12.09.2019

Schirm statt Sonnenbrille

Vakuum
Hannelore-Elsner-Preisträgerin Barbara Auer in Vakuum

Das Fünf-Seen-Filmfestival-Wochenende bot ein abwechslungsreiches Programm und damit echte Alternativen zum Regen. Caroline Link, Tom Tykwer und Uli Hanisch diskutierten über ihre Arbeit und gewährten dem Publikum das ein oder andere Aha-Erlebnis.

Von Ingrid Weidner

Das sonnen­ver­wöhnte Fünf-Seen-Film­fes­tival erlebte am vergan­genen Woche­n­ende Dauer­regen und einen wolken­ver­han­genen Himmel über dem Starn­berger See. Die Cafés­tühle vor dem Kino blieben leer, selbst für ein Eis zwischen den Filmen war es zu kalt. Immerhin hielt der Regen nicht die Besucher davon ab, am Sams­tag­abend in die Schloss­berg­halle zu strömen, um die Hannelore-Elsner-Preis­trä­gerin Barbara Auer auf der Bühne zu erleben.
Matthias Helwig lobte den mit 5000,- Euro dotierten Preis in diesem Jahr erstmals aus und über­reichte ihn an Barbara Auer für deren viel­schich­tiges Werk. Dass der Festival-Leiter für beide Schau­spie­le­rinnen schwärmt, war nicht zu übersehen. Auch Laudator Christian Petzold klang ebenso über­schweng­lich. Der Regisseur konnte zwar nicht selbst nach Starnberg reisen, schickte aber eine Video­bot­schaft. Auch wenn Petzolds Räume immer perfekt insze­niert sind, impro­vi­sierte er hier. Im Hinter­grund waren viele Bücher­re­gale seines Berliner Arbeits­zim­mers zu sehen, Petzold saß leger im T-Shirt vor der Kamera, vermut­lich der eines Laptops, der Blick leicht nach unten geneigt und schwärmte eloquent von Barbara Auer. Bei den Zuschauern im Saal entstand der Eindruck, zwar auf amüsante Weise aber doch von oben herab belehrt zu werden.
Spannend war aber trotzdem, was Christian Petzold über Barbara Auer erzählte, mit der er zuletzt in Transit zusam­men­ge­ar­beitet hatte. Auer zähle zu den reflek­tierten Schau­spie­le­rinnen, die dadurch eine Leich­tig­keit im Spiel erreichten und mit Nach­denken und Reflexion einen beson­deren Zugang zum Stoff finde. Die über­schweng­lich Gelobte erzählte ihrer­seits, was sie an ihrem Beruf faszi­niert. Mit Hannelore Elsner habe sie zwar nie gemeinsam gear­beitet, doch die beiden Schau­spie­le­rinnen kannten und schätzen sich. Mancher Fan der beiden habe sie wohl auch verwech­selt, wie Barbara Auer erzählt, denn ein Auto­gramm­wunsch an sie war an „Hannelore Auer“ adres­siert.
Auch der Mut zum Risiko verbinde beide. Während Elsner mit Die Unberühr­bare im Jahr 2000 ihrer Karriere eine neue Wendung gab und viel riskierte, reizte auch Auer ein beson­deres Projekt, nämlich Vakuum von Christine Repond, das in der Schloss­berg­halle zu sehen war. Der 2017 fertig­ge­stellte Film zeigt Barbara Auer in einer heraus­for­dernden Rolle. Sie spielt gemeinsam mit Robert Hunger-Bühler ein Ehepaar um die 60, wohl­si­tu­iert, erwach­sene Kinder, Enkel und scheinbar immer noch glücklich mitein­ander. Bis die von Barbara Auer gespielte Figur Meredith bei einem Blut­spen­de­termin erfährt, dass sie HIV-positiv ist. Die Wucht dieser Diagnose und die Gewiss­heit, dass ihr Mann sie infiziert hat, zeigen ganz unter­schied­liche Facetten vom Können der Schau­spie­lerin. Im anschließenden Film­ge­spräch mit der Schweizer Regis­seurin Christine Repond und dem Film­partner Robert Hunger-Bühler erzählt sie, dass es sieben Jahre von der Idee bis zur Fertig­stel­lung des Films dauerte. Es sei sehr schwer gewesen, das Projekt umzu­setzen, finan­ziert wurde es schließ­lich in der Schweiz.

Film­ge­spräch am See

Einblicke in ihre Arbeits­weise gewährten auch Caroline Link, Tom Tykwer und Szenen­bildner Uli Hanisch am Sonntag in den Räumen der Poli­ti­schen Akademie in Tutzing. Die drei Profis spielten sich gekonnt die Bälle zu, Mode­ra­torin Sylvia Griss vom BR saß trotz penibler Vorbe­rei­tung (sie hatte sich alle Filme der Disku­tie­renden vorher nochmals angesehen) mitunter staunend dazwi­schen. Das Thema des Nach­mit­tags, »Verfilmte Räume«, hinderte die drei nicht daran, sich viele Frei­heiten und Gedan­ken­sprünge zu erlauben. Dass Räume im Film ganze Welten erschaffen und zuge­spitzt werden müssen, zählt zur Magie eines Kinos. Dass es dabei aber schon mal passiere, darüber die Figuren zu vergessen, räumte Tom Tykwer ein. Oscar-Preis­trä­gerin Caroline Link geht dagegen meistens von den Prot­ago­nisten aus, deren Gefühle, Not oder Schmerz, sollten die Zuschauer erspüren können. »Figuren sind das einzige, was mich inter­es­siert«, sagt sie. Der Junge muss an die frische Luft, der bisher 3,7 Millionen Zuschauer ins Kino lockte, war für sie auch eine Reise in die eigene Kindheit. Genauso wie Hape Kerkeling, dessen Kindheit der Film zeigt, ist Link 1964 geboren. Auch wenn die 55-Jährige nicht im Ruhr­ge­biet aufwuchs, gibt es Gemein­sam­keiten. »Ich beginne jetzt erst zu verstehen, wie nah wir an der Kriegs­zeit waren. Das war mir nicht mehr so bewusst.«

Doch die erfolg­reiche Regis­seurin verrät, dass sie ihre eigenen Grund­sätze schon mal über Bord geworfen habe und sich von der Land­schaft Marokkos begeis­tern ließ. Exit Marrakech sei das einzige Projekt gewesen, bei dem erst der Ort feststand und dann die Geschichte dazu entwi­ckelt wurde. Ganz zufrieden ist Link mit dem Film nicht. »Alle meine Filme sind wie meine Babys.« Dieses Kind sei aber nicht besonders gelungen, es hinke etwas, meint sie.

Auch der ein Jahr später in Wuppertal geborene Tom Tykwer kennt die Enge der 1970er Jahre. Für das Projekt Der Krieger und die Kaiserin kehrte er nach 20 Jahren wieder an seinen Geburtsort zurück, um dort einen Film zu drehen. »Alles wirkte so klein«, erinnert sich Tykwer, auch weil die Perspek­tive eines Kindes eine andere ist als die eines Erwach­senen. »Es war eine verklemmte Zeit, die Leute waren ange­spannt«, die Stimmung sei wie zwischen Hippie und Klein­bürger osziliert.
Szenen­bildner Uli Hanisch, 1967 in Nürnberg geboren und als Kind mit den Eltern ins Ruhr­ge­biet umgezogen, erschafft Räume für das Kino. Mit Tom Tykwer verbindet ihn eine lang­jäh­rige Zusam­men­ar­beit; auch für die Serie Babylon Berlin insze­nierte Hanisch das Lebens­ge­fühl des Berlins der 1930er Jahre. »Ich kann mit dem Begriff Realität nichts anfangen«, sagt Hanisch. Seine Aufgabe sei es, den Figuren und ihrer Welt nahe zu kommen. Dass das ganz andere Bilder sein können, als sie sich beispiels­weise ein Autor wie Patrick Süskind (Das Parfum) ausdenkt, müsse kein Wider­spruch sein.

Auch weil Link, Tykwer und Hanisch aus der gleichen Gene­ra­tion kommen, sich gegen­seitig schätzen, beherr­schen sie trotzdem die Kunst, nett verpackte Provo­ka­tionen einzu­streuen. »Ich bewundere Tom für seinen Mut für große Projekte«, sagt Link. Sie habe den Eindruck, dass es bei ihm »Bang und Bum« machen müsse. Tykwer schaut Link etwas irritiert an und wiegelt ab. Schließ­lich rechnet er vor, dass auch ein Mammut­pro­jekt wie Babylon Berlin nicht im Geld schwimme, sondern solide finan­ziert sei. Auch für Tykwer sind Dreh­bücher und Figuren entschei­dend. Doch der Regisseur erzählt, dass er inzwi­schen unge­dul­diger sei. »Ich haue den Leuten Dreh­bücher auch um die Ohren«, zumindest im über­tra­genen Sinne, gibt er zu. Manchmal habe er den Eindruck, die Autoren wollten ihre Eltern beein­dru­cken, 99 Prozent von ihnen litten unter einer Über-Ich-Schwäche. »Es geht um nix, das tut niemandem weh«, kriti­siert Tykwer. »Ich renne auch nach drei Minuten aus dem Kino, wenn ich in so einen Film geraten bin«, verrät er. Tykwer erzählt, er könne sich auch einen Film vorstellen, bei dem es nur um eine Maus und eine Katze in einem Raum gehe. Das geht dann aber Uli Hanisch zu weit, der für diesen Film nicht die Ausstat­tung über­nehmen möchte, wie er dem Regisseur scherzend erklärt.

Während der launigen Diskus­sion, die das Publikum wie ein guter Film amüsiert und inspi­riert hat, kommen die Disku­tanten noch auf ein Thema zu sprechen, das sie umtreibt. Denn mit Streaming-Angeboten und Media­theken der Fern­seh­sender verän­derten sich nicht nur die Sehge­wohn­heiten, sondern auch der gesell­schaft­liche Diskurs. Das Fernsehen in seiner herkömm­li­chen Form verschwinde, höchstens bei großen Sport­er­eig­nissen sitzen viele Menschen gleich­zeitig vor einem Bild­schirm. Zwar bieten die neuen Frei­heiten viele Chancen, doch wie gelingt es, sich über wichtige Themen auszu­tau­schen? Ob soziale Medien sich zum neuen Reso­nanz­raum für Debatten eignen, blieb offen. Es wäre schade, wenn sich das Publikum nur noch auf kleinen Bild­schirmen Filme ansehe, so Caroline Link. Sie hofft, dass das Kino ein Raum für große Bilder bleibe. »Kino ist Detail und Kino ist ein Raum, um große Bilder zu genießen«, sagt die Regis­seurin.

Großes Kino können die Besucher des fsff noch am Donnerstag, dem 12. September, mit einem viel­fäl­tigen Programm genießen. Der Wetter­be­richt verspricht Sonnen­schein und milde, herbst­liche Tempe­ra­turen, so dass Filmfans auf jeden Fall die Sonnen­brille einpacken sollten, wenn sie nach Starnberg, Gauting, Seefeld oder Weßling ins Kino reisen und vorher noch eine Tasse Kaffee am See genießen wollen.

Das aktuelle Programm finden Inter­es­sierte unter www.fsff.de.

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