04.09.2022

Fressen und fressen lassen

Bones and All
Gefährliche Intimitäten
(Foto: 79. Filmfestspiele Venedig | Bones and All)

Luca Guadagninos Kannibalen-Romanze Bones and All zeugt bei den 79. Filmfestspielen von Venedig von erschütternder Größe in ihren Zwischenmenschlichkeiten

Von Janick Nolting

Die schmerz­haf­testen Passagen in diesem Film haben nichts oder nur am Rande etwas mit physi­scher Gewalt zu tun. Es sind vielmehr die seeli­schen Wunden, die zu bluten beginnen. Wenn Ausge­stoßene ihre gesell­schaft­liche Obdach­lo­sig­keit erkennen, ihr Verlo­rensein in der Welt. Wenn Begehren mit Verboten konkur­riert. Luca Guada­gnino weiß solche Szenen erneut mit einer andäch­tigen Wucht zu insze­nieren, die ihres­glei­chen sucht. Bones and All ist ein unendlich grausames, herz­zer­reißendes Werk, das von ähnlicher zwischen­mensch­li­cher Raffi­nesse und Empathie zeugt wie Guada­gninos popu­lärste Arbeit Call Me by Your Name.

Taylor Russel und Timothée Chalamet spielen in diesem Film zwei junge Menschen­fresser. Russels Figur, Maren heißt sie, lebt zu Beginn noch mit ihrem Vater zusammen. Als sie einem anderen Mädchen im spontanen Appetit den Finger abbeißt, müssen beide von ihrem Wohnort fliehen. Wenig später ist der Vater fort. Zurück bleibt nur eine Kassette, auf der er sie über ihre grausamen Gelüsten aufklärt. In dem umher­streu­nenden Lee (Chalamet) findet Maren nun einen Gleich­ge­sinnten, mit dem sie ihre Biogra­phie und ihre Triebe erforscht.

So ist es im Kern die Geschichte einer Entwur­ze­lung, die Guada­gnino erzählt. Ein Coming-of-Age-Drama, das die Roman­vor­lage von Camille DeAngelis in facet­ten­reiche Moment­auf­nahmen und charak­ter­liche Entblößungen zerlegt. Bones and All ergreift, weil das ein Film ist, der mit Under­state­ments arbeitet, seine Geschichte mit Sanftheit, Entschleu­ni­gung erzählt, der sich Zeit lässt. Hinterher schlägt die finstere Konse­quenz umso härter zu.

Guada­gninos neuer Film ist glei­cher­maßen radikale Verzah­nung von Sexua­lität und Gewalt wie Streifzug durch eine Gesell­schaft, die normiert und diszi­pli­niert, bis immer mehr Menschen von ihrem Getriebe zermahlen oder tref­fender: aufge­fressen werden. Bones and All ist dabei als Roadmovie aufge­zogen, quer durch die ameri­ka­ni­schen Bundes­staaten. Nirgendwo hält es die beiden Haupt­fi­guren lange, immer müssen sie weiter­ziehen. Auch dann, wenn sie an gewissen Endpunkten ange­kommen zu sein scheinen.

Es sind die 1980er-Jahre. Das ist eine Zeit, die in der heutigen Popu­lär­kultur Hort der Verklä­rung und Mysti­fi­zie­rung geworden ist. Guada­gnino zeichnet ein anderes, karges Bild: eine Welt von herun­ter­ge­kom­menen, speckigen und miefigen Räumen mit spießigen Blüm­chen­ta­peten. Eine nicht enden wollende Ödnis.

Und natürlich ist das weiterhin eine Zeit, die mit der Aids-Krise verknüpft ist, bei der gesell­schaft­liche Diskri­mi­nie­rungen mit Verseh­rungs­ängsten Hand in Hand gehen. Solche Paral­lelen und Bilder werden in Bones and All ebenfalls wach­ge­rufen, auch ohne expli­ziten Kommentar: von Allein­ge­las­senen, von einer unsi­cheren Konfron­ta­tion mit allem, was körper­lich eindringen und heraus­quellen kann. Guada­gnino schreckt vor dras­ti­scher Gewalt nicht zurück, wenn­gleich sich seine Bilder wesent­lich schneller an den Gräu­el­taten satt­fressen, als es im Vorfeld viel­leicht zu erwarten war. Ohnehin ist der Ekel in diesem Film weniger mit Schrecken als vielmehr mit erdrü­ckender Melan­cholie verknüpft. In seiner Tragik erinnert das Verletzen und Verzehren an Claire Denis` Trouble Every Day. Es ist gerade in der brutalen Pointe der letzte verzwei­felte Versuch, einen Teil von Zwei­sam­keit in sich aufzu­nehmen. Ein Einver­leiben, um weiter­zu­leben.

Bones and All ist heraus­ra­gendes queeres Filme­ma­chen. Nicht etwa durch eine Fokus­sie­rung auf geschlecht­liche Identität oder sexuelle Orien­tie­rung, sondern ganz allgemein: Erfah­rungen der Margi­na­li­sie­rung, des Heraus­fal­lens aus der soge­nannten Norm. Guada­gnino konzen­triert sich dabei auf das Drama verlo­ren­ge­gan­genen Wissens. Die ältere Genera­tion macht sich aus dem Staub, ist selbst unter die Räder geraten, hat sich wegge­sperrt oder ist verendet. Die Heran­wach­senden stehen allein da, haben nie gelernt, was es heißt, anders zu sein. Nur gedrillt, sich anzu­passen oder zu verste­cken. Gewalt schwelt. Das Herein­wagen in eine Community (verkör­pert durch einen weiteren Kanni­balen, den Mark Rylance spielt) geht ebenfalls mit neuen Regeln und Normie­rungen einher. Man kanni­ba­li­siert sich gegen­seitig.

Wie Guada­gnino den Versuch eines Ankommens in diesen Span­nungs­ver­hält­nissen scheitern lässt, ist nicht nur anrührend erzählt, sondern auch stilis­tisch faszi­nie­rend konzi­piert. Die Sensi­bi­lität von Bones and All speist sich ebenso aus der fragilen Form, die der Regisseur findet. Sie liebt die Ästhetik der Nacht, aber auch die kargen Land­schaften, ist vernarrt in die Gesichter eines Ensembles, das Guada­gnino eindrucks­voll in Szene zu setzen weiß.

Gedan­ken­welten sind von einbre­chenden Traum­frag­menten zerrissen. Guada­gnino hat schon in Suspiria gekonnt mit diesem Mittel gespielt. Gegen Ende zeigt er ein Schlacht­feld, das sich in der Montage der Bilder selbst aufräumt. Besu­deltes Mobiliar, verstreute Gegen­s­tände wie Instal­la­tionen in einem Museum. Menschen­leere, dann verwan­delt sich alles, spuckt aus. Die gewohnte Ordnung rekon­stru­iert sich immer wieder selbst, lässt ihr Anderes verschwinden. Verbannt sitzen irgend­wann zwei in der Wildnis, nackt in jeder Hinsicht. Einmal versuchen sie, sich der Norm für eine Weile anzu­passen. Natürlich muss es scheitern. Ihnen bleibt nur ihre eigene Zivi­li­sa­tion, weit weg von allen anderen.