17.03.2022
Cinema Moralia – Folge 268

»Ich verstehe nicht, wie man heute Filme sehen, darüber nachdenken und darüber schreiben kann«

In Sarmatien
Nostalgie oder Stillstand? Volker Koepps In Sarmatien (2014)
(Foto: Volker Koepp)

Traurige Zeiten: Moment­auf­nahmen von Oleg Mavro­matti, Anton Dolin, Claudia Roth, Volker Koepp – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 268. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Es ist eine merk­wür­dige Dialektik aus Angst und Beru­hi­gung, die wir gerade erleben. Langsam beruhigt sich zumindest innen­po­li­tisch die Lage. Zugleich beginnen die Maßnahmen der Regierung in ihrer Entschie­den­heit schon wieder zu zerbrö­seln. Und viel­leicht ist dies auch gut so. 100 Milli­arden Euro Extrageld (100 Milli­arden!) für die Bundes­wehr haben sicher­lich ihren guten Grund. Aber wenn so viel Geld für Notfälle vorhanden ist, warum gibt es dann nicht 1 Prozent davon, also eine Milliarde für die Kultur? Und zwar nicht für ein Stadt­schloss, das keiner will, außer einer Handvoll über 70-jähriger Preußen-Nost­al­giker und einer Kultur­staats­mi­nis­terin, die sich verewigen möchte?
Man könnte so viel damit machen, auch wenn es Corona nie gegeben hätte.

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Russland ist kein Ort für Narren.

Man hält sich Putin und seine Fragen an den Westen zurzeit ja gerne damit vom Leib, dass man ihn für verrückt erklärt. Wer nicht ist, wie wir und wer anders denkt und andere Werte hat, der muss einfach verrückt sein! Das erinnert ein bisschen an den Witz über den Patienten einer Irren­an­stalt, der erklärt, dass alle da draußen verrückt seien.

No Place For Fools war bereits 2015 der inter­na­tio­nale Titel eines Films des 1965 geborenen russi­schen Film­re­gis­seurs Oleg Mavro­matti, eines Vertre­ters des radikalen russi­schen Inde­pen­dent-Films. Mavro­matti ist auch ein promi­nenter Vertreter der radikalen Perfor­mance-Kunst­szene im Moskau der 1990er Jahre, der für einige seiner Projekte gericht­lich verfolgt wurde.

No Place For Fools ist ein unglaub­li­cher Film! Er handelt von einem einsamen russi­schen Homo­se­xu­ellen, einer realen Person, der zugleich ein schwu­len­feind­li­cher, christ­lich-ortho­doxer Pro-Putin-Aktivist ist. Diese beiden einander völlig wider­spre­chenden Iden­ti­täten entfalten sich in seinem Videoblog in einer chaotisch-schi­zo­phrenen Mischung aus Bildern und Tönen. Bei näherer Betrach­tung zeigt sich, dass diese Monologe über Essen, Liebe und Patrio­tismus vom aktuellen sozio-poli­ti­schen Umfeld des kapi­ta­lis­ti­schen Russlands gerahmt und durch­zogen sind.
Oleg Mavro­matti hat dem Chaos dieser unzäh­ligen Video-Geständ­nisse und Video-Zerflei­schungen, die in Wirk­lich­keit oft überlang und unar­ti­ku­liert sind, eine klare Struktur gegeben. Mavro­matti hat auch recher­chiert und eine enorme Menge an Youtube-Videos gesammelt, um ein Umfeld zu schaffen, in dem seine Figur aufblühen kann. Der Film besteht fast komplett aus YouTube-Filmen. Mavro­mattis intel­lek­tu­elle Montage dieses Materials zeigt, wie das Leben eines jeden Indi­vi­duums von den kleinsten Verän­de­rungen im poli­ti­schen Klima Russlands und von den sieg­rei­chen konsu­mis­ti­schen Werten bestimmt ist. Mit einem Wort – der kontro­verse Charakter dieses Films fungiert als Spiegel der Zeit­ge­nos­sen­schaft und Hinter­grund für einen Kommentar des Regis­seurs zu den dunkelsten Seiten des Lebens im heutigen Russland.
Ein Wahn­sinns­film!

Auf seiner Vimeo-Seite hat der Regisseur den Film kostenlos zugäng­lich gemacht, ebenso wie einige andere seiner Werke. Der Besuch ist sehr empfeh­lens­wert.

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Man sollte die Eigen­s­tän­dig­keit der osteu­ro­päi­schen und post­so­wje­ti­schen Kulturen vertei­digen. Aber man muss sie nicht vertei­digen auf Kosten der Russen. Abgesehen davon, dass dies nur neuen Hass generiert, ist es vor allem ignorant. Es geht also darum, den schmalen Grat zu finden, der der Grat der Vernunft ist.
Man muss übrigens auch nicht plötzlich Selenskyj gut finden, weil man die Aggres­sion gegen die Ukraine miss­bil­ligt.

Vor dem Hinter­grund des sehr befrem­denden anti­rus­si­schen Tons in breiten Teilen der deutschen Öffent­lich­keit und russo­pho­bi­scher Ausfälle, die auch in der Kunst­szene erkennbar sind, ist der Kommentar der neuen Kultur­staats­mi­nis­terin Claudia Roth in dieser Ange­le­gen­heit um so begrüßens­werter:

Kultur­staats­mi­nis­terin Claudia Roth hat vor über­zo­genen Reak­tionen gegenüber russi­scher Kultur nach dem Angriff auf die Ukraine gewarnt: »Ich warne vor Tendenzen eines Boykotts russi­scher Kunst und Kultur oder einem Gene­ral­ver­dacht gegenüber russi­schen Künst­le­rinnen und Künstlern und auch allgemein gegenüber Mitbür­ge­rinnen und Mitbür­gern, die aus Russland stammen«, sagte die Grünen-Poli­ti­kerin.
Kunst und Kultur seien univer­sell. »Die so viel­fäl­tige wie reich­hal­tige russische Kultur ist Teil des euro­päi­schen Kultur­erbes und der euro­päi­schen aktuellen Kultur«, sagte Roth. »Wir lassen nicht zu, dass sie von Putin instru­men­ta­li­siert wird.Wir lassen auch nicht zu, wenn hier Leute versuchen, sie zu instru­men­ta­li­sieren.« Gleich­zeitig verwies Roth auf »viele mutige Künst­le­rinnen und Künstler«, die sich gegen Putin enga­gierten. »Ihnen gilt unsere Unter­stüt­zung.«

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»Sarmatien« wurde in der Antike die Region zwischen Weichsel, Wolga, Ostsee und Schwarzem Meer genannt, auf dem heute die Länder Moldawien, Belarus, Litauen und Ukraine liegen. Der Filme­ma­cher Volker Koepp hat für seinen Film In Sarmatien dieses Gebiet bereist und mit den Menschen über ihre Heimat, ihr Leben und ihre Träume gespro­chen.

Aus den bekannten »aktuellen Anlässen« wird der Film jetzt an der Berliner »Akademie der Künste« noch einmal gezeigt. Volker Koepp kommen­tiert diese Wieder­auf­füh­rung: »Seit ich 1962 Johannes Bobrow­skis Gedicht­band 'Sarma­ti­sche Zeit' gelesen hatte, bewegte ich mich gedank­lich mit alten Land­karten in diesem geogra­fi­schen und kultu­rellen Raum östlich der Weichsel. Später dann drehte ich Filme mit Menschen in diesen Land­schaften zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer. Versuche, etwas über das Verhältnis der Deutschen zu ihren östlichen Nachbarn zu erzählen und zum Verhältnis zwischen den Völkern dort – 'unter ihnen immer auch die Judenheit' (Bobrowski). Während der Vorbe­rei­tung der Dreh­ar­beiten für In Sarmatien traf ich 2012 Tanja Kloubert, aus Czer­no­witz stammend, Mitwir­kende und auch Mitar­bei­terin unserer Filme. Sie sagte mir damals, dass Russland in der Ukraine Krieg machen würde. Es würde Blut­ver­gießen geben. Ich hielt es damals für unmöglich. Als am 16. März 2014 der Film während des Kino­starts in Berlin in der Akademie der Künste aufge­führt wurde, war die Annexion der Krim beinahe abge­schlossen. Seit acht Jahren gibt es nun im östlichen Europa Krieg. Die Hoffnung der Neunziger Jahre des vorigen Jahr­hun­derts auf 'eine Zeit ohne Angst' ist nun mit dem barba­ri­schen Überfall auf die Ukraine zunächst zerstoben.«
Im Anschluss der Vorfüh­rung gibt es ein Gespräch mit (u.a.) Tanja Hoggan-Kloubert, Ana Felicia Scutel­nicu, Halyna Yeriomina (Czer­no­witz), Volker Koepp.
Um Spenden für die Initia­tive Ukraine-Hilfe Berlin, die momentan Unter­stüt­zung vor Ort und für Geflüch­tete leistet, wird gebeten.

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Zu denen, die in den letzten Wochen ihr Land verlassen haben, gehört auch der russische Film­kri­tiker Anton Dolin. Grund dafür waren Todes­dro­hungen durch Ultra­na­tio­na­listen, nachdem Dolin gegen die russische Invasion in der Ukraine protes­tiert hatte.
Dolin schreibt dazu einen sehr traurigen Text (für dessen etwas holprige Über­set­zung ich verant­wort­lich bin, zusammen mit Deepl und anderen Krücken):

»ICH BIN NICHT HIER
Wir sind weg.
Dafür gibt es mehrere Gründe. Obwohl es in Wirk­lich­keit nur einen gibt – den von der russi­schen Führung initi­ierten krimi­nellen Krieg in der Ukraine.
Es ist unmöglich, in einem Land zu leben, selbst in dem eigenen und geliebten Land, in dem man geknebelt wird. Besonders für einen Mann, dessen einziges Werkzeug sein Wort ist.
Außerdem konnte ich die Luft in Moskau einfach nicht mehr atmen, wo die Menschen weiter ihre persön­li­chen Pläne disku­tierten, Filme ansahen, Kunst­dis­kus­sionen führten, Vernis­sagen und Premieren besuchten, während in der Ukraine Menschen getötet wurden und starben. Jede Minute einer solchen Existenz bestä­tigte das Offen­sicht­liche: Sie sind Komplizen.

Natürlich ist es ein Privileg, zu gehen. Dennoch halte ich es für wichtig fürs Protokoll zu erwähnen, dass wir keine Aufent­halts­ge­neh­mi­gung, keinen zweiten Reisepass, keine Arbeits­ver­träge, kein gespartes Geld (ich habe es irgendwie geschafft, vor der Reise etwas zu sparen) und keine »Notlan­de­plätze« oder »Zukunfts­pläne« im Allge­meinen haben.

Das Komische daran ist, dass ich mich mein ganzes bewusstes Leben lang geweigert habe, zu gehen. Obwohl sie angerufen und darauf gewartet haben. Meine Heimat ist Russland, ich habe mir nie eine andere gewünscht. Aber es gibt kein Russland mehr. Russland ist ein Huhn mit abge­schla­genem Kopf.

Vor zehn Tagen ist die ganze Welt zusam­men­ge­bro­chen. Das Leben eines jeden, der in Russland lebt, Russisch spricht oder zumindest an der russi­schen Kultur teilhat, hat sich unwi­der­ruf­lich verändert. Viele (die meisten?) haben es nur noch nicht begriffen. Die Ukrainer werden die Chance haben, sich aus der Asche und den Trümmern zu erheben, sie werden nur stärker werden und sie werden – wenn sie es wollen – in der Lage sein, das Leid, das sie erlitten haben, zu vergessen. Wir werden weder die Möglich­keit noch das Recht haben, zu vergessen. Wir sind gezeichnet.

Seit zehn Tagen kann ich an nichts anderes denken als an den Krieg. Es fällt mir schwer, mich überhaupt um meine Lieben zu kümmern, weil ich ständig an die Ukraine denke. Ich habe dort keine Verwandten, aber ich habe ukrai­ni­sche Freunde: den Ehemann von Kira Muratova, den wunder­baren Künstler Zhenya Holubenko, der jetzt in Odessa lebt, meinen treuen Gefährten und edlen Mann Sergeij Loznitsa, die Film­kri­ti­kerin und Autorin von »Art of Cinema« Natasha Sere­brya­kova (sie ist in einem Bunker in Sumy), und viele andere unserer Autoren und Kritiker...

Aber es geht nicht einmal um Freunde. Die Ukrainer haben recht, und deshalb werden sie auch gewinnen. Früher oder später, aber unwei­ger­lich. Eigent­lich haben sie bereits gewonnen. Und wir erleben eine Kata­strophe – nein, nicht wirt­schaft­lich oder politisch. Das ist eine mora­li­sche Kata­strophe. Die Hilf­lo­sig­keit derje­nigen, die sich 22 Jahre lang gegen das System und die Behörden gewehrt haben, verstärkt nur das Gefühl der Verzweif­lung.

Ich bin stolz darauf, dass ich mein Erwach­se­nen­leben als Korre­spon­dent von Echo Moskwy begonnen habe. Damals berich­tete ich als Nach­rich­ten­kor­re­spon­dent über die Bombar­die­rung von Wohn­häu­sern in Moskau und den zweiten Tsche­tsche­ni­en­krieg (den – Sie erinnern sich? – sie verlangten ausschließ­lich eine »Anti-Terror-Operation« zu nennen). Ich bin auch stolz auf mein Enga­ge­ment bei der Meduza, die über alle Ereig­nisse des aktuellen Krieges tadellos berichtet hat.

Ich verstehe nicht, wie man heute Filme sehen, über Filme nach­denken und über Filme schreiben kann.
Bevor wir das Haus verließen, um zum Zug zu gehen, sahen wir, dass die Tür unserer Wohnung markiert worden war. Die Botschaft war klar: »Wir wissen, wo deine Familie lebt, pass auf.« Wisst ihr, wo ihr hingeht, ihr elenden Zombies? Wie der Dichter sagte, »er versteckt sich nicht«.
ICH BIN NICHT ZU HAUSE.

(to be continued)

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.