09.12.2010

Warum schreien, wenn nicht einmal schweigen hilft?

Holding Still
Schön irritierend:
Florian Riegels Holding Still

Von Axel Timo Purr

Zum Abschluss des Inter­na­tio­nalen Festivals der Film­hoch­schulen 2010

Die Preis­träger des dies­jäh­rigen inter­na­tio­nalen Festivals der Film­hoch­schulen, wie immer in München ausge­tragen, besitzen eine Gemein­sam­keit, die stutzen lässt, gleicht sie doch einem Gedan­ken­spiel um Witt­gen­steins viel zitierten Satz aus dem Tractatus Logico-Philo­so­phicus: »Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.« Hatte Witt­gen­stein damit die philo­so­phi­sche Rede schlechthin in Frage gestellt, variieren die prämierten Filme Witt­gen­steins Aussagen immer wieder frappant.

Das beginnt mit dem belgi­schen als »Special Mention« ausge­zeich­neten Preacher, der manchmal ein wenig zu plakativ mit (christ­lich) funda­men­ta­lis­ti­scher Einsam­keit spielt, deren Schweigen und Wahn letztlich nur Gewalt evoziert. Wie nah diesem Szenario aller­dings die ganz normale Ehe sein kann – deren Schweigen im Film sicher­lich nicht zum ersten Mal porträ­tiert wird – veran­schau­licht der schlüs­sige Sieger­film aus Polen, Pawel Maslonas For Madmen only. Aber anders als die nach außen gerich­tete tumbe Aggres­sion im Glauben, gelingt es Maslona in seinen Szenen einer Ehe, die feinere Gewalt der Auto­ag­gres­sion einzu­fangen, deren zerset­zendes Schweigen nur mit dem sport­li­chen Pendant kuriert werden kann, dem Golfspiel. Viel Worte fallen auch nicht in dem kuba­ni­schen Beitrag, der den Preis für das beste Drehbuch erhielt. Jainaina Marques stille Sehnsucht einer Frau nach dem Leben, das letzt­end­lich nur ihrer Mutter gewidmet sein kann, ist Witt­gen­steins Aussage viel­leicht am nächsten. Warum schreien, wenn nicht einmal schweigen hilft?

Ein Segen, dass auch die deutschen Filme nicht dem hier­zu­lande so populären, plap­pernden Main­stream gehuldigt haben, sondern ebenfalls den steinigen Weg des Schwei­gens gehen. Ulrike Vahls mit dem »Student Camera Award« ausge­zeich­neter Gömböc geht ihn im deutschen Osten. Hier hat scheinbar jeder seine Sprache verloren, aber Schweigen macht das Leben nicht leichter. Dass Schweigen aber auch seine Stärken haben und fast zum terro­ris­ti­schen Akt mutieren kann, beweist Boris Kunz in Daniels Asche, der mit der besten Produk­tion eines deutschen Films ausge­zeich­neten Geschichte über die Unwäg­bar­keiten eines Begräb­nisses.

Der irri­tie­rendste Film und mit dem »Arri Preis für die beste Doku­men­ta­tion« ausge­zeich­nete Holding Still von Florian Riegel lässt diese Spiel­arten aller­dings weit hinter sich. Riegel erzählt die Geschichte einer Unsicht­baren. Seine Kamera nähert sich einem ameri­ka­ni­schen Badeort und einem Haus, dessen Besit­zerin nie ins Bild tritt. Riegel verlässt sich allein auf die Stimme, die mal seiner Kamera und dann wieder ihren eigenen im ganzen Haus instal­lierten CCTV-Kameras folgt. Sie hat diesen Ort seit mehr als zwanzig Jahren nicht verlassen und genießt die Stille, das Schweigen der großen Räume. Ihre Kame­ra­fahrten verharren im Kleinen, bleiben bei einem Bücher­regal stehen, um wenig später nach draußen, auf die Straße zu schwenken, wo das Leben, vorbei­zieht, Geräusche sind. Fast beiläufig erzählt sie ihre Geschichte, die Riegel mit seiner Kamera illu­mi­niert, indem er langsam, still und schwei­gend die an Wänden hängenden Fotos einfängt. Eine schöne Frau und ein schöner Mann, eine schöne Ehe, ein paar Drogen und dann der Moment, der alles umkehrt. Der schöne Mann kehrt eines Morgens nach Hause, die Frau will gerade mit den Kindern ans Meer. Sie unter­halten sich noch im Bett, lachen, dann will sie gehen. Der Mann steht ebenfalls auf, ist hinter ihr, umfasst ihren Kopf, hebt sie am Kopf in die Höhe und drückt den Kopf dann nach vorne, bis es knackt und das Rückgrat gebrochen ist. Drogen und eine Dispo­si­tion zu Schi­zo­phrenie haben manchmal ungute Auswir­kungen, sagt die Frau und dann noch etwas, mit einem letzten Blick auf die Straße mit Passanten, dann das Meer. Lange habe sie gedacht, mann müsse auf das Leben zugehen, um es einzu­fangen. Aber wartet man nur lange genug mit sich, bei sich, dann ist es das Leben selbst, das zu einem kommt.

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