25.04.2007

Die Überlebende

Kate Winslet in »Little Children«
Kate Winslet und Patrick Wilson
in LITTLE CHILDREN
(Foto: Warner Bros.)

Sinnlichkeit und Sinn: Kate Winslet hat den Untergang der Titanic überstanden

Von Rüdiger Suchsland

Kate Winslet war eigent­lich immer schon cool, nur brauchten einige eben etwas länger um das zu merken. Nun gibt es wieder Gele­gen­heit, denn es läuft Little Children an, jenes Vorstadt­drama, das der 31-Jährigen im Februar bereits die fünfte Oscar­no­mi­nie­rung ihrer Karriere einbrachte – womit sie weiterhin Rekord­hal­terin ist als jüngster Mensch, der je fünfmal nominiert wurde und immerhin Marlon Brando und Olivia de Havilland in den Schatten stellte. Regie führt Todd Field In the Bedroom, und Winslet spielt eine gelang­weilte Ehefrau, die eine Affaire anfängt.

Vor ein paar Jahren, da war Kate Winslet der neue große Hoff­nungs­schimmer von Hollywood. Das würde heute so keiner mehr sagen, dazu ist sie zum einen schon viel zu lange dabei, zum anderen hat sie es längst auch dem Letzten zu verstehen gegeben, dass sie dieser Art Karriere ganz und gar nichts abge­winnen kann. »Los Angeles ist für mich ein einziger Albtraum«, verkün­dete sie schon kurz nach ihrer Oscar­no­mi­nie­rung für Titanic, »Ich wollte mich nie nach Hollywood absetzen, und lebe gern in England«. Und Schau­spie­lerin sei sie auch nicht geworden, um berühmt zu werden, sondern weil die Tochter einer Schau­spie­ler­fa­milie – Eltern, Großel­tern und ihre beiden Schwes­tern sind allesamt Schau­spieler – sich nie einen anderen Beruf vorstellen konnte.

Großer Mund, große Augen, große Gefühle. Etwas zu klein und etwas zu üppig für die üblichen Starmaße der Traum­fa­brik verkör­pert Winslet auf der Leinwand eine einmalige und inter­es­sante Kombi­na­tion aus Norma­lität und Ausbruch. Immer trans­por­tiert sie in ihre Rollen auch etwas Rebel­li­sches, Unkon­ven­tio­nelles.

Sie, nicht Leonardo DiCaprio, war der Star des Titanic-Films. Wenn ihr Gesicht bei Cameron die ganze Leinwand füllt, spiegelte sich in ihm alles Grauen, alle Verzweif­lung, die gesamte Tragödie des Unter­gangs. Für diese Momente allein hatte sie den Oscar schon verdient, den dann eine andere bekam. Durch den Part in James Camerons Titanic wurde sie bereits mit 22 welt­berühmt und zum Idol von Millionen Teenager und junger Frauen. Dabei war Winslet, die 1994 als junge Mörderin in Peter Jacksons Heavenly Creatures debütiert hatte, für die Rolle, die sie zum Star machen sollte, auf den ersten Blick eine Fehl­be­set­zung. Denn für ein Mädchen aus der briti­schen Ober­klasse wirkt sie eigent­lich viel zu lebendig. Aber sie scheint etwas auszu­strahlen, das viele Menschen mit »Vergan­gen­heit« verbinden und an eine verlorene Zeit erinnert. Auch vor Titanic war sie vor allem mit Kostüm­filmen bekannt geworden. In Ang Lees Sense & Sensi­bi­lity spielte Winslet mal eben Emma Thomson und Hugh Grant an die Wand und schon hier eine ganz ähnliche Figur: der Schrei nach Leben inmitten einer toten Gesell­schaft. Und in Michael Winter­bot­toms Jude, bestimmt einer ihrer aller­besten Filme, war sie eine Rebellin, die an ihrem Wider­stand gegen alle Konven­tionen zugrunde geht. Schließ­lich durfte auch der für eine junge britische Darstel­lerin wohl obli­ga­to­ri­sche Part von Shake­speares Ophelia – in Kenneth Brannaghs monu­men­taler Hamlet-Verfil­mung – nicht fehlen. Aus dieser Zeit stammt auch ihr Branchen-Spitzname »Corset Kate«. Der hat sie aller­dings nicht daran gehindert, auch später immer wieder mal in Histo­ri­en­filmen aufzu­treten, etwa als Muse des Marquis De Sade in Quills oder als Muse des Peter-Pan-Autors in Finding Neverland.

Seit der berühm­testen Wasser­leiche der Lite­ra­tur­ge­schichte und dem sieben­mo­na­tigen Titanic- Dreh in südka­li­for­ni­schen Studio­bas­sins kann Winslet Wasser, jeden­falls auf der Leinwand, nicht mehr sehen. Und ging nach dem Titanic-Hype prompt erst einmal in die Wüste – im mehr­fa­chen Sinn: Ihr nächster Film Hideous Kinky führte sie als Hippie­braut nach Marra­kesch, und viel ist davon nicht in Erin­ne­rung, außer dass Winslet am Set ihren ersten Mann kennen­lernte, James Threa­p­leton, mit dem sie ihre Tochter Mia hat und von dem sie sich 2001 wieder trennte. Kurze Zeit später war sie mit American Beauty-Regisseur Sam Mendes – auch einem Briten – liiert, den sie inzwi­schen gehei­ratet hat. Beide haben einen Sohn zusammen und leben je nach Arbeits­lage abwech­selnd in London und in New York.

Viel­leicht war ihre kurze erste Ehe so etwas wie die persön­liche Post-»Titanic«-Krise der Kate Winslet, doch von Außen kann man sie Rückblick nur bewundern für die Gelas­sen­heit die sie damals bewahrte, die Selbst­si­cher­heit und Klugheit ihrer Rollen­aus­wahl. Im Gegensatz zu ihrem Co-Star Leonardo DiCaprio, der seitdem nie wieder die Rolle des »roman­ti­schen Lieb­ha­bers« über­nommen hat, hatte sie es auch gar nicht nötig, sich über­deut­lich von derglei­chen Auftritten zu distan­zieren. Aller­dings lehnte auch sie diverse Angebote für Haupt­rollen ab, unter anderen in gehobenen Block­bus­tern wie Shake­speare in Love, mit dem dann Gwynneth Paltrow den Oscar gewann, und Anna and the King, die dann Jodie Foster spielte. Oder einen Part in Der Herr der Ringe.

»Statt irgend­welche Neben­rollen in Hollywood zu spielen, bekomme ich doch lieber eine Haupt­rolle in einem engli­schen Film, wo ich den Part wirklich inter­es­sant finde«, meint sie statt­dessen und ist immer wieder mal in Inde­pen­dent-Projekten zu sehen. Ihre schönsten Filme drehte sie aller­dings in Amerika, etwa Eternal Sunshine Of My Spotless MindVergiss­mei­nicht«) von Michel Gondry. Kein Kostüm­film. Da spielt sie mit leuch­tendroten Haaren die Chaotin Clemen­tine, die ihren Lover Joel (Jim Carrey) dermaßen verwirrt, dass er versucht, sie aus seinem Gedächtnis zu löschen. Doch während das passiert, verliebt er sich wieder in sie. Kann man verstehen. Dazu muss man Winslet gar nicht auf der Leinwand sehen, wo sie immer wieder mal aussieht wie eine Frau auf einem alten Gemälde. Es genügt, sie einmal zu erleben, wenn sie einfach Kate Winslet ist: In Stiefeln auf dem Roten Teppich, unbe­ein­druckt von den Puri­ta­nern eine Zigarette paffend, in einem Kleid, für das andere noch fünf Kilo abge­nommen hätten, sich über den Schlank­heits­irr­sinn Holly­woods mokierend und in jedem Satz gescheiter als 90 Prozent ihrer Kolle­ginnen.

Noch in dem kleinsten Interview ist sie smart, souverän, persön­lich und auf ganz bezau­bernde Weise mit beiden Beinen auf dem Boden. Kein Hauch von Prima­donna-Syndrom. Man kann mit ihr über das Wetter und über ihre Kinder reden, oder über die Lieblings-Ziga­ret­ten­marke. Sie ist ein Star, der sich nicht wie einer benimmt. Jetzt spielt sie bald sogar wieder mit DiCaprio, erstmals seit Cameron: In dem Melo Revo­lu­tio­nary Road, einer Regie­ar­beit ihres Ehemanns Sam Mendes nach einem Roman von Richard Yates, werden sie als unglück­li­ches Paar auftreten.

Ganz klar: Das Kino braucht mehr Kate Winslets. Immerhin können wir uns trösten: Kate Winslet hat die Titanic überlebt. Sie wird uns bleiben, und sie wird sie selbst bleiben.