22.11.2005

Die Freiheit nehme ich mir

MANDERLAY
Bryce Dallas Howard in Manderlay
(Foto: Neue Visionen Filmverleih)

Lars von Trier in Manderlay und Dogville

Von Michael Haberlander

Nachdem Lars von Trier in Dogville virtuos das Thema Macht durch­ex­er­ziert hat, beschäf­tigt er sich nun in Manderlay, dem zweiten Teil seiner Amerika-Trilogie, mit der Freiheit und ihren Grenzen.

Für einige Diskus­sionen sorgen dabei die Szenen, in denen nahe­ge­legt wird, dass der Mensch mit zuviel Freiheit gar nichts anfangen kann oder schlimmer noch, dass daraus oft sogar Schlechtes entsteht.

Neben einem weiteren Beitrag zu der alten philo­so­phi­schen Frage nach der Freiheit des einzelnen Menschen, liefert Manderlay aber auch auf unmit­tel­bare Art und Weise ein inter­es­santes Statement zur künst­le­ri­schen Freiheit. Von Trier behauptet (und beweist), dass in der Kunst die totale Freiheit durchaus schaden kann.

Von den zwei Gesichts­punkten, unter denen man die künst­le­ri­sche Freiheit betrachten kann, fällt hier der der tech­ni­schen Umsetzung als erstes ins Auge.

Eigent­lich ist es paradox. Seit Entste­hung des Kinos kämpfen Regis­seure dafür, Filme nach ihren eigenen Vorstel­lungen umzu­setzen, was aber nur selten gelingt. Mal scheitert es am Geld, mal am Einfluss des Produ­zenten, mal an widrigen Umständen, mal an den tech­ni­schen Voraus­set­zungen usw. usf.
Und nun kommt Lars von Trier, der von keiner dieser Einschrän­kungen wirklich geplagt wird, und beschneidet sich selbst, indem er auf Außen­auf­nahmen und den Großteil der Kulissen verzichtet. Ist der Mann verrückt?

Ganz und gar nicht. Von Trier hat nur erkannt, dass die voll­kom­mene Freiheit bei der Arbeit an einem Film zahl­reiche Gefahren birgt.
Während sich etwa frühere Regis­seure noch abmühen mussten, um bestimmte Bilder auf die Leinwand zu bringen, ist mit der heutigen (Computer)Technik keine Szene mehr unmöglich.
Die Folge davon ist aber leider nicht, dass nun reihen­weise anspruchs­volle, gewagte Film­vi­sionen gedreht werden. Vielmehr sehen wir uns zunehmend mit pompös aufge­blähten Bilder­spek­ta­keln mit dünner Handlung konfron­tiert (z.B. Immortel oder Sky Captain and the World of Tomorrow).

Auch eine vom Produ­zenten ausge­stellte Carte blanche kann einem Regisseur zum Verhängnis werden, wenn er nicht maßvoll mit seinen unbe­schränkten Möglich­keiten umzugehen versteht und er sich planlos verzet­telt (Beispiele hierfür sind etwa Taran­tinos Kill Bill 1 + 2, sowie Scorseses Gangs of New York und The Aviator).

Auf der anderen Seite lässt sich empirisch gesehen ein Zusam­men­hang zwischen Produk­ti­ons­hin­der­nissen (sogar Zensur kann man hierzu zählen) und Quali­tät­stei­ge­rung kaum bestreiten und jemand wie Orson Welles ist in seinem ewigen Kampf für seine Filme zu einem der größten Regis­seure aller Zeiten geworden.

Filme werden offen­sicht­lich durch die Wider­s­tände, die ihre Macher für sie über­winden müssen, besser. Das haben gute Filme­ma­cher immer schon verstanden, weshalb die Idee des frei­wil­ligen Handicap gar nicht so neu und unge­wöhn­lich ist (etwa Hitchcock in Die Vögel (kein Sound­track) bzw. in Cocktail für eine Leiche (»kein« Schnitt) aber auch Steven Soder­bergh in Full Frontal).

Lars von Trier ist regel­recht besessen von dieser Idee der Selbst­be­schrän­kung, die schluss­end­lich dem Frei­heits­be­griff von Rousseau folgt, wonach die Freiheit des Menschen nicht darin liegt, dass er tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will.
Bei jedem seiner Filme hat sich von Trier die ein oder andere Einschrän­kung auferlegt, wobei die bekann­testen wohl die von ihm miter­fun­denen Dogma-Regeln sind.
Ähnlich unüber­sehbar treibt er und Jorgen Leth im Doku­men­tar­film The Five Obstruc­tions ein aufschluss­rei­ches Spiel mit solchen Einschrän­kungen, die nun in anderer Form auch in Dogville und Manderlay ange­wendet werden.

Es ist dabei ein großes Miss­ver­s­tändnis, diese beiden Filme als mini­ma­lis­tisch zu betrachten. Sie sind vielmehr opulentes Kino, technisch äußerst komplex und virtuos insze­niert (von den Quali­täten des Drehbuchs und der Darsteller einmal ganz zu schweigen). Von Triers Ziel war kein einfacher, kleiner Film sondern das komplette »big picture«. Nur eben ohne Locations und Dekors.

Und wieder einmal geht die Rechnung von Triers auf. Seine selbst­auf­er­legten Gebote zwingen ihn, einen anderen Weg zu finden, als einen Sach­ver­halt einfach abzu­bilden bzw. abzu­filmen. Das ist dann auch der wahre Schnitt­punkt mit dem Theater, mit dem der Film Manderlay sonst kaum etwas gemeinsam hat. Das Theater (das von den Möglich­keiten des Kinos nur träumen kann) lebt immer mit unzäh­ligen Beschrän­kungen, die es nur durch Krea­ti­vität über­winden kann.

Manchen erscheint diese Selbst­be­schrän­kung von Triers viel­leicht als zynisch (so, als ob er sich eine körper­liche Behin­de­rung selbst auferlegt), aber in Wirk­lich­keit beweist er damit nur, dass die Kunst keines­wegs das zarte Pflänz­chen ist, dass es von allen (schlechten) Einflüssen und Einschrän­kungen zu schützen gilt. Entgegen der allge­meinen Meinung zeigt uns von Trier das, was wir im täglichen Leben ohnehin ständig beob­achten könn(t)en:
Kunst ist überaus robust und wächst eher mit den Problemen und Wider­s­tänden, mit denen sie zu kämpfen hat.
Das sollte man sich auch vor Augen halten, wenn man mit dem kürzlich geschlos­senen Abkommen zur kultu­rellen Vielfalt der UNESCO die Probleme des heimi­schen Films für gelöst hält.

Die Erkenntnis, dass man nicht alles zeigen soll, was man zeigen kann, hat aber nicht nur eine gestal­te­ri­sche, sondern auch eine mora­li­sche Seite.
Manderlay (und zuvor auch Dogville) behandeln und zeigen Themen, die regel­mäßig zu Kontro­versen darüber führen, wie frei ein Film in der Darstel­lung von Gewalt, Sex, Politik und anderen Reiz- bzw. Tabu­themen sein darf.

»Kunst darf alles« heißt es in der Theorie, aber in der Praxis sieht es oft ganz anders aus (gesetz­li­chen Einschrän­kungen noch nicht einmal berück­sich­ti­gend), weshalb mit erstaun­li­cher Konstanz der Vorwurf der Gewalt­ver­herr­li­chung, des Sexismus, der Diskri­mi­nie­rung oder ähnlich unschöner Gesinnung gegen bestimmte Filme erhoben wird (z.B. beim Skandal um den Film Irré­ver­sible bei den Film­fest­spielen 2002 in Cannes).

Übli­cher­weise werden Diskus­sionen über solche Filme zu verbit­terten Stel­lungs­kriegen, in denen mit großen Menschen­rechts­waffen aufein­ander geschossen wird (Freiheit der Meinung und Kunst gegen Menschwürde und Gleich­be­rech­ti­gung) und die ebenso übli­cher­weise zu keiner sinn­vollen Erkenntnis führen.

Von Trier zeigt uns einen Ausweg aus dieser Misere. Auch bei ihm gilt, dass Kunst alles darf, nur versieht er diese Maxime mit dem Zusatz, dass man diese Freiheit nie bis ins Extrem ausschöpfen soll bzw. muss.
Manderlay und Dogville enthalten zahl­reiche Szenen, die für einen echten Skandal sorgen könnten (Verge­wal­ti­gung, die »primitive« Sehnsucht einer weißen Frau nach Sex mit einem schwarzen Mann, die Unfähig­keit der schwarzen Sklaven etwas Positives mit ihrer Freiheit anzu­fangen...) doch die Empörung darüber bleibt aus.

Das hat nichts damit zu tun, dass von Trier diese Szenen versteckt, über­spielt oder gefällig gestaltet. Er zeigt alles, mit einer schmerz­haften Inten­sität, ohne Kompro­misse, durchaus kontro­vers.
Doch ist ihm bewusst, dass es filmisch nichts bringt, mora­li­sche Grenzen voll auszu­reizen und deshalb auf der Leinwand Exzesse zu insze­nieren, nur weil es in unserer aufge­klärten Gesell­schaft möglich ist.

So gehört es zur künst­le­ri­schen Freiheit, auch eine Verge­wal­ti­gung darzu­stellen zu dürfen. Von Trier tut das mehrfach in Dogville, man sieht es, man begreift die Ernied­ri­gung die für die Figur der Grace davon ausgeht und die für den weiteren Verlauf des Films von Bedeutung ist.
Im oben genannten Irrever­sible dagegen dauert die Verge­wal­ti­gungs­szene endlose neun Minuten und ihr wich­tigster Effekt war der, dass sie einen Skandal ausgelöst hat.

Und auch beim Thema Gewalt gilt der alte Grundsatz vom Weniger, das oft mehr ist.
Quentin Tarantino musste sich anläss­lich von Kill Bill wieder der Diskus­sion um seine üppigen Gewalt­szenen stellen. In seinem Plädoyer für die künst­le­ri­sche Freiheit war er unter anderem besonders Stolz auf die Durch­set­zung einer Szene, in der er eine Mutter (ein ehema­liger Killer, nebenbei bemerkt) vor den Augen ihres Kindes töten lässt.
Am Ende von Dogville lässt Grace die Kinder (einschließ­lich eines Säuglings) der Lehrerin und des Apfel­bauern vor den Augen der Mutter erschießen. Um wie viel brutaler ist diese Szene als die von Tarantino, aber auch um wie viel inten­siver und zugleich doch um wie viel weniger anstößig?

Wie bei den tech­ni­schen Möglich­keiten, ist eben auch das Ausreizen von mora­li­schen Möglich­keiten vor allem ein Mittel des Schaum­schla­gens und Effekt­ha­schens.
Wer als Filme­ma­cher wirklich etwas zu erzählen hat, der wird sich in jeder Hinsicht beschränken.
Genau das beweist Lars von Trier mit Dogville und Manderlay.