03.11.2022

Rebellion is on!

Sweetheart
Unter Klamotten versteckt: Sweetheart eröffnet Bimovie 28
(Foto: Overacliff Ltd.)

Das Münchner Bimovie 28 zeigt Filme von und über Frauen, die sich mit den Zuschreibungen zum Frausein nicht zufrieden geben. Auch im 21. Jahrhundert ist die Frau noch »on stake«

Von Dunja Bialas

Viel­sa­gend benannt nach den Produk­tionen, die nicht so viel Budget haben und deshalb andere Wege gehen müssen, sorgt das Festival BIMOVIE – Eine Frau­en­film­reihe mit kurzer Unter­bre­chung seit über dreißig Jahren dafür, dass in München bereits in den Acht­zi­ger­jahren Filme von und für Frauen zu sehen waren. Aber auch Filme, die die geschlecht­liche Zuordnung in Frage stellen: »Bi-Movie« bennent auch das Dazwi­schen der Geschlechter. Damit ist BIMOVIE auch so etwas wie ein Queer­film­fes­tival avant la lettre, ohne jedoch jemals die Frau­en­per­spek­tive mit allen Begleit­erschei­nungen – Mens­trua­tion, Eman­zi­pa­tion, Lesbentum – aufzu­geben. Auch wenn heute viele lieber von »Homo­se­xu­ellen« sprechen, um das Geschlecht nicht zu betonen.

Selbst der queere Film ist trotz bundes­weiter Netzwerke wie Queer­scope und Gruß­worten von Claudia Roth noch immer Nische – und der Frau­en­film ist es heute allemal. Frau oder Feminstin zu sein scheint heute irgendwie nicht mehr »in« und ist auch keine einfache Position: im Fahr­wasser kommen apoka­lyp­ti­sche Beschwö­rungen vom »Verschwinden der Frauen« dazu, die man nur mühsam abwehren kann, wenn man beispiels­weise aufs eigene Frausein mit ureigenen Erfah­rungs­welten besteht.

Bimovie übersieht solche Problem­lagen, zum Glück. Im dies­jäh­rigen, 28. Programm, zeigen die »Geier­wallis«, wie sich das im legen­dären Kultur­laden Westend behei­ma­tete Team selbst­iro­nisch nennt, die ganze Band­breite dessen, was man sich im 21. Jahr­hun­dert unter »Frau­en­film« vorstellen kann. Alle Vorfüh­rungen finden im Kino Neues Maxim statt.

Mit einer Liebes­ge­schichte geht es bei der Eröffnung los. Die Britin Marley Morrison, die als Newco­merin des letzten Jahres gilt, insze­niert in ihrem vielfach ausge­zeich­neten Debütfilm Swee­theart einen jener grausamen Sommer­ur­laube, den man als Teenager mit den Eltern verbringen muss. Zwang und Lange­weile machen sich breit, bis die Klei­der­wahl jenseits der Rollen­kli­schees eine uner­war­tete Wendung einleitet und ihre Prot­ago­nistin AJ sanft in eine zarte Liebes­ge­schichte hinü­ber­gleitet. (Do 3.11. 18:00, Sa 5.11. 20:30)

Alle lieben Patricia Highsmith: Loving Highsmith, so heißt auch der Doku­men­tar­film von Eva Vitija über die Meisterin des psycho­lo­gi­schen Thrillers. Ihr Privat­leben und ihre Liebe zu Frauen ist heute noch Vielen unbekannt, »Carol«, den lesbi­schen Liebes­roman, 2015 von Todd Haynes mit Cate Blanchett verfilmt, veröf­fent­licht sie unter Pseudonym. Eine Annähe­rung mit viel Archiv­ma­te­rial und Auzügen aus ihren Tage­büchern, die in der deutschen Origi­nal­fas­sung von Maren Kroymann gelesen werden. (Do 3.11. 20:30, Di 8.11. 18:00)

Mit dem geor­gi­schen How the Room Felt geht es in einen queeren Safe Space in Kutaisi. Der Doku­men­tar­film von Ketevan Kapanadze lässt die Gefahr und Bedrohung spüren, die in Osteuropa zunehmend das andere Geschlecht erlebt. Hier ist leider nichts mehr safe. (Fr 4.11. 20:30, So 6.11. 18:00)

Die immer noch proble­ma­ti­sche Situation von Allein­er­zie­henden wird im Programm nicht vergessen, aber um eine Stufe brisanter erzählt. Der Doku­men­tar­film Be My Voice erzählt von der irani­schen Jour­na­listin und Akti­vistin Masih Alinejad, die seit Jahren im Exil in den USA lebt (siehe auch Shirin Neshat LAND OF DREAMS, der diese Woche Kinostart hat). Masih ist die Initia­torin der Kampagne »My Stealthy Freedom«, in der es um die Selbst­be­stim­mung der Frau geht – und ihre Freiheit, selbst zu wählen, ob sie ein Kopftuch trägt. Ein hoch­ak­tu­eller Film, von der iranisch-schwe­di­schen Regis­seurin Nahid Persson. (Sa 5.11. 15:30, Di 8.11. 20:30)

Bettina, das ist der Conter-Film zur Macho­phan­tasie Lieber Thomas. Bettina, das ist Bettina Wegner, die Sängerin (»Sind so kleine Hände«) aus West-, Ost-, dann wieder West­berlin, toxisch liiert mit dem Schrift­steller Thomas Brasch. Im Zentrum des Films von Lutz Pehnert steht jedoch die politsche Bettina Wegner, ihre Kritik an der DDR, ihre Sehnsucht nach einer Heimat. Ihre eigent­liche Liebe galt einem Land, das sie nicht wollte, in dem sie nicht bleiben konnte. Und das ist in letzter Konse­quenz gar nicht mehr ein weib­li­ches Schicksal, aber beleuchtet eine, die sonst im Schatten der lauten Männer allzu leicht vergessen bleibt. (So 6.11. 20:30, Mi 9.11. 18:00)

Auch ein histo­ri­scher Film findet sich im Programm, vom British Film Institute gelis­teten Filme von »zu Unrecht übersehen Filme von Regis­seu­rinnen«. Mit Flickan i frack (Mädchen im Frack) insze­nierte die Schwedin Karin Swanström bereits 1926 einen gender­queere Geschichte, die alsbald in die Freud’schen Fänge zu geraten scheint, wenn sich eine Neuro­login, Lingu­istin und eine Profes­sorin für verglei­chende Anatomie gegen das provin­zi­elle Patri­ar­chat zusam­men­schließen. (So 6.11. 15:30, Mo 7.11. 18:00, mit Live-Musik)

Bimovie 28 – Eine Frau­en­film­reihe
03.-09.11.2022, Kino Neues Arena

Eine Veran­stal­tung von den Geie­wallis und der Filmstadt München e.V.