06.12.2001

Cyborgs und DANDY DUST

Dandy Dust von Hans Scheirl

Cyborgs und DANDY DUST

Einführung zur Filmvorführung am 08.12.01 im Filmmuseum München

Von Nina Stuhldreher

Ich lasse mein Fahrrad nachts nie allein auf der Straße stehen. Letzten Sommer hatte ich es einmal tagsüber an eine Laterne ange­kettet und konnte es abends nicht hinein­tragen, weil ich zwischen­zeit­lich den Schlüssel verloren hatte. Ich bin halb wahn­sinnig geworden. Ein Glück war die Stelle vom Wohn­zimmer aus sichtbar, also habe ich mein Bett ans Fenster verfrachtet, um ab und zu mal danach sehen zu können. Am liebsten hätte ich am Fahrrad einen Bindfaden fest­ge­macht und mit dem anderen Ende an meinen Zeh geknotet, um die ganze Zeit über fühlen zu können, dass es noch da ist. Bin ich total bescheuert? Habe ich eine Zwangs­neu­rose? Keines von beiden: I am simply a cyborg.

Solche Ampu­ta­ti­ons­ge­fühle bei Abge­trennt­heit von geliebten Geräten gibt es zuhauf, und bei jedem Gerät fühlt es sich anders an. Wie reagieren Sie, wenn Sie Ihr Handy nicht dabei haben, Sie ohne Fernseher auskommen müssen oder die Stereo-Anlage kaputt ist? Viel­be­nutzte Autos z.B. können mobile temporäre Heime und Ich-Veror­tungs­mög­lich­keit bei vorbei­flie­gender Land­schaft und wech­selnden Kontexten bedeuten. Ihr Zurück­lassen im unge­schützten öffent­li­chen Raum erzeugt dann das gleiche Unwohl­sein, als hätte man die eigene Wohnung unab­ge­schlossen mitten auf dem Mari­en­platz abge­stellt. Oder die komplette Fest­platte des privaten Rechners ins Netz. Wenn beim Verlust von vertrauten tech­ni­schen Surro­gaten unser Gefühl von Volls­tän­dig­keit derartig ins Wanken gerät, können wir davon ausgehen, dass auch ihr täglicher Gebrauch einen erheb­li­chen, wenn viel­leicht auch noch unbe­merkten Einfluss auf die Grenzen unseres Selbst­bildes hat.

Der Cyborg-Begriff ist vor allem aus Hollywood-Filmen und Manga-Comics bekannt – wer kann nicht auf Anhieb eine Reihe von Beispielen wie den Termi­nator, RoboCop, Astro Boy oder Seven of Nine benennen? Ursprüng­lich wurde der Cyber­netic Organism vom Wissen­schaft­ler­team Clynes/Kline 1960 auf einem Symposion zu den psycho­phy­sio­lo­gi­schen Aspekten der Raumfahrt einge­führt und war als tech­ni­sche Aufrüs­tung des mensch­li­chen Körpers zwecks Anpassung an unwirt­liche extra­ter­res­tri­sche Umwelten gedacht. Inzwi­schen wird dieser Begriff auch für hybride Verbin­dungen jenseits der Mensch-Maschine-Konstruk­tion verwendet. Kosme­ti­sche Opera­tionen und Trans­plan­ta­tionen schaffen täglich unzählige Cyborgs, in denen verschie­dene mensch­liche Körper ebenso gemixt werden wie orga­ni­sches mit anor­ga­ni­schem, künstlich gezüch­tetem oder totem Material.In Kunst und Theorie, hier vor allem Femi­nismus und Gender Theorie, wurde jedoch in den letzten Jahren viel­fältig mit neuen Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­keiten des Cyborg-Begriffs expe­ri­men­tiert, die seine geläu­figen hege­mo­nialen Beset­zungen als männ­li­cher Superheld, perfekte weibliche Beauty oder staat­li­ches Kontroll­organ hinter sich lassen. Den wich­tigsten Beitrag lieferte hierbei die ameri­ka­ni­sche Biologin und Natur­wis­sen­schafts­his­to­ri­kerin Donna Haraway 1985 mit ihrem berühmten »Cyborg-Manifesto›. Dieses beschreibt »die Cyborg« (sgl.) als Schnitt­stelle zwischen Mensch und Maschine, Orga­ni­schem und Tech­ni­schem, das unseren Glauben an dichotome Struk­turen erschüt­tert und die Grenzen zwischen biolo­gi­schen Geschlech­tern und der Defi­ni­tion des »Selbst« und des »Anderen« durch­lässig werden lässt. Dies war der Impuls für eine Vielzahl von Texten und Arbeiten, die von einem auf die Ebene von sozi­al­po­li­ti­schen, psycho­ana­ly­ti­schen und kogni­ti­ons­wis­sen­schaft­li­chen Frage­stel­lungen verscho­benen Cyborg­be­griff ausgehen und versuchen, neue Wahr­neh­mungs­mo­delle jenseits der Kultur/Natur, Geist/Körper und männlich/weiblich-Pola­ri­täten zu entwerfen: »Cyborg« ist zur Metapher der Gren­zü­ber­schrei­tung geworden.‹«

In diesem Sinne ist Dandy Dust durch und durch Cyborg­film: once upon a time wächst der kleine Dandy einsam auf dem Planeten »of Blood and Swelling« auf, wird zum Spielball im Macht­kampf seiner Eltern Cyniborg und Sir Sidor, dessen Bevor­zu­gung durch den Jungen der Mutter ein Dorn im Auge ist. Als er 5 Jahre alt ist, geschieht ein Mord, doch: »Sometimes if we know too much, we forget ever­y­thing«. Fern­se­hend geboren und gross­ge­zogen, fliegt Dust später mit freudiger Neugier und Unschuld eines Kaspar Hausers zu einem unbe­kannten Planeten. Nicht nur diese Iden­ti­täts­suche, auf die sich Dust begibt, nicht nur die perma­nenten Wechsel körper­li­cher Erschei­nungs­formen und Geschlechter durch Opera­tionen, Trans­plan­ta­tionen, Gedächtnis-Daten-Transfers oder die Einnahme von Drogen, auch die filmische Technik ist ein Universum an Hybri­dität und Gren­zü­ber­schrei­tungen. Super8 und High8 und 16mm proje­ziert, nochmals abgefilmt und am Computer bear­beitet ergeben einen dschun­gel­ar­tiges Dickicht von Settings. Organe begnügen sich nicht damit, im Körper zu verweilen, sondern schmücken diese auch äußerlich, nehmen die Ausmaße ganzer Räume oder Planeten an, kriechen selbst aus anor­ga­ni­schen Wunden hervor und sind lebende Raum­schiffe. Narrative Elemente winden sich in- und umein­ander und nisten sich auf unter­schied­li­chen post­li­nearen Strängen ein. Mithalten kann nur, wer sein Gehirn auf asso­ziativ akku­mu­lie­rende Misch­re­zep­tion umschaltet.

Während für den Kapi­ta­lismus auch nach Wegfallen des sozia­lis­ti­schen Fein­bildes das Propa­gieren von Indi­vi­dua­lität als oberstes Prinzip eine markt­tra­gende Rolle zu spielen scheint, frage ich mich manchmal, ob an mir überhaupt irgend­etwas indi­vi­duell ist. Wenn man es bedenkt, bin ich eigent­lich nichts anderes als ein Compu­ter­pro­gramm, geschrieben von zwei Haupt- und ein paar Neben­pro­gram­mie­rern, die mich mit ihren Idealen gefüttert haben. Zusätz­lich geprägt zwar von Ereig­nis­in­for­ma­tionen, die wohl tatsäch­lich keinem Zweiten genau so wider­fahren sein mögen. Doch solange ich mich nicht in meinen eigenen Quelltext hacke, wie kann ich da sicher sein, dass mein mögli­cher­weise noch so unge­wöhn­li­ches Agieren nicht auch zum fix vorge­ge­benen Set an Reak­ti­ons­mög­lich­keiten gehört? Indi­vi­dua­lität ist in Wahrheit wahr­schein­lich das am wenigsten Selbst­ver­s­tänd­liche, ein hartes Stück Arbeit, möchte man sie jenseits der vorge­geben Rollen­muster ausfindig machen.

Wahr­schein­lich sind wir eine Art Hybrid, bei dem verschie­dene Iden­ti­täten und ideelle Konzepte sich schicht­weise über­ein­ander abge­la­gert haben. – Versuchen Sie sich das jetzt wieder als Quelltext vorzu­stellen: eine schier unend­liche Liste von Namens­ein­trägen im Hypertext, wenn in diesem oder jenem Jahr­hun­dert mal wieder nach­hal­tige Verän­de­rungen an ihrem Vorläu­fer­pro­gramm vorge­nommen wurden. Oder denken Sie an die mögliche Erschei­nung einer Person afro-ameri­ka­nisch-india­nisch-irisch-italie­nisch-deutscher Abstam­mung (wobei dies jetzt nur als visuelle Übung gedacht ist und die geogra­fi­schen Back­grounds natürlich nicht 1:1 mit der eben ange­spro­chenen Program­mie­rung gleich­zu­setzen sind.) Auch der Trill Jetsia Dex aus der Star Trek-Staffel »Deep Space Nine« ist ein ähnliches Wesen, eine humanoide junge Frau, die einen viele Gene­ra­tionen alten Orga­nismus in sich trägt, der nach Ableben des einen Wirtes in einen anderen trans­plan­tiert wird. Leider sind die uns einge­pflanzten fremden Erfah­rungs­werte nicht so leicht von dem, was evtl. wir selbst sind, zu sepa­rieren. Ausgehend davon, dass das einzig immer schon Indi­vi­du­elle an uns viel­leicht die uns im Subtext von unseren Program­mie­rern verse­hent­lich einge­schrie­benen Wider­sprüche sind – mehrere Köche verderben nun mal den Brei- wäre wirkliche Indi­vi­dua­lität also erst dann erreicht, wenn es einem gelingen würde, diese Wider­sprüche und Lücken zu isolieren und in eine Form zu bringen, die es zu einem logischen autonomen Programm macht. Da jedoch kein Update ohne Basis­pro­gramm möglich ist, werden wir immer an diesem wie an einer Nabel­schnur hängen, so scheint es. We are all social cyborgs.

Dandy Dust und seine Mutter Cyniborg begeben sich parallel auf Iden­ti­täts­suche: doch während seine Mutter sich in gene­ti­schen Fest­schrei­bungen und Fami­liären Zwangs­ja­cken verliert, begibt sich Dust mit Unvor­ein­ge­nom­men­heit und Neugier auf eine Reise, deren Ziel nicht feststeht.

Eine Grund­regel für Cyborgs schien bisher zu sein, dass sie, um als solche rezipiert zu werden, einen mensch­li­chen Anteil besitzen müssen. Doch was ist eigent­lich mensch­lich? Auch die Mensch­heit selbst hat Schwie­rig­keiten dies zu beant­worten, auch sie befindet sich aktuell mal wieder auf einer groß ange­legten Suche nach ihrer Identität. Auf der einen Seite wirft die Forschung nach Künst­li­cher Intel­li­genz Fragen über die unsrige auf, auf der anderen Seite ist der Streit um die Grenz­linie zwischen Tier und Mensch neu entfacht. Immer spielt die Fähigkeit zu selb­stän­digem Denken als Indi­vi­dua­lität konsti­tu­ie­rendem Merkmal eine große Rolle, in der Prima­to­logie als Schnitt­stelle von Evolu­ti­ons­bio­logie und Anthro­po­logie ist zudem die Frage nach dem struk­tu­rellen Zusam­men­hang zwischen »Sex« als anato­misch-biolo­gi­schem Geschlechts­merkmal und »Gender« als sozialem Konstrukt zum x-ten Mal erneut entfacht.

Auch der Sender Pro7 scheint sich einem Beitrag zu dieser Debatte verschrieben zu haben. Nicht nur die Unmengen an Außer­ir­di­schen, Vampire, Dämonen und Hexen, die allabend­lich über den Bild­schirm jagen, inspi­rieren zu inter­es­santen Körper­kon­zepten, auch der eher nüchterne Dienstag abend ist besonders cybor­glastig. Während in »Emergency Room« Einblicke in die Repa­ra­tur­werks­tätten des Menschen als bio-chemisch/mecha­ni­sches System gegeben werden, lotet in »Sex in the City« frau ihre sexuelle Identität aus. »Samantha hatte sich zu einem Hybrid entwi­ckelt«, hiess es dort in der letzten Folge, »das Ego eines Mannes gefangen im Körper einer Frau.« Neben dieser hippen Thematik wurden am selben Abend weitere Aspekte wie futu­ris­ti­sche Repro­duk­ti­ons­tech­niken, schwule Hete­ro­se­xu­elle und hete­ro­se­xu­elle Schwule, Möglich­keiten zur Elimi­na­tion des Mannes, SM, Internet Sexsites und Cybersex innerhalb von nur 2× 25min. abgehakt. Das Erfreu­liche an diesem Main­stream-Komödien-Horror ist, dass mit einer Offenheit endlich Themen aufge­tischt werden, deren Neuar­tig­keits-Potential 100 Jahre nach Freud eigent­lich erstaunt. Das Traurige aller­dings ist, dass dies anschei­nend nur passieren darf, solange es von einem in ein rosa Negligé gehüllten Zarten Ding gesagt wird, das bestehende Geschlech­ter­rol­len­kli­schées wieder perfekt bestätigt.

Hans Scheirl ist gegen eine Praxis des Nicht-Zeigens der Schreck­li­chen Dinge. In bester Under­ground­kino-Manier, kostet er körper­liche Exzesse liebevoll bis ins (selbst­ge­bas­telte) Detail aus und schafft es, passend zu seinen avant­gar­dis­ti­sche Deko­ra­tionen, die an expres­sio­nis­ti­sche Stumm­filme erinnern, selbst Splat­ter­film-Motive noch einmal ins Zwei­di­men­sio­nale zu über­spitzen. »Parodie oder Porno­gra­phie?« fragte der Evening Standard in seiner Film­kritik und meinte: »Das hängt ganz von ihrem Blick­winkel, Geschlecht, spezi­ellen Vorlieben etc. ab.« Aber ist es überhaupt Porno­gra­phie? Im Gegensatz zu herkömm­li­chen Pornos, wo ober­fläch­liche Hand­lungs­stränge recht­fer­ti­gendes Beiwerk für ein bloßes Anein­an­der­reihen von Reizen sind, ist die Suche des Cyborgs Dandy Dust nach seiner sexuellen Identität zentrales Thema. Gezeigt wird, was relevant ist, Slash. Inter­es­sant ist in diesem Zusam­men­hang auch das Phänomen, dass die in »Dandy Dust« ausführ­lich gezeigten nackten Frau­en­körper – in Film- und Fernsehen eigent­lich Stan­dard­aus­stat­tung und auch täglich in Tele­fon­s­exre­klamen sogar bei der Selbst­sti­mu­lie­rung zu sehen – einen kleinen Schre­ckens­mo­ment hervor­rufen. Dass sie nicht als deko­ra­tives Attribut oder die Erfüllung männ­li­cher Wünsche, sondern als eigen­s­tän­dige sexuelle Subjekte darge­stellt werden, sind wir als durch­schnitt­liche Fern­sehUser/Userinnen anschei­nend nicht gewohnt.

Viel­leicht aber sind die vielen verwir­renden Hand­lungen und die neon­farben leuch­tenden Schläuche und Flüs­sig­keiten ja tatsäch­lich Porno­gra­phie, schließ­lich gibt Scheirl als Anliegen seiner filmi­schen Arbeit neben Tran­szen­denz auch Verfüh­rung an, und ich versuche nur aus meinem eigenen vorsich­tigen akade­mi­schen Kontext heraus, das Ganze im Vorfeld zu entschärfen.

Wenn dem so ist, zeigt Hans Scheirl, dass Poesie und Porno­gra­phie keine Gegen­sätze, sondern untrennbar mitein­ander verbunden sind. Selbst die derbste Szene nimmt lyrische Dimen­sionen an, wenn wir sehen, wie Dust sie mit großen Augen erlebt. Die Sehnsucht nach Poesie, Sexua­lität und Identität entstammen alle dem gleichen Ort, demons­triert der Film. Irgendwo an einem nicht in unserem Körper loka­li­sier­baren Ort, viel­leicht auch nur aus dem Fernsehen geboren, kenn­zeichnen sie das Bedürfnis nach Mani­fes­ta­tion unserer nicht-stoff­li­chen, gedank­li­chen Hälfte.Solange ich die Augen geschlossen habe oder in einem Film, dem Internet oder mitten in einem Video­spiel bin, gibt es nichts, was nicht Ich ist. Wahr­neh­mung, Analyse, Erkenntnis und Aktion laufen über den gleichen Code, sind gleich materiell oder imma­te­riell. Was gedacht werden kann, ist möglich. Das ist kein Szenario aus dem Film »Matrix«, das ist gefühlte Realität. Zurück in der »wirk­li­chen« Realität, werden mir wieder die Grenzen meines physi­ka­li­schen Körpers bewusst – die Wände hochgehen oder fliegen kann ich beileibe nicht – aber auch die ganzen netten Sachen, die ich damit anstellen kann. Mir wird klar, dass ich ein verdammter Hybrid aus einem körper­li­chen und einem geistigen Part bin. Sind wir Menschen also nicht immer schon Cyborgs?