24.01.2019

Gegen das Konfektionskino

Das melancholische Mädchen
Susanne Heinrichs »melancholisches Mädchen« ist auch bei der Woche der Kritik Berlin zu sehen

Ein souveräner Film gegen den taubblinden Mainstream: Das melancholische Mädchen von Susanne Heinrich gewinnt beim 40. Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken

Von Rüdiger Suchsland

Das Festival Max-Ophüls-Preis in Saar­brü­cken ist das wich­tigste Nach­wuchs­fes­tival für den deutsch­spra­chigen Film. Am Sonntag ging die 40. Ausgabe zu Ende, die zum Teil hoch­do­tierten Preise wurden bereits am Samstag verliehen – Sieger wurde ein Film, der stilis­tisch wie inhalt­lich quer lag zu den aller­meisten anderen Beiträgen: Susanne Heinrichs Das melan­cho­li­sche Mädchen. Dieser Sieger­film schmückt bereits in wenigen Wochen die »Woche der Kritik Berlin«, die parallel zur Berlinale abge­halten wird, und wird dann auch noch von dieser in der Sektion »Perspek­tive deutsches Kino« nach­ge­spielt.

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Was für ein beson­derer Film! Das melan­cho­li­sche Mädchen, das Filmdebüt der Berliner dffb-Studentin Susanne Heinrich, hat den Max-Ophüls-Preis ganz und gar verdient gewonnen.
Es gab noch ein anderes Werk im Programm, das den Preis auch verdient hätte – der komplett anders geartete Film Stern von Anatol Schuster, der von einer 90-jährigen Berli­nerin erzählt, die versucht, sich in Neukölln eine Schuss­waffe zu besorgen – denn sie will sterben...
Stern ist impro­vi­siert, wo Das Melan­cho­li­sche Mädchen kontrol­liert ist; Stern ist natu­ra­lis­tisch, wo Das melan­cho­li­sche Mädchen in komplett künst­li­chen und designten Räumen spielt; Stern ist neugierig und offen für Zufall und Spon­ta­n­eität, wo Das melan­cho­li­sche Mädchen sich nicht einmal den kleinsten Exzess, keine Irri­ta­tion seines Konzepts erlaubt.
Aber beide Filme sind ziemlich lustig – was man ja von den meisten deutschen Anfän­ger­filmen keines­wegs behaupten kann. Und beide haben zumindest noch eines gemeinsam: Sie sind eine entschlos­sene Absage an das konfek­tio­nierte, forma­tierte, von Förder­gre­mien und Fern­seh­re­dak­teuren abhängige deutsche Mehr­heits­kino.

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Das melan­cho­li­sche Mädchen ist ein sehr guter, aber vor allem ein bedin­gungslos souver­äner Film. Mag schon sein, dass Regis­seurin Susanne Heinrich irgend­wann auch auf irgendwen hören musste, dass der Film noch einmal an der einen oder anderen Stelle umge­schnitten wurde, als neue Geldgeber ins Spiel kamen. Aber er wirkt nicht so.
Das melan­cho­li­sche Mädchen ist manchmal sperrig, manchmal launisch, auch mal verschwur­belt, oft über­ra­schend und sehr sehr eigen­willig. Vor allem ist der Film intel­li­gent, schön, präzise und wie gesagt sehr witzig. Der Eindruck, den dieser Film hinter­lässt, ist, dass er genau so geworden ist, wie ihn die Regis­seurin haben wollte. Ohne Kompro­misse – eben souverän. Genau das, was Auto­ren­kino immer war – und was es auch in Zukunft sein sollte.
Man will Susanne Heinrich von ganzem Herzen gratu­lieren!

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Man muss aber auch ein paar Dinge fest­stellen: Denn dieser Preis wurde von einer Jury vergeben, der nur bekannte Größen des deutschen Kinos angehörten, zwei Regis­seure, eine Produ­zentin, die bedeu­tendste Künst­ler­agentin der deutschen Filmszene und ein Schau­spieler.
Auch durch die Autorität dieser Jury wirkt dieser Preis wie ein Hilfe­schrei und jeden­falls als ein Weckruf.
Gegen die gras­sie­rende Konfek­tio­nie­rung und Forma­tie­rung des deutschen Kinos, die leider immer mehr überhand nimmt, die künst­le­ri­schem Wagemut und kreativer Spon­ta­n­eität die Luft abdreht.
Dieser Haupt­preis­träger und einige wenige andere Filme im Wett­be­werb dieses Nach­wuchs­fes­ti­vals stehen gegen alles, was das deutsche Kino zur Zeit in seiner Haupt­sache ausmacht.
Gegen den taub­b­linden Main­stream, wie er sich zuletzt erst vor zehn Tagen in den Vorno­mi­nie­rungen der deutschen Film­aka­demie zum Bundes­film­preis zeigte.

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Wissens­wert ist außerdem, dass die Regis­seurin Susanne Heinrich zum Kern jener Studenten-Gruppe gehört, die 2015 und 16 an der Berliner DFFB gegen den Kultur­funk­ti­onär des Berliner Senats Björn Böhning und gegen die aufok­troy­ierten neuen Direk­to­ren­kan­di­daten rebel­liert hatten – wenn man diesen Film gesehen hat, versteht man, dass dies auch ein Preis für die alte DFFB-Tradition und ihre frei­geis­tige Art des Filme­ma­chens ist.
Genau dieses radikale Berliner Auto­ren­kino, für das Namen wie Harun Farocki oder Christian Petzold stehen, und das inter­na­tional hoch­in­ter­es­sant gefunden wird, ist der deutschen Film­kul­tur­büro­kratie nicht kommer­ziell genug, und daher uner­wünscht – die Neustruk­tu­rie­rungen der Berliner Film­hoch­schule durch den Briten Ben Gibson sind genau gegen solche Filme gerichtet.

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Die anderen Haupt­preise gingen daher auch kaum über­ra­schend an zwei öster­rei­chi­sche Filme: Kurdwin Ayubs furiosen Boomerang und an Die Schwingen des Geistes von Albert Meisl.
Einmal mehr bewies dieses wich­tigste deutsch­spra­chige Nach­wuchs­fes­tival, dass man hier jedes Jahr aufs Neue sehr genau erleben kann, was im jungen deutschen Kino die Stunde geschlagen hat.

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»Das Ende ist der Anfang« heißt es, ziemlich zum Schluss in Endzeit, Carolina Hells­gards Film im Wett­be­werb in Saar­brü­cken. Viel­leicht ist das ja ein Trost, denn zu dem Zeitpunkt sind die beiden Heldinnen schon von merk­wür­digen pflan­zen­ar­tigen Zombies gebissen worden, Efeu rankt sich aus Ohr und Nasen­löchern, und sie beschließen, nicht wieder in den Schoß der Mensch­heit zurück­zu­kehren, sondern etwas Neues zu probieren.
Endzeit nach der Graphic Novel von Olivia Vieweg und auch sonst fast ausnahmslos von Frauen insze­niert, ist ein femi­nis­ti­scher Zombie­film und damit der überaus seltene Fall eines Genre­films aus Deutsch­land: In Thüringen gedreht, mit zwei Millionen nicht schlecht, aber vergleichs­weise knapp ausge­stattet, riss er nach seiner Welt­pre­miere in Toronoto ameri­ka­ni­sche Kritiker zu Verglei­chen mit dem Netflix-Hit »Anni­hilation« hin. Das ist etwas hoch gegriffen, aber allemal muss sich »Endzeit« hinter Hollywood-Vorbil­dern keines­wegs verste­cken. Vor allem die großar­tige Kame­ra­frau Leah Striker macht aus der finan­zi­ellen Not eine Tugend, indem sie die Märchen­land­schaft der Thüringer Wälder zum dritten Haupt­dar­steller macht – neben der äthe­ri­schen Gro Swantje Kohlhof und der amazo­nen­haften Maja Lehrer – und auch sonst über­ra­schende, immer lein­wand­fül­lende Bilder findet, so dass man sich über die konfuse Story nicht lange ärgert.
Endzeit möchte auch eine Ökofabel sein, darum bieten die Dialoge allerhand esote­ri­sches Geschwurbel über die »Chance, die der Untergang bietet«, und das Chaos, in dem der Frieden liegt. Der Weg, der die Haupt­fi­guren von Weimar nach Jena führt, ist auch meta­pho­risch zu verstehen – von der klas­si­schen Klarheit geht’s ins Nebelmeer der Romantik.

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Auch zur Eröffnung gab es Genrekino: Das Ende der Wahrheit von Philipp Leinemann ist ein brisanter Polit­thriller. An der Ober­fläche handelt er vom BND und ist nicht nur wegen der Causa Maaßen über­ra­schend aktuell. Leinemann (Wir waren Könige) hat viel Sinn für das Innen­leben von komplexen Orga­ni­sa­tionen und Lust am Portait stupider Sitzungen, Arbeits­rou­tinen und der staat­li­chen »PR-Arbeit«, die eigent­lich nur der Infor­ma­ti­ons­ver­schleie­rung dient. Tatsäch­lich aber zielt der Film weniger auf die Untiefen der Geheim­dienste als auf die Folgen der Priva­ti­sie­rung staat­li­cher Hoheits­auf­gaben, etwa bei den Aufbau­hilfen in Ländern wie Afgha­nistan, und die Unmoral der Industrie.
Wenn er einfach Explo­sionen, Schieße­reien und Attentate zeigt, ist der Film am besten: Kühl, klar und unsen­ti­mental. Alexander Fehling und Claudia Michelsen entspre­chen diesem Ansatz am besten, während Haupt­dar­steller Ronald Zehrfeld immer wieder zum senti­men­talen Brummbär wird. Wenn es um das Portrait der Menschen geht, dann verwan­delt sich Kino- in Fern­sehäs­t­hetik – trotz allem Bemühen wird zu sehr gemen­schelt. Dieser Verzicht auf Härte, Kühle und blau­schwarze Noir-Atmo­s­phären unter­scheidet Das Ende der Wahrheit dann doch von den Vorbil­dern aus Frank­reich, Italien und USA.

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Solche unge­wöhn­li­chen Stoffe sind in diesem Jahr die Ausnahme. Die Mehrzahl der Filme kommt nicht an die Perlen aus der Jubiläums­reihe heran, in denen frühe Saar­brü­cken-Erfolge von Christian Petzold, Dominik Graf und Wieland Speck markierten, was für Karrieren in Saar­brü­cken begannen und beginnen könnten.
Statt­dessen Erwart­bares: Weib­li­ches und männ­li­ches Selbst­ver­hältnis, Ichfin­dung und Bezie­hungs­ge­schichten. Selten drehen diese sich um ganz junge Paare, eher scheint es sich um einen leicht beun­ru­higten Blick der Mitt- oder Spät­zwan­ziger-Regis­seure auf ihre eigene Zukunft in zehn bis 15 Jahren zu handeln: Ein Paar auf Urlaub langweilt sich mitein­ander. Eine Ex-Liebe flammt wieder auf und stört den Alltags­trott. Ein einsamer Kauz verfolgt als Spanner eine Frau und lernt sie schließ­lich kennen, was die Lage auch nicht verbes­sert. Dazu das neue Thema: Die Ängste der Männer; ihre Zweifel über ihre Vater­rolle. Moralisch ist das alles unbedingt sympa­thisch. Aber künst­le­risch spannend? Ästhe­tisch heraus­for­dernd? Kino ist ja keine Paarthe­rapie und kein Ersatz fürs Jugendamt.

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Es ist auch kein Staatsakt. In den fühlte man sich versetzt, als das 40-jährige Festival-Jubiläum ausge­rechnet mit einem Ehren­preis für Iris Berben gefeiert wurde. Die mag ihre poli­ti­schen Verdienste haben, die Außen­mi­nister Heiko Maas als Lokal­ma­tador und Laudator auch ausgiebig hervorhob – das unab­hän­gige deutsche Kino und seine Zukunft reprä­sen­tiert sie aber genauso wenig wie Til Schweiger, dessen Präsenz am Samstag auch noch das Jubiläum aufpeppen sollte. Schweiger gefiel sich aber in dem von ihm gewohnten spät­pu­ber­tären Gehabe: Die Preis­statue sei so hässlich gewesen, dass er sie gleich am Morgen nach der Preis­ver­lei­hung zerschlagen habe – eine blöde Geste gegen das gast­ge­bende Festival.

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Das Festival »Max-Ophüls-Preis« sollte sich in Zukunft vor solchen soge­nannten »Events« und überhaupt vor zu viel Nähe zum Bran­chen­main­stream hüten. Beide Gäste waren ein falsches Signal in einer Zeit, in der der deutsche Kino-Main­stream schon zombie­hafte Züge hat, und nur in präzisen Gren­züber­schrei­tungen noch Erfolgs­chancen liegen – Stichwort Toni Erdmann.
Im Vergleich zu ihren beiden ersten Jahren wirkte die dritte Ausgabe von Direk­torin Svenja Böttger etwas ermüdeter und so als wolle man es (zu?) vielen recht machen. Nicht jedes Jahr kann gleich stark sein, um so mehr muss Saar­brü­cken darauf achten, dass es unver­wech­selbar bleibt und sich als klarer Inde­pen­dent-Ort vom Mittelmaß der Branche abhebt.
Die zeitliche Nähe zur Berlinale birgt Gefahr, könnte aber auch Chance sein. Ab dem kommenden Jahr dürfte aber die Berlinale selbst ihr verwa­schenes Profil schärfen. Das gilt insbe­son­dere für den Umgang mit dem deutschen Nachwuchs.
Es sollte gar nicht erst der Verdacht aufkommen, dass Saar­brü­cken zur Rester­ampe von Perspek­tive und dem übrigen Dutzend Berlinale-Sektionen wird.

Ein Preis­träger wie Das Melan­cho­li­sche Mädchen hilft dabei. In anderen Bereichen, in der Wahl der Gäste, der Bran­chen­talkthemen, und nicht zuletzt der Location für das abend­liche Film­talken und Get Together ist noch einiger Raum nach oben offen.

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Formal wilde Filme und unge­wöhn­lich erzählte Stoffe wie beim letzt­jäh­rigen Gewin­n­er­film Landrau­schen suchte man ansonsten vergebens. Immerhin Electric Girl von der bekannten Comic-Autorin Ziska Riemann gab Hoffnung. Und Anatol Schusters Stern. Er habe den Film ganz schnell gedreht, erzählte Schuster, und leider ohne Förderung. Obwohl er seine Mitar­beiter nicht bezahlen konnte, »war Ausbeu­tung für uns nie das Thema. Wir wollten die Unmit­tel­bar­keit«.
Solche Guerilla-Methoden sind der Geist, aus dem die deutsche Kino-Zukunft jenseits des Förder­büro­kra­tismus gedeihen kann. Damit der Anfang nicht das Ende wird.

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