02.12.2021

Panikattacke

Haruhara-San's Recorder
In sich ruhender liebster Film: Haruhara-San’s Recorder
(Foto: IFFMH 2021)

Das 70. IFFMH klassifizierte sich kinematographisch als High-End und hat die Festivallandschaft neu kartographiert. Von nun an ist »Mannheim-Heidelberg« wieder ein Termin, den man sich vormerken sollte – was ziemlich stressig werden könnte

Von Dunja Bialas

Sorg­fältig nimmt die Frau die Maske ab, legt sie strei­chelnd zusammen. Wenn die Gäste in dem Café, in dem sie arbeitet, Tee trinken, blicken sie aus dem Fenster, wie hypno­ti­siert durch den Bach, der in der Ferne rauscht, und von dem Baum, der einfach nur ruhig dasteht, seine Knospen Blüten treiben und die Blätter abfallen lässt, je nach Jahres­zeit. Haruhara-San’s Recorder des Regis­seurs Kyoshi Sugita ist eine Lehr­stunde in Entschleu­ni­gung und Acht­sam­keit. Er wendet sich den kleinen, über­se­henen Momenten des allzu flüch­tigen Alltags vor dem Hinter­grund einer unüber­wind­baren Trauer zu. Die Block­flöte im Titel hebt aber auch auf eine der wenigen Slapstickszenen dieses in sich ruhenden und atem­be­ru­hi­genden Films an.

Der berü­ckende Film erhielt beim 70. Inter­na­tio­nalen Film­fes­tival Mannheim-Heidel­berg, kurz IFFMH, eine lobende Erwähnung. Zu wenig eigent­lich für eine der schönsten Entde­ckungen, die man auf dem wieder­ge­bo­renen Festival für den »Newcomer«-Film, wie es früher hieß, machen konnte. Der Film ist emble­ma­tisch für das seit letztem Jahr mit Sascha Keilholz neu aufge­stellte, tradi­ti­ons­reiche Festival (siehe unser Interview), das in diesem Jahr sein 70. Jubiläum feierte. Im ersten Jahr der Präsenz­ver­an­stal­tungen offen­barte sich ganz unmit­telbar, was letztes Corona-Jahr mit einer reinen Online-Ausgabe noch abstraktes Statement bleiben musste, weil sich die archi­tek­tu­ralen Programm­zu­sam­men­hänge als Deleuze'sche Flucht­li­nien im unend­li­chen Hyperraum des World Wide Web verloren.

La Nouvelle Vague Mannheim

»Keilholz und sein Team«, wie es etwas despek­tier­lich für die anderen Festival-Mitwir­kenden bei der Eröffnung hieß, hatten zum ersten Mal ein zehn­tä­giges Festival in zwei ihm bis dato uner­probten Städten vorbe­reitet – Festi­val­leiter Sascha Keilholz wurde aus Regens­burg »berufen«, sein Programm­chef Frédéric Jaeger leitete vormals die Woche der Kritik Berlin, andere Mitar­beiter und Mitar­bei­te­rinnen sind ebenfalls neu in Mannheim. Wie Haruhara-San’s Recorder ist ihnen die Sorgfalt und die Acht­sam­keit in der Auswahl zu eigen. Jeder Film scheint hand­ver­lesen, mit Bedacht auf die kine­ma­to­gra­phi­sche Beson­der­heit program­miert, das Neue jedoch nicht unver­mit­telt als »Newcomer« in den Kinoraum gebeamt, sondern in die Zusam­men­hänge von Tradition und Film­ge­schichte gestellt. Dabei ließ sich eine große Leiden­schaft der Programmer für das Kino vermerken. Die Kinos in Mannheim und Heidel­berg – und nicht nur vor allem das Stadthaus als typi­scher­weise unper­sön­li­ches Kultur­zen­trum – waren in das Festival inte­griert, und das IFFMH wirkte als Plädoyer für den dunklen Kinosaal und einen in Bedrängnis geratenen Kulturort.

Unter dem Eindruck der sich gerade auftür­menden vierten Corona-Welle geriet so auch jede Film­vor­füh­rung zum viel­sa­genden Statement, umso mehr als die Filme geradezu auf die Leinwand drängten und sich in einem kine­ma­to­gra­phi­schen Tsunami über das Publikum ergossen, das sich eupho­ri­siert von dieser Welle mitreißen ließ: Es erlebte die Nouvelle Vague Mannheim.

Rasanter Aufbruch

Das sieb­zig­jäh­rige Mann­heimer Erbe wurde auch im zweiten Keilholz-Jahr gepflegt. Werke »alter Meister« – die ja schließ­lich auch einmal jung gewesen waren und die Film­sprache neu gedacht hatten, ergänzten die ersten, zweiten oder dritten Filme einer neu aufstre­benden Gene­ra­tion. In einer Hommage wurde der 84-jährige Claude Lelouch mit vier Filmen geehrt, darunter der heute kano­ni­sierte Ein Mann und eine Frau, in dem Lelouch erstmals seiner Leiden­schaft für rasante Autos und musik­vi­deo­hafte Sequenzen nachgab.

Die Urge­steine des filmi­schen Aufbruchs zu ehren, war in Mannheim-Heidel­berg bis auf die letzten Jahre immer Tradition. Ihnen junges Film­schaffen gegen­ü­ber­zu­stellen, zeugt von einem unver­rück­baren Glauben an die Zukunft des Kinofilms, der sich nur in Kenntnis der Tradition – und nicht etwa durch neue Tech­no­lo­gien oder medi­en­kon­forme Anpas­sungen – erneuern lassen wird.

Im Wett­be­werb »On the Rise« waren sechzehn Werke zu sehen, die zumeist auf inter­na­tio­nalen A-Festivals Premiere gefeiert hatten. Allesamt Filme mit einem »Punctum«, von dem Roland Barthes bei der Foto­grafie gespro­chen hatte, ein Punkt, der sich im Auge festsetzt und auf andere Art zu berühren weiß als über das Darge­stellte. Nennen wir es das Kine­ma­to­gra­phi­sche. Im Grunde waren die Filme des Wett­be­werbs, und das soll jetzt nicht hoch­tra­bend klingen, selbst- und meta­re­fle­xive Filme, die auf letzter Bedeu­tungs­ebene immer das Kino selbst meinten.

Bewegende Anti-Emotion

Der Gewinner des Inter­na­tional Newcomer Award Il Buco des italie­ni­schen Regis­seurs Michel­an­gelo Framm­ar­tino (Le quattro volte) konnte das histo­risch Doku­men­ta­ri­sche durch Reenact­ment wieder­be­leben – und gab eigent­lich einer Hassidee des Doku­men­ta­ri­schen eine Bühne. Frei von falscher Patina und Vergan­gen­heits­kitsch reinsze­nierte der Film den Abstieg in eine vertikale Höhle, fast 700 Meter unter der Erde. Die Expe­di­tion fand im Piemont im Jahr 1961 statt und wurde für den Film nach den Origi­nal­do­ku­menten nach­ge­stellt, unter Verzicht auf emoti­ons­reiche Drama­ti­sie­rung und den für Aben­teu­er­filme üblichen roman­ti­schen und pseudo-exis­ten­ti­ellen Plot. Weit und breit kein Spiel­film­ein­fall, um künstlich für Aufbau­schung und Aufregung zu sorgen, wo doch das Leben und die in Heidegger’schem Gleichmut daseiende Natur schon spannend genug sind.

Antoi­nette Boulat ist nach langen Jahren der Caster-Tätigkeit für Regis­seu­rinnen wie Mia Hansen-Løve (zuletzt bei Bergman Island) eine Quer­ein­stei­gerin ins Regiefach. Ihr Debüt Ma Nuit (Ecume­nical Award) erzählt die Trau­er­ar­beit einer Jugend­li­chen als Drift­er­ge­schichte und klingt als entferntes Echo der Jugend­be­we­gung »Nuit debout« noch lange nach. Der Ameri­kaner Skinner Meyers wiederum greift die Diskurse der Jugend in The Sleeping Negro als erodie­rende Dauer­dis­kus­sion auf. Sein Film ist ein Statement der privaten Unsi­cher­heiten und Diskurs­ver­wir­rungen in Zeiten von »Black Live Matters« und wurde mit dem Preis der Fipresci ausge­zeichnet.

Cine­as­tisch eine Offen­ba­rung

Insgesamt war das Programm von Mannheim-Heidel­berg eine cine­as­ti­sche Offen­ba­rung, bei der auch schwächere Filme immer noch inter­es­santer waren als der gängige Festi­val­durch­schnitt. Rien à foutre (Zero Fucks Given) von Julie Lecoustre und Emmanuel Marre (Rainer Werner Fass­binder-Award für das beste Drehbuch) zeigte eine Stewar­dess (Adèle Exar­cho­poulos) auf sehr einfühl­same Weise am Rande des Nerven­zu­sam­men­bruchs (Erin­ne­rungen an Pia Marais’ groß­ar­tigen Im Alter von Ellen drängten sich auf); der argen­ti­nisch-urgu­ay­ische El emplado y el patrón (The Employer and the Employee) von Maneul Nieto Zas zeigte die Vergeb­lich­keit der Rebellion (mit dem Rancho-Gestus eines Carlos Reygadas). Das Jubiläums­pro­gramm zum Sieb­zigsten hatte inter­na­tio­nale Festivals mit einer Carte Blanche einge­laden, Sitges spielte mit dem norwe­gi­schen The Innocents die Horror-Fantasy-Karte, während das Montreal World Film Festival mit La bruit des moteurs des Québec-Kanadiers Philippe Grégoire eine fantas­ti­sche Groteske mit lauten Motoren und strengen Zoll­kom­mis­sa­rinnen zückte.

Man wird sich das Festival von Mannheim-Heidel­berg in Zukunft fest in den Jahres­ka­lender eintragen müssen. Dumm nur, dass dieses Jahr auch andere lohnens­werte Festival in den Zeitraum drängten, besonders mit der Duis­burger Filmwoche sollte doch in Zukunft die termin­liche Kollision vermieden werden. Das führt unwei­ger­lich zur Panik­at­tacke, mit der vers­tärkten »Fear of missing out«, die Angst etwas zu verpassen – kurz­zeitig wurde deshalb sogar darüber nach­ge­dacht, für das zweite Wochen­ende noch einmal nach Mannheim zurück­zu­kehren, trotz des Online-Angebots dieser hybriden Ausgabe.

Mit einem hoch­karä­tigen Film­pro­gramm, einem klaren Bekenntnis zum Kinosaal und einer Diskurs­freu­dig­keit, mit der Mannheim bisweilen noch fremdelte, hat diese zweite Ausgabe unter neuer Leitung die deutsche Festi­valland­schaft neu karto­gra­phiert. An Mannheim-Heidel­berg führt jetzt kein Weg mehr vorbei.