22.09.2022

Der Indie Spirit lebt!

Linoleum
Ein ähnlicher Kultfilm wie Donnie Darko? Linoleum von Colin West
(Foto: 29. Filmfest Oldenburg)

Das 29. Internationale Filmfest Oldenburg behauptet seine Nische

Von Eckhard Haschen

Es ist schon faszi­nie­rend zu sehen, wie es dem Filmfest Oldenburg jedes Jahr aufs Neue gelingt, seinen Platz unter den vielen im Spät­sommer und Früh­herbst statt­fin­denden Film­fes­ti­vals zu behaupten. Denn das von Teilen der inter­na­tio­nalen Bran­chen­presse gern als »European Sundance« bezeich­nete Festival liegt ja nicht nur zwischen den A-Festivals von Venedig und San Sebastián, sondern konkur­riert zum einen mit den Tradi­ti­ons­fes­ti­vals von Hof und Mannheim-Heidel­berg, sowie den finan­ziell deutlich besser ausge­stat­teten Groß­stadt­fes­ti­vals von München und Hamburg. Und nicht zuletzt fand es in diesem Jahr – zumindest für diesen, in Hamburg lebenden Rezen­senten – wieder einmal gleich­zeitig mit dem Fantasy Filmfest statt. Letzteres ist auch deshalb nicht ganz uner­heb­lich, weil Oldenburg, mehr als die vorn genannten Festivals, schon immer auch auf Genre­filme gesetzt hat.

Endlich wieder ohne irgend­welche Einschrän­kungen durch­ge­führt, war der »Indie Spirit« diesmal nicht nur in den Filmen wieder so deutlich spürbar wie in den Zeiten vor der Pandemie. Gleich an mehreren Arbeiten des gewohnt gut aufein­ander abge­stimmten Programms konnte man ein Jahr vor dem 30-jährigen Jubiläum sehen, aus welchem Geist das Festival in den Neun­zi­gern entstanden ist. So gab es zum Beispiel in der Retro­spek­tive, die diesmal dem Vater-Sohn-Gespann Peter und John Hyams gewidmet war, One Dog Day, den ersten Film von John Hyams aus dem Jahr 1997: Ein Tag lang folgt Hyams Kamera Künstlern und Killern, Betrügern und Brokern, Fana­ti­kern und Melan­cho­li­kern auf ihren Wegen durch die Straßen von New York. Einen derar­tigen Erfin­dungs­reichtum strahlt dieser komplett unab­hängig produ­zierte und in Schwarz­weiß gedrehte Film in jeder Szene aus, dass man sich fragt, warum er seiner­zeit so gut wie nicht wahr­ge­nommen wurde. Man glaubt dem Regisseur sofort, wenn er erzählt, dass er damals vorhatte, der neue Jim Jarmusch oder Richard Linklater zu werden. Doch fünf Jahr später legte Hyams dann erstmal den faszi­nie­renden Doku­men­tar­film The Smashing Machine vor, der einen hautnahen Einblick in die Szene der profes­sio­nellen Mixed-Martial-Arts-Kämpfer gibt. Und schließ­lich begab sich John Hyams mit zwei packend insze­nierten Universal Soldier-Filmen doch auf die Spuren seines Vaters, von dem die Thriller Capricorn One und Narrow Margin sowie der Sci-Fi-Western Outland gezeigt wurden. Exem­pla­risch für John und Peter Hyams' unprä­ten­tiösen, blitz­sauberen Regie-Stil sind Johns neueste Arbeiten Alone und Sick. Ersterer ist ein mini­ma­lis­ti­scher Thriller, der seinen Vorbil­dern Duel und Deli­ver­ance in nichts nachsteht. Letzterer ist ein von Kevin Williamson produ­zierter und geschrie­bener Slasher-Film, bei dem man spätes­tens nach einer halben Stunde merkt, dass er sehr viel mehr ist als ein weiterer Aufguss des »Scream«-Fran­chises, nämlich unter anderem ein bitterer Kommentar zum Verhalten der Menschen während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020.

Unter den weiteren neuen Filmen ragte am meisten das mit Science-Fiction- und Fantasy-Elementen ange­rei­cherte Fami­li­en­por­trät Linoleum heraus. Regisseur Colin West hat den Fern­seh­star Jim Gaffigan fürs Kino entdeckt und lässt ihn einen Fami­li­en­vater in einer typischen Vorstadt­sied­lung spielen, der schon als kleiner Junge Astronaut werden wollte und dessen Traum nun doch noch konkrete Formen anzu­nehmen scheint. Es würde nicht über­ra­schen, wenn Linoleum einmal ein ähnlicher Kultfilm wird wie Donnie Darko – von dem er einge­stan­de­ner­maßen nicht unmaß­geb­lich inspi­riert ist.

Eine weitere große Über­ra­schung war Jean-Paul Civeyracs A Woman, das Psycho­gramm einer von Sophie Marceau gespielten Poli­zistin. War man als Festival-Chronist nach den eher gemischten Kritiken aus Locarno schon fast geneigt, diesen Film trotz seiner Haupt­dar­stel­lerin auszu­lassen, war es dann doch gut, auf den eigenen Instinkt vertraut zu haben. Viel­leicht ist es der leicht melo­dra­ma­ti­sche Einschlag und die Konse­quenz, mit der die Charak­ter­studie zu Ende erzählt ist, mit der viele nicht zurecht­kommen. In Oldenburg scheut man sich jeden­falls nicht davor.

Ein schönes Beispiel für das junge wilde Kino, von dem Festi­val­leiter Torsten Neumann so gerne schwärmt, ist der ganz ohne Förderung produ­zierte Paranoia-Thriller Subjekt 101. Für seinen ersten langen Film hat sich der Hamburger Regisseur Tom Bewilogua, der schon mit mehreren Kurz­filmen auf dem Festival vertreten war, John Fran­ken­hei­mers Botschafter der Angst zum Vorbild genommen und lässt einen obdach­losen Migranten zu einer Mario­nette in einem Albtraum Orwell'schen Ausmaßes werden. Mag der Film zuweilen auch noch so roh und unbehauen daher­kommen, strahlt er doch eine Energie aus, die man in deutschen Filmen gerne öfter sähe.