02.04.2020

24 mal Poesie in der Sekunde

Die versiegelte Zeit
Einst bei Ullstein gefunden
(Foto: artechock)

»Gedanken zur Kunst, zur Ästhetik und Poetik des Films« – Die Lektüre von Tarkowski lässt sich in unserer versiegelten Zeit wohltuend unaufgeregt an

Von Matthias Pfeiffer

Man kann natürlich versuchen, die jetzige Situation weg zu streamen. Die Verlo­ckung ist groß, sich in den Ozean an verfüg­barem Film- und Seri­en­ma­te­rial zu stürzen, Haupt­sache ist, die Zeit geht rum. Das ist mehr als verständ­lich und ehrlich gesagt, kann man es auch niemandem verübeln. Auf der anderen Seite kann man aber auch die Zeit nutzen und sich jetzt erst recht mit dem Kino beschäf­tigen. Und wieso sich dabei nicht von einem der ganz großen Meister des Films an der Hand nehmen lassen?

Die Rede ist hier von Andrei Tarkowski, der mit seinem Buch »Die versie­gelte Zeit« alles über die Filmkunst gesagt hat, was es zu sagen gibt. Das stimmt so natürlich auch nicht ganz, aber man hat nach der Lektüre das Gefühl, es wäre so. Das liegt nicht zuletzt an Stellen wie diesen: »Im Film reizen mich ganz außer­ge­wöhn­lich poetische Verknüp­fungen, die Logik des Poeti­schen. Dies entspricht meiner Meinung nach am besten den Möglich­keiten des Films als der wahr­haf­tigsten und poetischsten aller Künste.« Man merkt schon, Tarkow­skis Sicht bewegt sich fernab von trockener Theorie. Film sollte nicht von den Gesetzen der Logik oder ästhe­ti­schem Diktat einge­schränkt werden. Die Hand­schrift des Regis­seurs steht an erster Stelle, nicht die Vorgaben von Denk­schulen oder die Regeln des Markts. Film muss die Poesie, die Tarkowski wörtlich als »Weltsicht« beschreibt, atmen.

Dieje­nigen, die mit dem Werk des russi­schen Filme­ma­chers vertraut sind, wissen, was gemeint ist. Wer saß nicht vor Stalker, Der Spiegel oder Solaris und war bis zuletzt gefangen von der fast irrealen Atmo­s­phäre seiner Bilder, von seinem fast medi­ta­tiven Tempo und den zutiefst philo­so­phi­schen Aussagen, die unmöglich sofort zu fassen sind? »Die versie­gelte Zeit« ist natürlich auch deshalb lohnens­werte Lektüre, da der Meister selbst uns die Worte schenkt, die wir verzwei­felt suchen. 1984 zum ersten Mal in deutscher Sprache erschienen, vereint das Buch Texte aus den voran­ge­gan­genen acht Jahren, die unter anderem auf Gesprächen mit der Film­kri­ti­kerin Olga Surkowa beruhen. »Die versie­gelte Zeit« ist also eine Sammlung von Moment­auf­nahmen. Tarkow­skis Problem­stel­lungen ziehen sich jedoch durch sein gesamtes Schaffen, sodass das Buch letzten Endes doch wieder eine Einheit bildet. Dabei geht es nicht nur um die Schwie­rig­keiten, die Tarkowski von den sowje­ti­schen Macht­ha­bern auferlegt wurden, das Unver­ständnis der heimi­schen Kritik oder die Ausein­an­der­set­zungen, die grund­sätz­lich am Set entstehen. Viel tief­schür­fender wird es, wenn es um den Film an sich geht, um die Beziehung die der Regisseur mit dieser Kunstform eingehen muss.

Dabei stößt man häufig auf Passagen, die wider­sprüch­lich erscheinen. Da heißt es: »Die Monta­ge­ge­setze muss man natürlich genauso gut wie alle übrigen Gesetze seines Handwerks beherr­schen. Die schöp­fe­ri­sche Arbeit beginnt aber erst in dem Moment, wo diese Gesetze verletzt und defor­miert werden.« Gleich­zeitig lehnt Tarkowski aber den Begriff des Expe­ri­ments genauso ab wie das Montage-Kino von Sergei Eisen­stein. Überhaupt ist es verwun­der­lich, dass ein revo­lu­ti­onärer Bilder­stürmer wie er der Avant­garde anschei­nend gar nichts abge­winnen konnte. »Es ist ein falscher Weg, den die moderne Kunst einge­schlagen hat, die der Suche nach dem Sinn des Lebens im Namen bloßer Selbst­be­s­tä­ti­gung abge­schworen hat. So wird das soge­nannte schöp­fe­ri­sche Tun zu einer seltsamen Beschäf­ti­gung exzen­tri­scher Personen, die nur die Recht­fer­ti­gung des einma­ligen Wertes ihres ichbe­zo­genen Handelns suchen.«

Genauso fremd ist ihm die Poesie um ihrer selbst willen oder die Unter­wer­fung unter utili­ta­ris­ti­sche Zwecke. »Die unbe­streit­bare Funktion der Kunst liegt für mich in der Idee des Erkennens, jener Form der Wirkung, die sich als Erschüt­te­rung, als Katharsis, äußert.« Dabei plädiert er dafür, den Film strikt von anderen Kunst­formen abzu­trennen, insbe­son­dere von der Literatur – auch wenn er durch­ge­hend den großen Einfluss von Tolstoi und Dosto­jewski betont. Film ist für ihn das direkte Erleben von (versie­gelter) Zeit, ein Erleben, das nicht erst durch die Sprache an den Zuschauer heran­ge­führt werden muss. »So kann man sich beispiels­weise mühelos auch einen Film ohne Schau­spieler, ohne Musik und film­ar­chi­tek­to­ni­sche Bauten, ja, sogar ohne Montage vorstellen. Keines­falls aber einen Film, in dessen Einstel­lung nicht der Zeitfluss spürbar würde.«

Und dann ist da ja noch die Verant­wor­tung, die man dem Zuschauer gegenüber hat. »Ein Zuschauer kauft sich eine Kinokarte, um die Leer­stellen der eigenen Erfahrung aufzu­füllen, er jagt gleichsam der 'verlo­renen Zeit' nach.« Diese Leer­stellen sollen nun bitte nicht mit elender Durch­schnitts­ware gefüllt werden, die den Zuschauer so lange verblödet, bis er »den Film nur noch benutzt wie eine Flasche Coca-Cola«. Nun ist es ja so, dass die Cineasten-Kaste Tarkowski seit jeher vergöt­tert. So herrlich seine Filme jedoch sind, so unzu­gäng­lich sind sie auch manchmal. Für ihn ist es jedoch eine Grund­vor­aus­set­zung, sich dem Publikum an keiner Stelle anzu­bie­dern. »Der Künstler besitzt nicht das mora­li­sche Recht, sich auf irgendein abstraktes Duch­schnitts­ni­veau einzu­lassen, um sein Werk verständ­li­cher und zugäng­li­cher zu machen.« Laut eigener Aussage gehörten zu seinen Rezi­pi­enten in der sowje­ti­schen Heimat nicht nur jene aus der gebil­deten Schicht. Hinter diesem »Anspruch für alle«- Gedanken steckt natürlich ein gutes Stück Idea­lismus. Das ist aber auch das, was »Die versie­gelte Zeit« und Tarkow­skis Filmo­grafie ausmacht: Die Vorstel­lung, allein durch die Poesie etwas im Zuschauer anzu­stoßen, der Welt sogar ein Stück verlo­rener Spiri­tua­lität zurück­zu­geben. Genau diese subjek­tive, völlig eigene Sicht ist es, die Pflicht­lek­türe aus diesem Buch macht. Nebenbei ist es auch eine gute Anlauf­stelle für jene, die einen nicht allzu akade­mi­schen Zugang zur Film­theorie suchen. Und Passagen wie die folgende ersetzen dazu noch ganze Krisen-Ratgeber:

»Möge jeder, der dies wünscht, sich meine Filme wie einen Spiegel anschauen, in dem er sich selbst erblickt. In den Zustand einer geistigen Krise gerät jeder, der sich geistigen Problemen stellt. Und wie sollte das auch anders sein? Schließ­lich dürstet die Seele nach Harmonie, während das Leben voller Dishar­mo­nien ist. In diesem Wider­spruch liegt das Stimulans für Bewegung, zugleich aber auch die Quelle unseres Schmerzes und unserer Hoffnung. Er ist eine Bestä­ti­gung unserer geistigen Tiefe, unserer spiri­tu­ellen Möglich­keiten.«