11.09.2003

Ein langer Schatten

Leni Riefenstahl beim Schnitt 1935
Sehnsucht nach Höherem
(Foto: unbekannter Fotograf via Wikipedia)

Zum Tod von Leni Riefenstahl

Von Rüdiger Suchsland

Nun also doch. Manche hatten Sie schon für unsterb­lich gehalten. Doch am Montag­abend, gut zwei Wochen nach ihrem 101. Geburtstag am 22. August ist Leni Riefen­stahl, des Teufels Regis­seurin, sanft entschlafen.

So sanft war ihr Leben nicht immer. Bekannt geworden war die in Berlin geborene Berta Helene Amalie Riefen­stahl zunächst in den 20er Jahren als Schau­spie­lerin der »Bergfilme« von Arnold Fanck. In diesen deutschen Western, die ganz im Geist der Zeit ein Leben in wild-gefähr­li­cher Natur jenseits aller Zivi­li­sa­tion roman­ti­sierten, spielte sie an der Seite von Louis Trenker und dem Flie­gerass Ernst Udet und wurde zu einem der ersten Action­stars des deutschen Kinos.
Doch welt­berühmt, auch preis­ge­krönt und bei vielen Cineasten hoch­ge­schätzt wurde sie durch die Filme, die sie zwischen 1933 und 1945 gedreht hat, vor allem Triumph des Willens (1934) als »Sonder­be­voll­mäch­tigte der Reichs­lei­tung der NSDAP« über den Nürn­berger Reichs­par­teitag der NSDAP – einer der wich­tigsten Propa­gan­da­filme aller Zeiten, der das Bild des Natio­nal­so­zia­lismus bis in unsere Zeit prägte – und Olympia (1938) über die Berliner Spiele von 1936.

Wille zur Schönheit

»Ich habe ja in dem Partei­tags­film nur doku­men­tiert, was zu sehen war« – ihr diese Ausrede abzu­nehmen, hieße auch, sie als Filme­ma­cherin zu unter­schätzen. Dass die These von der unschul­digen Beob­ach­terin nicht stimmt, belegt ihr erster Versuch, der Film Der Sieg des Glaubens (1933), der rück­bli­ckend wie eine plumpe Vorstudie wirkt. Im Triumph des Willens gelingt die Choreo­gra­phie der Bilder, das Zusam­men­spiel mit der Musik weitaus besser – ausge­klü­geltes Design des Terrors. Gemeinsam mit Olympia wurde der Film zum Para­de­bei­spiel tota­li­tärer Ästhetik, ein Werbeclip für den Faschismus in beein­dru­ckender Perfek­tion. Und einfluss­reich. Denn bis heute wirken ihre Bild­ein­fälle in der Popkultur weiter, in zahllosen anderen Kino­filmen, besonders aber in der Werbung und in Musik­vi­deos.
Am meisten wirken viel­leicht die bis zur Makel­lo­sig­keit wohl­ge­formten, bis zur Reinheit sauberen Körper ihrer Filme: Die Zufälle des Leib­li­chen werden hier geleugnet, das Ideal ins Posthuman-Ewige pathe­tisch aufge­laden. Das ist auch das Ideal, das hinter all den biotech­no­lo­gi­schen Bemühungen um den »perfekten Menschen« steckt. Nirgendwo ist die Riefen­stahl so aktuell wie in diesen Zusam­men­hängen.

Kann das Böse schön sein? Das Schreck­liche ist auch des Schönen Anfang. Was auf den ersten Blick naiv klingt, ist es nicht: Denn Riefen­stahls Filme schön finden darf man nicht, aber die Qualität ihrer Filme lässt sich nicht leugnen. Susan Sontag sprach 1975 vom »faszi­nie­renden Faschismus.« Was gefällt, ist nämlich erlaubt, auch wenn es den Menschen zur Arabeske macht. Gemeint ist die ästhe­ti­sche Attrak­tion ihres Werks: dass es in der – wert­freien – Moderne kein Primat des Inhalts über die Form geben kann, dass im Zwei­fels­fall die Form über den Inhalt dominiert. Im »Triumph des Willens« wirbt die Form für den Inhalt. Hier beginnt die Mytho­logie. Riefen­stahls Filme entwerfen Märchen, Mythen und Legenden und sind darin reprä­sen­tativ für das Umschlagen von Vernunft in Mythos.

Aber damit ist es dann doch nicht getan. Ausge­rechnet Frida Grafe hebt die Dynamik dieser Filme hervor, die nicht nur fest­ge­legte Zeit­a­b­läufe auflöste: »Es verän­derte vor allem die starre Aggres­si­vität der Menschen­kader. Es ist nicht die übliche, Grenzen markie­rende Blick­rich­tung vom autarken Betrachter auf den Gegen­stand. Er wird aus seiner üblichen Position gerissen.«

Man kann streiten, wie groß sie als Künst­lerin wirklich ist, muss auch darauf hinweisen, dass die viel­ge­lobten Montage-Techniken ebenso wie einige Kame­ra­ein­fälle bereits lange zuvor von Griffith und Eisen­stein angewandt worden sind – doch dass sie eine origi­nelle, technisch inno­va­tive Regis­seurin war, dass ihre Filme faszi­nieren, hoch­mo­dern sind im Gegensatz zum sonstigen Blut-und-Boden-Kitsch des braunen Kinos, das lässt sich nicht bestreiten.
Was bis heute unver­min­dert provo­ziert, ist anderes: ihre poli­ti­sche Rolle. Viele Künstler haben sich mit den Nazis einge­lassen. Nur wenigen wurde die Vergebung so beharr­lich verwei­gert, wie der Riefen­stahl. Mit gutem Grund.
Denn bis auf Veit Harlan und viel­leicht noch Arnold Breker gab es keinen anderen, der – Kunst hin oder her – so offen­sicht­liche, unbe­streit­bare Propa­gan­da­filme schuf wie die Riefen­stahl. Und niemand leugnete diese poli­ti­sche Verstri­ckung so beharr­lich wie sie. »Unpo­li­tisch« sei ihr Werk, »nur der Schönheit verpflichtet«, argu­men­tierte sie. Aber das stimmt noch nicht einmal halb. Denn man muss nur ihre Filme mit denen anderer, »normaler« Propa­gan­dakünstler verglei­chen, um zu erkennen, dass die Erschei­nung Hitlers, seine Auftritte und deren öffent­liche Insze­nie­rung zu einem guten Teil ihr Werk waren.

Walk with a Zombie

Bis zuletzt entkam sie dem Schatten dieser vergleichs­weise kurzen Zeit ihres Lebens nicht. So sehr sie es versuchte. Und in den letzten Jahr­zehnten wirkte sie bei ihren öffent­li­chen Auftritten – in Talk-Shows, zuletzt vor zwei Jahren bei der Frank­furter Buchmesse – wie eine Wieder­gän­gerin, eine Untote des Natio­nal­so­zia­lismus. Die Film­wis­sen­schaft­lerin Elisabeth Bronfen nannte sie ein fleisch­ge­wor­denes Holocaust-Denkmal. In diesem Sinn ist es jeden­falls schade, dass sie tot ist.

Als Leni Riefen­stahl im Film, wohl­ge­merkt vor allem aus künst­le­ri­schen Gründen, nicht mehr Fuß fassen konnte, ist sie zu einer beacht­li­chen Photo­gra­phin geworden. Vor allem mit ihren Bildern über die Nuba in Afrika und mit ihren Unter­was­ser­re­por­tagen errang sie neue Aufmerk­sam­keit. Und sie hat lang genug gelebt, um die meisten ihre Kritiker zu überleben oder zumindest verstummen zu lassen.

Zu ihrem 100. Geburtstag vor einem guten Jahr nun kam an Leni Riefen­stahl keiner mehr vorbei. Sie gab Inter­views in der »Vogue« und bei »Maisch­berger« – geprägt von viel Bereit­schaft zum Vergessen. Und als ob es andere Gründe gäbe, als mit ihr über ihre Vergan­gen­heit zu sprechen. Und fast musste es am Ende scheinen, unsere Bilder­kultur habe vor Leni Riefen­stahl tatsäch­lich kapi­tu­liert. Aber immer wieder sah man hinter den Masken die Wahrheit. Es half nichts. Sie blieb die letzte Mohi­ka­nerin der Nazi-Zeit.