07.04.2022

Genre-Muster variiert

Fantasy Filmfest Nights
Dario Argentos Comeback-Film Dark Glasses
(Foto: Fantasy Film)

Die Fantasy Filmfest Nights gastierten vergangene Woche unter anderem in Hamburg und München und starten heute in Berlin, Nürnberg und Stuttgart

Von Eckhard Haschen

Es war schon sehr eigen­tüm­lich, am vergan­genen Sonntag nach einer halben Woche mit verschie­den­ar­tigsten Scary Movies – unter anderem einem von Dario Argento und einem aus Russland – auch noch mit dem realen Horror der Bilder aus Bucha konfron­tiert zu werden – die leichte Irri­ta­tion, die auf dem Weg vom Kino zum Nachtbus von einem weißen Van ausging, hätte mir – ehrlich gesagt – vollauf gereicht.

Der Film, in dem ein weißer Van eine tragende Rolle spielt, ist Dark Glasses, mit dem Dario Argento nach zehn Jahren sein Comeback gibt. Mag man bei der Sonnen­fins­ternis zu Beginn noch an Anto­nionis Liebe 1962 denken, so wird spätes­tens mit dem ersten Mord klar, dass wir uns in einem Giallo befinden, jenem Genre, das Argento in den 1970er und -80er Jahren so entschei­dend geprägt hat. Der inzwi­schen 81-Jährige kehrt hier also in die Gefilde zurück, die er am besten beherrscht, und läuft dabei in den Augen dieses Betrach­ters fast zu alter Form auf. Dass die Wahr­schein­lich­keit des Gesche­hens nicht sein oberstes Prinzip ist, war auch schon früher so und ist bekannt­lich auch bei Hitchcock oder De Palma nie anders. Die Selbst­be­haup­tung der nach einem Unfall erblin­deten Sexar­bei­terin Diana (Ilena Pastor­elli) ist jeden­falls vom ersten bis zum letzten Bild mit stil­si­cherer Hingabe insze­niert.

Auch einige weitere Filme bezogen ihren Reiz genau daraus, dass sie bekannte Genre­muster mit Erfin­dungs­reichtum vari­ierten. So zum Beispiel der Psycho­thriller Inex­orable von Fabrice Du Welz, in dem Benoit Poolvorde einen erfolg­rei­chen Schrift­steller spielt, den in Gestalt eines hübschen jungen weib­li­chen Fans die lange verdrängte Vergan­gen­heit einholt. Oder Ti Wests als Eröff­nungs­film gezeigter X, der Elemente aus The Texas Chainsaw Massacre mit solchen aus Boogie Nights kombi­niert. Schön auch, wie sich Park Dae-Mins Action­film Special Delivery aus Südkorea seinen eigenen Reim auf The Trans­porter macht. In der Haupt­rolle überzeugt – wie schon in Parasite – Park So-Dam. Gar nicht zu reden von Quentin Dupieux, der mit Filmen wie Rubber, Wrong Cops oder Realité den Surrea­lismus auf seine Weise inter­pre­tiert und sich so sein eigenes Genre geschaffen hat. In Incre­dible But True genügt ein Loch im Keller seines Hauses, um einem Paar den Glauben an Raum, Zeit und Wahr­schein­lich­keit für immer zu nehmen.

Ein erfreu­li­cher Trend, der sich nun auch bei diesem Festival zeigt, ist der Umstand, dass immer mehr Frauen mit origi­nellen Genre­filmen hervor­treten. So zum Beispiel Hanna Bergholm aus Finnland mit ihrem Debüt Hatching. In diesem berüh­renden Coming-of Age-Horror­film findet die zwölf­jäh­rige, an ihrem spießigen Eltern­haus leidende Prot­ago­nistin eines Tages ein Vogelei, nimmt es mit nach Hause, wo es wächst und wächst – und woraus dann eben nicht das übliche Monster entspringt. Ebenfalls ein Erstling ist Mimi Caves als Abschluss­film gezeigter Entfüh­rungs­thriller Fresh, dessen von Daisy Edgar-Jones nuanciert gespielte Heldin einen Dating-Alptraum erlebt, den sie sich nicht schlimmer hätte ausmalen können. Auch wenn Jones das Genre nicht neu erfindet, greifen die Teile hier so gut inein­ander, dass das für Disney+ produ­zierte Werk zwei Stunden lang zu fesseln vermag.