04.02.2024
74. Berlinale 2024

Würde die Berlinale Adolf Hitler einladen?

Berlinale Plakat 2024
Das Plakat zur Berlinale 2024
(Plakat: Internationale Filmfestspiele Berlin / Claudia Schramke, Berlin)

Die Berlinale lädt AfD-Politiker ein, schämt sich dafür und tut es trotzdem. Dabei gäbe es viele Möglichkeiten, das Problem zu lösen

Von Rüdiger Suchsland

Die Berlinale hat einfach keine glück­liche Hand. Sie lädt AfD-Politiker ein und wundert sich, dass das viele Leute stört. Das ist mindes­tens naiv.

Insofern kann man zwar mit den Akteuren im Potsdamer-Platz-Bunker Mitleid haben und stöhnen: Der Berlinale bleibt auch nichts erspart. Aller­dings ist das größte und einst­weilen noch wich­tigste deutsche Film­fes­tival auch selber schuld.
»Der Druck wächst minütlich« meinte am Sonntag ein gut infor­mierter Beob­achter der deutschen Film­land­schaft.

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Schon wieder ein offener Brief – diesmal gegen die Berlinale. Und schon wieder emotio­nale, empörte Töne, für die man im Kern Vers­tändnis haben kann, die aber in ihrer durch­dre­henden Rhetorik und ihren inhalt­li­chen Exzessen das Anliegen selbst stark beschä­digen.
Der Brief kursierte seit Freitag eine Weile im Netz und wer gut sucht, kann ihn noch finden; seine Spuren sowieso. Denn das Netz vergisst nie und bereits an diesem Samstag, als der Brief noch online war, berich­teten längst alle rele­vanten inter­na­tio­nalen Bran­chen­dienste darüber.

Zuerst Deadline, wo auch die Namen von rund 200 Unter­zeich­nern veröf­fent­licht wurden, dann auch Variety und der Hollywood Reporter.

Worum geht es? Die Inter­na­tio­nalen Film­fest­spiele Berlin haben bestätigt, dass sie zwei gewählte Mitglieder der rechts­extremen AfD, die AfD-Politiker Kristin Brinker und Ronald Gläser, beide Abge­ord­nete des Berliner Abge­ord­ne­ten­hauses, zur Eröff­nungs­feier der 74. Berlinale einge­laden haben. Trotzdem, so die Berlinale, stehe man weiterhin »für grund­le­gende demo­kra­ti­sche Werte und gegen Rechts­extre­mismus«.

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Der ganze Vorgang ist in Zeiten, in denen viel von Über­griffen die Rede ist, natürlich ein Übergriff, ein Übergriff auf der politisch-symbo­li­schen Ebene. Und ein Schlag ins Gesicht all jener, die mit weitaus weniger insti­tu­tio­neller Stützung und Hilfe als die Berlinale sie hat und mit weitaus weniger finan­zi­ellem Polster und poli­ti­schem Backup heute tagtäg­lich gegen Rechts­extre­mismus demons­trieren.

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In einer an »The Hollywood Reporter« gesen­deten Erklärung behauptet die Berlinale, dass das Festival-Protokoll darin bestehe, demo­kra­tisch gewählte Politiker einzu­laden. Alle einge­la­denen AfD-Abge­ord­neten wurden bei den letzten Wahlen entweder in den Bundestag oder das Berliner Abge­ord­ne­ten­haus gewählt. »Entspre­chend sind sie auch in poli­ti­schen Kultur­gre­mien und anderen Gremien vertreten. Das ist eine Tatsache, und wir müssen sie als solche akzep­tieren«, sagte das Festival.

Diese Behaup­tung ist de facto eine Kapi­tu­la­ti­ons­er­klärung von Demo­kraten, die zwei Dinge beweist: Den fehlenden Instinkt der Berlinale und die Gefahr der Selbst­läh­mung von Demo­kra­tien, wenn demo­kra­ti­sche Verfahren zum Fetisch und Selbst­zweck werden.

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Genau diese Behaup­tung der Berlinale muss man bestreiten. Ein Protokoll ist kein Dogma, es lässt sich ändern.

Sehr wohl stellt sich umgekehrt die Frage, was denn eigent­lich erst passieren muss, damit die Berlinale ihr Protokoll ändert? Was wäre, würde Adolf Hitler heute noch leben? Ein »demo­kra­tisch gewählter Politiker« oder? Das waren doch ganz andere Umstände und Zeiten, könnte man erwidern. Stimmt – aber was tut die Berlinale, damit diese Zeiten und Umstände nicht wieder­kommen?

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Der offene Brief, der am Frei­tag­abend veröf­fent­licht wurde, wurde von vielen Leuten unter­zeichnet. Etwa die Hälfte von ihnen sind Deutsche, andere kommen vor allem aus den USA, Groß­bri­tan­nien und anderen Teilen Europas.
In dem Brief heißt es, die Einladung an AfD-Politiker sei »unver­einbar« mit dem »Code of Conduct« der Berlinale, »ein Ort der 'Empathie, des Bewusst­seins und des Vers­tänd­nisses' zu sein«.

Zugleich ist der Offene Brief aber auch zum Teil selbst sehr schrill formu­liert, und ebenso wie der Bericht auf »Deadline« ein Beispiel dafür, wie Konsens-Anliegen und Posi­tionen der demo­kra­ti­schen Mehr­heits­ge­sell­schaft von der extremen Linken und in diesem Fall manchen erklärten Feinden der deutschen Kultur­szene und ihrer Insti­tu­tionen erwar­tungs­gemäß instru­men­ta­li­siert werden. »Deadline« framed das Ganze in sehr einsei­tiger Weise, und spricht zum Beispiel fehler­haft von »einem staatlich finan­zierten Festival«, obwohl die Berlinale 60 Prozent ihres Etats selbst erwirt­schaften muss.

Frag­würdig sind auch bestimmte Formu­lie­rungen des Offenen Briefs, etwa jene:
»Die Einla­dungen ... sind ein weiteres Beispiel für das feind­se­lige und heuch­le­ri­sche Umfeld, mit dem Kunst und Kultur in Berlin und Deutsch­land konfron­tiert sind.« »Wir weigern uns, zu norma­li­sieren oder rechten Poli­ti­kern die Teilnahme an unseren Räumen zu erlauben.«

Im Ernst? Und wer ist das »wir«, dem die Räume gehören?

Die Unter­zeichner sind zugegeben meist eher Leute aus der dritten und vierten Reihe, wenn man mal von zwei drei Namen absieht, die unter ziemlich vielen offenen Briefen der letzten Monate zu finden sind – etwa Candice Breitz, die längst nicht über alle Zweifel erhabene, südafri­ka­ni­sche Künst­lerin und BDS-Unter­s­tüt­zerin.
Aber auch deutsche Kuratoren und Festi­val­leiter finden sich auf der Liste.

Das alles entschul­digt nicht das törichte Verhalten des Festivals, rela­ti­viert aller­dings die Kritik an ihm.

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Was könnte die Berlinale denn tun? Eigent­lich ist es gar nicht so schwer.

Hier könnte ein maßvoll und konsen­suell, nicht spal­te­risch formu­lierter offener Brief Wunder tun: Man könnte hier alle anderen demo­kra­ti­schen Parteien auffor­dern, auf ihren Sitz bei der Berlinale-Eröffnung öffent­lich zu verzichten und ihre Einladung zurück­zu­geben.
Das würde die Berlinale von dem angeb­li­chen Zugzwang befreien, alle »demo­kra­tisch gewählten« Parteien einladen zu müssen. De facto muss sie nämlich gar nicht die Mitglieder des Parla­ments einladen, genauso wenig wie die Mitglieder des Verfas­sungs­ge­richts. Sie hat es nur bisher getan. Einladen muss sie allen­falls die Mitglieder der jewei­ligen Regierung, an der die AfD ja nicht beteiligt ist. Also nur die erste Gewalt. Juris­tisch gespro­chen, weil sich die Berlinale ja auf eine juris­ti­sche Position zurück­zieht.

Viel­leicht kommen die demo­kra­ti­schen Politiker ja auch von selber drauf.

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Oder die Berlinale traut sich noch, selbst­ständig zu handeln. Andere Insti­tu­tionen machen es vor und entscheiden selbst, wen sie einladen. Das Prozedere, das die Berlinale beschreibt, gehört der Vergan­gen­heit an, und ist unzeit­gemäß. Tatsäch­lich hat man bei der Berlinale nicht daran gedacht, umzu­denken.