19.05.2022

»Ich gehe in ein anderes Blau«

Plakat 75. Filmfestspiele Cannes
Keineswegs zufällig gewählt: das Plakat zu den diesjährigen 75. Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2022
(Foto: Presseservice 75. Filmfestspiele Cannes)

Ganz und gar im Kinoland: Zum Auftakt der Filmfestspiele von Cannes – Cannes-Tagebuch, 1. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Dunkel­blaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfer­nung; das Tages­licht, das ihn umgab, war heller und milder als das gewöhn­liche, der Himmel war schwarz­blau und völlig rein. ... Sein Staunen wuchs mit der sonder­baren Verwand­lung, als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte, und er sich in der elter­li­chen Stube fand, die schon die Morgen­sonne vergol­dete.« – Novalis

»Zerstörte Land­schaft mit
Konser­ven­dosen, die Haus­ein­gänge
leer, was ist darin? Hier kam ich
mit dem Zug nach­mit­tags an,
zwei Töpfe an der Reise­ta­sche
fest­ge­bunden. Jetzt bin ich aus
den Träumen raus, die über eine
Kreuzung wehn. Und Staub,
zerstü­ckelte Pavane aus totem
Neon, Zeitungen und Schienen
dieser Tag, was krieg ich jetzt,
einen Tag älter, tiefer und tot?
Wer hat gesagt, daß sowas Leben
ist? Ich gehe in ein
anderes Blau«
– Rolf Dieter Brinkmann

Der Himmel ist blau und das Leben ist schön. Schon vor der offi­zi­ellen Eröffnung läuft im Cinema de Plage des Festivals bereits Die Truman Show. Peter Weirs Film liefert auch das Motiv zum dies­jäh­rigen Film­plakat. Es ist keines­wegs zufällig gewählt. Es zeigt den Moment, bevor Truman die Tür zum Außen öffnet, zum Jenseits seiner bishe­rigen Welt.

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Erinnert man sich noch an diesen Film? Wohl schon. Mit diesem und ein paar anderen Filmen – Strange DaysGattaca, Matrix, eXistenZ, The Thir­te­enth FloorLola rennt – fing damals 1997/98/99 auf der Kino­lein­wand unsere Gegenwart an, in der Realität und Virtua­lität nicht mehr trenn­scharf vonein­ander zu unter­scheiden sind. Ich nehme an, viele wissen sogar noch wie sie ihn damals im Kino gesehen haben.

Die Truman Show handelt von einem früheren Beispiel von Reality-TV. Eine Art frühes »Big Brother«. Der Clou ist, dass der Titel­cha­rakter nicht weiß, dass ein ganzes Leben eigent­lich ein Fake ist, eine Show, und dass alle anderen inklusive seiner Ehefrau eigent­lich Schau­spieler sind, die Rollen spielen. Irgend­wann häufen sich die Zeichen und er erkennt: Er lebt im falschen Leben.

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Dies ist bis heute ein meta­phern­rei­cher Film. Einige sind sogar dazu­ge­kommen: Aktuell kann man an die Pandemie denken: raus aus dem Lockdown. Dieser Truman ist in einer Art Lockdown.
Wir können aber auch an unsere ganzen Debatten über »Fake News« und über »Alter­na­tive Truth« denken, über die Frage: Was ist Lug und was ist Trug? Wem kann man trauen?
Den Medien kann man zum Beispiel dieser Truman-Welt nicht trauen. Demnach müsste Truman Burbank gesehen werden als ameri­ka­ni­scher Held, der Film als das Porträt eines Explorers (davon träumt die Figur), des einen Menschen, der die Lügen und die von den Systemm­edien aufge­baute Schein­welt entlarvt, die Ideologie.
Man kann den Film aber auch in die umge­kehrte Richtung verstehen: Als Porträt des Anhängers einer Verschwö­rungs­theorie, eines Quer­den­kers. Denn da ist ein Mensch, der sagt: »Ich werde verfolgt! Ich werde von allen anderen beob­achtet! Nichts ist wahr! Ich habe etwas durch­schaut, das ihr alle nicht erkannt habt.«

Ich glaube, es ist eine Schwäche dieses Films, dass er beide Lesarten zulässt und nicht den Mut hat, sich auf eine Seite zu schlagen. Er hält sich im Unge­wissen und leistet einem kompletten Rela­ti­vismus Vorschub, auch eines mora­li­schen und poli­ti­schen. Das passt zu seiner ästhe­ti­schen Konven­tio­na­lität.

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Lohnen tut sich Die Truman Show aber unbedingt. Zum Stil und soeben bemerkt Unkon­ven­tio­na­lität muss man auch sagen, dass dies ein Film ist, der auf Eastman Color Material gedreht wurde und dem man das jederzeit anzieht. Es ist ein richtiger Kinofilm, der nicht diese unan­ge­nehme digitale Klarheit heutiger Filme hat.

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Ein kleines bisschen ist dieser Ort, dieser Küstenort namens »Seaside Florida« aber auch wie Cannes selbst. Ein künst­li­cher Ort, zwischen Eska­pismus und Hoch­ma­ni­pu­la­tion.

Auch wir begeben uns jetzt auf eine Reise, die zwei Wochen dauern wird, an einen Ort, an dem wir von der Welt da draußen nicht viel mitbe­kommen. Wir sehen ganz viele Filme und sind damit ganz in einem virtu­ellen Kosmos, gefangen, oder zu ihm verführt. Die Wirk­lich­keit findet in diesem Kosmos nicht statt. Oder jeden­falls nur sehr vermit­telt.
Roh höchstens noch, wenn ein Wolodimir Selenskij sich per Live­stream zu Wort meldet, wie bei der Eröffnung geschehen. Oder wenn im Programm ein paar ukrai­ni­sche Filme zu sehen sein werden, wofür sich ja jetzt alle möglichen Leute begeis­tern und darin auskennen.
Aber viel mehr auch nicht. Wir sind dann ganz im Kino-Land.

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Wenn wir an die Filme selber denken, sehen wir einige Vielfalt, aber vor allem sehen wir hohes Niveau: Wenn wir das Programm durch­streifen, sehen wir einer­seits einen klas­si­schen, dabei modernen und gewitzten Regisseur alter Schule mit Genre-Inter­essen, David Cronen­berg, der einen Film mit einem seiner Lieb­lings­schau­spieler macht.
Dann gibt es Claire Denis, die auch im Kontext des fran­zö­si­schen Kinos eine Außen­sei­terin ist. Wir haben Regis­seure wie die Brüder Dardenne, die quasi Stamm­gäste sind. Und Neulinge. Es ist ganz erstaun­lich, was für eine Spann­breite an Stoffen und Menschen hier zu sehen sind.

Zugleich kann man sagen: Es ist mal wieder die übliche Mischung aus bewährten alten Meistern, die quasi zur gar nicht so kleinen, aber doch über­sicht­li­chen Cannes-Familie gehören, und Neulingen, bzw. Neuer­wer­bungen von anderen Festivals.
Jedes Jahr gibt es auch die einen oder anderen, die verstoßen werden. Es traf schon mal Arnaud Desplechin, der diesmal wieder im Wett­be­werb läuft. Dieses Jahr traf es offen­sicht­lich Mia Hansen Love. Mit ihrem neuen Film ist sie in der Quinzaine vertreten. Ein bisschen über­ra­schend ist auch, das Léa Mysius, deren Ava vor vier Jahren in der Semaine de la Critique eine kleine Sensation unter den fran­zö­si­schen Debüts war, es diesmal mit ihrem neuen Film nur in die Quinzaine geschafft hat, nicht aber in Un Certain Regard – das hätte man erwartet. Immerhin ist Asien zurück. Zwei Filme aus dem größten Kontinent der Welt werden im Wett­be­werb gezeigt, der damit insgesamt doch wieder auf Europa zentriert ist.

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Vollmond durch diesigen Nebel verun­klart, ein wenig wie Vaseline-Filter vor dem Kame­ra­auge. So sieht Cannes am ersten Abend aus. Der Gang vor dem Festi­val­be­ginn macht das post­pan­de­mi­sche Cannes in all seiner öden Nüch­tern­heit sichtbar. Das »Hotel de Septième Art« (also des Kinos) ist längst geschlossen. Post­pan­de­mi­sches Cannes heißt nicht besser oder »anders«, sondern herun­ter­ge­kommen. Mein Stammcafé »Le Crillon«, das auch für viele andere eine Art Festi­val­heimat war, war bereits im vergan­genen Jahr geschlossen, und die Hoffnung, dass sich das verflüch­tigen würde, zerstob gleich bei der Ankunft.

Geschlossen ist auch das Pub namens »Station Tavern«, das größere Gruppen von Fußball­fans, vor allem aus Latein­ame­rika und Spanien, durch zwei Dekaden Champions League begleitet hat.

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Viele Asiaten können wegen der Pandemie nicht anreisen. Dann kommen wirt­schaft­liche Verwer­fungen hinzu, die hohen Kosten, unter denen Latein­ame­ri­kaner genauso leiden wie auch die Türken.
Die schlechten Besu­cher­zahlen für das Kino nach der Pandemie schlagen auf die Stimmung. Das Kino muss überleben und soll überleben, soll weiter­gehen. Glaubt man. Soll es? Muss es?
Viel­leicht wandert das Kino, wandern die Gefühle, die Haltungen, die Seelen­zu­stände, die es berührt, aus in ein anderes Reich. »Was kommt nach dem Ende?« fragt die großar­tige Ausstel­lung über »Kata­strophe« im Deutschen Film­mu­seum in Frankfurt https://www.festival-cannes.com/en/, die passen­der­weise bald zu Ende geht. Man kann diese Frage auch aufs Kino münzen. Cannes muss eine Antwort geben, das ewartet man für diesem Festival. Welches sollte es sonst tun?

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Man hat gerade nicht das Gefühl, dass die Dinge besser werden.