27.04.2000
Der Filmfreund rät:

Wenn's nur ein Film sein soll

Sunrise

Der Filmfreund rät: F.W. Murnau

Von artechock-Redaktion

Was haben wir darauf gewartet, den mal im Kino zu sehen zu bekommen! Sunrise: A Song of Two Humans: F.W. Murnaus erster ameri­ka­ni­scher Film, eine von Holly­woods gewag­testen Prestige-Produk­tionen, einer der letzten ganz großen Stumm­filme. William Fox hatte den Nosferatu-Regisseur nach Amerika geholt, weniger als Produzent denn als Mäzen, um zu beweisen, dass seine 20th Century Fox auch hehre Kunst hervor­bringen konnte. Murnau hatte praktisch carte blanche – und nutzte dies: Aus Hermann Suder­manns vergleichs­weise unspek­ta­kulärer »Reise nach Tilsit«-Erzählung wurde ein Stadt vs. Land-Ehebruchs-Spektakel, das von seinem Aufwand schon fast mit D.W. Griffiths großen Epen mithalten konnte. Die Sets für die Szenen in der Stadt gehörten zu den größten damals gebauten; arbei­teten mit allen Tricks und Kniffen forcierter Perspek­tive und (unauf­dring­lich) expres­sio­nis­ti­scher Design-Kunst – und weil bei Murnau jede Einstel­lung bis ins Kleinste perfekt durch­ge­staltet sein musste, wurden oft vom selben Set verschie­dene Versionen für verschie­dene Kame­ra­winkel gebaut. Eine Feier der Künst­lich­keit, ein Beweis, dass im Kino die großen Wahr­heiten nichts mit »Realismus« zu tun haben, und ein Höhepunkt des »stummen« Films. (Sunrise wurde aller­dings bereits mit einer auf Movietone synchron ablau­fenden Filmmusik veröf­fent­licht. Das Film­mu­seum zeigt ihn stumm mit live Klavier­be­glei­tung.) Es dauerte Jahre, bis das Kino, nachdem ihm das Singen, Sprechen und Lärmen beigebracht war, wieder eine solche Poesie entfalten konnte, bis Rhythmus und Bewegung, Licht und Schatten, Form wieder mit solch künst­le­ri­scher Meis­ter­schaft zum Einsatz gebracht, zum sympho­ni­schen Ganzen verschmolzen wurden.
Keine Frage also: Wenn’s diese Woche nur ein Film sein soll, dann dieser!
(SUNRISE – A SONG OF TWO HUMANS (OF): Film­mu­seum, So. 20:30)

Am selben Tag an selber Stelle kann man dann gleich noch zuvor bestaunen, was ein sehr anderer Regisseur aus des selben Vorlage gemacht hat: Die Reise nach Tilsit läuft in Veit Harlans 1939er Verfil­mung. Anlass ist die Präsen­ta­tion des Buchs »Veit Harlan – Des Teufels Regisseur« von Frank Noack. Und auch wenn wir das noch nicht gelesen haben, können wir zumindest mit Sicher­heit sagen, dass es von einem sehr inter­es­santen Subjekt handelt. Im Dritten Reich war Harlan bekannt­lich einer der Vorzei­ge­re­gis­seure – einer der sein durchaus ordent­lich beherrschtes Handwerk gerne und ganz in den Dienst der kack­braunen Sache stellte. Und dabei seine schlimmsten Werke gar nicht mal unbedingt mit den noto­ri­schen Jud Süß und Kolberg vorlegte (in denen man – gerade weil sie ihre Botschaft verhält­nis­mäßig direkt auszu­spre­chen versuchen – durchaus Brüchiges finden kann), sondern mit solch eher über Bande spie­lenden Blut & Boden-Schnulzen wie Immensee – zum Strahl­kotzen! Nach dem Krieg hatte der Herr dann kurz­fristig Probleme – fing aber alsbald (und unter relativ schnell verklun­genen Protesten) wieder mit dem Filme­drehen an und schenkte dem deutschen Kino weiterhin solch herz­er­wär­mende Werke wie Anders als du und ich. §175, wo fröhlich vor unna­tür­li­chen und krank­haften Dingen wie Homo­se­xua­lität (Schock­schwe­renot!) gewarnt wird. Heissa! Drei Filme gibt’s an diesem Wochen­ende zur Buch-Neuer­schei­nung zu sehen – wem’s vor nichts graust und wer unsere Meinung teilt, dass man sich durchaus des öfteren mit eigenen Augen und Ohren und direkt am Objekt damit ausein­an­der­setzen sollte, wie derglei­chen Dinge funk­tio­nieren, solltemal rein­schauen.
(FILMMUSEUM: »Veit Harlan – Des Teufels Regisseur«, Fr.-So. 18:00, Titel siehe Programm)

Freilich gibt’s auch ange­neh­mere Arten und Weisen, das Wochen­ende zu gestalten. Meint zumindest der Herr Oehmann. Und der wird schon Recht haben. Weil das hat er öfters. (Unlängst aller­dings, da hatte er beispiel­weise einen Schnupfen.) Und darum über­mit­teln wir Ihnen in gewohnter Weise seinen weisen Rat. Der also lautet:
»Samstags Fußball, Sonntag Linden­straße.«

P.S.: The Insider sollten Sie auf keinen Fall versäumen!