»Einen ganzen Riefenstahl-Film anzugucken ist ja unerträglich...« |
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| Leni Riefenstahl am Schneidetisch (1935) | ||
| (Foto: unbekannter Fotograf via Wikipedia) | ||
Die in Zürich lehrende Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen hat sich auch als Filmexpertin einen Namen gemacht. Unter anderem schrieb sie für den Katalog zur ständigen Ausstellung der Deutschen Kinemathek in Berlin den Beitrag über Leni Riefenstahl. Soeben erschien Bronfens neuestes Buch: „Die Diva – Eine Geschichte der Bewunderung“ (Schirmer/Mosel, 224 Seiten, 49.80
Euro).
Aus Anlass des 100ten Geburtstages von Riefenstahl sprach Rüdiger Suchsland mit Bronfen über ihre Einschätzung der Regisseurin.
artechock: Sie haben gerade ein Buch über Diven geschrieben. Warum kommt Leni Riefenstahl darin nicht vor? Das hätte doch gut gepasst?
Elisabeth Bronfen: Sie hätte tatsächlich vorkommen können. Denn in der Art, wie sie sich inszeniert, selber ins Bild gesetzt hat, ist sie eine Diva. Riefenstahl hat ja als Tänzerin und Schauspielerin begonnen, und bleibt sich ihres eigenen, öffentlichen Bildes immer sehr bewusst. Es gibt wenig Fotos von Regisseuren dieser Zeit überhaupt, die sich derart selbst mit ins Bild setzen wie sie.
artechock: Würden Sie sagen: Leni Riefenstahl ist eine große Künstlerin?
Bronfen: Ich weiß nicht, ob man das so sagen muss. Sie ist bedeutend, keine Frage. Die Filme sind einflussreich, wichtig. Es gibt auch ein paar echte Bildeinfälle. Aber das bleiben wenige. Andererseits ist ihre Originalität vor allem eine Technische. Sie hat gute Ideen gehabt, wie man etwas überhaupt möglich machen kann, bestimmte Aufnahmen und Effekte herstellen kann. Und sie schneidet gut, hat sehr viel Sinn für den Rhythmus ihrer
Filme.
Aber das Meiste bleibt doch im Bereich des Kunsthandwerklichen. Und diese Frage nach der Kunst, die man in ihrem Fall gern stellt, halte ich noch aus einem anderen Grund für unangebracht: Denn die beiden Filme, für die Reifenstahl wirklich berühmt ist, Triumph des Willens und Olympia, sind ja gar keine Spielfilme, sondern Dokumentationen. Ihre Spielfilme sind schlecht, verquast, epigonal, unerträglich. Letztlich war Riefenstahl als Dokumentarfilmerin wichtig. Mehr nicht.
artechock: Wenn man ihre Schnitt-Technik vergleicht mit dem, was vorher da war, Eisenstein und andere, dann ist die aber doch auch nicht wirklich neu, oder?
Bronfen: Nein, das ist nicht neu, nein eigentlich greift sie auf, was da ist – und macht daraus nur in einer Hinsicht etwas Besonderes: Ton. Wie perfekt Bild und Ton zusammengehen, das ist es, was ihre Filme wirklich anders macht. Und das macht Leni Riefenstahl in der Filmwelt, wie wir sie jetzt kennen – die doch eigentlich so extrem stark von der Clip-Kultur inspiriert ist, so wichtig: Die Wichtigkeit der Musik als strukturierendes Prinzip – das ist es, wo sich aktuelle Anknüpfungspunkte ergeben.
artechock: Georg Seeßlen schreibt in epd: »Unsere Bilderkultur hat vor Leni Riefenstahl kapituliert!« Also: Wenn wir uns einig sind: Riefenstahl hat Werbeclips für den Faschismus gemacht, wenn wir uns einig sind: Sie ist enorm einflussreich für Werbekultur, für Musikvideos, und wir sehen, dass ihre schönen Körper nachgeahmt werden – ist es dann so, dass Riefenstahl Popkultur avant la lettre gemacht hat? Stimmt es, dass, je mehr Pop unsere Zeit wird, sie um so zeitgemäßer wird? Oder ist das eine falsche Annahme? Es geht also auch um die Beurteilung des Charakters der Popkultur. Also: Ist es so, dass Popkultur eine Welt bedeutet, die im Grunde genommen die Argumente verliert, weil sie nämlich nicht mehr politisch genug denkt, weil sie nicht mehr moralisch genug denkt, um mit einer wie Riefenstahl angemessen umzugehen?
Bronfen: Das finde ich gar nicht. Das kann man gut an einer Figur wie Warhol festmachen. Denn Popkultur antwortet auf die Moderne. Insofern ist Riefenstahl natürlich eine Vorreiterin, weil sie selbst die Moderne ist, zugleich, weil sie das Problem der Moderne ist.
Uns fällt es immer so leicht, Fritz Lang positiv zu sehen und Riefenstahl negativ. Aber gucken Sie sich mal Metropolis an! Da könnten Sie auch denken: Dass ist aber nicht weit von unserer Vorstellung von faschistischer Kultur entfernt.
artechock: Das ist zwar schon auch ein Teil der Moderne. Faschismus aber ist letztlich ja Antimodernismus...
Bronfen: Ja, ganz klar, aber Riefenstahl spricht schon eher ein Problem an, das generell in unserer Moderne verankert ist, und dort zum Problem wird: Nämlich die Bedeutung der Technisierung von Körpern, die Bedeutung des Gesamtkunstwerks, das Ausschließen von Inhalten und die Liebe für Form – das kann dann in verschiedene Richtungen gehen, aber Riefenstahl teilt es mit anderen.
Also: Riefenstahl ist modern, sie nimmt nicht die
Popkultur vorweg, sondern die Popkultur speist sich aus mehreren Aspekten der Moderne...
artechock: ...aber ist Popkultur denn wirklich diese Maschinisierung des Menschen?
Bronfen: Nein. Ich wollte noch was anderes sagen: Mein Punkt in Bezug auf die Popkultur ist: Wenn man Popkultur von Warhol aus denkt – also mittelbar bis auf Duchamps zurückführt – dann ist Pop ja eine absolut kritische Auseinandersetzung mit der Bildsprache der Moderne und der Bildsprache unseres Alltags und mit der ganzen Opposition „high-low“. Und das muss man als eine moralische, kritische und eben
politische Haltung verstehen.
Das muss es nicht sein, aber das kann es eben auch sein. Denn Sie können ja durchaus Bilder und Zeichen erst mal entleeren und dann aber auf die Art neu zusammensetzen, dass die Entleerung deutlich wird. Und Sie können auf die Kommerzialisierung und die Reproduzierbarkeit von Zeichen gerade dadurch hinweisen, dass Sie dies inszenieren.
Meine Haltung zu Riefenstahl ist ja: Wenn Sie nach dem Krieg gesagt hätte, »Natürlich habe ich Werbefilme für die NSDAP gemacht, natürlich war ich Opportunistin« – dann hätte ich kein Problem mit ihr. Es geht darum, dass man sagt: man tut das, was man tut. Da wäre für mich der Unterschied: Die Werbung und Musik-Clips tun das was sie sagen, was sie tun: wir verkaufen hier Musik. Die schöne Form hat einen klaren Grund. Und insofern ist es kein Problem, ob die sich politisch-kritisch mit den Riefenstahl-Formen auseinandersetzen. Da würde ich eher sagen: Die sind gescheit und begreifen, welche Aspekte von den Riefenstahl-Filmen funktionieren.
Man darf bei alldem auch nicht vergessen: Einen ganzen Riefenstahl-Film anzugucken, ist ja unerträglich! Das ist ja noch mal ein Grund, warum ich das nicht für Kunst halte: Das ist grauenhaft langweilig. Sie können das gar nicht ansehen. Der Olympia-Film dauert wie viele Stunden und interessant sind vielleicht 20 Minuten.
Die Leute, die das übernehmen,
haben einen guten Blick dafür, welche Bildsprache eigentlich funktioniert. Und da denken die möglicherweise schon auch politisch, aber nicht im Sinne von: Welcher politischen Ideologie dient das, sondern: Wie kann ich Körper so gestalten, um die Message zu transportieren, das ich transportieren will. Und das heißt dann meistens: Ein Objekt verkaufen, ein Objekt mit einem Image belegen.
artechock: Zunehmend wird Leni Riefenstahl ja auch als Person zu einem Teil der Popkultur. Sie wird ikonisch. Sie gehört zu „großen Familie der Bundesrepublik“, sie wird interviewt, selbst in der Vogue, man interessiert sich für sie, wenn sie taucht, wenn sie mit Reinhold Messner auf den Berg steigt,...
Bronfen: Das ist allerdings verhältnismäßig neu. Dieses Interesse jetzt scheint mir nicht zuletzt eine Ermattungsgeste der Kritiker zu sein. Sie können nicht mehr anders. Vielleicht sehen es auch manche so wie ich: Dass es jetzt auch schon egal ist.
Aber es stimmt schon: Natürlich ist Riefenstahl auch eine Diva, eine Diva non grata, die als solche ein Teil dieser Pop-Familie ist. Sie fotografiert Mick Jagger, wird mit Warhol
fotografiert. Warhol und Helmut Newton beziehen sich auf sie, ahmen sie nach – aber immer ein bisschen de mauvais foi, mit schlechtem Gewissen. Es ist leichter, für Susan Sontag ihr eine faschistische Ästhetik vorzuwerfen, und für Leibowitz trotzdem zu sagen: Aber ich mag die Bilder, weil die da eine Distanz zu halten können. Das ist nicht ihre Geschichte. Bis vor fünf Jahren in Deutschland war man ungeneigt, sie nur als Pop-Figur zu sehen. Da kommt immer doch ein schlechtes
Gewissen.
artechock: Ja, diese Leni überlebt alle, die ganzen Filmkritiker der Generation, die sich noch unmittelbar mit dem deutschen Faschismus auseinandergesetzt hat. Die sind jetzt auch schon 60, 70. Und jüngere Filmkritiker nehmen das auch nicht mehr so ernst. Und allemal fehlt ihnen die Erfahrung. Aber das ist vielleicht tatsächlich das Problem der zeitgenössischen deutschen Kultur: Die mittlerweile völlig schamlos mit der deutschen Schuld umgeht, die sich selbst mit einem Mal ohne alle Distanz zum Opfer macht, und meint, Israel als Täter angreifen zu dürfen, auf eine Stufe mit den Nazis stellen zu dürfen. Und die dann zugleich Riefenstahl rehabilitiert. Hier trifft sich dann plötzlich die Linke und das liberale Establishment mit seinem guten Gewissen mit den alten und vor allem den neuen Nazis, die nur drauf warten, dass sie wieder Riefenstahl toll finden dürfen.
Vielleicht muss man das im Umgang mit Riefenstahl wirklich begreifen, vielleicht ist es einfach nur eine verständliche Schwäche und Ermattung der Kritik, aber das ändert nichts am Problem. Es gibt ja keine Entschuldigung für Müdigkeit...
Bronfen: Ja, Leni überlebt alle! Ich habe schon eine klare Position. Die ist nicht zuletzt gefüttert worden durch die Art, wie man in den letzten Wochen mit ihr umgegangen ist. Ich bin ja auch zitiert worden in der Vogue und ich stehe auch zu dem Zitat, dass man es einfach nicht trennen kann, dass man gegen die Filme politisch oder ästhetisch sein kann, aber dass man doch ihre Wichtigkeit für unsere Bildsprache nicht übersehen kann. Andererseits darf man es auch nicht umdrehen: Ich finde, wir dürfen es uns auf keinen Fall erlauben, sie selbst als Person und als historische Figur genau zu diesem mythischen entleerten Signifikanten zu machen, zu dem sie sich gerne machen lassen will. Wir sind angehalten, uns permanent wieder zu fragen, was wir eigentlich mit ihr wollen, was es mit ihr auf sich hat, und uns durch sie reizen zu lassen. Deswegen finde ich: Sie ist das beste Holocaust-Mahnmal, das wir haben. Weil sie noch lebt, weil sie einfach immer noch da ist, müssen wir uns mit ihr auseinandersetzen...
artechock: Leni Riefenstahl ist also selbst der leibhaftige Faschismus, der nicht verschwindet, sie ist die Vergangenheit, die nicht vergehen will?
Bronfen: Genau! Immer wenn sie redet, müssen wir antworten. Und zwar antworten: Das darf nicht wahr sein! Das stimmt nicht! Und so zwingt sie uns wirklich ständig, weiter nachzudenken, über uns selbst nachzudenken.
Bei diesem permanenten Riefenstahl-Bashing kommt es ja schnell dazu, dass man ihr vorwirft, sie wäre unverantwortlich gewesen, und damit zugleich impliziert: Aber wir dagegen sind so verantwortungsvoll. Das ist nicht
gut, das geht nicht. Aber wir können Riefenstahl benutzen, damit wir das einfach nicht vergessen.
Gerade in der heutigen Welt ist es wichtig, dass man sich erinnert, was in den 30er, 40er Jahren passiert ist, dass wir die Unmöglichkeit des Nationalsozialismus nicht vergessen. Das muss man offensichtlich den Menschen immer wieder sagen: Dass das nicht in Ordnung war.
artechock: Offensichtlich! Aber das liegt natürlich möglicherweise genau daran, dass Riefenstahl schon zu diesem entleerten mythischen Signifikant geworden ist. Man scheint gegen sie nicht mehr argumentieren zu können, ohne zum Spielverderber zu werden.
Bronfen: Ich bin eher der Meinung, man kann und muss das zusammendenken. Man kann diese Popmoderne nicht einfach abtun, die ist ein Teil unserer Kultur. Man muss nur versuchen, herauszufinden, wie man eine ethische Haltung in genau diese Bildwelten hereinbringt. Um diesem Wunsch: Mich interessieren nur die schönen Formen, einfach etwas entgegenzuhalten. Nein, es müssten Euch aber auch Inhalte interessieren!
artechock: Was wäre da ein Ansatz? Wie bringen wir eine ethische Haltung in den Coca-Cola-Spot? Wie können wir moralisch Coca-Cola trinken?
Bronfen: Naja, es geht ja nicht darum, wie wir moralisch Coca-Cola trinken. Man muss auch mal die Pop-Ästhetik von Werbung trennen. In der Werbung finde ich ethische und politische Botschaften sogar eher problematisch, wie im Fall Benetton. Aber Popkultur, das ist auch das Kino. Wenn man die Warchowski-Brothers nimmt oder David Fincher. In dem hier die Bildwelt gegen die Geschichte oder die Schauspieler ausgespielt wird. In Fight Club nimmt Fincher riefenstahlartige Körper, baut aber natürlich den Schmerz und die Verletzung mit hinein...
artechock: Das ist aber das Entscheidende!
Bronfen: Ja, das ist wichtig, aber für mich noch entscheidender ist der Blick der Frau in Fight Club. Es muss nicht immer eine Frau sein. Aber es muss etwas in den Bildern geben, das reflektiert, was diese Bilder tun.
artechock: Also den Bruch integrieren. Wobei das natürlich die Abkehr von Riefenstahl bedeuten würde, von der Werbe-Ästhetik. Man kann mit der Werbe-Ästhetik spielen, aber man betreibt sie nicht.
Letzte Frage: Ist Riefenstahl eigentlich eine Feministin? Das behauptet ja Alice Schwarzer...
Bronfen: Nein. Feministin ist die, die von sich sagt, sie sei eine Feministin, und da Riefenstahl das nicht tut, ist sie keine. Ich verstehe aber, warum Schwarzer das tut: Schwarzer sieht in ihr – und das ist ja verständlich – for better or worse eine Frau, die sich immerhin in der Männergesellschaft zäh und überaus hartnäckig durchgesetzt hat, und auch hält. Und wenn Feminismus bedeutet: Frauen sollen sich in der Öffentlichkeit bewegen können, ihren Weg gehen können, etwas machen können – dann ist sie natürlich ein Vorbild.