben, obwohl er sowohl für internationales Renommee als auch Relevanz für den deutschen Filmkultur-Diskurs bedeutet.
Die FFA-Jahresberichterstattung 2025 ignoriert das Kunst- und Autorenkino fast vollständig, sie behandelt es allenfalls pro forma und nicht als integralen Teil der Marktanalyse.
+ + +
Mit dem neuen deutschen Filmfördergesetz (FFG 2025) hat die FFA ihre Förderkompetenzen ausgebaut und bündelt nun auch die »staatliche jurybasierte kulturelle Filmförderung«, die zuvor getrennt vom BKM zustande kam.
Das wirkt sich nicht auf die Art der Berichterstattung aus, im Gegenteil: In vorigen Jahren wurde häufiger auf deutsche Festival-Erfolge und internationale Preise hingewiesen.
Diese wurden tendenziell als kulturelle Erfolge dargestellt und in ihrer Bedeutung für den Markt gewürdigt, selbst wenn sie keinen großen kommerziellen Umsatz generierten. Frühere FFA-Publikationen präsentierten deutsche Filmkultur breiter, und stellten nicht ausschließlich marktwirtschaftliche Kennzahlen ins Zentrum.
Zu beobachten ist eine stärkere Betonung quantitativer Markterfolge (Tickets, Umsätze, Marktanteil) und die Verschiebung der Rolle von Kulturkritik bzw. Festival-Narrativen in Richtung rein statistischer Marktdaten.
+ + +
Mich hat die FFA-Mitteilung auch deswegen schockiert, weil In die Sonne schauen dort auf über 30 Seiten Text, außer in der Tabelle der besten 30 Filmerfolge, überhaupt nicht erwähnt ist, obwohl dies ein großer Arthouse-Erfolg ist. Auch andere Filme, etwa Miroirs No. 3 von Christian Petzold (der in Cannes war), finden nahezu nicht statt. Und das im ersten Jahr, in dem die FFA auch für die kulturelle Filmförderung zuständig sein möchte.
Warum erwähnt die FFA, die sich doch angeblich auch für Filmkunst interessiert, diese nicht einmal?
+ + +
Ein sehr großes Problem ist die Unaufrichtigkeit der Kommunikation. Probleme, wo sie denn vorhanden sind, müssen ehrlich und offen benannt werden. Jubelmitteilungen erinnern an autoritäre Systeme; sie strahlen einen unguten Autoritarismus aus, denn jeder, der in den Jubelgesang nicht einstimmt, ist gleich ein Störenfried. Die FFA ist aber kein börsennotiertes Unternehmen, das mit der jährlichen Mitteilung der Quartalszahlen ihre Aktionäre befriedigen und die Nachfrage steigern, den Aktienwert hochjazzen muss. Sie ist eine Bundesbehörde, von der man Ehrlichkeit verlangen kann.
Die FFA blendet systematisch das Autorenkino aus. Aber Erfolge sind auch Qualitätserfolge, nicht nur quantitative Erfolge, die sich in Zahlen ausdrücken lassen. Die Fixierung des FFA auf Marketingsprech und PR-Kommunikation ist antiquiert. Das mag vor 20 oder 25 Jahren funktioniert haben, als es neu war, aber es funktioniert schon lange nicht mehr, weil Journalisten heute dieser Art von Marketing-New-Speak permanent ausgesetzt sind und schnell die Geduld und das Wohlwollen verlieren. Man möchte ernst genommen und nicht offenkundig manipuliert werden. Das bedeutet: Man muss ehrlich mit uns und mit der Öffentlichkeit umgehen.
+ + +
Man könnte also sagen, dass Kino lebt wie noch nie – folgt man nur solchen Pressemitteilungen. Aber auf der anderen Seite ist vieles eine Totgeburt, und ich kann auch nur sagen: Wenn ein Film schon Der Wunderweltenbaum heißt und ich nicht erst 11 Jahre alt bin, dann törnt mich das so ab, dass ich schon gar keine Lust habe, mir das anzuschauen. Was soll man machen?
+ + +
Nur ein Beispiel, was schiefläuft: Mit Erlaubnis des Verleihers Stephan Winkler von W-Film zitiere ich aus der doppelten (auch nach Widerspruch) Ablehnung der Verleihförderung für den neuen Film von Christoph Hochhäusler, Der Tod wird kommen, der zwar mit Millionen Fördergeldern produziert wurde, aber trotz Kinobetreiber-Unterstützung nur mit wenigen Zehntausend Euro ins Kino gebracht wird: »Trotz eines namenhaften [sic!] Regisseurs und handwerklich guter Inszenierung mit Spannungselementen und solider Erzählung ist die Jury der Ansicht, dass es dem Film an einem innovativen Alleinstellungsmerkmal fehle, um als Thriller im Kino bestehen zu können. Die Jury geht nicht davon aus, dass der Film Interesse bei einer ausreichend großen Zielgruppe wecken werde, da er in der Gesamtbetrachtung in seiner kreativ-künstlerischen Qualität und Innovationskraft nicht deutlich aus der Vielzahl der eingereichten Projekte hervorsteche«, heißt es im Ablehnungsbescheid.
Man fragt sich, wer so etwas entscheidet? Man fragt sich, wer kompetent genug ist, um irgendetwas über Alleinstellungsmerkmale, Spannungselemente und kreativ-künstlerische Qualität zu wissen, was ein Regisseur, der schon im Wettbewerb von A-Festivals lief und mit seinem Filmen im Ausland im Gegensatz zu den allermeisten anderen deutschen Filmen Erfolge feiert, nicht weiß.
Es geht nicht um den einen Film, sondern um ein System aus klandestinen Gremien, die längst wie Feudalherren früherer Jahrhunderte, aber im Ergebnis schlechter, herrschen.
Es ist Zeit, diese Feudalherrschaft der Gremien im deutschen Film zu beenden.
+ + +
»Wann immer die Mode die Willkür ihre Entscheidungen zugibt, tut sie das in empathischem Ton, so als ob eine Laune, auf die man sich etwas zugute hält, damit schon erträglicher und als ob ein gespielter Befehl damit schon irreal würde. ...«
»Die rhetorische Verwandlung der Zeichen in Gründe gilt gewiss für alle kulturellen Objekte, wenn sie in einen Kommunikationsprozess eingehen. Das ist der Preis, den die Welt dem Zeichen abverlangt.«
Roland Barthes, »Die Sprache der Mode«