21.03.2019

Faszination Horror

Michael Myers
Das Messer in der Hand: Michael Myers

Die Begeisterung am Filmgenre wegen Kultfiguren wie Michael Myers aus Halloween

Von Alexander Nezeris

Michael Myers – ein Mann, ein Monster, ein Mythos. Mister Myers ist (zum Glück) keine reale Person, sondern eine Filmfigur, und zwar der Prot­ago­nist – und wenn man so möchte: Antiheld – der Halloween-Filmreihe. Vor 41 Jahren war die Horror­film-Kultfigur das erste Mal auf der Kino­lein­wand zu sehen, und zwar in Halloween – Die Nacht des Grauens (1978). Seitdem wurden insgesamt neun weitere Halloween-Filme veröf­fent­licht, letztes Jahr kam im Oktober mit Halloween (2018) der zehnte Streifen vom US-Franchise in die Kinos, seit Ende Februar dieses Jahres ist der Slas­her­movie auch schon auf DVD, Blu-ray und 4K-Ultra-HD erhält­lich. Zum Feier­tags­vor­abend von Halloween 2018 hat das cine­as­ti­sche Werk nach seinem ameri­ka­ni­schen und deutschen Kinostart am 25. Oktober laut der Internet-Film­platt­form Movie­pilot die »[Horror­film-]Konkur­renz an den deutschen Kino­kassen massa­kriert«, Film­starts zufolge legte er den »zweit­besten [Kino-]Start eines Horror­films aller Zeiten« hin und die Internet Movie Database doku­men­tiert, dass Halloween (2018) bei Produk­ti­ons­kosten in Höhe von 10 Millionen Dollar (nicht wenig!) mit Stand vom 1.6.19 einen welt­weiten Gesamt­um­satz von 253,688 Mio. $ (ziemlich viel!) einge­spielt hat. Höchste Zeit also, den kommer­ziell erfolg­rei­chen Grusel­streifen, der Anfang 2019 bei den Critics' Choice Movie Awards im kali­for­ni­schen Santa Monica als »Bester Sci-Fi- oder Horror­film« nominiert wurde, mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Halloween (2018) = Fort­set­zung von Halloween – Die Nacht des Grauens (1978)

Vor über vier Dekaden nahm mit Halloween – Die Nacht des Grauens (1978) alles seinen Lauf. Produ­ziert wurde der Klassiker des Horror­genres (welcher 2006 sogar die Ehre erhielt, ins National Film Registry aufge­nommen zu werden) vom 30 Jahre jungen John Carpenter – damals bekannt mit cine­as­ti­schen Werken wie Dark Star (1974) und später The Fog (1980) – und seiner Freundin Debra Hill. Der Mann führte zudem Regie und kompo­nierte die kultige Halloween-Filmmusik, die in fast allen Teilen des Franchise in unter­schied­li­chen Varia­tionen zu hören ist – natürlich auch in Halloween (2018). Nach dem großen kommer­zi­ellen Erfolg des ersten Halloween-Films und einer über­wie­gend positiven Bewertung von Film­kri­ti­kern entschloss man sich weiter­zu­ma­chen; drei Jahre später folgten Halloween – Das Grauen kehrt zurück (1981) und gleich im darauf­fol­genden Jahr Halloween III (1982). Während bei den ersten drei Movies das Halloween-Dreamteam Carpenter & Hill noch Produ­zenten und bei den ersten beiden Streifen auch Dreh­buch­au­toren waren, gab Carpenter bereits beim zweiten Teil die Regie an Rick Rosenthal, und bei Teil 3 sogar Regie und Drehbuch an Tommy Lee Wallace ab. Letztere Entschei­dung war wohl ein Fehler, denn Halloween III (1982) floppte (wohl wegen des doch allzu hane­büchenen Plots, der von einer Firma erzählt, in der Halloween-Masken herge­stellt werden, die die Menschen verrückt werden lassen, und in der Michael Myers nur eine Neben­rolle spielte.)

Nachdem man aber das personale Aushän­ge­schild der Halloween-Filme, den Seri­en­mörder Michael Myers, wieder in den Fokus rückte, ging es mit dem Franchise erfolg­reich weiter, auch wenn sich Carpenter & Hill komplett von dem cine­as­ti­schen Projekt zurück­zogen. 1988 erschien mit Halloween IV – Michael Myers kehrt zurück unter der Regie von Dwight H. Little Teil vier der Reihe, der zusammen mit den beiden darauf­fol­genden Shockern Halloween V – Die Rache des Michael Myers (1989) von der Regis­seurin Dominique Othenin-Girard und Halloween VI – Der Fluch des Michael Myers (1995) von Joe Cappelles bezüglich der Story eine Art Trilogie innerhalb der bishe­rigen Filmserie bildeten. Nach Teil sechs war aber noch lange nicht Schluss: es folgten zwanzig Jahre nach dem filmi­schen Ursprung der Reihe Halloween H20 (1998) unter der Regie von Steve Miner und wiederum vier Jahre später – erneut von Regisseur Rick Rosenthal – Halloween Resur­rec­tion (2002), wobei diese beiden Seri­en­teile Sequels zu den ersten beiden Halloween-Filmen darstellen und somit Teil drei bis sechs inhalt­lich igno­rieren. Im Jahre 2007 gab es dann mit Halloween und 2009 mit Halloween II vom Horror­film-Groß­meister Rob Zombie – populär aufgrund von Werken wie Haus der 1000 Leichen (2003) und The Devil’s Rejects (2005) – zwei Remakes des aller­ersten Films vom Franchise im Kino zu sehen.

Der darauf­fol­gende sage und schreibe elfte Halloween-Film vom letzten Jahr ist nun aber weder ein Sequel der inhalt­lich zusam­men­gehö­rigen ersten beiden Carpenter & Hill-Produk­tionen, noch eine Fort­set­zung der Geschichte nach Halloween VI – Der Fluch des Michael Myers (1995) oder derje­nigen nach Halloween Resur­rec­tion (2002), und auch nicht der dritte Teil des Zombie- Halloween-Franchise. Bei Halloween (2018) hat sich der Regisseur David Gordon Green in Zusam­men­ar­beit mit dem Dreh­buch­autor Danny McBride und dem mitt­ler­weile 70-jährigen Carpenter (der neben Malek Akkad und Andy Gould als Co-Produzent und auch wieder als Komponist mit von der Partie ist) dazu entschieden, unmit­telbar an die Erzählung von Halloween – Die Nacht des Grauens (1978) anzu­schließen. Gute Idee! Zwar sind viel­leicht einige einge­fleischte Fans der Reihe enttäuscht, hätten sie sich doch über eine Fort­füh­rung – und eventuell auch (endlich) mal ein Finale – der langen Geschichte rund um Michael Myers gefreut, doch bietet diese Entschei­dung für viele die Möglich­keit, neu ins Halloween-Franchise einzu­steigen, ohne sich viele Vorfilme ansehen zu müssen, um die Story nach­voll­ziehen zu können. Wer nun Halloween (2018) schaut und Gefallen findet, kann sich anschließend Halloween – Die Nacht des Grauens (1978) als Prequel zu Gemüte führen; wenn’s dabei erneut herrlich schreck­lich war, ist der Grusel­spaß mit weiteren Teilen der Reihe möglich. Es bietet sich dann an, die Geschichte von Halloween IV, V und VI zu verfolgen, oder aber diejenige nach dem siebten und achten Teil. Wer möchte, kann zuvor oder danach auch die Remakes aus den 2000er Jahren schauen und/oder den Stand-alone- Halloween-Film von 1982 (kritisch) begut­achten.

Verwirren lassen darf man sich dabei nicht von den Film­ti­teln: Halloween (2018) ist – wie oben geschrieben – kein erster Teil einer Filmreihe, dies ist Halloween – Die Nacht des Grauens (1978). Halloween (2007) ist zwar Teil eins der beiden Zombie-Halloween-Movies, aber ein Remake vom Original von vor über vierzig Jahren und somit kein Start einer komplett neuen Filmreihe; Halloween II (2009) ist deswegen auch kein Sequel zum aller­ersten Halloween. In Anlehnung an die Bezeich­nung Halloween H20 (1998) – die für »Age 20« steht, also »20 Jahre danach« – hätte der neueste Film eigent­lich den Titel Halloween H40 tragen müssen, kam er doch vierzig Jahre nach dem Klassiker in die Kinos und spielt auch inhalt­lich vier Dekaden nach den Gescheh­nissen vom 1978er-Original. Genauso wie die im Gespräch gewesene Nomen­klatur Halloween Returns hat sich dieser Titel aber nicht durch­ge­setzt – die simple Benennung »Halloween« verkauft sich nämlich besser, auch wenn dabei der ein oder andere nicht infor­mierte Kino­be­su­cher wohl ins Kino gelockt wurde, weil er dachte Halloween (2018) sei ein Einzel­film oder Anfang einer Reihe.

Die Story in Halloween (2018): Vierzig Jahre nach der grau­en­haften Nacht vom 1978er-Halloween kehrt Michael Myers in seine Heimat­stadt Haddon­field zurück und trifft erneut auf Laurie Strode

Die Geschichte vom neuesten Seri­en­teil knüpft unmit­telbar an die Vorge­schichte dazu aus dem ältesten Teil der Serie an – demnach für das Vers­tändnis von Halloween (2018) im folgenden die wich­tigsten Hand­lungs­as­pekte aus Halloween – Die Nacht des Grauens (1978): In der Halloween-Nacht im Jahr 1963 ermordet der erst sechs Jahre alte Michael Myers seine sieb­zehn­jäh­rige Schwester Judith in deren Eltern­haus in einer Straße der fiktiven ameri­ka­ni­schen Klein­stadt Haddon­field (in der Nähe von Illinois) – nicht zu verwech­seln mit der realen Stadt Haddon­field, die sich in New Jersey befindet und in der Debra Hill aufge­wachsen ist – mit einem Küchen­messer (genauer noch: ein langes Koch­messer, welches später zu Myers' Haupt-Mordwaffe und einem seiner Marken­zei­chen wird). Nach dieser im Film­prolog aus der Ego-Perspek­tive des Mörders hinter einer Clown­s­maske raffi­niert gefilmten Sequenz wurde der Schwes­ter­mörder in eine Psych­ia­trie einge­lie­fert und vom Psych­iater Dr. Samuel Loomis (gespielt vom mitt­ler­weile verstor­benen Schau­spieler Donald Pleasence) 15 Jahre lang vergeb­lich thera­piert. Im Alter von 21 Jahren und der Nacht von Halloween 1978 gelingt Michael (gespielt von Nick Castle) die Flucht aus der Anstalt, und er begibt sich auf den Weg zurück in seine Heimat­stadt. In der Straße, in der sein ehema­liges Eltern­haus steht, kommt es dann (erneut) zum Grauen: In der Nacht ermordet der Slasher drei Teenager und trifft dabei auch auf die neun­zehn­jäh­rige Laurie Strode (damals verkör­pert von der unbe­kannten Jamie Lee Curtis, heute ein Hollywood-Superstar). Dem Seri­en­mörder gelingt es aber nicht, die junge Frau zu ermorden, und die Polizei nimmt ihn fest.

An diesem »Plot-Point« vom 1978er-Halloween knüpft nun der 2018er-Halloween an: Nach seiner Festnahme wurde Michael Myers (über­wie­gend perso­ni­fi­ziert von James Jude Courtney, in einigen Szenen aber auch erneut von der Urbe­set­zung Nick Castle) wieder in eine Besse­rungs­an­stalt für psychisch schwer gestörte Täter gesperrt, wo er ganze vierzig Jahre lang thera­pie­re­sis­tent verbringt – ohne auch nur ein Wort zu sagen. In der Nacht vor Halloween 2018 soll der mitt­ler­weile 61-jährige schweig­same Hüne dann zusammen mit mehreren Insassen in eine andere Einrich­tung verlegt werden, doch der Gefan­ge­nen­trans­port misslingt (kein Spoiler! Zu sehen ist dies u.a. im offi­zi­ellen Kino­trailer zum Film): Der schul­bus­ar­tige Trans­porter kommt von der Straße ab und alle gefähr­li­chen Straf­täter können entkommen – natürlich auch der alte Michael. Und was macht er? Wohin geht er? Wer hätte es gedacht: natürlich wieder nach Haddon­field!

Vorher­sehbar, aber auch logi­scher­weise kehrt Myers in seine Heimat zurück und ermordet auf dem Weg dorthin auf brutale und kalt­blü­tige Weise zahl­reiche unschul­dige, u.a. auch die beiden Podcast-Jour­na­listen Dana (Rhian Rees) und Aaron (Jefferson Hall), die Myers einige Tage zuvor im Gefängnis und Strode in ihrem Haus besuchten, weil sie den Fall um den Massen­mörder neu aufrollen wollten. Am Ziel in Haddon­field ange­kommen, »besucht« Michael seine von ihm in Halloween – Die Nacht des Grauens (1978) ermordete Schwester auf dem Friedhof und trifft in der Halloween-Nacht auch wieder auf seine alte Bekannte Laurie Strode (erneut gespielt von Curtis, die auch im zweiten Carpenter & Hill- Halloween, sowie Halloween H20 (1998) und Halloween Resur­rec­tion (2002) die weibliche Haupt­rolle spielte). Michael hat Laurie damals nicht ermorden können und will es deswegen jetzt, sie hat sich aber damals nicht ermorden lassen und will es auch heute nicht. Miss Strode hat die letzten vier Dekaden nicht in Angst und Schrecken verbracht, sondern sich mittels Bewaff­nung, Schieß­trai­ning und Verbar­ri­ka­dieren des Eigen­heims auf die Rückkehr ihres Peinigers vorbe­reitet und tatsäch­lich jeden Tag gehofft, dass Michael Myers wieder ausbricht, damit sie ihn endlich selbst ermorden kann.

Die »never ending story« von Michael Myers – Darum hält die Halloween-Filmreihe seit mitt­ler­weile 40 Jahren uner­bitt­lich durch

Die britische (Online-)Zeitung The Guardian erklärte am 21.10.18 anläss­lich des Erschei­nens von Halloween (2018) zum ersten Film der Serie, er sei »a slasher classic you just can’t kill off«; die aufstre­bende, deutsche Horror­film-Zeit­schrift Neon Zombie dekla­rierte schon im Sommer letzten Jahres, die ganze Halloween-Filmreihe sei »eine unauf­halt­same Kraft«. Und tatsäch­lich begeis­tert das Franchise nun schon über vier Dekaden lang seine Zuschauer. Doch woran liegt das? Ganz klar: an Michael Myers.

Genauso wie bei den Schocker-Reihen vom Freitag der 13.-Franchise [1] mit Jason Vorhees oder die A Nightmare on Elm Street-Movies [2] mit Freddy Krueger ist es bei allen Halloween-Teilen (außer III, siehe oben) vor allem die mitt­ler­weile zur Ikone gewordene hand­lungs­tra­gende Filmfigur, welche den anhal­tenden Erfolg und die Popu­la­rität der Serien cine­as­ti­scher Schre­ckens­werke ausmacht. Laut Robots and Dragons legt Halloween (2018) schon im offi­zi­ellen Film­trailer den Fokus auf Michael Myers, musik­ex­press zufolge ist er nach nur einer Szene aus dem kurzen Einblick in den ganzen Streifen »das perfekte Monster«. Eine passende Gele­gen­heit, sich die Halloween-Haupt­figur mal genauer anzusehen, um dem Mythos Myers auf die Spur zu kommen. Hierzu bietet sich eine Betrach­tung der zentralen Aspekte vom Konzept der Filmfigur an. Die Enthül­lung möge beginnen!

Der Name: »Michael« ist einer der häufigsten Vornamen in Amerika und Deutsch­land, der ameri­ka­ni­sche Nachname »Myers« wird in den USA genauso wie das deutsche Pendant »Maier« (oder auch »Müller«) hier­zu­lande oft vergeben. Es gibt also Millionen von Michael Myers/Maier – jeder von ihnen könnte (vom Namen her) der Massen­mörder aus dem Film sein. Ist das nicht herrlich beun­ru­hi­gend? Übrigens: Michael Myers hat sogar einen zweiten Vornamen: Audrey. Weil Michael Audrey Myers aber zu freund­lich klingt, keine (kleinst­mög­liche) Alli­te­ra­tion bildet und der Name Michael Myers simpler, puris­ti­scher und einpräg­samer ist, hat man sich gegen die lange Namens­ge­bung entschieden.

Das Aussehen: Michael Myers sieht (unkos­tü­miert) aus wie ein gewöhn­li­cher Mann – auch demnach könnte jeder er sein. Der Prot­ago­nist verkleidet sich aller­dings: Fast ausschließ­lich trägt er einen dunkel­braunen Ganz­körper-Overall und stülpt sich eine weiße Gesichts­maske mit angenähtem braun-grauen Wuschel­haar-Toupet über den Kopf – eines seiner Erken­nungs­merk­male und Marken­zei­chen. Diese Ausse­hen­sän­de­rung ist aller­dings nicht sonder­lich aufwendig: Jeder könnte schnell in die optische Rolle des Killers schlüpfen. Durch die Verklei­dung verbirgt Michael einer­seits sich, sein Gesicht bzw. seine »wahres Ich« und wird zumindest optisch zu einer Kunst­figur, hinter deren Fassade sich nur schwer blicken lässt. Der Zugang zum kostü­mierten, myste­riösen Myers fällt auch dadurch schwer, dass er nie etwas sagt – er schweigt stets wie ein Grab.

Das Verhalten: Michael Myers mordet. Das ist sein typischstes Verhalten, was er am häufigsten tut und was ihn auszeichnet. Erstaun­lich ist dabei die große Anzahl an Mord­op­fern – zählt man alle aus allen Halloween-Filmen zusammen, sind es über 100. Erschre­ckend dabei, wie einfach und routi­niert der Multimörder seine Opfer ohne jegliche Gewis­sens­bisse elimi­niert: Wenn er nicht gerade mit bloßen Händen tötet, nimmt sich Michael meist einfach einen Hammer oder ein Messer (anderes Marken­zei­chen: langes Koch­messer) und schlägt oder sticht zu. So furchtbar wie simpel lässt sich auch diese Verhal­tens­weise problemlos nach­stellen, verhal­tens­tech­nisch kann man schnell »ein Myers sein«.

Das Jagd­re­vier: Der Seri­en­mörder tötet nicht etwa (oft) an exoti­schen Orten, sondern meist in ameri­ka­ni­schen Reihen­haus­sied­lungen. Diese gibt es in den USA zuhauf, es handelt sich also um eine bekannte und vertraute Gegend (zumindest für die meisten US-Familien, aber auch den deutschen Kino­zu­schauer). Und in genau dieser Umgebung schlägt Michael zu: Genau dort, wo man sich Zuhause fühlt. Hm, wie schön unan­ge­nehm …

Die Unzer­stör­bar­keit: Bei all den Morden und Mord­ver­su­chen ist es nicht so, dass sich des Mörders Opfer nicht gegen den Straf­täter wehren: die Figur wird in allen Halloween-Filmen an- oder über­fahren, ge- oder erschlagen, ge- oder erstochen, an- oder erschossen – steht aber trotzdem immer wieder auf! Myers ist zwar verwundbar, scheint aber unver­wüst­lich zu sein. Und ist das nicht für den Film­be­trachter herrlich schreck­lich, wenn auf der Leinwand ein psycho­pa­thi­scher Seri­en­mörder einfach nicht sterben will? Der Mordsspaß hört nicht auf!

Charak­ter­ei­gen­schaften: Wenn sich jemand Michael Myers gegenüber schlecht verhält, will er sich dafür rächen und denje­nigen bestrafen. Bei der Verfol­gung dieses Ziels ist der Rächer dabei absolut hart­nä­ckig: Er hört erst auf, wenn erreicht ist, was er will – auch wenn er dabei über Leichen gehen muss. Selbst­ver­s­tänd­lich höchst verwerf­lich, was der Mann da tut, doch auf eine merk­wür­dige Art und Weise kommt eine gewisse »Hut ab«-Einstel­lung auf für Charak­ter­ei­gen­schaften wie Ziel­stre­big­keit, Durch­hal­te­ver­mögen, konse­quentes und konstantes Verhalten. Diese Persön­lich­keits­merk­male sollte man aber natürlich für etwas anderes wie Morden einsetzen, zum Beispiel Arbeit!

Das Druck­luft­ventil: Jeder ärgert sich mal über seine Mitmen­schen – sei es der Chef, der Lebens­partner, die Familie oder Freunde. Manchmal tritt leider auch Wut, Hass und/oder Zorn auf und man möchte die Person des Ärgers gerne zum Mond schießen oder aber sogar zum Teufel jagen. Letzteres darf man aber aus recht­li­cher und mora­li­scher Hinsicht nicht tun, weswegen die meisten davon absehen, nicht aber Michael Myers. Aller negativen Energie, die reale Menschen glück­li­cher­weise (meistens) nicht an anderen echten Personen auslassen, lässt die fiktive Figur freien Raum und mordet, was das Zeug hält. Das ist von demher für den Zuschauer gut, weil eine nicht-exis­tie­rende Filmfigur für ihn sich all den Frust von der Seele morden kann, damit ein echter Mensch es in der Realität nicht mehr tun muss. Michael Myers mit seinen Halloween-Filmen ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass das Horror­film-Genre einen positiven psycho­lo­gi­schen Effekt auf den Zuschauer haben kann, nämlich die Katharsis von schlechten Gefühlen – wohl auch das »Jammern und Schaudern«, wie es bereits Aris­to­teles im Fall der klas­si­schen Tragödie (von dem der Horror­film eine moderne, cine­as­ti­sche Form sein kann) in seiner »Ars poetica« beschrieb.

Der schwarze Mann: In einigen Teilen der Filmreihe ist vom »schwarzen Mann« die Rede und dass Michael Myers dieser sein soll. Somit fungiert die Filmfigur nicht nur als reale Person innerhalb des Halloween-Film­ge­sche­hens und als verklei­dete Kunst­figur (siehe oben), sondern auch auf einer über­ge­ord­neten Ebene: Er ist nicht mehr bloß Mensch, sondern sogar die Perso­ni­fi­ka­tion einer mythi­schen Figur aus Erzäh­lungen, die in der Mensch­heits­ge­schichte schon lange zurück­reicht.

Die Halloween-Figur: Wie man den Titeln vom Halloween-Franchise unschwer entnehmen kann, spielt sich die Handlung der Shocker­mo­vies über­wie­gend an Halloween ab. Dies ist geschickt gewählt, gilt doch der vor allem in Amerika beliebte, freie Jahrestag als Grusel-, Schauer- und Horror-Feiertag und was passt dazu nicht besser ins Kino als ein psycho­pa­thi­scher Seri­en­mörder und seine abscheu­li­chen Taten. Der Hallo­ween­tra­di­tion der Verklei­dung kommt Myers auch nach (weswegen der gesuchte Mörder an diesem Tag auch unauf­fällig durch die Gegend laufen kann), sowie auch dem Brauch der abend­li­chen Wanderung von (Haus-)Tür zu Tür – Michael nimmt aber dort natürlich nicht wie Kinder Süßig­keiten, sondern Leben. Die Filmfigur verle­ben­digt somit den Geist des Feiertags Halloween, er ist in der Horror(film)-Szene und Popkultur mitt­ler­weile ein charak­te­ris­ti­sches Element. Und das ist wohl das größte Erfolgs­ge­heimnis der Halloween-Reihe, weswegen sie sich seit über 40 Jahren hält und wohl auch weiterhin halten wird: Halloween wird es noch lange geben, und an diesem jährlich wieder­keh­renden Tag wollen die Menschen nicht etwa den Oster­hasen oder Weih­nachts­mann sehen. Nein! Nein! Nein! Die Leute wollen erschreckt werden. Grusel­spaß soll es geben. Michael Myers wird es sein …

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Ergän­zende Film­listen:

[1] Freitag, der 13. (1980), Freitag der 13. – Jason kehrt zurück (1981), Und wieder ist Freitag der 13. (1982), Freitag der 13. – Das letzte Kapitel (1984), Freitag der 13. – Ein neuer Anfang (1985), Freitag der 13. – Jason lebt (1986), Freitag der 13. – Jason im Blut­rausch (1988), Freitag der 13. – Todes­falle Manhatten (1989), Jason goes to hell – Die Endab­rech­nung (1993), Jason X (2001), Freddy Vs. Jason (2003) und Freitag der 13. (2009).

[2] Nightmare – Mörde­ri­sche Träume (1984), Nightmare II – Die Rache (1985), Nightmare III – Freddy Krueger lebt (1987), Nightmare on Elm Street IV (1988), Nightmare on Elm Street V – Das Trauma (1989), Freddy’s Finale – Nightmare on Elm Street VI (1991), Freddy’s New Nightmare (1994), Freddy Vs. Jason (2003) und A Nightmare on Elm Street (2010).

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