06.05.2021

Performativer Widerspruch

allesdichtmachen Widerspruch
Die Tücken der doppelten Codierung
(Foto: #allesdichtmachen / artechock)

Warum zu einer »Streitkultur als Utopie« auch die Widerrede gehört – eine Antwort auf Rüdiger Suchsland

Von Dunja Bialas

»Gegen unsere pole­molo­gi­sche Inkom­pe­tenz, die Unfähig­keit zu streiten, brauchen wir dringend Streit­kom­pe­tenz. Das Aushalten von Wider­spruch, von Wider­sprüchen.« (Rüdiger Suchsland)

Diese Worte meines Kollegen Rüdiger Suchsland habe ich letzte Woche zu später Stunde bei vorgerücktem Redak­ti­ons­schluss auf »artechock« gesetzt. Leider zu spät, um seinem Wunsch nach­zu­kommen. Denn so manches, was er letzte Woche für »artechock« schrieb, fordert meinen Wider­spruch heraus, und dem gebe ich, derart aufge­for­dert, jetzt gerne nach.

Ich wider­spreche dabei als Autorin, nicht als Redak­teurin von »artechock«. Unser Film­ma­gazin hat von jeher keine »Redak­ti­ons­mei­nung«, weil wir gerade auf das Plurale und Viel­fäl­tige setzen, was uns eine Meinungs- und Perspek­ti­ven­viel­falt beschert, wenn wie jüngst bei Lovemobil ein Kalei­do­skop entsteht, das von der tatsäch­li­chen Komple­xität der Ange­le­gen­heit zeugt.

Wenn aller­dings diese Vielfalt ausfällt, weil sich nur eine Stimme zu einer Sache äußert, kann dies von außen als Redak­ti­ons­mei­nung wahr­ge­nommen werden. Es gibt sie aber nicht, die »Redak­ti­ons­linie«. Aber es gibt mein eigenes Unbehagen, das zwar nicht das Maß aller Dinge ist, aber doch mein Maß dafür, ab wann es wichtig wird zu wider­spre­chen.

Corona ist in unserer aufge­heizten Wirk­lich­keit zu einem neur­al­gi­schen Punkt geworden, an dem sich die Geister scheiden und Freund­schaften zerbre­chen. Jetzt hat #alles­dicht­ma­chen durch seine inhärente Wider­sprüch­lich­keit einen großen Medien-Coup ausgelöst und dabei Kriti­ker­kol­legen und Schau­spie­ler­freunde in zwei unter­schied­liche Lager gespalten.

Man kann von der Aktion halten, was man möchte. Das Anliegen scheint aber doch ziemlich klar zu sein: Es ging darum, aus Kunst- oder Künst­ler­per­spek­tive (hier Schau­spieler) zu kriti­sieren, dass seit über einem Jahr die Kunst übersehen wird, weil es vor allem darum gehe, die Auswir­kungen der Corona-Maßnahmen gesund­heit­lich, viel­leicht auch noch wirt­schaft­lich, aber nicht psycho­lo­gisch, gesamt­ge­sell­schaft­lich oder indi­vi­duell zu bewerten. Soweit, so gut. Gewählt für die Kritik wurde das Mittel der Satire. Diese riskiert immer, auch nach hinten loszu­gehen, da sie so schwierig zu beherr­schen wie zu verstehen ist, weil sie als unei­gent­li­ches Sprechen statt­findet: Obwohl ich etwas sage, meine ich es nicht so. Prompt kam für #alles­dicht­ma­chen Beifall aus dem Lager der Corona-Leugner und der AfD, die in ihrem Partei­pro­gramm das Abschaffen der Corona-Masken fordert.

Nun kann hoch­ge­halten werden, dass, nur weil der Beifall aus der falschen Ecke kommt, dies nicht auto­ma­tisch heißt, dass auch das Argument falsch ist. Proble­ma­tisch ist jedoch, dass die Aktion gar kein Argument formu­liert hat, weil sie durchweg »unei­gent­lich« spricht. Ironisch werden die Corona-Maßnahmen kriti­siert, was zum Einfallstor des Whata­bou­tism wurde (»Was ist mit den Kranken und Verstor­benen, wo bleibt die Soli­da­rität mit den Pfle­ge­kräften?«, #alle­mal­ne­schicht­ma­chen), der mit einem mehr als irri­tie­renden Rela­ti­vismus beant­wortet wurde (»Wir können den Auto­ver­kehr komplett einstellen, dann haben wir keine Verkehrs­toten mehr. Wir könnten alle möglichen drako­ni­schen Maßnahmen treffen, damit niemand mehr Krebs kriegt.«)

Hanns Zischler führte in seinem #alles­dicht­ma­chen-Video erhellend die Gefahr von Satire vor: Er distan­ziere sich ausdrück­lich von dem, was er nun sagen werde, schickte er voran. Damit nahm er eine kluge Meta­po­si­tion ein und führte nebenbei auch den grund­le­genden perfor­ma­tiven Wider­spruch vor, in den man sich begibt, wenn man in unei­gent­li­chen Worten spricht. Mit einem Disc­laimer wollte sich Zischler auf der richtigen Seite wiegen und performte dies dann auch, indem er distan­ziert und schlecht die nach­fol­genden Worte vom Blatt ablas.

Trotz so mancher, meist erst nach­trä­g­lich erfolgten Vertei­di­gungs­rede konnten dieje­nigen, die sich zu #alles­dicht­ma­chen geäußert haben (Dietrich Brüg­ge­mann, Jan Josef Liefers) aber nicht ausräumen, dass im unei­gent­li­chen Sprechen auch das eigent­lich Gesagte gemeint war. Das ist auch ein inhä­rentes Problem der Negation: Es wird vor allem gehört, was verneint wird, aber nicht das kleine Wörtchen »nicht«. Und dieses fehlt noch dazu in der Ironie.

Entspre­chend hoch kochten die Emotionen: von einem Rund­funkrat, der Berufs­verbot forderte (aber gleich wieder zurück­nahm) über angeb­liche Mord­dro­hungen gegen Meret Becker (die revidiert wurden) bis hin zu Ulrich Matthes, der sich zuerst gegen, dann vor die Schau­spieler stellte, jedoch niemals hinter sie. Und es gab viel Aufmerk­sam­keit, von unge­wünscht bis gewünscht: vom Applaus aus AfD- und Corona-Leugner-Reihen, von der Springer-Presse bis hin zu Talk­showauf­tritten und Inter­views mit Betei­ligten der Aktion, in denen sich diese ausführ­lich erklären konnten. Recher­chen des »Tages­spiegel« zogen Verbin­dungs­li­nien in die Corona-Leugner-Szene (so ungefähr die Szene, die derzeit die größte gesell­schaft­liche Ächtung mit sich bringt), brachte aber auch einen Text von Harald Marten­stein mit der These, die Akteure würden mundtot gemacht. Viel wurde geredet und geschrieben über die Aktion und die Miss­ver­ständ­nisse, kaum aber ging es dabei um die Kultur und ihr Verges­sen­sein während Corona. Was auch an den Aushän­ge­schil­dern liegen mag, wie dem omni­prä­senten »Tatort«-Professor Jan Josef Liefers.

Fazit der Aktion: Thema­ver­feh­lung.

Soweit meine Sicht­weise auf #alles­dicht­ma­chen. In vielem gehe ich darin d’accord mit meinem Kollegen Rüdiger Suchsland, und ich teile auch zunächst die Sicht­weise seines Textes. Genau genommen bis zu dem Moment, wo er von einem »zunehmend enger werdenden Meinungs­kor­ridor« spricht und von »nibe­lun­gen­ge­treuem Kada­ver­ge­horsam«. »Was in der Bundes­re­pu­blik fehlt, in der Kultur wie in der Politik, ist der Streit. Wir leiden unter einem krank­haften Harmo­nie­be­dürfnis, und einer Unfähig­keit zu streiten«, schreibt er weiter.

Ich gewinne zunehmend den Eindruck, dass »Streit« von Rüdiger Suchsland vor allem als Einbahn­straße definiert wird. Nur wer einer allge­meinen Meinung – die so allgemein gar nicht ist – wider­spricht, soll das tun, nur dann ist »Streit«. Wenn aber wiederum diesem Wider­spruch wider­spro­chen wird, setze die Streit­kultur aus. »Diktatur« sei die Folge und »Plura­li­täts­ver­ach­tung«. Große Worte leider, für eine Gesell­schaft, die das Plurale hochhält, in der es die unter­schied­lichsten Foren gibt, und im »Tages­spiegel« neben einem Text, der Verbin­dungen von #alles­dicht­ma­chen zur Quer­denken-Szene aufzeigt, eben auch einen Text, der davon spricht, dass den Akteuren »Mäuler gestopft werden«.

Die von Rüdiger Suchsland hoch­ge­hal­tene Polemik (»Plädoyer für eine pole­molo­gi­sche Kompetenz«) lässt ihn zu folgender Polemik hinreißen: »[Wir brauchen] die Akzeptanz, dass sich die meisten Menschen nicht dafür inter­es­sieren, diskur­sive Moral-Fleiß­bi­en­chen zu sammen, indem sie immer nur das Mantra wieder­holen: Wir müssen Leben retten.« Er tappt in die Falle, die sich schon #alles­dicht­ma­chen gestellt hatte: Das Anliegen wird auf der Inhalts­ebene unsichtbar, weil nebenbei einmal kurz die Corona-Maßnahmen verhöhnt werden – anstatt bei der Sache zu bleiben. Weiter geht es mit der Polemik, wenn Rüdiger Suchsland von »Gestapo-Methoden und die von Neonazis aufge­stellten Fein­des­listen« mit Blick auf »Lockdown-Hardliner« Cornelius Roemer spricht, der schwarze Listen für die #alles­dicht­ma­chen-Akteure fordert. Erin­ne­rungen an die McCarthy-Ära wären viel­leicht passender gewesen, wenn man schon einen Vergleich ziehen will. Leider aber ruft Rüdiger Suchsland statt­dessen seman­tisch komple­men­täre Verfolgten-Verfolger-Bilder auf den Plan, wie es eine Kasseler Quer­den­kerin getan hat, als sie sich als Sophie Scholl wähnte.

Abschließend schickt Rüdiger Suchsland in seinen Text auch noch viel Emotion hinein. »Wehret den Anfängen«, »unsere Medien« müssen »die eigenen Uniformen zerreißen«, schreibt er. Welche Uniformen könnten das wohl sein? Die der Medien als Gesin­nungs-Soldaten oder doch lieber die der Medien als Gestapo-Wasser­träger?

Bei Rüdiger Suchsland findet die Polemik in Wort­fel­dern statt, die verhin­dert, dass man in der Sache, die ja im Prinzip gute Beob­ach­tungen enthält, noch mitgehen will. Ich stelle in seiner Semantik einen perfor­ma­tiven Wider­spruch fest, ähnlich wie bei #alles­dicht­ma­chen. Einen inhä­renten Wider­spruch, der Glatteis produ­ziert, auf dem man leicht ausrut­schen kann. Und ohne kompetent zu pole­mi­sieren, wie es der Autor selbst fordert, weil er nur die eine Seite der Diskus­sions-Wahrheit sehen will. So geht Streit­kultur wohl nicht.