15.11.2012

Auf dem Film­school-Campus

Volume von Mahalia Beo
Unbegreifliches Coming of Age:
Volume von Mahalia Beo

Hochkarätiges auf dem Internationalen Festival der Filmhochschulen in München

Von Dunja Bialas

Es ist immer gut zu wissen, dass man in der Filmstadt München noch Neues entdecken kann. So das Inter­na­tio­nale Festival der Film­hoch­schulen, auf englisch schön kurz und knapp »film­school­fest«. Das Festival gestal­tete sich mir bislang vor allem als Ansamm­lung aufge­drehter knapp über 20-Jähriger, die das Stadtcafé in München verstopfen und das Film­mu­seum für eine Woche belagern, so dass die Cineasten-Mischpoke, also unsereins, sich heimatlos und vertrieben vorkam. Und vor allem wären wir nie auf die Idee gekommen, uns unter das Jungvolk zu mischen. Zu viele Vorur­teile, die sich aber allesamt auf konkreten Film­er­leb­nissen begründen, hatten wir im Laufe der Jahre ange­sam­melt, wodurch sich sogar ein eigene, leicht abfällige Genre­be­zeich­nung kreieren ließ: »Hoch­schul­film«. Ein Hoch­schul­film war demnach ein Film, der etwas unbholfen, mit jugend­li­chem Über­schwang von einem an sich eher belang­losen Ereignis erzählte, an dem sich am Schluss meist eine Pointe aufdrängte, um die Drama­turgie nach Lehrbuch zu komplet­tieren, alles das mit der Aufbie­tung der erstaun­lichsten filmi­schen Mitteln: Kamera top, Sound Design ausge­feilt, Schnitte genau richtig gesetzt. Also: drama­tur­gi­scher Holz­schnitt in Verbin­dung mit tech­ni­scher Fein­zi­se­lie­rung, das waren für uns »Hoch­schul­filme«.

Und jetzt zum ersten Mal der Besuch des »Film­school­fests«. Ich reihe mich im 1. Stock im Film­mu­seum in die Schlange vor der Kasse ein, und lasse das etwas mühselige, aber einleuch­tende Ticket-System über mich ergehen. Unten im Saal ist es schon brechend voll. Ich fühle mich irgendwie zwischen Taizé, Erasmus-Campus und – ja, Film­school. Alles sehr inter­na­tional, aufgeregt summend wie in einem Bienen­schwarm. Man hat sofort das Gefühl: hier ist man dabei. Dabei an einem Ereignis, den eigenen Film und den seiner Mitschüler jetzt gleich auf großer Leinwand im inter­na­tio­nalen Kontext zu sehen, viel­leicht einen Preis zu gewinnen, viel­leicht von einem Redakteur »entdeckt« zu werden, viel­leicht der Nachwuchs zu sein, der Jahre später Karriere gemacht haben wird, und nicht das anspruchs­volle Regie­stu­dium in die Kiste mit den nost­al­gi­schen Erin­ne­rungen gepackt hat. Ich notiere mir: Prozent­satz derer, die nach dem Studium an einer Film­hoch­schule tatsäch­lich auch eigene Filme drehen, heraus­finden. Im Moment fallen mir nur Warnungen ein, ein Film­stu­dium zu beginnen, wie sie kürzlich durchs Internet geis­terten. Zuletzt: »Bad News«, ein Beitrag von Pepe Danquart, den er auf Dokville 2012, dem Bran­chen­treffen der Doku­men­tar­filmer hielt. Und bei den Spiel­fil­mern sieht es nicht sehr viel anders aus.

Dann beginnt das erste Wett­be­werbs­pro­gramm. Vorher ein Trailer, der variiert wird, eine augen­zwin­kernde Demons­tra­tion mit dem Kuleschow-Effekt. Kuleschow-Effekt, noch nie gehört? Dann haben Sie noch nie eine Film­hoch­schule von innen gesehen. Hier wird der »Trick«, über narrative Ellipsen und entspre­chender Montage Zusam­men­hänge zu erzählen, bereits im ersten Studi­en­jahr gelehrt, er gehört zum ABC oder kleinen 1x1 der Beginners.

Gleich nach den ersten Filmen notiere ich mir: Hier stimmt alles! Die Atmo­s­phäre der Filme, ihre Länge, die Geschichten. In keinem Moment wird hier Kurzfilm als das schreck­liche Genre ausge­kleidet, wie man ihm allzuoft begegnet (bei den kompi­lierten Kurz­film­pro­grammen zum Beispiel, die gerne auf Tournee geschickt werden). Die Film­hoch­schüler explo­rieren die Kurzform als eigene Erzähl­länge, die von einer Geschichte ausge­füllt wird. Hier stimmt, was der fran­zö­si­sche Film­kri­tiker Jean-Pierre Rehm von Filmen verlangt: es solle keine kurzen und keine langen Filme geben, sondern einfach nur Filme!

Dabei zeugen die Filme von einer großen Diver­sität. Viele sind ästhe­tisch ausge­feilt, andere wiederum erzählen eine kleine Geschichte mit geringem Tech­nik­auf­gebot. Allen ist ihnen gemeinsam: Sie haben für ihre Geschichte immer die richtige Tonart gefunden. So reiht sich in den Programmen 1-3, die ich jetzt sehe, Hoch­karä­tiges an Hoch­karä­tiges. Das macht süchtig, zielt doch jeder stimmige Film direkt in das Beloh­nungs­zen­trum des Gehirns, das einem sagt: mehr und mehr davon!

So beginnt es mit Men on the Earth, einem austra­li­schen Film der Schule VCA, wie ich dem – für meine Zwecke unsin­ni­ger­weise nach Film­hoch­schulen sortierten – Katalog entnehme. Der Film ist wie ein Tableau, auf dem Bauar­beiter an einer Straße mit undurch­sich­tigen Gesten beschäf­tigt sind. Unver­s­tänd­liche Rituale voll­ziehen sich, von der Stimmung wie ein irischer Berg­ar­beiter-Film. Man kann ihn sich gut vorstellen, als eine Szene in einem umfas­senden Ganzen, in einer posta­po­ka­lyp­ti­schen Welt zum Beispiel, in dem alles leise geworden ist und sich nur noch eine seltsame Absur­dität vollzieht. Überhaupt: Bei vielen Filmen kann man sich drumherum ein größeres Ganzes vorstellen, die das kurze Stück ohne Mühe bei sich einglie­dern. Auch das ein Zeichen dafür, dass für das jeweilige Erzählte genau die richtige Länge und der richtige Rhythmus gefunden wurde.

Ein Asia-Kurzfilm, der auch ein Langfilm sein könnte, wie man ihn auf inter­na­tio­nalen Festivals zu sehen bekommt, mit der Einschrän­kung, dass dieser Film weiß, dass er als Kurzfilm genügt (im Gegensatz zu vielen seiner Pendants), ist The Home Gleaners von der BFA, der Pekinger Film­schule. Der Film erzählt eine weit­ge­fasste Version von Charlie Chaplins sozialem Rührstück The Kid: ein Altma­te­ri­al­sammler lebt vom Brief­ta­schen-Recycling wegge­wor­fener Diebes­s­tücke, indem er Finder­lohn kassiert. Ein Junge findet in einer dieser Brief­ta­schen das Bild seiner Mutter, gemeinsam machen sie sich auf, diese zu finden und geraten dabei in die Hoff­nungs­lo­sig­keit einer von sich selbst verlas­senen Gesell­schaft. »Nicht über das arme China« wollte er erzählen, sagt Siqing Zhang im Anschluss an den Film, »der Film geht über alle Leute, über die Mensch­lich­keit an sich.« Man kann ihm sofort zustimmen.

Während sich hier in 30 Minuten ein kompletter Spielfilm entfal­tete, zeigt die Serbin Jelena Gavir­lovic mit Boys Where Are You ein mini­ma­lis­ti­sches Kleinod. Lena hat beschlossen, sich entjung­fern zu lassen, und das wird jetzt gemacht. Der Film atmet soziale Depres­sion aus, der Wille der Jungen, die Dinge anders zu machen, ist unver­kennbar.

Doku­men­ta­risch erzählt wird dann im ersten Film des zweiten Programms. Sacrifice ist ein russi­scher Film, der im musli­mi­schen Grenzland spielt, »vermut­lich in einem der Staaten, die mit -istan enden«, amüsiert sich Saal­auf­seher Alexander, der einzige Russe, der mir greifbar ist, um ihn zu fragen, welche Sprache hier gespro­chen wurde. Kirgi­sistan, Usbe­kistan, Tadschi­kistan: Viel­leicht wäre es wichtig zu wissen, wo genau die Geschichte spielt von dem Mann, der mit seinem Schaf loszieht, um es zu opfern, damit er endlich männ­li­chen Nachwuchs bekommt. Ande­rer­seits steht Sacrifice locker ein für alles, was man aus dem kleineren, sorg­fäl­tigen Weltkino kennt: eine ethno­lo­gi­sche Geschichte, nicht frei von mora­li­scher Belehrung, aber gerade deshalb für das osteu­ropäi­sche Film­schaffen so typisch und so sympa­thisch. Film­re­gis­seur Anar Abbasov kommt von der Moskauer VGIK, die große Regis­seure wie Iosselani, Mikhalkov oder Sokurov hervor­ge­bracht hat, und es erscheint, als wäre genau dies der richtige Weg: Nicht immer die großen Geschichten mit dem großen Tech­nik­auf­gebot zu erzählen, sondern einmal auch klein sein, in der genau richtigen Tonlage.

Wie großes Kino geht, zeigen dann noch zwei Filme, die aus dem ohnehin hoch­krä­tigen hervor­ste­chen. Ausge­reift! notiere ich mir. Der ameri­ka­ni­sche Film Shoot the Moon von der CUSFT Univer­sität in Kali­for­nien ist direkt dem New-Hollywood-Erbe eine John Cassa­vetes verpflichtet. Marcy, die seit ihrer Arbeits­log­keit und Scheidung als Mutter und Fami­li­en­ober­haupt völlig versagt, ist süchtig nach dem TV-Gewinn­spiel »Shoot the Moon«, das für sie als letzter Rettungs­anker in der drohenden Räumung erscheint. Bei Alexander Gaeta stimmt jedes Detail: die Geschichte ist das soziale Stim­mungs­bild der 53% Ameri­kaner, von denen Mitt Romney nichts wissen will, die Ausstat­tung der Räume, die Dialoge zwischen der passiven Mutter und der verzwei­felten Tochter stimmen in jedem Moment. Der Film atmet eine Atmo­s­phäre, die genau das einge­schlos­sene-klaus­tro­pho­bi­sche seiner Prot­ago­nistin wieder­gibt, und findet am Schluss doch noch zu einer stim­mungs­auf­hel­lenden Note, die aber nicht aufge­setzt wirkt.

Volume, mit dem das 3. Programm beginnt, ist dann die Stei­ge­rung von allem bisher Gese­hehnen. Unver­kennbar dem jungen briti­schen Kino angehö­rend, beherrscht der Film von Mahalia Beo von der renom­mierten NFTS in London das Erzählen im Vorder­grund und Hinter­grund: In ihrer Geschichte von Sam, der sich in das Nach­bar­mäd­chen Georgina verguckt, die eines Tages plötzlich verschwunden ist, stimmt nicht nur jede einzelne, perfide Andeu­tungen. Beo beherrscht es, den ganzen Schrecken einer in archi­tek­to­ni­scher Kälte erstarrten Welt zu schildern, mit einer einzig­ar­tigen Farb­dra­ma­turgie, die die verschie­denen Zeit­ebenen unauf­dring­lich inein­ander verwebt. Das Highlight in einem insgesamt bestechenden Programm.

Das Film­mu­seum war in allen drei Vorstel­lungen ausver­kauft, und eigent­lich ist es wirklich schade, dass aufgrund des Platz­man­gels und der Campus-Atmo­s­phäre Annähe­rungen an das normale Publikum verbaut werden. Das Film­school­fest hätte es sich verdient, ein breiteres Publikum zu haben, das Münchener Kino­pu­blikum hätte es sich verdient, diese Filme zu sehen, um leben­diges Film­schaffen zu erfahren (und nicht, wie so oft, bereits in Kommerz oder Arthouse gegossene Erzähl­rou­tine). Viel­leicht gibt es ja in der Zukunft die Möglich­keit, ein »Best of inter­na­tional film­schools«-Programm durch die Kinos touren zu lassen?

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Das Inter­na­tio­nale Festival der Film­hoch­schulen läuft noch bis zum 17.11. im Film­mu­seum München