29.09.2022

Cinephilie eines Autors: »Brief«

Brief einer Unbekannten
Wieso Kutschen? Max Ophüls' Brief einer Unbekannten
(Foto: Deutsche Kinemathek)

»Zu schmachten ist bis heute meine Lieblingsbeschäftigung vor bewegten Bildern« – Andreas Heckmann über seine Filmleidenschaft

Von Andreas Heckmann

Lange hatte ich als Zehn­jäh­riger den Eltern mit einem Hund in den Ohren gelegen, von dem ich mir Freude und Glück versprach. Lange hatte zumal meine Mutter mir ausgemalt, wie viel Mühe so ein Tier mache, wie viel Aufmerk­sam­keit und Zuwendung es brauche, aber natürlich garan­tierte ich immer aufs Neue treu­herzig, all das aufbringen zu wollen; spielen wolle ich mit ihm, ihn versorgen, ihn ausführen, oh ja. Dackel Bine entpuppte sich als ungemein lebhaftes, auch wohl verstörtes Tier, das an allem bellend hoch­sprang, jede Barriere überwand, erfüllt von unbrems­barer, mich vollends über­for­dernder Energie. Ein Kollege meines Vaters hatte die Hündin – warum wohl? – loswerden wollen, und es brauchte nur drei Wochen, bis auch ich mir nichts sehn­li­cher als Ruhe wünschte. So ward sie weiter­ver­schenkt, die Bine, in hoffent­lich gedul­di­gere, kompe­ten­tere Hände. Die Lektion bleibt solide gelernt: Bis heute genügt es mir völlig, Tiere aus sicherem Abstand zu betrachten. Keine Berüh­rungen bitte, und Hund oder Katze kommen mir nicht in die Wohnung.

Mit fünfzehn wieder ein nach­hal­tiger Wunsch, dem die Eltern nach­hal­tigen Wider­stand entge­gen­setzten: den nach dem eigenen Fernseher, einem SW-Portable in Würfel­form mit einem Sichtfeld von allen­falls elf Zoll. Zumal meine Mutter hat diesem Wunsch wider­spro­chen, denn er brächte – einmal erfüllt – das Ende der wohn­zim­mer­lich-klein­fa­mi­liären Drei­sam­keit. So war es letztlich auch. Vorbei die Novem­be­r­abende mit Wim, Wum, Wendelin und Walter Spahrbier, die Janu­ar­abende mit Hans Rosenthal, die Sonn­tag­abende mit den »Tatort«-Ermitt­lern Klaus Schwarz­kopf und Hansjörg Felmy, denn ich hatte das Dritte Programm des NDR für mich entdeckt, vor allem die Stumm­filme und Klassiker, die dort zu später Stunde liefen, von Der letzte Mann über die Mabuse-Filme bis zu Citizen Kane, von Marcel Carné bis Jean Renoir. Aber auch das Kleine Fern­seh­spiel, dem ich noch immer die Treue zu halten suche, selten aber so überzeugt werde wie von Henner Wincklers Klas­sen­fahrt. Und natürlich lassen sich auch UFA- und Tobis-Filme, voran Käutners Unter den Brücken und Romanze in Moll, an ster­bens­lang­wei­ligen Sonn­tag­nach­mit­tagen oben im eigenen Zimmer hinge­bungs­voller schauen als unten unter Aufsicht. Und zu schmachten ist bis heute meine Lieb­lings­be­schäf­ti­gung vor bewegten Bildern: schwärmen, mitfie­bern, mitleiden, bloß nicht analy­tisch werden! Mein Hang zum Melodram resul­tiert sicher daher, die Begeis­te­rung für Fass­bin­ders Angst essen Seele auf und Veit Harlans Opfergang (den ich freilich erst später sah), für Detlef Siercks La Habanera und Douglas Sirks Was der Himmel erlaubt.

Und einmal, mit fünfzehn, sechzehn, viel­leicht siebzehn Jahren, war da ein Film, durch den Rach­ma­nin­offs Zweites Klavier­kon­zert flutete, obwohl er todtraurig war oder gerade deswegen. Er war ersicht­lich in Schwarz­weiß gedreht, kein um seine Farbig­keit gebrachtes Opfer meiner zwar mit Stab- und Kreis­an­tenne ausge­stat­teten, empfangs­tech­nisch aber dennoch stark unter­mo­to­ri­sierten oran­ge­roten Kiste, die mich oft während des Films, der sich ja nicht anhalten ließ damals, zur Nach­jus­tie­rung wegen Schnee oder Doppel­bil­dern zwang. Und er zeigte eine unglück­liche Liebe, den intensiv flackernden Vorschein möglichen Glücks, das rasch begraben wird, weil es nicht sein darf, dieses Glück zwischen zweien, die sich gesell­schaft­li­chen Konven­tionen zu beugen wissen – um des Anstands willen und des Pflicht­ge­fühls gegenüber anderen. Ich war erschüt­tert, aufgelöst war ich, auch natürlich wegen der hinter­hältig-brachi­alsen­ti­men­talen Musik. So aufgelöst, dass ich vergaß, mir den Titel des Films, die Namen von Regisseur und Haupt­dar­stel­lern zu merken, nur diese betörende Klavier­musik begleitet und verfolgt mich seither.

Jahrelang habe ich nach dem Film gesucht, dann glaubte ich, ihn gefunden zu haben: Brief einer Unbe­kannten von Max Ophüls, in Hollywood 1948 nach einer Stefan Zweig-Novelle gedreht, dem ameri­ka­ni­schen Bild von Wien um 1900 verpflichtet und – wie ich heute denke – weit weniger zwingend als Ophüls' großar­tige Liebelei (1933, nach Schnitzler), einen Film, den ich immer wieder sehen kann. Aber etwas stimmte nicht am Brief. Da waren Leiden­schaft, Enttäu­schung, Entsagung, da waren Sehnsucht und Tod, da war betörende Klavier­musik, ein schmerz­li­ches Ziehen, aber es reichte nicht tief genug, wirkte arg dick aufge­tragen. Und weshalb Wien? Wieso Kutschen? Warum denn Ball­kleider? Und Fracks? Und doch, da war sie, die rauschende Musik, da war das 40er Jahre-Fluidum, war all die Vergeb­lich­keit. Jahr­zehn­te­lang musste Brief einer Unbe­kannten mir gegen letztlich besseres Wissen als, nun ja, Decker­in­ne­rung herhalten für einen anderen Film, von dem ich nur ahnte, dass es ihn gab.

Und nun Corona. Langes Allein­sein wegen seit Monaten ausge­flo­genen Mitbe­woh­nern, die bei Tante und Freund unter­ge­kommen sind. Da werden TV-Media­theken geplün­dert, da habe ich manches geschaut, was ich sonst nie schauen würde, da begegnete mir Begegnung von David Lean (1945), Brief Encounter also, mit Trevor Howard und Celia Johnson. Und plötzlich stimmte alles: Da waren sie wieder, die wunder­klar ausge­leuch­teten, scharfen und hoch­ex­pres­siven SW-Bilder von Robert Krasker, während bei Ophüls alles etwas weicher gezeichnet schien; da waren Eisen­bahnen statt Kutschen, da war Rach­ma­nin­offs Musik statt eines genia­li­schen Pianisten, der einen seltsam süßlichen Liszt spielte. Da war er, der Film von damals, nicht der, mit dem ich mich jahr­zehn­te­lang beschieden hatte. Und wieder saß ich da, nicht vor einem 70er Jahre-Fern­seh­würfel, sondern vor meinem Laptop mit seinen vierzehn Zoll, wieder liefen mir Tränen über die Wangen, und es war eine Heimkehr.

Text zuerst unter dem Titel »Brief« erschienen in: Am Erker 81: »Mit verbun­denen Augen« (Filme aus der Erin­ne­rung), Oktober 2021. ISBN 978-3-89126-281-8
Abdruck mit freund­li­cher Geneh­mi­gung.

Andreas Heckmann, Schrift­steller, Autor, Über­setzer und leiden­schaft­li­cher Kino­gänger. Gebürtig in Oldenburg, lebt und arbeitet er heute in München. Er ist Redakteur der 1977 in Münster gegrün­deten Lite­ra­tur­zeit­schrift »Am Erker« und Gastgeber des »Salz­stan­gen­sa­lons«, der in unre­gel­mäßigen Abständen in München Lesungen veran­staltet.