27.07.2017
Kinos in München

Das ganz Neue Rex

Das Neue Rex
Seit über 60 Jahren Stadt­teil­kino: das Neue Rex


Mit freund­li­cher Unter­s­tüt­zung durch das Kultur­re­ferat München

Filme werden fürs Kino gemacht, hieß es mal in einer Kampagne. Weil dies im Zeitalter von DVD und erhöhten Kino­mieten mehr denn je keine Selbst­ver­s­tänd­lich­keit mehr ist, stellen wir hier besondere Kinos in München vor, die unbedingt einen Besuch wert sind.

Renoviert, renom­miert – Wie sich das Laimer Tradi­ti­ons­kino in neue Zeiten gehoben hat, ohne seine Wurzeln zu vergessen

Von Natascha Gerold

Ein neues Kino kommt also nach Laim. Zur Eröffnung zeigt es den ersten Garutso-Plas­t­o­rama-Farbfilm der Welt: Schloss Hubertus von Helmut Weiss mit Marianne Koch, Friedrich Domin und Michael Heltau.
Was so ein Umbau alles an Schätzen zutage fördern kann … Jene Ankün­di­gung stammt aus einer Seite der Süddeut­schen Zeitung vom 16./17. Oktober 1954 und gehört zu den Fund­s­tü­cken, die Thomas Wilhelm, Betreiber des NEUEN REX in Laim im Rahmen des Umbaus im vergangen Jahr zusam­men­ge­tragen hat. Mit diesem so entstan­denen Mini-Museum hinter der alten Kinokasse kann man sich wunderbar die Zeit vor Film­be­ginn vertreiben. Wo einst die gestrengen Augen von Frau Koller, der rechten Hand des einstigen Kino­be­trei­bers und Wilhelm-Vorgän­gers François Duplat, genau darauf achteten, wer im Kino aus- und einging, wer sich manier­lich benahm und wer nicht, begrüßen heute den Besucher im NEUEN REX histo­risch-nost­al­gi­sche Objekte wie ein alter Sitzplan, eine Original-Eintritts­karte aus dem Jahr 1957, eine alte Langnese-Schachtel (leer), Fami­li­en­fotos der Kino­fa­milie Wilhelm sowie diverse Urkunden und Auszeich­nungen.

Vergan­gen­heit, Gegenwart und Zukunft – Wie nie zuvor laufen seit den umfas­senden Umbau- und Reno­vie­rungs­maß­nahmen, bei denen vor allem aus dem großen Saal mit 167 Plätzen zwei Vorführ­räume entstanden, die Zeit­stränge in den Räum­lich­keiten am Laimer Agri­co­la­platz zusammen.

Vier Monate und eine Woche, von Anfang April bis Mitte August vergan­genen Jahres, dauerte es, bis das NEUE REX seinen Betrieb wieder aufnahm. Großen Bohei um die Wiederer­öff­nung gab es seiner­zeit keine, viel wichtiger war es Wilhelm, sein Verspre­chen einzu­halten, am 11. August die Krimi­komödie Schweins­kopf al dente im umge­bauten Kino zeigen zu können. Er konnte. So boten sich kürzlich die Münchner Film­kunst­wo­chen, bei denen das Laimer Tradi­ti­ons­kino zusammen mit dem Kino Solln von Anfang an dabei war, als Aufhänger an, nach fast einem Jahr Fertig­stel­lung noch einmal publi­kums­wirksam auf das umgebaute Tradi­ti­ons­kino hinzu­weisen: Die 65. Jubiläums-Film­kunst­reihe wurde in beiden Sälen mit dem Spielfilm Der Wein und der Wind von Cédric Klapisch eröffnet.

Foyer

Das neue Foyer (Foto: Natascha Gerold)

»Neuzeit­ver­hält­nisse schaffen, dabei aber den Kinolook noch erhalten«, war das erklärte Ziel Wilhelms, der, wie viele seiner örtlichen Kollegen, aus einer ange­stammten Kino­be­trei­ber­fa­milie kommt: Die Eltern, Thomas und Liese­lotte Wilhelm lenkten ab 1964 bis zum Abriss 1991 die Geschicke des renom­mierten und vielfach ausge­zeich­neten „Studio Solln“. So hat er aus dieser elter­li­chen Wirkungs­stätte die Lampen, die teilweise noch aus dem Jahr 1949 stammen, in beiden Kinosälen instal­liert. Die alten Kerzen­leuchter mit zeit­ge­mäßer LED-Technik erleuchten pracht­voll das neue elegant-dunkel­blaue Kino 2 mit farblich abge­stimmten Sesseln, während im Kino 1 – dem verklei­nerten ehema­ligen großen Saal – die anderen, großen Messin­gleuchten in Kombi­na­tion mit samtigem Rot eine unauf­dring­lich-nost­al­gi­sche Licht­spiel-Atmo­s­phäre erzeugen, wie man sie in großen Multiplex-Abspiel­orten wohl kaum findet.

Gang

Der neu gestal­tete Gang (Foto: Natascha Gerold)

Will man in die Welt des Kinos eintau­chen, möchte man nicht hinein­springen, sondern gekonnt in sie hinein­ge­führt werden – und vice versa. Wer lässt sich schon gerne nach dem Ende eines Films zurück­werfen in eine grelle, laute, so genannte Realität? Deshalb sollte die Bedeutung eines Kino-Flurs nicht unter­schätzt werden. Der neue Gang, der laut Wilhelm mit 45.000 Euro zu Buche schlug, erfüllt diese Zwecke in dezenten Gold- und Braun­tönen sowie edler Licht­ge­stal­tung und verbindet die beiden Kinosäle gekonnt mitein­ander.

Roter Saal

Der neue rote Saal (Foto: Natascha Gerold)

Mit der Umbau-Idee ging Wilhelm, der seit 1998 auch das CINCINNATI in Giesing und seit 2001 das NEUE ROTTMANN in der Maxvor­stadt betreibt, schon über viele Jahre schwanger, einige Vorstel­lungen musste er im Laufe der Zeit indes aufgeben: So war bald klar, dass ein von ihm ersehnter dritter Kinosaal im Laimer Altbau nicht entstehen könne, denn »Platz dafür wäre nur im Foyer gewesen«. Der dort geltende Bestands­schutz hätte für Wilhelm aber weitere, nahezu uner­füll­bare Auflagen – Stichwort Brand­schutz, Flucht­wege – bedeutet. Bei der Umwand­lung des großen Raums in zwei kleinere schwebte ihm zunächst eine Gegen­pro­jek­tion im neuen Saal vor, doch auf Anraten von Archi­tektin und Desi­gnerin Anne Batis­weiler wurde dieser dann doch im rechten Winkel zum größeren gedreht, ohne massive Eingriffe in die alte Bausub­stanz. Da vom Lagerraum noch etwas Platz genommen wurde und sich der Projektor Platz sparend im Flur befindet, können es sich die Besucher des neuen Kino 2 auf 69 teils neuen, teils reno­vierten Stühlen bequem machen – dort, wo sich in der Vor-Vergan­gen­heit des Kinos einmal der Bühnen­saal des unten ansäs­sigen Wirts­hauses „Bürger­bräu“ befand.

Mit den 100, ebenfalls neuen und reno­vierten Sitz­ge­le­gen­heiten des roten Kino 1 hat Wilhelm insgesamt gegenüber den einstigen 167 Sitzen sogar zwei Plätze dazu­ge­wonnen, für gute Sicht auf die Leinwände sorgen, jeweils in beiden Spiel­stätten, instal­lierte Podeste. Da der Weg vom Projektor zur Leinwand jetzt kürzer sei, gebe es laut Wilhelm im ursprüng­li­chen Saal jetzt auch ein besseres Bild.
Eine halbe Million haben die Maßnahmen alles in allem gekostet, so der Bauherr. Der aus dem Umbau resul­tie­rende Vorteil, doppelt so viele Filme nicht nur früher, sondern auch länger als zuvor zeigen zu können, schlage sich auch im gewünschten Effekt gestie­gener Zahlen nieder: »Im ersten Quartal dieses Jahres hatten wir 50 Prozent mehr Besucher.«

Blauer Saal

Der blaue Saal (Foto: Natascha Gerold)

Wie im ersten Teil des Artechock-Kino­por­träts über das NEUE REX berichtet, hat auch dieses Münchner Tradi­ti­ons­kino seine ganz eigene Geschichte – Von einst sieben Kinos ist das NEUE REX seit 1974 das einzige, noch bestehende in Laim. Es war sogar mal Schau­platz in einem Film, wie Siggi-Götz-Enter­tain­ment-Heraus­geber Ulrich Mannes kürzlich in einer seiner „Late-Film-Lectures“ im Werk­statt­kino erläu­terte: 1983, als man von „Mock­u­m­en­tary“ noch nichts wusste, drehte Filme­ma­cher Peter Gehrig mit Der Platz­an­weiser das gewitzte Fake-Porträt über einen gewissen Werner Loth, einer der „letzten Vertreter des Neuen Deutschen Films“. Gehrigs Ausgangsort ist im Film eben das NEUE REX, in dessen Foyer Gehrig (natürlich vergebens) auf den Einlass in die Nach­mit­tags-Vorstel­lung von Loths Werk „Nasse Männer gehen an Land“ wartet.

Ansonsten glich die Historie des Laimer Vorstadt­kinos oftmals eher einer rasanten und keines­wegs amüsanten Action-Fahrt: Und Wilhelm, seit 1996 Betreiber des NEUEN REX, hat so manche Zitter­partie heil über­standen. 1997 wurde mutig gegen die sich abzeich­nende Multiplex-Konkur­renz aus der Innen­stadt anre­no­viert, 2001 drohte ein Gebäu­de­ab­riss, vor sechs Jahren inves­tierte er in digitale 3D-Technik, im vergan­genen Jahr zog er Umbau und Reno­vie­rung durch, was ebenfalls wieder mit einer Mehrfach-Leinwand-Konkur­renz zusam­men­hing: Noch bis zur Umbau-Halbzeit war es nicht sicher, ob im benach­barten Pasing ein 1700-Plätze-Riesen­kino entsteht. Doch Wilhelm schien dies nicht aus der Ruhe zu bringen. »Wenn es kommt, bin ich gut, wenn nicht, besser aufge­stellt«, so seine stoische Haltung. Dann, Mitte Juni, die gute Nachricht: Da der Investor im harten Bieter­wett­be­werb um das Pasinger Areal den Kürzeren zog, ist auch die Multiplex-Gefahr vor der Haustür vorerst vom Tisch.

Fotos

Es bleibt in der Familie – Auf dem linken Foto im »Mini-Museum« stehen Thomas Wilhelm (Mitte) als kleiner Bub meinen seinen Eltern Thomas und Liese­lotte vor dem elter­li­chen STUDIO SOLLN (Foto: Natascha Gerold)

Doch nach dem Aufatmen warten schon wieder Heraus­for­de­rungen ganz anderer Art auf Wilhelm und sein mitt­ler­weile 15-köpfiges Team: »Viele zuge­zo­gene Neu-Laimer wissen noch gar nicht, dass sie das schöne Nach­bars­kino gleich um die Ecke haben«, bringt es Wilhelm auf den Punkt. Ange­sichts des stetigen Bevöl­ke­rungs­an­stiegs im Münchner Westen in den vergan­genen Jahren und erst recht in naher Zukunft (laut der „Klein­räu­migen Bevöl­ke­rungs­pro­gnose für die Stadt­be­zirke“ der Stadt München wird allein für Laim ein Einwoh­ner­an­stieg von gut 56.000 im Jahr 2015 auf gut 66.000 bis zum Jahr 2035 erwartet) könnte Gold­gräber­stim­mung herrschen – solange die Besu­cher­ströme nicht am heimi­schen Licht­spiel vorbei­ziehen. Neben jungen Familien hat Wilhelm als Ziel­gruppe nach wie vor „das Publikum ab 35“ im Auge: Eine Besu­cher­schaft, die weiß, welche Filme für sie gemacht werden, die aber ein anderes Infor­ma­tions- und Kommu­ni­ka­ti­ons­ver­halten hat als ganz junge Menschen, die permanent ihr Smart­phone als Live-Ticker im Blick haben. Deshalb setzt der Betriebs­wirt durchaus wieder auf klas­si­sche Medien wie Anzei­gen­blätter, die Verbrei­tung seines Online-News­let­ters liege „im fünf­stel­ligen Bereich“ sagt er nicht ohne Stolz. Auch dieje­nigen, die den letzten Trailer viel­leicht eher in der Kino­vor­schau statt auf Youtube gesehen haben, die 60-, 70-, 80-Jährigen, die sich gerne Live-Oper, Künst­ler­por­träts und Filme des gehobenen Main­streams ansehen, finden im NEUEN REX ihr filmi­sches Zuhause.

Sie alle scheinen laut Thomas Wilhelm eines gemeinsam zu haben: »Die Leute, die ihr Kino um die Ecke kennen, wollen für einen Film nicht mehr in die Stadt rein­fahren«.

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Literatur:
– »Neue Paradiese für Kino­süch­tige – Münchner Kino­ge­schichte 1945 bis 2007«, hg. von Monika Lerch-Stumpf mit HFF München, Dölling und Galitz Verlag, 368 Seiten, 42 Euro.

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