21.02.2019

Mein weißer Schatten

Haro Senfts »Der sanfte Lauf«
Der erste Spielfilm mit Bruno Ganz in einer Hauptrolle: Haro Senfts Der sanfte Lauf

Zum Tod von Bruno Ganz, der nicht nur Träger des Iffland-Rings, sondern seit über 50 Jahren auch einer der markantesten und subtilsten Darsteller des deutschen und internationalen Films gewesen ist.

Von Axel Timo Purr

Zuerst dachte ich, ein kleines Facebook-Posting reicht aus, um an einen der größten Schau­spieler der letzten Jahr­zehnte, zu erinnern. Aber je mehr ich mich an das Verschwinden von Bruno Ganz versuchte zu gewöhnen, desto mehr spürte ich, wir groß der Verlust ist, dass ein Posting nicht ausreicht, dass einfache Schlag­worte, so gut sie auch klingen mögen, Trau­er­ar­beit eher aushöhlen, als füllen.

Dabei ist es in meinem Fall eigent­lich nur ein halber Verlust, denn ich habe Ganz nie auf der Bühne gesehen, die er mit seinem eigen­ar­tigen, somnam­bulen Spiel so sehr für sich einnahm, dass er 1996 den Iffland-Ring testa­men­ta­risch von seinem Vorgänger Josef Meinrad erhielt und damit zum »bedeu­tendsten und würdigsten Bühnen­künstler des deutsch­spra­chigen Theaters« wurde.

Aber der halbe Verlust wirkt dann doch wie ein ganzer Verlust, weil Bruno Ganz für mich auch mein Coming-of-Age im deutschen Film war, ein wichtiger Teil meiner Filmo­grafie, meinem zweiten Leben gewesen ist. Weil ich zu spät geboren bin, habe ich die ganz frühen Filme, etwa seinen ersten, in dem er eine Haupt­rolle gespielt hat, nie gesehen: Haro Senfts Der Sanfte Lauf (1967) – einer der ersten Spiel­filme, der im Anschluss an das Ober­hau­sener Manifest durch das Kura­to­rium junger deutscher Film teil­fi­nan­ziert worden war und der langsame Aufstieg für den stillen, hellen Schatten, den Bruno Ganz auf den Neuen Deutschen Film werfen sollte.

Ab Mitte der 1970er war Ganz dann omni­prä­sent im Neuen Deutschen Film. Und ähnlich wie auf der Bühne zeichnet ihn auch in all seinen Filmen dieses Abschnitts eine tran­szen­den­tale Spiel­weise aus, die »seine« Figuren und ihre Sinnsuche auf eine melan­cho­li­sche, traum­wand­le­ri­sche Weise durch­drang. Und das war nicht nur seiner Sprache, dem nie ganz abge­legten, murme­ligen Schweizer Akzent geschuldet, sondern einer Verkör­pe­rung des Suchens und Sinn­fin­dens, die einzig­artig war.

Man denke nur an Geißen­dör­fers Wildente (1976), Wenders Ameri­ka­ni­schen Freund (1977) Handkes Links­hän­dige Frau (1978), Hauffs Messer im Kopf (1978), Herzogs Nosferatu (1979), Schlön­dorffs Fälschung (1981), oder Alain Tanners portu­gie­sisch-schweizer Kopro­duk­tion In der weißen Stadt (1983). Jeder dieser Rollen wurde – auch wenn die lite­ra­ri­schen Vorlagen anders hätten inter­pre­tiert werden können – immer trans­for­miert zu etwas völlig anderem, Bruno-Ganz-Eigenem. Seine Verkör­pe­rung des Jonathan im Ameri­ka­ni­schen Freund hatte auch nach den vielen Jahren, die seit dem »ersten Mal« vergangen waren, immer noch soviel Präsenz und subver­sive Kraft, dass ich – wenn schon nicht diese Rolle – dann doch wenigs­tens diesen Namen in die reale Welt retten wollte, und meinen Sohn Jonathan nach ihr benannte.

Aber auch nach dem Ende der viel­leicht inter­na­tional erfolg­reichsten Zeit des deutschen Films, blieb Ganz dem deutschen Film und einigen Regis­seuren verbunden. Für Wenders gab er in Der Himmel über Berlin den Engel, ein Film den ich nie mochte, und nur wegen Bruno Ganz ein weiteres Mal gesehen habe. Und auch mit Peter Handke hat er für Die Abwe­sen­heit noch einmal zusam­men­ge­ar­beitet. Und noch viel später, 2004, hat er in Oliver Hirsch­bie­gels Der Untergang selbst Hitler zu einem Suchenden und Zwei­felnden trans­for­miert.

Aber auch inter­na­tional hat Bruno Ganz sein Spiel kompro­misslos sanft vertreten, hat Rollen ange­nommen, die immer wieder auch über­ra­schend waren und hat auch damit eine Liste von Regis­seuren bedient, die so lückenlos und fehler­haft zugleich wie die eigene Lebens­linie ist: Éric Rohmer, Mauro Bolognini, David Hare, Theo Ange­lo­poulos, Jonathan Demme, Francis Ford Coppola, Stephen Daldry, Bille August, Jean-François Adam, Ridley Scott oder Atom Egoyan und noch viele andere, deren Namen heute längst vergessen sind.

In den letzten Jahren verschwand das »Suchen« und auch »Zweifeln« in seinem Spiel immer mehr, war nur noch als sanft gurgelndes Wellen­plät­schern wahr­zu­nehmen und wurde durch ein wahr­schein­lich alters­be­dingtes »Gehen« und »Rück­bli­cken« ersetzt. Schon als Almöhi in Alain Gsponers über­zeu­gender Heidi-Adaption war er nicht mehr ganz von dieser Welt und »entrückter«, als die Rolle bislang inter­pre­tiert worden war.

Und ganz zuletzt, im letzten Jahr, 2018, sind es dann eigent­lich nur noch Übungen im Abschied­nehmen. Zuletzt als Führer durch die Unterwelt in Lars von Triers The House That Jack Built und als alter Sigmund Freud in Nikolaus Leytners Der Trafikant. So als wolle er sich schon im Film auf seine ganz besondere Art und Weise von uns verab­schieden und uns damit trösten, dass das Leben nun wirklich nicht alles ist, was zählt, im Leben.

Bruno Ganz ist am 16. Februar 2019 im Alter von 77 Jahren verstorben.

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