13.09.2020
77. Filmfestspiele von Venedig

...für Arme

Nomadland
Ein unverdienter Preis: Chloe Zhaos Nomadland
(Foto: BIENNALE CINEMA 2020 Press Service)

Wieder ein Ameri­kaner: Nomadland gewinnt den Goldenen Löwen – Notizen aus Venedig, Folge 13

Von Rüdiger Suchsland

»In der täglichen Festi­val­zei­tung konnte man ange­sichts des lahmenden Wett­be­werbs eine Polemik lesen, die in der Schlag­zeile gipfelte: mehr Risi, weniger Antonioni. Man muss Risis popu­lä­reres Kino gar nicht kennen, um trotzdem für Antonioni Partei zu ergreifen – weil er damit in eine Nach­bar­schaft gedrängt wird, in der er nicht zu Hause ist. Mag schon sein, dass seine Filme komplexer und sperriger waren als die von Risi, aber seine Filme waren stets ihren Helden nahe – eben auf andere Weise. Was einem an den Filmen hier mit ihrem Kunst­wollen die Geduld raubt, ist jedoch genau dieses – dass ihre Behaup­tung, sie seien durch ihre lang­at­mige, verquälte Art den Befind­lich­keiten der Menschen, von denen sie erzählen, näher als Filme, die gängi­geren Erzähl­mus­tern folgen, die reinste Selbst­täu­schung ist.«
Michael Althen, FAZ 05.09.2008

Wen Gott bestrafen will, dem erfüllt er seine Wünsche. Und als gestern Abend bei der Preis­ver­lei­hung ein Preis nach dem anderen an genau die Filme oder Filme­ma­cher ging, die ich mir in meinem vorletzten Text (Folge 11) gewünscht hatte, da bekam ich schon so eine Ahnung, dass das bis zum Schluss nicht so weiter­gehen könnte. Und so war es auch: Den Goldenen Löwen im Jahr 2020 gewinnt Nomadland von Chloe Zhao.

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Es war eine Über­ra­schung für viele. Schon wieder, zum fünften Mal in fünfzehn Jahren und zum zweiten Mal hinter­ein­ander, gewinnt ein ameri­ka­ni­scher Film in Venedig.
Mit einer Auszeich­nung für eine Frau konnte man ange­sichts der Jury rechnen. Außer diesem Film haben aller­dings nur Männer die Preise bekommen. Schlimmste Befürch­tungen hatten Siege für die Osteu­ro­päe­rinnen Jasmila Zbanic oder Malgorzata Szumowska prophe­zeiht. Das immerhin blieb aus.
Aber dieser Film?

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Es ist ein unver­dienter Preis. Ja, es ist ein Schlag ins Gesicht all derje­nigen Filme­ma­cher, die die Jury in den Minuten zuvor ausge­zeichnet hatte.

Ein Preis für einen formlosen, unglaub­lich lang­wei­ligen Film ohne Drama­turgie, ohne Handlung, für Arte Povera, die die Kunst des Films nicht weiter­bringt, sie eher zurück­wirft. Dieser Film ist alles mögliche, aber kein goldener Löwe. Stink­lang­weilig ohne alle Drama­turgie, eine Qual, sich das anzu­schauen. Tiere werden abgefilmt, ein Schmet­ter­ling, ein Bison – das sieht schön aus, ist aber doch eher etwas für den Discovery Channel, wo der Rest des Films natürlich nichts zu suchen hätte.

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Chloe Zhao, in China geborene, in England aufge­wach­sene Amerika-begeis­terte Einwan­derin hat einen halb­do­ku­men­ta­ri­schen Film über arbeits­lose weiße Ameri­kaner gedreht, um den sie in ihren öffent­li­chen Erklä­rungen einen Kranz aus Frei­heits­ver­spre­chen windet, der der Ideologie des Ameri­ka­ni­schen Traums entspricht.
Frances McDormand spielt die Haupt­rolle, der Rest sind vor allem Laien und reale »Nomaden«, die in ihren Vans und Wohnwagen leben.
McDormand hat im Film kurze Haare und ist so geschminkt, dass sie unge­schminkt aussieht. Oder sie ist wirklich unge­schminkt. Insgesamt wird ein bisschen zu sehr das Depra­vierte und latent Verzwei­felte ihrer Figur betont. Aber wir sehen dann eben doch, dass es Frances McDormand ist.
Ihre Figur arbeitet bei Amazon und isst in der Pause Toast mit Erdnuss­butter und Banane, in der Kantine trifft sie Leute, die tätowiert sind und die stun­den­lang ihre Tattoos erklären. Sie betont, dass sie nicht homeless ist, sondern houseless. Sie will keine Hilfe annehmen, dann fährt sie aber doch in den Süden zu einer (utopi­schen?) Gemein­schaft von Trai­ler­park-Bewohnern. Da gibt es dann einen Guru-ähnlichen alten weißen Mann mit weißem Bart, der von der »Tyrannei des Dollars« spricht, des Marktes und dann sagt er noch »Die Titanic sinkt bereits« und er wolle »so viele Rettungs­boote wie möglich« bereit­stellen. Na dann.

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Den Menschen geht es schlecht. Arbeits­lose, Arbeits­un­fähige. Fehlen darf natürlich auch nicht der Veteran mit post­trau­ma­ti­schem Stress­syn­drom.
Ansonsten muss Frances McDormand alles mögliche machen, von Auto repa­rieren bis Zähne­putzen. Man sieht ihr gele­gent­lich zu, wie sie aufs Klo geht. Es ist schon klar: es geht um Soli­da­rität. Aber was soll dieser Film gegen die schlechten Verhält­nisse tun? Trumps Wieder­wahl verhin­dern viel­leicht.
Diese Arroganz von Jurys, die glauben, dass sich die Politik, gar die Welt­po­litik für ihre Preise und Urteile inter­es­siert, und dass sie irgend­etwas ändern können, wenn sie einen bestimmten Film auszeichnen! Allein schon dadurch, dass sie ihn aus poli­ti­schen Gründen auszeichnen, können sie nichts ändern.

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Ansonsten kann man über die Preise nicht meckern: Der Silberne Löwe – Großer Preis der Jury geht an Michel Franco, der Silberne Löwe für die Beste Regie geht an Kiyoshi Kurosawa, der Spezial-Preis der Jury geht an Kont­scha­lowski, den Preis für das Beste Drehbuch bekommt The Disciple, die Coppa Volpi für die Beste Schau­spie­lerin geht an Vanessa Kirby, die Coppa Volpi für den Besten Schau­spieler bekommt Pier­fran­cesco Favino und den Marcello Mastroi­anni-Preis für eine Nach­wuchs­leis­tung Sun Children.
Im Orizzonti-Wett­be­werb gewannen: Achmad Bachrani (Bester Film), natürlich Lav Diaz (er macht einfach immer die Beste Regie), Listen (Spezi­al­preis der Jury).

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Es ist schwül draußen, der Sommer schenkt uns noch mehr als 2, 3 warme Tage. Jetzt zieht er noch mal richtig an und die Menschen, die hier wohnen sehen zu, dass sie möglichst schnell an den Strand kommen. Allmäh­lich zieht Norma­lität wieder ein am Lido, das heißt die Filmleute ziehen ab, ich auch morgen früh

Im »Afrika«, wo ich in diesem Jahr auch nur einmal war, werden die Tische zusam­men­ge­stellt, und zwar anders als an den Tagen davor. Richtig zusam­men­ge­stellt, weil hier jetzt der Lido wieder den Vene­zia­nern über­lassen wird.

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20 Jahre komme ich hierher, jeweils 10 bis 14 Tage – da kommt man dann schon auf bald ein halbes Jahr seines Lebens, das man hier auf dem Lido auf dem Festival verbracht hat. In Venedig sowieso.
Da stellt sich dann natürlich auch irgend­wann die Frage, wie oft ich wohl noch herkomme? Noch mal 20 Jahre oder sogar mehr? Oder eben weniger? Viel­leicht war das ja auch mein letztes Jahr hier, wer weiß das schon? Das Film­fes­tival von Venedig ist viel­leicht das schönste, jeden­falls eines der aller­schönsten Film­fes­ti­vals. Cannes ist besser von der Qualität und »the place to be«, und San Sebastian... Das hat für mich eben das gewisse Etwas. Wahr­schein­lich weil es in Spanien liegt, und weil es auch ein überaus origi­neller Ort ist. Darüber werde ich nächste Woche schreiben.

Irgendwie geht es weiter, und irgend­wann wird es aufhören – auf solche Art Fata­lismus bereitet einen mehr als einer der Filme in Venedig vor. Das gilt auf ganz unter­schied­liche Weise für den Sieger­film wie für den Spezi­al­preis der Jury.

»Wenn ein Wett­be­werb gut ist, dann schreibt er seine eigene Geschichte – und die lief in diesem Fall darauf hinaus, dass Kino immer zweierlei ist: Konzen­tra­tion und Ausschwei­fung, Abstrak­tion und Anschauung, Unter­hal­tung und Anstren­gung. Schönheit findet man, wo man sie sucht.«
Michael Althen, FAZ 13.09.2010

(to be continued)

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