Ein langer Schatten |
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| Sehnsucht nach Höherem | ||
| (Foto: unbekannter Fotograf via Wikipedia) | ||
Nun also doch. Manche hatten Sie schon für unsterblich gehalten. Doch am Montagabend, gut zwei Wochen nach ihrem 101. Geburtstag am 22. August ist Leni Riefenstahl, des Teufels Regisseurin, sanft entschlafen.
So sanft war ihr Leben nicht immer. Bekannt geworden war die in Berlin geborene Berta Helene Amalie Riefenstahl zunächst in den 20er Jahren als Schauspielerin der »Bergfilme« von Arnold Fanck. In diesen deutschen Western, die ganz im Geist der Zeit ein Leben in wild-gefährlicher Natur jenseits aller Zivilisation romantisierten, spielte sie an der Seite von Louis Trenker und dem Fliegerass Ernst Udet und wurde zu einem der ersten Actionstars des deutschen Kinos.
Doch
weltberühmt, auch preisgekrönt und bei vielen Cineasten hochgeschätzt wurde sie durch die Filme, die sie zwischen 1933 und 1945 gedreht hat, vor allem Triumph des Willens (1934) als »Sonderbevollmächtigte der Reichsleitung der NSDAP« über den Nürnberger Reichsparteitag der NSDAP – einer der wichtigsten Propagandafilme aller Zeiten, der das Bild des
Nationalsozialismus bis in unsere Zeit prägte – und Olympia (1938) über die Berliner Spiele von 1936.
»Ich habe ja in dem Parteitagsfilm nur dokumentiert, was zu sehen war« – ihr diese Ausrede abzunehmen, hieße auch, sie als Filmemacherin zu unterschätzen. Dass die These von der unschuldigen Beobachterin nicht stimmt, belegt ihr erster Versuch, der Film Der Sieg des Glaubens (1933), der rückblickend wie eine plumpe Vorstudie wirkt. Im Triumph des Willens gelingt die Choreographie der Bilder, das Zusammenspiel mit der Musik weitaus besser – ausgeklügeltes Design des Terrors. Gemeinsam mit Olympia wurde der Film zum Paradebeispiel totalitärer Ästhetik, ein Werbeclip für den Faschismus in beeindruckender Perfektion. Und
einflussreich. Denn bis heute wirken ihre Bildeinfälle in der Popkultur weiter, in zahllosen anderen Kinofilmen, besonders aber in der Werbung und in Musikvideos.
Am meisten wirken vielleicht die bis zur Makellosigkeit wohlgeformten, bis zur Reinheit sauberen Körper ihrer Filme: Die Zufälle des Leiblichen werden hier geleugnet, das Ideal ins Posthuman-Ewige pathetisch aufgeladen. Das ist auch das Ideal, das hinter all den biotechnologischen Bemühungen um den »perfekten
Menschen« steckt. Nirgendwo ist die Riefenstahl so aktuell wie in diesen Zusammenhängen.
Kann das Böse schön sein? Das Schreckliche ist auch des Schönen Anfang. Was auf den ersten Blick naiv klingt, ist es nicht: Denn Riefenstahls Filme schön finden darf man nicht, aber die Qualität ihrer Filme lässt sich nicht leugnen. Susan Sontag sprach 1975 vom »faszinierenden Faschismus.« Was gefällt, ist nämlich erlaubt, auch wenn es den Menschen zur Arabeske macht. Gemeint ist die ästhetische Attraktion ihres Werks: dass es in der – wertfreien – Moderne kein Primat des Inhalts über die Form geben kann, dass im Zweifelsfall die Form über den Inhalt dominiert. Im »Triumph des Willens« wirbt die Form für den Inhalt. Hier beginnt die Mythologie. Riefenstahls Filme entwerfen Märchen, Mythen und Legenden und sind darin repräsentativ für das Umschlagen von Vernunft in Mythos.
Aber damit ist es dann doch nicht getan. Ausgerechnet Frida Grafe hebt die Dynamik dieser Filme hervor, die nicht nur festgelegte Zeitabläufe auflöste: »Es veränderte vor allem die starre Aggressivität der Menschenkader. Es ist nicht die übliche, Grenzen markierende Blickrichtung vom autarken Betrachter auf den Gegenstand. Er wird aus seiner üblichen Position gerissen.«
Man kann streiten, wie groß sie als Künstlerin wirklich ist, muss auch darauf hinweisen, dass die vielgelobten Montage-Techniken ebenso wie einige Kameraeinfälle bereits lange zuvor von Griffith und Eisenstein angewandt worden sind – doch dass sie eine originelle, technisch innovative Regisseurin war, dass ihre Filme faszinieren, hochmodern sind im Gegensatz zum sonstigen Blut-und-Boden-Kitsch des braunen Kinos, das lässt sich nicht bestreiten.
Was bis heute
unvermindert provoziert, ist anderes: ihre politische Rolle. Viele Künstler haben sich mit den Nazis eingelassen. Nur wenigen wurde die Vergebung so beharrlich verweigert, wie der Riefenstahl. Mit gutem Grund.
Denn bis auf Veit Harlan und vielleicht noch Arnold Breker gab es keinen anderen, der – Kunst hin oder her – so offensichtliche, unbestreitbare Propagandafilme schuf wie die Riefenstahl. Und niemand leugnete diese politische Verstrickung so beharrlich
wie sie. »Unpolitisch« sei ihr Werk, »nur der Schönheit verpflichtet«, argumentierte sie. Aber das stimmt noch nicht einmal halb. Denn man muss nur ihre Filme mit denen anderer, »normaler« Propagandakünstler vergleichen, um zu erkennen, dass die Erscheinung Hitlers, seine Auftritte und deren öffentliche Inszenierung zu einem guten Teil ihr Werk waren.
Bis zuletzt entkam sie dem Schatten dieser vergleichsweise kurzen Zeit ihres Lebens nicht. So sehr sie es versuchte. Und in den letzten Jahrzehnten wirkte sie bei ihren öffentlichen Auftritten – in Talk-Shows, zuletzt vor zwei Jahren bei der Frankfurter Buchmesse – wie eine Wiedergängerin, eine Untote des Nationalsozialismus. Die Filmwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen nannte sie ein fleischgewordenes Holocaust-Denkmal. In diesem Sinn ist es jedenfalls schade, dass sie tot ist.
Als Leni Riefenstahl im Film, wohlgemerkt vor allem aus künstlerischen Gründen, nicht mehr Fuß fassen konnte, ist sie zu einer beachtlichen Photographin geworden. Vor allem mit ihren Bildern über die Nuba in Afrika und mit ihren Unterwasserreportagen errang sie neue Aufmerksamkeit. Und sie hat lang genug gelebt, um die meisten ihre Kritiker zu überleben oder zumindest verstummen zu lassen.
Zu ihrem 100. Geburtstag vor einem guten Jahr nun kam an Leni Riefenstahl keiner mehr vorbei. Sie gab Interviews in der »Vogue« und bei »Maischberger« – geprägt von viel Bereitschaft zum Vergessen. Und als ob es andere Gründe gäbe, als mit ihr über ihre Vergangenheit zu sprechen. Und fast musste es am Ende scheinen, unsere Bilderkultur habe vor Leni Riefenstahl tatsächlich kapituliert. Aber immer wieder sah man hinter den Masken die Wahrheit. Es half nichts. Sie blieb die letzte Mohikanerin der Nazi-Zeit.