16.05.2013

Au revoir, 35mm!

Subjektiv - Dokumentarfilm im 21. Jahrhundert
Die Verachtung von Jean-Luc Godard: Nur einer von über 1000 Filmen,
die Walter Kirchner nach Deutschland in die Kinos gebracht hat

Die Theatiner-Filmkunst in München verab­schiedet sich von der Ära des Zellu­loids mit einem Film­pro­gramm aus dem Reper­toire der Neuen Filmkunst von Walter Kirchner / Die Lupe

Von Dunja Bialas

»2012 ist das dunkelste Jahr in der Geschichte des Kinos. Die feind­liche Übernahme durch das Digitale ist vollzogen, es ist das Ende des Films.« · Peter Kubelka

Was der Wiener Avant­gar­dist und Film­theo­re­tiker Peter Kubelka letztes Jahr anläss­lich der Auffüh­rung seiner filmi­schen Skulptur Monument Film in Wien konsta­tierte, trifft nun auch in München auf die letzte Bastion des Zellu­loid­films zu. In diesen Tagen wird das altehr­wür­dige Theatiner mit einem digitalen Gerät mit 2K-Auflösung bestückt. Damit ist das Film­theater, das 1956 errichtet wurde, in der Gegenwart, und noch wichtiger, in der Zukunft der Kinos ange­kommen.

Immer schwie­riger war es, so Marlies Kirchner von der Theatiner Filmkunst, noch inter­es­sante Filme auf Zelluloid zu erhalten. Ein digitales Aufrüsten war daher unum­gäng­lich. Die glück­liche Nachricht: Die 35mm-Projek­toren können im Vorführ­raum bleiben. So wird es auch in Zukunft möglich sein, Film­ko­pien aus dem umfas­senden Reper­toire der Neuen Filmkunst von Walter Kirchner zu zeigen.

1957, als Kirchner das Theatiner übernahm, hatte er begonnen, Filme in Deutsch­land bekannt zu machen, deren Auffüh­rung durch die Macht­haber im Dritten Reich unter­bunden wurden. Er brachte Filme der Sowje­ti­schen Revo­lu­tion und aus der Weimarer Zeit in sein Kino in München und machte sie über seinen Verleih deutsch­land­weit zugäng­lich. Kirchner machte überdies alle Filme der fran­zö­si­schen Nouvelle Vague dem deutschen Publikum bekannt, meist im Original mit Unter­ti­teln, und die Filme des italie­ni­schen Neo-Realismus. So kann ohne Über­trei­bung seine Arbeit als Film­ver­leiher als histo­risch bezeichnet werden: In einer Zeit, wo vor allem der deutsche Heimat­film und seichte Komödien die Kinosäle füllten, ließ er das deutsche Kino­pu­blikum vom Geist der neuen Kino­be­we­gung in Italien, Frank­reich oder Spanien anstecken. Vermut­lich ist es in diesem Zusam­men­hang auch kein Zufall, dass die Ober­hau­sener Bewegung, aus der zahl­reiche Filme hervor­gingen, die sich gegen »Papas Kino« wandten, in München ihren Anfang nahm. Alexander Kluge und die anderen waren vermut­lich auch des öfteren in der Theatiner Filmkunst gewesen.

Heute ist das Theatiner mit seinem holz­ver­tä­felten Saal aus den 50er Jahren und der Frei­treppe, die in das eleganten Foyer hinun­ter­führt, denk­mal­ge­schützt. Nicht denk­mal­ge­schützt hingegen sind die Art und die Qualität der Filme, wie sie früher einmal entstanden sind. Die Tatsache, dass das Theatiner uns mit dem Erhalt seiner 35mm-Projek­toren weiterhin die Perlen der Kino­ge­schichte zeigen kann, gilt es daher unbedingt zu feiern. Dies kann man jetzt mit einem ausge­wählten 35mm-Programm im Theatiner machen, bei dem es zum Glück nicht heißt, für immer von den Filmen, die uns am Herzen liegen, Abschied zu nehmen, sondern einen Gruß zuzurufen, der ein Wieder­sehen in Aussicht stellt: Au revoir, 35mm!

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AU REVOIR 35mm, 16.05.-29.05., Theatiner Filmkunst, München, Thea­ti­nerstr. 32.
Karten­re­ser­vie­rung unter Tel: 089 / 22 31 83

Das Programm im Detail:

Do., 16.05., 16:00 Uhr und Fr., 17.05., 18:30 Uhr
To Have and Have Not
(Haben und Nicht­haben)
USA 1944 · Regie: Howard Hawks · D: Humphrey Bogart, Lauren Bacall · 96 min. · Englische Origi­nal­fas­sung mit deutschen Unter­ti­teln
Do., 16.05., 18:30 Uhr und Fr., 17.05., 16.00 Uhr
Blow Up
Großbri­tan­nien/Italien 1966 · Regie: Miche­lan­gelo Antonioni · D: David Hemmings, Vanessa Redgrave, Sarah Miles · 111 min. · Englische Origi­nal­fas­sung mit deutschen Unter­ti­teln 
Sa., 18.05., 16:00 Uhr und So., 19.05., 18:30 Uhr TIPP!
Gott und Teufel im Lande der Sonne

(Deus e o Diabo na Terra do Sol)
Brasilien 1963 · Regie: Glauber Rocha · D: Othon Bastos, Iona Magalhaes, Lidio Silva · 112 min. · Portug. Origi­nal­fas­sung mit deutschen Unter­ti­teln
Sa., 18.05., 18.30 Uhr und So., 19.05., 16:30 Uhr TIPP!
Orphée
Frank­reich 1949 · Regie: Jean Cocteau · D: Jean Marais, Maria Casares, Marie Déa 95 min. · Fran­zö­si­sche Origi­nal­fas­sung mit deutschen Unter­ti­teln
So., 19.05., 11:00 Uhr
Il gatto­pardo
(Der Leopard)
Italien/Frank­reich 1962 · Regie: Luchino Visconti · D: Burt Lancester, Claudia Cardinale · 180 min. · Italie­ni­sche Origi­nal­fas­sung mit deut. Unter­ti­teln 
Mo., 20.05., 15:45 Uhr und Di., 21.05., 18:15 Uhr
North by Northwest
(Der unsicht­bare Dritte)
USA 1959 · Regie: Alfred Hitchcock · D: Cary Grant, Eva Marie Saint, James Mason · 136 min. · Englische Origi­nal­fas­sung mit deutschen Unter­ti­teln
Mo., 20.05., 18:30 Uhr und Di., 21.05., 16:00 Uhr TIPP!
Le mépris
(Die Verach­tung)
Frank­reich/Italien 1963 · Regie: Jean-Luc Godard · nach Alberto Moravia · D: Brigitte Bardot, Michel Piccoli, Jack Palance, Fritz Lang · 95 min. · Fran­zö­si­sche Origi­nal­fas­sung mit deutschen Unter­ti­teln 
Mi., 22.05., 16:00 Uhr und Do., 23.05., 18:30 Uhr
Capriolen
Deutsch­land 1937 · Regie: Gustaf Gründgens · D: Gustaf Gründgens, Marianne Hoppe · 86 min. · Deutsche Origi­nal­fas­sung
Mittwoch, 22.05. um 18.30 Uhr und Donnerstag, 23.05. um 16.00 Uhr
Madame de...
Frank­reich/Italien 1953 · Regie: Max Ophüls · D: Charles Boyer, Danielle Darrieux · 105 min. · Deutsche Fassung
Fr., 24.05., 16:00 Uhr und Sa., 25.05., 18:30 Uhr TIPP!
Il deserto rosso
(Die rote Wüste)
Italien/Frank­reich 1963/64 · Regie: Miche­lan­gelo Antonioni · D: Monica Vitti, Richard Harris · 117 min. · Deutsche Fassung
Fr., 24.05., 18:30 Uhr und Sa., 25.05., 16:00 Uhr TIPP!
Week end
Frank­reich 1967 · Regie: Jean-Luc Godard · D: Mireille Darc, Jean Yanne, Valerie, Lagrange · 103 min. · Deutsche Fassung
So., 26.05., 11:00 Uhr
La dolce vita
Italien/Frank­reich 1959 · Regie: Federico Fellini · D: Marcello Mastroi­anni, Anita Ekberg · 176 min. · Deutsche Fassung
So., 26.05., 16:15 Uhr und Mo., 27.05., 18:15 Uhr TIPP!
Sanshô Dayû
(Sansho Dayu – Ein Leben ohne Freiheit)
Japan 1954 · Regie: Kenji Mizoguchi. · D: Mit Kinuyo Tanaka, Yoshiaki Hanayagi. · 124 min. · Japa­ni­sche Origi­nal­fas­sung mit deutschen Unter­ti­teln.
So., 26.05., 18:30 Uhr und Mo., 27.05., 16:00 Uhr TIPP!
Nel nome del padre
(Im Namen des Vaters)
Italien 1972 · Regie: Marco Belloc­chio · D: Yves Beneyton, Renato Scarpa, Lou Castel · 115 min. · Italie­ni­sche Origi­nal­fas­sung mit deutschen Unter­ti­teln (OmU)
Di., 28.05., 16:00 Uhr und Mi., 29.05., 18:30 Uhr TIPP!
Cléo de 5 à 7
(Mittwoch zwischen 5 und 7)
Frank­reich/Italien 1961 · Regie: Agnès Varda · D: Corinne Marchand, Antoine Bour­seiller, Dominique Davray · 90 min. · Deutsche Fassung
Di., 28.05., 18:30 Uhr und Mi., 29.05., 16:00 Uhr
Belle de jour
(Belle de Jour – Schöne des Tages)
Frank­reich/Italien 1967 · Regie: Luis Buñuel · D: Catherine Deneuve, Jean Sorel, Michel Piccoli · 101 min. · Fran­zö­si­sche Origi­nal­fas­sung mit deutschen Unter­ti­teln