18.09.2022

JLG ist gestorben

JLG
Jean-Luc Godard in Berkeley, 1968
(Foto: Gary Stevens, CC BY 2.0)

Von Sophie Maintigneux

Ich las die Nachricht gestern, als ich aufwachte. »Oh nein«, dachte ich, »verdammt, wieder einer dieser Film­re­gis­seure des 20. Jahr­hun­derts, der sich aus dem Staub macht.« Man wird wirklich immer einsamer. Ich kannte diesen einen nur ein ganz kleines bisschen und er hat mich tief beein­druckt.

Jeder wird über Jean-Luc Godard schreiben können und es besser machen als ich, aber da ich um etwas Persön­li­ches gebeten wurde, möchte ich nur eine Geschichte über den (Selbst)-Wert erzählen.
Bei unserem ersten Treffen fragte mich Jean-Luc Godard, ob der 32Ampere-Verteiler und die zwei 32Ampere-Verlän­ge­rungs­kabel wert­voller wären als ich. Dieses Equipment stand auf meiner Liste für eine Episode der Histoire(s) du Cinéma mit Julie Delpy, für die ich die Bilder machen sollte. Wir haben eine Lösung für dieses exis­ten­zi­elle Problem gefunden, während wir diesen kurzen Film, begleitet von einem Gedicht von Charles Baude­laire, gemeinsam gedreht haben. Und so kam ich zu dem Schluss, dass ich selbst mehr bringe als eine ganze Armada von 32-A zusammen.

Leider fiel mein (Selbst)-Wert bei den Dreh­ar­beiten zu King Lear, einem Film, der von den ameri­ka­ni­schen Produ­zenten von Cannon Film finan­ziert wurde, ein wenig mit einem 32A-Verteiler zusammen. Schwie­rige und schmerz­hafte Dreh­ar­beiten. Das aber spielte kaum eine Rolle, da ich das Bild für einen Spielfilm von Jean-Luc Godard machte und erst 26 Jahre alt war.
Ach, was man alles zu verdauen bereit ist, wenn man jung ist.

Die weitere Zusam­men­ar­beit mit JLG gehört zu meiner Filmo­gra­phie…

Jean-Luc, ich möchte dir Danke sagen. Ich habe viel von dir gelernt: Wo plat­zieren wir die Kamera, um nur eine einzige Einstel­lung für die ganze Szene zu drehen? Wo ist die Arbeits­blende im Bild? Wo stellen wir den Blumen­strauß hin, damit Tiefe im Bild spürbar wird? Wie filmen wir einen Baum, damit er wirklich wie ein Baum aussieht? Warum lassen wir den großen Schatten auf dem Gesicht des Mädchens?…Weil er von ihrem Vater produ­ziert wird! (Du hast mir gesagt: Eltern werfen immer einen Schatten auf ihr Kind.)
Danke für deine Utopien, deine Expe­ri­mente und – zumindest damals – deinen großen Glauben an das Kino. Deine Kompro­miss­lo­sig­keit wird der siebten Kunst fehlen.