18.08.2005

Flirting With Desaster

Meeresfrüchte
Meeresfrüchte – frisch serviert
(Foto: Prokino Filmverleih)

Sommerfrische, Meeresfrüchte, Funny Games

Von Rüdiger Suchsland

Entspan­nung, Auszeit, die »Seele baumeln lassen«, aber auch »der ulti­ma­tive Test für die Beziehung«, und »endlich mal zum Reden kommen«, oder im Gegenteil »endlich mal seine Ruhe haben« und »einfach viel lesen«, oder doch »wieder mal was gemeinsam machen.« – die Erwar­tungen der Menschen an ihre Ferien sind so zahlreich und so wider­sprüch­lich, dass der Urlaub, hat er dann endlich begonnen, nur im Desaster enden kann.
Auch das Kino macht da keine Ausnahme. Die Ferien, die einem auf der Leinwand auffällig oft begegnen, sind Spiegel der bürger­li­chen Gesell­schaft, der sie entstammen. Sie bergen, wie das Kino selbst, ihre Utopien, Träume, heim­li­chen und verheim­lichten Phan­ta­sien, ihre Hoff­nungen und Ängste, Schuld und Unschuld. In den Ferien, ob im Kino oder im Leben, begegnen die Menschen also sich selbst, sodass die erste Erwartung, die in den Ferien zerstört wird, jene aller­na­ivste ist: Die Erwartung, dass nun alles anders werden könnte.

Ferien sind mehr, als eine bloße Reise; und Reise­filme sind darum nicht dasselbe wie Feri­en­filme. Eine Reise kann vieles sein: Die letzte Fahrt von Thelma & Louise genauso wie Frodos langer Marsch durch drei Herr Der Ringe-Folgen, wie die Ritte eines Western­helden von Stadt zu Stadt, wie die jahre­langen Fahrten des Odysseus. Die Reise, auch wenn es sich um die mythische Helden­reise handelt, führt jeden­falls von A nach B, selbst wenn sie im Kreis verläuft, und auch wenn sie die Reisenden nicht verwan­delt, schwingt im Hinter­grund doch immer die alte Idee der »Grand Tour« der europäi­schen Ober­klasse – die etwa in A Passage to India oder A Room with a View (1985), fast ein Feri­en­film, und eines der ganz wenigen histo­ri­schen Reise­por­traits im Kino, noch einmal nost­al­gisch aufscheint – mit, die Vorstel­lung, dass »reisen bildet.« Auch kolo­nialer Erobe­rungs­drang liegt hier nicht völlig fern.

Im kollek­tiven Unbe­wußten

Ferien dagegen sind zeitlich wie räumlich viel zweck­freier. Sie erziehen viel­leicht die Herzen, aber kaum die Köpfe, und der Ort, an den sie führen – ob ein Strand, ein Feri­en­haus, oder ein Hotel – bekommt seinen Wert weniger aus sich selbst, als weil er für die Feri­en­gäste eine Benut­zer­ober­fläche darstellt, die sie nach ihren Bedürf­nissen ausfüllen können. Weil die große Feri­en­zeit der Sommer ist, und die exem­pla­ri­schen Ferien die Sommer­fe­rien, erzählt auch das Kino, wenn es von Ferien handelt, fast immer vom Sommer. Das Wetter muss gut sein, sonst sind es keine Ferien, oder wenn schon, dann gerade so richtig unna­tür­lich schlecht, damit der Kontrast zwischen der Welt wie sie ist, und der Welt wie sie sein sollte, auch nach­drück­lich zur Geltung kommt.

Dieser univer­sale Wider­spruch wird noch nicht einmal im ulti­ma­tiven Feri­en­film des Kinos aufge­hoben, in Jacques Tatis Klassiker Die Ferien des Monsieur Hulot. In der ersten Einstel­lung sieht man zwar nichts als das einsame Meer und den Wind, doch sofort danach wird dieses neorea­lis­ti­sche Szenario zeitloser Entspan­nung im Nu und ein für allemal zerschlagen. Anspan­nung und Hektik herrschen vor, man sieht einen über­füllten Bahnhof und begreift, dass auch vor einem halben Jahr­hun­dert die Ferien vom Feri­en­stress nicht zu trennen waren. Im Folgenden spielt Tati alle möglichen arche­ty­pi­schen, längst im kollek­tiven Unter­be­wussten veran­kerten Urlaubs-Situa­tionen durch: Ankunft, die Besich­ti­gung des Hotel­zim­mers, der erste Abend, der erste Morgen, die Begegnung mit dem Meer, mit der Sonne, mit anderen Feri­en­gästen, diverse sport­liche und gesell­schaft­liche Akti­vi­täten, die einem die Zeit, nach der man sich doch das ganze Jahr über gesehnt hat, nun »vertreiben« sollen. Dazu anderes, was man nur im Urlaub tut: Muschel­sam­meln am Strand etwa, oder das Aufstellen von Liege­stühlen. Alles dies ist begleitet von ständigen Miss­ge­schi­cken der von Tati selbst gespielten toll­pat­schigen Haupt­figur, ein Panorama hyste­ri­scher Absur­dität, das natürlich in seinem milden, letztlich sehr konser­va­tiven Spott die bürger­liche Gesell­schaft als ganze meint. Nur im Rückblick nach 50 Jahren überwiegt die Nostalgie, erkennt man hierin das zärtlich-gelassene Selbst­por­trait einer Zeit, die ihre Unschuld noch nicht verloren hat.

Die Rückkehr der Kindheit

Wirklich gelassen geht es in späteren Filmen zu – auch wenn Unrast und Kata­strophe vom Urlaubs­film in keinem Fall zu trennen sind. Zum Beispiel in Meeres­früchte (2004) von Olivier Ducastel und Jacques Martineau, der gerade im deutschen Kino ange­laufen ist. Hier reist eine vier­köp­fige, recht typische Pariser Familie wie Millionen ihrer Lands­leute im August an die Mittel­meer­küste. Im Feri­en­haus, unter den satten Farben der strah­lenden Sonne und bei Gril­len­ge­zirpe döst man im Liege­stuhl, werkelt an alten Fahr­rä­dern, verzehrt Unmengen Muscheln und Krebse, und probiert auch sexuell die verschie­densten Speisen. Alles ist möglich und alles ist erlaubt: Der Versu­chungen und Gele­gen­heiten sind im Kinour­laub so viele, wie der mora­li­schen Grenzen wenige – Feri­en­ent­span­nung bedeutet auch das Alltäg­lich­werden der Anarchie, jeden­falls für vier Wochen im Jahr.

In solchen Geschichten kehrt das Kino zu einer kind­li­chen Haltung zurück, zu einer Perspek­tive auf die Welt, die diese erst entdeckt, als sähe sie sie zum ersten Mal, die auspro­biert, austestet, mit sich selbst expe­ri­men­tiert. Nicht zufällig stehen in vielen Feri­en­filmen Kinder und Jugend­liche im Zentrum, ob in echten Kinder­filmen wie der Astrid-Lindgren Verfil­mung Ferien auf Salt­krokan, oder in feuchten Puber­tät­s­träumen wie David Hamiltons Zärtliche Cousinen. Dieser Film enthält neben seinen spezi­ellen Zutaten – ein einsamer Junge mit großen Augen, und zarte, ziemlich schweig­same und hübsche Cousinen, die dummer­weise etwas älter sind und sich nur für »große« Jungs inter­es­sieren – viele allge­meine Elemente anderer Feri­en­filme: Wohl­ha­bende Verhält­nisse, ein schönes großes Feri­en­haus, Abenteuer in der freien Natur, inklusive Eis, Lager­feuer und Knutschen im Gras. Vor allem aber ist er geprägt vom anar­chi­schen »Alles ist möglich«, dem Bewusst­sein, dass die Ferien die Gele­gen­heit zu ulti­ma­tiver Über­schrei­tung bieten, dazu, Dinge zu tun, die man sonst nicht tut. Auch in den Feri­en­filmen anderer Kino­kul­turen lebt sich diese Anarchie aus: Baller­mann 6, Eis am Stiel oder auch die Filme mit Louis de Funès als Strand­gen­darm auf Touris­ten­jagd in St.Tropez sind ohne Frage weniger zart, aber auch sie suchen den freien Geist der Kinofe­rien und das Zwang­hafte, das mit ihm einher­geht, auf ihre Art zu erfassen. Gerhart Polts Man spricht deutsh geht noch einen Schritt weiter, und wendet ihn gegen die Gesell­schaft, der er entstammt.

Heiligtum und Kata­strophe: Ferien im fran­zö­si­schen Kino

Eine andere, ernst­haf­tere und weitaus mora­li­schere Variante dieser Anarchie erlebt man in den Filmen Eric Rohmers. Für Arbeit inter­es­siert er sich ebenso wenig, wie für soziale Verhält­nisse. Darum zeigen sehr viele seiner Filme Menschen in den Ferien: zeit und statuslos, seltsam heraus­ge­hoben aus allen Zusam­men­hängen. Ob Die Sammlerin, Claires Knie, Pauline am Strand oder Sommer – immer wieder wirkt es, als ob hier die Ferien ewig dauern würden, immer wieder feiert Rohmers Kino der Blicke neben diversen, fast para­die­sisch unschul­digen Versu­chungen auch die utopische Entrückt­heit und das Immer­gleiche der Tage der Ferien. Und wenn ihr Glück zerstört wird, ist es die eigene Schuld der Figuren.
Es muss seinen tieferen Grund haben, dass fast alle, dass die wirk­li­chen Feri­en­filme des Kinos aus Frank­reich kommen. Viel­leicht, weil hier wie sonst nirgends die Sommer­fe­rien einen quasi heiligen Status genießen, weil sie nur hier mit einer Fülle von Ritualen verbunden sind, wie sie das Kino liebt. Auch die abgrün­di­geren Seiten des Urlaubs werden im fran­zö­si­schen Kino genüss­lich ausge­breitet: Ob der Sex, der in Ozons Swimming Pool zur Obsession wird, oder die Kata­strophe der Familie, die Michel Blanc in Embrassez Qui Vous Voudrez komö­di­an­tisch ausschlachtet, die Louis Malle in Ein Sonntag Im Mai seziert, und politisch grundiert, und die Catherine Breillat in À ma soeur! genüss­lich in ihr Extrem treibt. Dies ist einer der tref­fendsten, besten Feri­en­filme, weil er unan­ge­strengt das Gleich­ge­wicht hält zwischen Abgrund und Verheißung. Kalt und analy­tisch gegenüber dem Wahnsinn, der allen Ferien innewohnt, bleibt der Puritaner Jean Luc Godard in Weekend. Eine letzte Facette, die Geschichte vom fran­zö­si­schen Urlauber in der Fremde, erzählte Truffaut in seiner wunder­baren Liebes­farce Les deux anglaises et le continent: Ein ganz anderer Strand, eine ganz andere Küste, mit Gras und Felsen statt Sand, und andere Gewohn­heiten – und doch das Immer­gleiche: Die Zeit, die vergeht, und das Leben, das vorbei­geht, Ferien, die sich im Rückblick nach Jahren als Höhepunkt des Daseins entpuppen.

Gestei­gerte Heimat

So relaxed am Strand sitzen, wie bei den Franzosen, das kann man sonst nur im asia­ti­schen Kino. Aber sind Sonatine und The Isle, um nur diese beiden zu nehmen, wirklich Feri­en­filme? Sie sind es zumindest in einer Hinsicht: Für ihre Haupt­fi­guren, ist das Meer bzw. der See, an dem sie irgend­wann landen, ein Flucht­punkt, das Gegenteil zu ihrem Alltag, in dem sie geschei­tert sind – das letzte Refugium. Ferien nicht als Höhepunkt, sondern als letzter Rest eines Lebens, das man schon verloren hat.
Auch im deutschen Kino ist das Feri­en­thema besonders virulent. Und gerade in den letzten Jahren sind Ferien in deutschen Filmen nicht mehr die einstige Flucht aus der Heimat: In Dominik Grafs Der Felsen und Romuald Karmar­kars Manila, zwei der besten Feri­en­filme der letzten Jahre, wird die Fremde nur zum Kata­ly­sator, zur gestei­gerten Heimat, in der alles Verdrängte zum Ausbruch kommt. Ferien als Höllen­trip. Dies ereignet sich, gedämpfter, auch noch in Sie haben Knut von Stefan Krohmer, einem der wenigen Filme, die von einem Winter­ur­laub erzählen. Aber die Hütte, in der sich eine Gruppe von Freunden bis zur Selbst­zer­flei­schung ausein­ander nimmt, könnte im Prinzip auch an einem Meeres­strand stehen – entschei­dend ist, dass auch hier die Glücks­ver­heißung der Ferien in ihr Gegenteil gekehrt wird.

Von Außen geschieht dies in anderen Fällen: Bei Funny Games von Michael Haneke ist eine Urlau­ber­fa­milie einfach nur unschul­diges Opfer einer Schick­sals­laune, und es ist nicht der besondere Zustand der Ferien, der dieses Schicksal herbei­führt. Anders liegen die Dinge in The Beach von Danny Boyle. Der lässt den Traum von den ewigen Ferien den man sonst nur aus Filmen kennt, die zu vernach­läs­sigen sind – Die Blaue Lagune & al. – zunächst einmal zu und wahr werden. Doch dann wenden sich Leicht­fer­tig­keit, Aben­teu­er­lust und Sorg­lo­sig­keit der Prot­ago­nisten gegen sich selbst, die Ferien münden in einen selbst­zer­stö­re­ri­schen Alptraum.

Rituale und Über­le­bens­kampf

Es gibt über­ra­schen­der­weise nicht viele Feri­en­filme aus den USA, aber doch – neben ein paar »unreinen« wie Der weiße Hai oder The Shining – zwei der besten, die, zusam­men­ge­nommen, fast schon die Quint­essenz alles dessen enthalten, was über das Thema Ferien zu sagen ist: Mr. Hobbs Macht Ferien ist der eine. James Stewart in der Titel­rolle erlebt das immer wieder schei­ternde und doch im Scheitern sich herstel­lende Fami­li­en­glück beim nerv­tö­tenden Urlaub von drei Gene­ra­tionen. Betont wird das Groteske, das in jedem Urlaub liegt, seine grund­le­gende Absur­dität, die auch bei Tati nur anklingt. Die Ferien münden in die fata­lis­ti­sche Akzeptanz mensch­li­cher Schwächen. Am Ende muss Hobbs das kleine Glück akzep­tieren, das im Käfig der Rituale liegt, aus denen kein Ausbruch möglich scheint.
Der zweite große US-Feri­en­film ist Deli­ver­ance (dt. Beim Sterben Ist Jeder Der Erste) von John Boorman. Für vier Städter wird der Kanu­ur­laub auf einem Fluß in den US-Südstaaten zum Alptraum, die Ferien zum grausamen Über­le­bens­kampf. Lustvoll und mit einem gewissen sadis­ti­schem Vergnügen, zugleich voller Trauer lässt der Film Alpträume wahr werden und zerstört das zivi­li­sa­to­ri­sche Gerüst der Haupt­fi­guren, macht sie im Drang, nicht zu sterben, zu Barbaren.

Dass man dazu nicht in die Wildnis gehen muss, dass Freud ein Bewohner der bürger­li­chen Gesell­schaft ist, das belegt einer der aller­besten Feri­en­filme des Kinos, Otto Premin­gers Bonjour Tristesse. Der Film, entstanden nach dem Roman von Francoise Sagan, ange­sie­delt in einem Feri­en­haus an der fran­zö­si­schen Riviera, stammt zwar formal betrachtet aus Hollywood, ist aber mehr fran­zö­sisch, als ameri­ka­nisch. Hier wird die Sommer­hitze zum Kata­ly­sator ernster Spiele, aufge­stauter Konflikte und zur Kulisse des Aufein­an­der­pral­lens von Ober­fläch­lich­keit und Ernst. Bei aller Melan­cholie, die diese traurig-hitzige Sommer­ge­schichte grundiert, badet der Film doch zugleich lustvoll in den gleißend-bunten Farben seines Schau­platzes – die mit dem Schwarz­weiß der Paris-Szenen kontras­tiert werden. Doch alle Pracht und Herr­lich­keit der Sonne, des blauen Himmels, des satten Grüns der Pflanzen, alle Schönheit der Menschen kann hier nie darüber hinweg­täu­schen, dass man aus der Auszeit der Ferien und ihren Träumen irgend­wann erwachen wird, darüber, dass jeder Mensch am Ende allein ist. »Bonjour Tristesse«