08.04.2021
Cinema Moralia – Folge 245

Der Kampf um Wahrheit, der Zusammenbruch der Auswertungsfenster, das Ende der Exklusivität

Nostradamus
Prognostiziert Branchenentwicklungen
(Foto: Nostradamus-Report / Filmfestival Göteborg)

Lebens­lügen bersten, Illu­sionen zerplatzen: Corona und die bevor­ste­hende Revo­lu­tio­nie­rung der Film-Verhält­nisse, dffb und die Lust am Kompli­zerten im Netz – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 245. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Früher waren Musiker Leute, mit denen irgendwas nicht stimmte. An denen konnte man eine Art wunder­vollen Wahnsinn beob­achten. Heute hast du lauter super-öde Leute, die irgendwas singen. Dass ihre Freundin sie nicht zurück­ge­rufen hat oder so. Ich lehne dieses Selbst­mit­leid, dieses Zurschau­stellen von manie­rierter Empfind­sam­keit komplett ab. Künstler müssen führen, verheißen. Wir müssen Momente für alle schaffen. Das ist unser Job.«
Bernd Begemann, Musiker, im März 2021

Ich kenne gar nicht so wenig Leute, die sagen mir: »Was regst du dich eigent­lich noch so über die dffb auf? Warum arbeitest du dich da ab? Soll sie doch unter­gehen! Die dffb ist doch nur noch ein großer Scheiß­laden.« Und um ehrlich zu sein, geht es mir dann so, dass ich denke: Die haben eigent­lich recht.

Trotzdem.

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Eine Entschei­dung über die anste­hende Neube­set­zung der nunmehr zwei Leitungs­posten (künst­le­risch, kauf­män­nisch) an der Berliner Film­hoch­schule dffb ist noch nicht gefallen. Heute gab es mitten im Berliner April­schnee­ge­stöber noch mal ein persön­li­ches Vortanzen der Bewerber um die kauf­män­ni­sche Leitung. Viele, die es mit der dffb wohl wollen, hoffen hier auf die Schwei­zerin Catharine Anne Berger, die allemal über die persön­li­chen und charak­ter­li­chen Kompe­tenzen für diese Aufgabe zu verfügen scheint.
Aber man muss auch nicht darum herum­reden: Vielen geht es vor allem darum, die säbel­ras­selnde Neoli­be­rale vom Tempel­hofer Feld zu verhin­dern. Allemal hat die Vorstel­lung, Cristina Nord und Sandra Braun würden sich die beiden Posi­tionen teilen, etwas morbide Faszi­nie­rendes: ein vorpro­gram­mierter Catfight.

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»Die dffb hatte in ihrer Geschichte noch nie eine gute Leitung«, sagt einer, der es wissen muss. »Alle diese Männer waren umstritten, manche wurden sogar gehasst. Keiner von ihnen hat irgend­welche ästhe­ti­sche oder sonstige Spuren hinter­lassen.« Dies letzte zumindest würde ich für Reinhard Hauff bestreiten. Aber sonst stimmt die Aussage wohl. Aber viel­leicht muss ein Direktor auch vor allem eine Spur hinter­lassen: den Geist des Zulassens und der Offenheit.
Aber weiter der Gast-Kommen­tator: »Die Studenten haben sich daran gerieben oder im Wider­stand dagegen ihre Filme gemacht. Viel­leicht sollte es einfach so bleiben, anstelle die neue tolle Leitung zu finden. Die dffb wird immer die Summe ihrer Studenten sein, also der guten und weniger guten …«

Das stimmt natürlich genau. Die Frage, die sich da natürlich anschließt, ist: Wie gut sind die Jüngeren unter den heutigen dffb-Studenten? Künst­le­risch … Von Reibung und Wider­stand ist da schon mal nichts zu sehen. Nur Empfind­lich­keiten.

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Mir tun viele Dinge, die im Moment an der dffb passieren, sehr leid. Abgesehen vom alten Muff bei den Mitar­bei­tern bin ich besonders besorgt über das, was in den Köpfen der jüngeren Studenten vor sich geht. Bei allem Verständnis für die Ängste und Befürch­tungen, die aus der aktuellen Situation resul­tieren – sowohl der Situation an der dffb, als auch der Situation in der Gesell­schaft insgesamt und durch Covid-19 – muss man sagen, dass die Studis mehr und mehr an die Roten Garden in Maos Kultur­re­vo­lu­tion erinnern. Sie skan­dieren sehr laut »Diver­sität!« und »Identität!« und jeder, der nicht mitein­stimmt, wird nieder­ge­schrien. Künst­le­risch aber sind sie bislang stumm.

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Auf unseren letzten dffb-Text hin meldete sich der Ex-Direktor (2016-2020) Ben Gibson mit einer Korrektur: »An important correc­tion: all the proposals I made on admis­sions and curri­culum change were speci­fi­cally against pre-specia­li­sa­tion at entry, and in favour of the pre-97 cross-working system for much of the course. These ideas were rejected immedia­tely by all sides. The idea of editing and sound was for all students to do it, not to hive off new depart­ments of specia­lists. So you're diametri­cally wrong on the last admi­nis­tra­tion's direction and its »permanent damage«. Ben.

»Eine wichtige Korrektur: Alle Vorschläge, die ich zur Zulassung und zur Änderung des Lehrplans gemacht habe, waren ausdrück­lich gegen die Vorspe­zia­li­sie­rung bei der Aufnahme und für das vor 1997 exis­tie­rende System des Quer­schnitt­stu­diums für den Großteil des Studium. Diese Ideen wurden sofort von allen Seiten abgelehnt.«
Die Idee der Einfüh­rung von Schnitt- und Ton-Studi­en­gängen sei gewesen, so Ben Gibson, dass alle Studenten dies lernen sollten, nicht, dass neue Abtei­lungen von Spezia­listen ausge­glie­dert werden.

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Ein Student berichtet dazu: »Bis heute wurde der Studi­en­gang Schnitt und Ton nur dazu benutzt, 'vorhan­dene Löcher' in der allge­meinen Produk­ti­ons­struktur der Akademie zu stopfen. Das Ergebnis ist kata­stro­phal, es gibt für diese neuen Studenten überhaupt keine Möglich­keit, sich auf Themen, Techniken oder Expe­ri­mente zu konzen­trieren, es ist auch nicht die geringste Sensi­bi­lität vorhanden, inter­dis­zi­plinäre Lern­for­mate innerhalb anderer Abtei­lungen anzu­bieten … Ich habe gerade ein paar Worte zu Lern­pro­grammen an der dffb gehört. Struktur scheint etwas absolut Sekun­däres zu sein hinter der groben Idee, dass die Studie­renden nur da sind, um 'Lern­er­fah­rungen zu machen' …«

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Adam Curtis im Gespräch mit dem Guardian über seine Methode mit Archiv­ma­te­rial zu arbeiten:

»I think it's something to do with the tension between the comple­tely weird collage of stuff and a very calm voice. But what I try and put into my films through the archive is a feeling of the texture of the comple­xity of life, that people aren't simply good or bad. ... there is just one rule in tele­vi­sion: People who think they're funny aren't funny and people who don't think they're funny are incredibly funny. That's why playing it straight works.«

Question: Why is it all going straight to iPlayer?

AC: Because you can make more compli­cated films for iPlayer. And you can make them longer. People watch things online with a different sensi­bi­lity. ... And therefore you can actually make things more compli­cated. You don't have to explain ever­ything, they can stop and start.«

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Obwohl es ihn schon seit neun Jahren gibt, ist der »Nostradamus Report« zumindest in deutschen Film­kreisen immer noch vergleichs­weise unbekannt. Dabei handelt es sich dabei keines­wegs um ein dubioses Mystery-Ding, sondern um den ganz undu­biosen Versuch, künftige Bran­chen­ent­wick­lungen zu prognos­ti­zieren.
Schon vor knapp zwei Monaten wurde das Ganze beim Film­fes­tival im schwe­di­schen Göteborg vorge­stellt. Aber ich habe leider erst jetzt Zeit gefunden, mich damit etwas zu befassen. Meines Wissens hat bislang in Deutsch­land überhaupt niemand über den Nostradamus-Report berichtet.

Der aktuelle Text trägt den Titel »Trans­forming Story­tel­ling Together«; verfasst wurde er von der Medi­en­ana­lystin Johanna Koljonen.

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Glaubt man den Darle­gungen, dann wird die Pandemie nun endlich zu jener Revo­lu­tio­nie­rung der Film-Verhält­nisse führen, die sich viele unab­hän­gige Filme­ma­cher erhoffen, und die von denselben ebenso wie von den CEOs aus der Industrie gefürchtet wird.

»Die Auswir­kungen der anhal­tenden Pandemie auf die Film- und Fern­seh­in­dus­trie werden in den nächsten fünf Jahren die Produk­ti­ons­prak­tiken verändern, den Ausstel­ler­sektor neu formen, den Vertrieb umge­stalten und die globalen Möglich­keiten für euro­päi­sche Produ­zenten erweitern«, so der Report.

Man wusste es schon vorher: Die Corona-Krise hat struk­tu­relle Verän­de­rungen beschleu­nigt, die bereits im Gang waren. Neben der fort­schrei­tenden Konso­li­die­rung unter­liegt die Branche einem ebenso umfas­senden wie harten Reali­tät­scheck: Lebens­lügen bersten, Illu­sionen zerplatzen, aber auch Reales geht zu Bruch: Die kommenden Jahre werden den Zusam­men­bruch von Veröf­fent­li­chungs- und Auswer­tungs­fens­tern zur Folge haben, so der Bericht, das Kino werde seinen Charakter verändern müssen.

»Große Titel haben zwar immer noch ein kurzes exklu­sives Kinofenster, aber es ist genauso wahr­schein­lich, dass wir digitale Fenster als ersten Auswer­tungsort sehen, entweder etwas früher oder am selben Tag«, stellt der Bericht fest und fügt hinzu, dass die Titel, die von den Kino­lein­wänden verschwinden, »die Titel sind, die in den Kinos nicht funk­tio­nieren.«
Kommer­ziell und als Augen-Fast-Food ist hier gemeint.

Trotz der sich verän­dernden Vertriebs­land­schaft »ist die Branche grund­sätz­lich robust«, stellt die Studie fest. »Ein zuneh­mendes System­be­wusst­sein in der gesamten Wert­schöp­fungs­kette wird ihre Wider­stands­fähig­keit und Effizienz erhöhen«, heißt es weiter. Vertriebs- und Distri­bu­ti­ons­ak­teure werden ihr neues, besseres »Verständnis des Publikums« – sprich: Daten – nutzen und »Daten in jedem Aspekt ihrer Arbeit besser einsetzen müssen, um überhaupt relevant zu bleiben«, warnt der Bericht.

Das Kino wird als Markt schrumpfen, aber als dyna­mi­scher und einfluss­rei­cher Teil der Film­kultur wieder­auf­er­stehen. »In fünf Jahren werden weniger Kinos nach dem jetzigen Modell arbeiten, aber es wird ihnen gut gehen, ebenso wie den gehobenen Angeboten.« Chancen für expe­ri­men­telle Vorfüh­rungen werden sich zudem durch erschwing­liche Kino-Immo­bi­lien im Zuge der Pandemie-Schließungen ergeben, prognos­ti­ziert der Bericht.

»Der kleine Bild­schirm wird das finan­zi­elle und wahr­schein­lich auch das künst­le­ri­sche Herz der konver­genten Film- und TV-Industrie« werden, wobei SVOD zu Hause einen viel größeren Anteil an den Ausgaben haben wird.
Die Studie prognos­ti­ziert auch, dass die Exklu­si­vität von Inhalten nicht im Mittel­punkt der Geschäfts­mo­delle stehen wird, was zu einem offeneren Markt führen wird. Und ein jüngeres Publikum, das Videos außerhalb tradi­tio­neller Domänen konsu­miert und produ­ziert, wird Inno­va­tionen voran­treiben.

»Das Wachstum im TV-Markt wird die Heraus­for­de­rungen im Spiel­film­ver­trieb kompen­sieren«, heißt es auch. »Wenn sich die gesamte Land­schaft zur gleichen Zeit verändert, kann jeder, der nicht aktiv innovativ ist, ins Abseits gedrängt werden.«

Darüber hinaus wird die steigende Nachfrage nach viel­fäl­tigen globalen Inhalten weiterhin Möglich­keiten für euro­päi­sche Produ­zenten schaffen, selbst wenn die Zahl der Spiel­filme zurück­geht. Der Bericht stellt fest, dass die EU-Richt­linie für audio­vi­su­elle Medi­en­dienste (AVMS), die Streaming-Dienste in der EU dazu verpflichtet, »mindes­tens 30 % euro­päi­sche Inhalte zu zeigen, zunehmend als Gewinn angesehen wird.«

Erst 2026 wird sich die gesamte Branche norma­li­siert haben.

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Inhalt­lich werde die Branche von zwei Themen geprägt sein, die besonders wichtig sind: Der sich verschär­fende Kampf um »Wahrheit« in den Medien und die eska­lie­rende Klima­krise.

Die zuneh­mende Poli­ti­sie­rung von Inhalten und der »Kampf um die Kontrolle der Wahrheit zwischen liberalen Demo­kra­tien und auto­ri­tären popu­lis­ti­schen Bewe­gungen hat unvor­her­seh­bare und gele­gent­lich verhee­rende Auswir­kungen auf Medien­un­ter­nehmen, Gesetz­ge­bung, Publikum und öffent­liche Finan­zie­rung«, heißt es in dem Bericht.

Der Bericht fügt hinzu, dass viele der wich­tigsten Produk­ti­ons­stand­orte der Welt in sehr warmen Regionen liegen oder mit extremen Wetter­er­eig­nissen konfron­tiert sind, wobei der Klima­wandel bereits Auswir­kungen auf Dinge wie Drehpläne hat.

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Natürlich gibt es Gegen­ar­gu­mente und bestimmt ein paar Dinge, die man an alldem kriti­sieren kann – aber viel­leicht ist es sinn­voller, die Belegung erst einmal ernst zu nehmen und auf sich wirken zu lassen.

(to be continued)

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.