24.12.2015
Kinos in München

Eldorado – Das Münchner Kino mit Kult-Potenzial

Auf ins gelobte Eldorado!


Mit freund­li­cher Unter­s­tüt­zung durch das Kultur­re­ferat München

Filme werden fürs Kino gemacht, hieß es mal in einer Kampagne. Weil dies im Zeitalter von DVD und erhöhten Kino­mieten mehr denn je keine Selbst­ver­s­tänd­lich­keit mehr ist, stellen wir hier besondere Kinos in München vor, die unbedingt einen Besuch wert sind.

Das Eldorado ist ein Kino mit lässiger 70er-Jahre-Eleganz. An der Sonnen­straße gelegen fristet es in einer Passage ein Schat­ten­da­sein. Dabei hat es Kult­po­ten­zial, wie wir finden

Von Dunja Bialas und Ingrid Weidner

Eigent­lich ist es das perfekte Kino für Cineasten. Nicht weit vom Stachus auf der Innen­stadt­seite der Sonnen­straße gelegen, versteckt sich das Eldorado jedoch im Schatten einer Passage, die Leucht­re­klame zur Straßen­seite hin verliert sich in den Lichtern der Großstadt. Hat man die Passage erst gefunden, dann weist ein Aushang mit Kino­pla­katen den Weg. Die Kasse befindet sich hinter einer Glas­scheibe, was wahlweise an eine Behör­den­pforte oder an ein Schau­steller-Kassen­häu­schen erinnert. Kommu­ni­ziert wird durch die typische Amts­sprech­scheibe, dabei genügt es, die Anzahl der gewünschten Karten zu sagen. Eine Nennung des Film­ti­tels ist nicht notwendig, denn das Eldorado hat nur einen Saal. Nach dem Ordern des Tickets legt man das Geld wie im Kreis­ver­wal­tungs­re­ferat beim Bezahlen einer Gebühr in eine Schublade. Der Obolus ist entrichtet.

Die ultra­kom­for­table Kino-Lounge

Das Vergnügen beginnt eine Etage tiefer. Die Besucher gelangen über eine steile Marmor-Treppe in ein kleines, aber geschmack­volles Foyer. Spiegel vergrößern die Räum­lich­keiten optisch, und eine schmale Sessel­bank sorgt für minimalen Komfort im Ambiente aus grünem Marmor und dunklem, glän­zendem Holz.

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Ein Kiosk versorgt die Besucher mit Getränken, Süßig­keiten und Knab­be­reien. Erfreu­li­cher­weise fehlt das Popcorn.

Die eigent­liche Sensation ist der Kinosaal, in den man durch eine Flügeltür gelangt. Weit­grei­fende, äußerst bequeme, blaugrüne Sessel, auf die mit Silber­faden kleine Sitz­num­mern gestickt wurden, warten auf die Besucher: das Mobiliar orien­tiert sich an den Kino-Tempeln in Cannes. Die Leinwand ist wandgroß, und die abfal­lende Anordnung der Sitz­reihen wie in den Multi­plexen garan­tiert den unver­stellten Blick auf das Geschehen. Und noch einen Vorteil bietet die luxuriöse Ausstat­tung – es gibt kein Gerangel mit dem Sitz­nach­barn um die Armlehne, denn dieser Kinosaal spielt ganz klar in der Liga der großzügigen und ultra­kom­for­ta­blen Kino-Lounges. Ohne Aufpreis!

Kino­ma­chen aus Film­lei­den­schaft

Das Eldorado, dieses versteckte Kino­pa­ra­dies, richteten Steffen und Thomas Kuchen­reu­ther 1970 ein. Damals umfasste der Kinosaal im Unter­ge­schoss noch 295 Plätze. Aller­dings entschieden sich die Kino­be­treiber 1995 zum Verkauf. Sie betrieben neben den Kinos an der Münchner Freiheit ab 1978 auch noch das Fantasia und das Odyssee, von der Sonnen­straße einen Steinwurf entfernt in der Schwantha­ler­straße gelegen. Seither gehört das Eldorado zu den City-Kinos, deren Haupthaus auf der gegenüber­lie­genden Seite der Sonnen­straße ange­sie­delt ist. Betreiber ist der Berliner Arthouse-Mogul Georg Kloster, Geschäfts­führer von zwanzig Kinos, darunter so renom­mierte Berliner Häuser wie der Delphi Film­pa­last, das Kino Inter­na­tional oder das Cinéma Paris. Kloster stattete das Eldorado mit THX-Sound­system aus und redu­zierte die Plätze auf 185.

Der Berliner hat die Kino­ver­ant­wor­tung den Thea­ter­lei­tern Bruno Börger und Holger Trapp über­tragen, die sich um die City-Kinos, also City, Atelier und Eldorado, kümmern. Börger ist seit zwölf Jahren dabei, das Kino ein wichtiger Teil seines Lebens. Als wir ihn treffen, bringt er seine Einkaufs­ta­sche mit ins Café, legt ein Netz Zwiebeln vor sich auf den Tisch. Dafür war kein Platz mehr in seiner Einkauf­stüte. »Ich habe mein Büro im Kino und bin deshalb immer da«, sagt er, und sein Blick verrät Begeis­te­rung und Verzweif­lung zugleich. Wenn ein Mitar­beiter ausfällt, verkauft er auch mal Tickets oder wechselt die Kino­pla­kate. Kino­ma­chen bedeutet für ihn auch Film­lei­den­schaft, auch wenn er selbst nur noch wenige Streifen in seinen eigenen Kinos ansehen kann, dazu fehle ihm schlicht die Zeit. Kino­ma­chen ist Profes­sion, zum Filme­gu­cken fährt er auf messe­ar­tige Screening-Tage. Er muss immer darüber auf dem Laufenden sein, was der Markt bietet, und gleich­zeitig neue Ideen für die City-Kinos entwi­ckeln. Denn allein des Geldes wegen betreibe heute niemand mehr ein Arthouse-Kino, davon ist der Thea­ter­leiter überzeugt: »Kino machen geht nur mit Herzblut. Wer wirt­schaft­lich erfolg­reich sein will, sollte sich was anderes suchen.« Doch auch Kino­be­treiber bräuchten Erfolg, sonst können sie sich ihre Kunst nicht mehr leisten.

Ein Eldorado für den OmU-Film!

Dass vor ein paar Jahren das Atlantis geschlossen wurde, hatte aller­dings nichts mit dem mangelndem Erfolg des beliebten OmU-Kinos zu tun. Wegen der anste­henden Digi­ta­li­sie­rung, und weil das Kino doch schon arg in die Jahre gekommen war, wurde es aus der langen Liste der Kloster-Kinos gestri­chen.

Börger mag das Eldorado und seinen beson­deren Charme, doch unserem Vorschlag, es zum neuen OmU-Kino zu machen, verpasst er eine höfliche, aber bestimmte Absage. »Eine Leinwand ist zu wenig, um dort nur Origi­nal­fas­sungen anzu­bieten, das Atlantis hatte zwei Säle. Deshalb zeigen wir diese Filme verstärkt in den City-Kinos. Dort haben wir mehrere Säle in unter­schied­li­chen Größen«, wehrt er ab. Nicht einmal als Premie­ren­kino würde es sich eignen, sagt er, als wir ihn auf den eleganten Charakter des Eldorado anspre­chen: »Es gibt kein Foyer dort, deshalb können wir leider keine Sonder­ver­an­stal­tungen anbieten.«

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Mini­ma­lis­ti­sche Eleganz: die Sitzbank im Foyer

Das Film­an­gebot des Eldorado richte sich an die bürger­liche Mitte, erklärt er uns, besonders die Nach­mit­tags­vor­stel­lungen besuchten häufig Kino­gänger, die zur Ziel­gruppe 60 plus zählen, darunter vor allem viele Zuschaue­rinnen. Eine Art Theatiner am Stachus also, für Freunde von Synchron­fas­sungen. Die wünschten sich Arthouse-Filme mit Herz, Schmerz und Anspruch, Brot und Tulpen sei der erfolg­reichste Eldorado-Film gewesen, so Börger.

Irgendwie werden wir den Gedanken nicht los, dass das Eldorado ein Kino mit echtem Kult­po­ten­zial ist. Die Lage an der Feier­meile erscheint geradezu ideal, junge Leute anzu­ziehen; einst war die Sonnen­straße von den Stadt­pla­nern auch als Boulevard konzi­piert worden. Die Zeiten sind definitiv vorbei, als die Sonnen­straße noch Zubringer zum verkehrs­stärksten Platz Europas, dem Stachus, war, und sich zu einer doch etwas frag­wür­digen Seiten­ader der Kaufin­ger­straße mit Möbel-, Gesund­heits­häu­sern, Instru­men­ten­tempel und Tanz­schule entwi­ckelte. Die Adresse auf der Innen­stadt­seite ist begehrt, hier haben sich das Goethe-Institut und die Münchner Film­wo­chen GmbH ange­sie­delt. Kürzlich forderte der Verkehrs­club Deutsch­land (VCD), soge­nannte »Fußgän­ger­ma­gis­tralen« zu schaffen. Das Konzept sieht vor, eine Hälfte der Sonnen­straße in eine verkehrs­be­ru­higte Zone mit mehr Grün und Platz für Fußgänger zu verwan­deln. Wenn die Sonnen­straße auch tagsüber mehr Flair hätte, käme das auch dem Eldorado zu Gute.

Kino mit Kult­po­ten­zial

Auch wenn dies noch in weiter Ferne liegt, ist heute schon Leben in die Meile gekommen, die nun auch abends bis spät in die Nacht von einem jungen, feier­wil­ligen Publikum bevölkert wird. Mit einem Konzert, bei dem vom Atlantis-Kino Abschied genommen wurde, hat es das Eldorado bereits einmal vorge­macht: wie sich die Münchner Cineasten- und Musik-Szene zusam­men­finden kann.

Man sollte nach vorne denken, denn die steilen Stufen hinunter ins Kino könnten für das zunehmend ältere Publikum schon bald zum Handicap werden, einen Aufzug gibt es nicht. Viel­leicht wäre ein attrak­tives Angebot für eine jüngere Ziel­gruppe doch eine schöne Alter­na­tive? Doch Börger bleibt skeptisch gegenüber dem OmU-Kino. 185 Plätze für englische Filme mit Unter­titel seien nicht ausrei­chend, meint er, für die Nach­ver­wer­tung sei es wiederum zu groß.

In homöo­pa­thi­schen Dosen über das Jahr verteilt zeigt das Eldorado durchaus aktuelle Film­perlen im Original mit Unter­titel. Wir haben uns beispiels­weise in diesem Jahr Woman in Gold, Slow West oder A Perfect Day dort angesehen und waren begeis­tert. Auch Menschen über sechzig mögen Origi­nal­fas­sungen, wie wir dabei fest­stellen konnten. Wenn Börger dort nicht den neuen James Bond zeigen will, dann verstehen wir das natürlich.

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Schon der Name »Eldorado« klingt verlo­ckend nach Western und Gold­gräber­stim­mung und bezeichnet das sagen­hafte Goldland in Südame­rika

Nachdem vor Jahren also eines unserer cine­as­ti­schen Wohn­zimmer – das Atlantis – für immer seine Türen schloss, wäre das Eldorado eine echte Pilger­s­tätte für Filme mit Unter­titel. Da jetzt Weih­nachten ist und das neue Jahr kommt, wäre es an der Zeit, sich jetzt einfach mal etwas zu wünschen. Wir schicken schöne Grüße an Herrn Kloster nach Berlin und hätten gerne mehr OmU-Filme im Eldorado, bitte.

Und da wir gerade beim Wünschen sind: bitte, lieber Herr Kloster, zeigen Sie doch auch japa­ni­sche oder türkische Film im Original mit Unter­ti­teln, im Eldorado oder von uns aus auch im City oder Atelier. Die Cineasten der Stadt werden es Ihnen danken!

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