15.09.2022

Godard – ein anderes Feuer

Godard Plakat
Plakatwerbung für Eine Frau ist eine Frau (1962)
(Foto: H.P. Hüster, CC BY-SA 3.0)

Zum Tod von Jean-Luc Godard (1930-2022)

Von Michael Klier

Mitte der sechziger Jahre wurde auf der Berlinale ein neuer Film von Godard gezeigt, ich weiß nicht mehr ob es Bande à part oder Une Femme Mariée gewesen ist. Jeden­falls habe ich damals ein Interview mit Godard geführt und zwar für die Film­zeit­schrift »Kino«, die von Freunden und mir völlig unab­hängig auf die Beine gestellt worden war. Das Interview ist dann in dieser Zeit­schrift erschienen. Wir saßen zusammen im Café Möhring (das es heute nicht mehr gibt), gegenüber dem Cinema Paris. Es war an einem schönen Junitag, weil die Berlinale damals noch im Sommer stattfand. Godard war freund­lich, umgäng­lich und lächelte. Er fand wohl meine Fragen inter­es­sant, denn es war ein sehr langes Interview.

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Ein andermal, als ich bei Truffauts Film La peau douce als eine Art Prak­ti­kant bei den Dreh­ar­beiten in Paris zuschauen konnte – (Truffaut hatte meinen ersten Kurz­spiel­film »Probe­auf­nahmen« gesehen, während er in Südfrank­reich Jules et Jim drehte) lernte ich Jean-Pierre Léaud kennen, der bei diesem Film Regie­as­sis­tent war. Wir strom­erten nach den Dreh­ar­beiten zusammen in Paris herum und eines Abends meinte Léaud: »Komm ich zeig dir was!« Er führte mich in eine Seiten­straße vom Champs-Élysées. Dort gab es ein American Diner, ein Lokal in einem langen Schlauch. Es war leer, bis auf eine Person, die ganz hinten saß, einge­rahmt zwischen zwei Stapeln Büchern – Godard, der schrieb und nichts um sich herum wahrnahm. Er trug eine graue Hose, dunkles Jackett, weißes Hemd, Krawatte, schwarze Schuhe, unauf­fällig und gepflegt. Und plötzlich bemerkte ich, dass Jean-Pierre Léaud genau die gleichen Sachen trug wie sein »Meister«: Hose, Schuhe, Hemd, usf. Ich war voll­kommen perplex.

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Später, als ich mit meinem Doku­men­tar­film Der Riese zum Film­fes­tival in Salsom­ag­giore einge­laden wurde, (wo ich einen Preis, verbunden mit einer Geldsumme, gewann), konnte ich nur einen einzigen Film sehen, weil ich mit einer Lungen­ent­zün­dung im Hotel-Bett bleiben musste. Es war King Lear von Godard, wie im Programm­heft zu lesen stand, denn einen Vor– oder Abspann gab es bei diesem Film nicht. Mir gefiel die Kamera und da ich in Bälde meinen ersten Spielfilm (Überall ist es besser, wo wir nicht sind) drehen würde, wollte ich wissen, wer die male­ri­schen Bilder zu diesem surrea­lis­ti­schen Film gemacht hatte. Ich rief bei den »Cahiers du Cinéma« in Paris an und erfuhr, das es Sophie Main­ti­gneux gewesen ist. Sophie sollte dann im Laufe der Jahre die Kamera bei vier meiner Spiel­filme führen. Sie erzählte, dass Godard sie bei King Lear mitten im Dreh raus­ge­schmissen hat und er selbst die Kamera alleine weiter machte. So war Godard.

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Mitte der achtziger Jahre drehte ich für die cine­as­ti­sche Film­re­dak­tion des WDR unter der Leitung des großen Godard-Kenners und -freundes, Wilfried Reichart, einen Inter­view­film mit den Kame­ramän­nern Lubt­schansky und Berta – die beide für Sauve qui peut (la vie) die Bilder machten. Ich fragte sie nach ihrer Zusam­men­ar­beit mit Godard aus und sie schimpften vom ersten Moment an über »Jean-Luc«, der sie wie Arschlöcher behandelt habe und beim Dreh, nachdem sie das anspruchs­volle Licht einge­richtet hatten, ins Café schickte, wo sie Stunden warten mussten, weil er sie nicht am Set haben wollte.

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Wenn damals ein neuer Film von Godard in Frank­reich rauskam, trampte ich Nonstop von Berlin nach Paris, schaute mir den Film an, ging danach in ein Bistro essen, kaufte noch ein paar Bücher und schaute mir ein zweites Mal den Film an und kehrte, ohne in Paris zu über­nachten, per Auto-Stop zurück nach Berlin. Dann hatte Godard einen schweren Motor­rad­un­fall, verbrachte fast zwei Jahre im Kran­ken­haus und verließ nach seiner Genesung Paris für immer.
Und meine Godard-Zeit war damit auch irgendwie vorbei. Er drehte andere Filme, die kühler und kälter waren, für die ich nicht mehr nach Paris trampte.
Ein Kritiker hat mal geschrieben, Godards jugend­li­ches Feuer wäre nach dem Unfall erloschen – aber später ist es ihm gelungen, es immer und immer wieder neu zu entfachen, wenn auch anders...

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Noch etwas, das ich inter­es­sant fand: In einem Interview vor ein paar Jahren wurde Godard gefragt, welche Filme­ma­cher für ihn die wich­tigsten in der Geschichte des Films gewesen seien – und er antwor­tete: Bergman und Antonioni.