03.11.2022
ABSTAND/ZOOM

Z_ZOOM

Unterwegs im Namen der Kaiserin. Prequel
Der einzige wirklich haltbare Zoom auf den Sisi-Stoff kommt von Autorin Jovana Reisinger: Unterwegs im Namen der Kaiserin. Prequel
(Foto: Jovana Reisinger)

Dass diese Reihe mit dem Wort »Zoom« endet, ist seit über zwei Jahren klar

Von Nora Moschue­ring

Der Erdenzoom, der kosmische Zoom: Etwas fixiert im Universum einen Punkt, zoomt zu diesem Punkt, zoomt in eine Galaxie, in ihr ein Planet, er wird blau und rund, zoomt noch weiter darauf zu, die Erde und dann, auf dieser Erde, die sich viel­leicht dreht, fällt ein Kontinent in den Fokus, dann ein Land, dann eine Stadt, eine Straße, eine Wohnung, dort ein Zimmer, ein Körper und dann ein Gesicht. Richtig konkrete Verortung, denn natürlich könnte dieser Film mit der Person am Schreib­tisch, die eine Erkenntnis hat, streng­ge­nommen auch auf einem anderen Planeten spielen. Natürlich ist das immer ein bisschen größen­wahn­sinnig dieser große Zoom aus dem großen Ganzen zum Kleinen, aber er will ja auch nichts anderes sein.

Dass diese Reihe mit dem Wort »Zoom« endet, ist seit über zwei Jahren klar. Zoom ist mitt­ler­weile auch ein US-ameri­ka­ni­sches Soft­ware­un­ter­nehmen für Video­kon­fe­renzen, das es zwar schon länger gibt, mir bis vor der Pandemie aber unbekannt gewesen ist. Jetzt zoomen alle. Vor etwas mehr als zwei Jahren haben wir damit ange­fangen, davor haben es die wenigsten gemacht und wenn, dann haben sie im Film­be­reich gear­beitet. Aber selbst da zoomt man eher selten, es ist cheesy und wenn ich es sehe, erschrecke ich immer ein bisschen.

Mein erster Text handelte vom Abstand. Dieser Abstand war damals omni­prä­sent, jetzt ist er ab und an da, dann wieder weg, dann wieder da. Eine Verun­si­che­rung hat sich zwischen mir und den unter­schied­lich starken Abstu­fungen des Abstandes geschli­chen, bzw. dem jeweils subjek­tiven Wunsch des Gegenü­bers und meinen eigenen. Der Zoom im tech­ni­schen Bereich hat etwas extrem Prak­ti­sches: man kann jemandem näher kommen, ohne den Abstand zu verrin­gern, wie wenn man sein Fern- oder Opernglas mitschleppen würde.

Zoom-in: Fokus­siert, macht größer, engt ein, das Drumherum wird langsam ausge­blendet, man hat es aber gesehen, also es ist bekannt. Zoom-out: lässt das Drumherum nach und nach in Erschei­nung treten. Man inter­pre­tiert also zuerst den Gesichts­aus­druck und bekommt erst dann die Ursache für ihn geliefert. Beides passiert uns sonst nicht, weil wir Dinge und Menschen zusammen mit ihrer Umwelt wahr­nehmen.

Neben dem kosmi­schen Zoom denke ich bei Zoom unwei­ger­lich an Dominik Graf und die 80er Jahre. Zoom-Objektive gab es zwar auch davor schon, aber sie wurden damals erschwing­li­cher und viel­leicht passt es auch zur Aerobic-Disco-Dynamik dieser Zeit. Wenn man sich alte Musik­vi­deos ansieht, scheint es da ohnehin eine Freude am Auspro­bieren von tech­ni­schen Gimmicks gegeben zu haben, Bock auf Effekte, z.B. lustige Postpro-Effekte, wie sie auch später mit Power­point wieder auftauchten (schön z.B. bei F.R. Davids: »Words don't come easy«). Der Vertigo-Effekt oder Dolly-Zoom resul­tiert dagegen bei Hitchcock oder Spielberg nicht aus einer reinen effekt­ha­sche­ri­schen Spielerei, sondern ist vor allen Dingen inhalt­lich motiviert. Wie auch die Kamera bei Dominik Graf, sie ist forschend, als würde sie selbst über­rascht von dem, was sie »sieht«, damit hat sie einen sehr mensch­li­chen Blick, der sich scheinbar bewegt wie er möchte, intuitiv zwischen Geschichten, die statt­finden. Aber mensch­lich ist er nicht, das verheim­licht er auch nicht, denn wenn ihn die Neugierde zoomen lässt, dann tut er das. Trotzdem erschreckt es mich immer ein bisschen, haut mich ein bisschen raus, obwohl ich auch sonst mehr als gewillt bin, genau das zu tun: Wir zoomen mit unseren Spie­gel­re­flex­ka­meras und mit unseren Handys, was das Zeug hält. Wir spielen damit, können unauf­fällig Menschen in der U-Bahn beob­achten und foto­gra­fieren oder können uns an den Balkon der Nachbarn heran­zoomen. Aller­dings spielt da der zeitliche Verlauf des Zooms keine Rolle, sondern allein das Resultat.

Zoom-in, fokus­sieren wir: Ich hatte in meinen letzten Film­erleb­nissen irgendwie das Gefühl, dass ich lauter Filme über histo­ri­sche und sehr schöne Frauen sehen. Gerade scheint ein unfass­bares Interesse an Sisi zu bestehen, das ich nicht verstehe, viel­leicht sind da irgend­welche Rechte abge­laufen oder weshalb haben offenbar einige Menschen kurz vor der Pandemie beschlossen, sich diesem Stoff zuzu­wenden? Da wäre natürlich Corsage von Marie Kreutzer und neu »Die Kaiserin« auf Netflix, aber auch die erfolg­reiche RTL Serie »Sisi« und jetzt auch noch Karen Duve und ihr Roman »Sisi«. Nichts davon nimmt sich aller­dings den nötigen Abstand von der Historie und führt es so in die heutige Zeit über wie Jovana Reisinger, die in ihrem Kurzfilm Unterwegs im Namen der Kaiserin. Prequel, drei Hipster auf die Reise zum Jung­brunnen schickt. Welch ein Glück! Aber zurück zum Grund­thema: Was ist das für ein Fokus? Aktua­li­sie­rung histo­ri­scher Figuren? Man belässt sie aber in einer eher »fiktiven« Historie und macht sie hier zu modernen Figuren? Versuchen wir die Vergan­gen­heit zu retten? Sie uns näher bringen? Wollen wir einfach nur in einem Märchen verschwinden, das irgendwie etwas mit uns zu tun hat, irgendwie aber auch nicht? Wollen wir uns mit Sisi iden­ti­fi­zieren: Oh ja auch Sisi, damals, die Kaiserin in der Wiener Hofburg, hatte es nicht einfach, so wie ich auch. Das fühlt sich genauso an wie ich, nur mit mehr Prunk. Nein, das hat nicht viel mit uns zu tun! Das war ne F*** Kaiserin, gebür­tiger Adel und zu allem Überfluss: Sie war soooo schön!! Was auch immer das bedeuten mag! Natürlich ist es gut, histo­risch spannende Frau­en­fi­guren zu finden und zu zeigen, aber fällt einem da wirklich nur »die Sisi« ein? Ähnlich ging es mir auch bei Diana Spencer oder Marilyn Monroe – immerhin ist die nicht da hinein geboren worden, aber auch die beiden sind so unglaub­lich schön. Nicht dass sich die, teils adligen Personen, nur über ihre Schönheit defi­nierten, aber sie wurden zu einem großen Teil von außen dadurch definiert und von diesem »Problem« erzählen die Filme. Als wäre das der Moment, in dem die Frauen überhaupt in die Geschichte eingehen konnten: Über ihre Schönheit. Schönheit ist natürlich extreme Defi­ni­ti­ons­sache und sie ist sehr filmisch. Aber je mehr ich über »Blond« nachdenke und den Doku­men­tar­film »Marilyn – Made in Hollywood« auf Arte gucke, desto ärger­li­cher werde ich über »Blond«, weil er sie ja auch nur ausnutzt, sie in dieser passiven Situation verharren lässt – die sie nicht hatte oder auf keinen Fall nur – und sich daran in unendlich langen Szenen nun seiner­seits labt. Das übrigens machen die Sisi-Varia­tionen nicht, sie verändern immerhin das klas­si­sche Prin­zes­sin­nen­bild!

Ich habe in meinem ersten Text über den Abstand in den Kinos geschrieben und in welche exis­ten­zi­elle Bredouille er diese bringt. Das hat sich leider nicht geändert und das, obwohl der Abstand nicht mehr einge­halten werden muss. Statt­dessen knödeln sich die Menschen anschei­nend auf dem Okto­ber­fest oder in Kneipen, aber leider nicht im Kino. Mein letzter Film im Kino war Triangle of Sadness. Der Film besteht aus drei Teilen: das Pärchen aus dem ersten Teil sieht gleich­be­rech­tigt gut aus und auch sonst kümmert zumindest er sich, um die gleich­be­rech­tigte Zahlung ihres Abend­essens. Carl und Yaya sind ein Model-/Insta-Pärchen und ja, viel­leicht befinden wir uns in einer Art modernem Adel, der aller­dings nicht qua Geburts­vor­gang da ist, wo er ist, sondern hier wirklich aufgrund seiner Optik, seines Geschicks, aber auch seiner Arbeit. Ruben Östlund hat nach The Square eine weitere Groteske vorgelegt, in der man beob­achten kann, wie die Welt im Kleinen untergeht. Es geht um Vertei­lungs­kämpfe: Geld, Essen, Sex. Die mit der Macht haben alles drei, alle anderen nur Teile davon. Der zweite Teil spielt auf einer Luxus­jacht und der dritte auf einer Insel. Dabei hat man Personen, denen man folgen kann, mit denen sich aber wahr­schein­lich die wenigsten iden­ti­fi­zieren (eher Abstand als Zoom), von denen man aber annehmen darf, dass sie in etwa so exis­tieren. Das stößt ab, macht aber auch seltsam Spaß. Ich bin mir dann auch nicht sicher, ob der Film nicht zu sehr in etwas Komö­di­an­ti­sches kippt, so dass wir auch die Antworten auf die Fragen nicht mehr bei uns suchen müssen, sondern uns einfach nur ekeln und amüsieren können. Die Reichen leben vom Verkauf von Waffen, von Scheiße oder eben von ihrer Jugend, alles Dinge die entweder destruktiv sind oder an sich vergäng­lich und nicht gerade richtig zukunfts­fähig. Das ist wahr­schein­lich die kleine, feine Spitze der totalen Kultu­ra­li­sie­rung, an der wir uns gerade aufspießen: Nur Geld mit Dingen zu verdienen, die exis­ten­ziell überhaupt keinen Sinn machen, ganz im Gegenteil sogar. Lösungen gibt es keine, auch nicht auf der Insel, da drehen sich die Macht­ver­hält­nisse zwar um, weil jetzt doch andere Skills gefragt sind, ureigene, wichtige, die alle verlernt haben, das ändert aber nichts daran, dass sie miss­braucht wird, die Macht. Das ist viel­leicht einfach mensch­lich oder der Lern­ef­fekt aus langer Unter­drü­ckung, eine Abrech­nung, für die Qualen die man erleiden musste. Viel­leicht ist der Kapi­ta­lismus immer brutal, egal jetzt wer mit Geld, Kryp­towäh­rung oder Salz­stangen handelt. Erstaun­lich ist aller­dings das Soli­dar­ge­fühl, das unter den Geschlech­tern einsetzt.

Ob und wie viel in Triangle of Sadness gezoomt wird, kann ich nicht beant­worten, am Gezoom­testen erscheint es einem in der zweiten Episode, auf dem Schiff: das Schwanken, das Essen, die Bewe­gungen der Körper, das ist viel­leicht der Megazoom des Dabei-Seins und das Gegenteil des kosmi­schen Zooms. Mit dem gehe ich jetzt hier raus, aus meiner völlig subjek­tiven, begriff­li­chen Alphabet-Reihe: Aus dem Gesicht, weg vom Körper, aus dem Zimmer, der Wohnung, der Straße, der Stadt, dem Land, dem Kontinent, ein Blick auf die Erde, die Galaxis und dann muss ich Zoom schnell mal aktua­li­sieren. Das dauert nur einen Moment!

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