07.07.2022

Die artechock Awards 2022 (Affordable but neat Swedish Design Edition)

Godland
Das Stärkste, was das Festival-Programm zu bieten hatte: Hlynur Pálmasons Godland
(Foto: 39. Filmfest München)

Edelmann & Willmann krönen zum Abschluss das Filmfest München

Von Anna Edelmann & Thomas Willmann

HØMEBÅS – für die Gäste­be­wir­tung wie daheim
Der 50er-Jahre Mehr­zweck­saal-Charme des Amerika-Hauses erwies sich zeitloser als die überlebte 80er Zukunfts­vi­sion des Gasteig. Als Kino ist’s zwar nicht ideal – aber eine Stei­ge­rung gegenüber dem Vortrags­saal der Biblio­thek... Und wenn’s zum einst von Funny van Dannen gefor­derten Himmel auf Erden mit Bierzelt mit Live-Musik im Garten noch ein bisserl hin ist, war der Bier­gar­ten­kon­gress doch ein gemüt­li­cher Treff­punkt. Es soll deutsche Fern­seh­schau­spieler geben, die da neun Tage nicht mehr wegge­kommen sind…

KLØTZ – für die Kleinen, zum Nach­bas­teln
Wenn man im Kino vor dem Film beim Festival-Trailer eben schnell die Augen schloss, um sie vor der bevor­ste­henden Bilder­flut nochmal kurz auszu­ruhen, fühlte man sich direkt wie auf einem A-Festival. Der Berlinale, um genau zu sein. Deren Trailer-Musik mit ziem­li­cher Sicher­heit hier als Temp-Track diente.
Öffnete man die Augen dann wieder, staunte man Bauklötze. Das war gar kein Feuerwerk, sondern ein buntes Münchner Logo-Tetris.

LØS – für die Erleuch­tung des Eingangs­be­reichs
Nach dem Schupf­nu­del­schla­massel letztes Jahr setzt das Filmfest auch dieses Jahr nochmal auf Baye­ri­sche (Wir sind Kaiserin!) Folklore. Aber ach, was für cine­as­ti­sche Welten sich auftun zwischen der unver­fäng­lich-amüsanten Ermitt­ler­kla­motte im Landhaus-Stil und Marie Kreutzers virtuos tastender Elisabeth-Annähe­rung und Mythos-Entfer­nung Corsage! Diese Decon­structed Sisi war mehr als nur ein Magen­trat­zerl für einen Auflauf deutscher B-Prominenz im Bayri­schen Hof. So tischt ein Festival auf, das mit Filmen strahlen will.

PRÅZIS – das klein­tei­lige Schub­la­den­ord­nungs­system
Im erstaun­lich umkämpften Wett­be­werb um den besten Über-145 Minuten Film im 4:3 Bild­format, bei dem eine aus dem Schnee aufge­taute Leiche von Raben angepickt wird, hatte letztlich dann doch Godland (Vanskabte Land) das einge­fro­rene Nasen­spit­zerl vorn.
Dabei war Felix van Groe­n­in­gens & Charlotte Vander­meerschs Otto Montagne durchaus ebenso ein Film mit panor­ami­scher Sicht auf eine von Natur­ge­walten domi­nierte Land­schaft, das Leben und die Vergäng­lich­keit. Hatte seine Geschichte zweier Freunde über die Jahr­zehnte eine gute Veran­ke­rung in den Texturen, dem Licht, der Präsenz des Berg­mas­sivs. Waren das Stadtkind aus Turin und der Bub vom Berg, ihre einer­seits alles abzir­kelnden, ande­rer­seits im Zentrum verhar­renden Lebens­wege glaubhaft geschnitzt.
Doch nicht nur in dieser uner­war­teten Unter-Unter­ka­te­gorie war Hlynur Pálmasons Godland das Stärkste, was das Festival-Programm zu bieten hatte. Es brauchte keine Minute, um zu merken, dass man es hier nochmal mit einer anderen Liga von Kino zu tun hatte. Mit einem großar­tigen Film über den vergeb­li­chen Versuch des Menschen, sich die Natur­ge­walten irgendwie mit Religion, Mytho­logie, Bilder­ma­chen begreifbar zu machen, oder sogar Untertan. In einer Welt, in der alles Saubere, alles Orga­ni­sierte, alles Zivi­li­sa­to­ri­sche nur fremd ist – ob es dies einsieht, oder nicht.
Ein Film über das Gefühl, in die Welt auszu­ziehen, um sie zu besitzen – um dann am Ende selbiger und seiner selbst fest­zu­ho­cken. Einge­sperrt in der Weite, zusammen mit Menschen, mit denen man plötzlich klar­kommen muss, und die da eigent­lich genauso wenig hingehören. Mit all den Klein­kriegen, den einstu­dierten Höflich­keiten, die so vermeint­lich neben­säch­lich sind – jedoch über Leben und Tod entscheiden, weil die Zivi­li­sa­tion nur als Spiel existiert, und nur so lange, wie alle ihren Part erfüllen. Über das Gefühl, wie man zwischen den Natur­ge­walten, zwischen plötzlich reißenden Gewässern und brodelnden Vulkanen, zwischen hartem, unbe­wach­senem Stein und giftigen, die Sinne raubenden Dämpfen plötzlich merkt, wie klein man ist. Wo man dem Gött­li­chen, dem Schöp­fe­ri­schen, sowas wie einem Ur-Gedanken der Welt so nah ist, dass kein Platz für Pietät bleibt. Wo selbst der Härteste plötzlich kleinlaut um ein Bild von sich bittet. Als Beweis, dass es ihn gibt, dass es ihn gab. Weil man sich verliert – und die echte Zivi­li­sa­tion, jene da irgendwo über dem Meer, einen schon völlig vergessen hat. Man für sie erst Jahr­zehnte später relevant wird. Weil man Bilder hinter­lassen hat.
Und freilich ein Film mit einem lustigen Hund und Ida, dem kleinen Mädchen, das auf Pferden steht. [Anm. an die Red.: Ja, sic!, »auf Pferden steht«.]

SPÅT – das Memory Foam-Kissen für eine aufre­gende Nachtruhe
Nach getanem Weltkino-Tagwerk sich wieder in den roten Bauch des Rio 1 schlei­chen, um dort noch den verbo­te­neren Filmen zu fröhnen, die dem (Alb-)Traum näher sind und tiefer am Stammhirn kitzeln: Die Genre-Mitter­nachts-Schiene hat uns gefehlt, und wir freuen uns sehr über ihre Rückkehr, auch wenn sie nun schon gut vor der Geis­ter­stunde beginnt. So entgeht man immerhin den Fängen des gruse­ligen Schie­nen­er­satz­ver­kehrs!

STØR – für den Erhalt der öffent­li­chen Ordnung
Wir brauchen gar keine Musik: halbwegs angeregte Gespräche über Filme schienen die Gemüter derer, die nicht dabei waren, hinrei­chend hoch­ko­chen zu lassen. Unklar bleibt, ob es unter den zahl­rei­chen Nachbarn in diesem berühmten Wohn­viertel die Forst­wirt­schaft­liche Verei­ni­gung Ober­bayern gegenüber oder doch die Geschäfts­stelle der Deutschen Akademie der Tech­nik­wis­sen­schaften war, die sich in ihrer Nachtruhe gestört fühlte. So oder so musste noch vor zwölf das Filmfest die entspannte, geneh­migte Abschluss­party dieser städ­ti­schen Veran­stal­tung im Garten des Amerika-Hauses beenden, bevor die geschätzten Gäste (circa 100) wirklich von der Polizei vor die Tür gesetzt worden wären. Mut zur Rebellion: Der Karo­li­nen­platz wird der neue Gärt­ner­platz!

ÅNTIMÅRKŮS – für Friends with less money
Nicht, dass wir dem FFMUC nicht mehr Geld gönnen. Trotzdem fühlte sich dieses Jahr wieder stimmiger an als in den Jahren mit mehr Budget. Als wäre man dieses Jahr damit gezwun­ge­ner­maßen bedachter umge­gangen – und hätte sich somit wieder mehr auf die eigent­li­chen Stärken des Festivals konzen­triert: Disku­tie­rens­werte Filme. Das gemein­same Kino­er­lebnis. Local Heros. Die Begeg­nungen auf den Wegen zwischen den Kinos, bei denen man einander schnell Filmtipps zuruft. Gefühlt ist doch alles zwischen Send­linger Tor und Arri wieder mehr eine Festi­val­meile, als die rätsel­haf­ter­weise sich nie etablie­rende »Feier­ba­nane«. Von der HFF zum Send­linger Tor schafft man’s auch zu Fuß, mit kurzem Abstecher im Amerika-Haus – wie einst vom Rio ins MaxX mit Festi­val­zen­tr­ums­ab­ste­cher ins Gasteig. Nur die Isar müssen wir jetzt noch an den Karo­li­nen­platz leiten.