09.09.2020
77. Filmfestspiele Venedig

Venedig On Speed 06: CITY HALL

City Hall
CITY HALL von Frederik Wiseman
(Foto: BIENNALE CINEMA 2020 Press Service)

Simul­ta­nis­ti­sche Film­kritik: CITY HALL von Frederik Wiseman

Von Rüdiger Suchsland

Bürger­meister einer Großstadt zu sein ist bestimmt einer der schönsten Jobs der Welt. Außer Film­kri­tiker natürlich. Marty Walsh hat ihn. Er ist Bürger­meister von Boston, und eine der Haupt­fi­guren von City Hall, einer neuen Mammut­do­ku­men­ta­tion von Frederik Wiseman.
Dieser Film ist sehr schnell geschnitten. Wie sie reden, das ist schon sehr ameri­ka­nisch, aber vor allem reden sie öffent­lich; sie reden vor Menschen, nicht zu Menschen – das ist der große Unter­schied. Fast alle dieser State­ments sind, auch ohne dass die Kamera dabei wäre, öffent­liche State­ments natürlich.

Talking Heads – das ist norma­ler­weise ein Vorwurf im Kino. Bei Frederick Wisemans talking bodies ist auf einmal alles gut. Hier sieht man stun­den­lang talking bodies. Genauso »TMI« Too Much Infor­ma­tion. Über vier Stunden wird hier quasi am Stück geredet. Das ist inter­es­sant, aber nicht nur.
Der, der die meisten Worte sagt, ist der Bürger­meister. Es ist auch derjenige, der zu allem was zu sagen hat. Der sich zurecht­macht: Äußerlich beim Red Sox Spiel hat er selbst­ver­ständ­lich ein rotes Sweat­shirt an. Den demons­trie­renden Kran­ken­schwes­tern erzählt er, dass er mit 7 Jahren an Krebs erkrankt war und ihm damals niemand mehr geholfen habe als die Kran­ken­schwes­tern. Nicht einmal die Doktoren, nicht einmal die Eltern, sondern die Kran­ken­schwes­tern. Bei den Latinos erzählt er, dass die Iren ja auch 100 Jahre davor genauso Außen­seiter gewesen seien. Und so weiter und so weiter.
Nichts davon ist falsch, vieles inter­es­sant, alles nicht zwingend. Die Stadt hat eben viele Probleme, das moderne Leben viele Baustellen.

Was alles zu regeln ist! Müll­ab­fuhr, Klima­schutz, Polizei, Behin­der­ten­rampen in der Biblio­thek, und zwar bitte keine provi­so­ri­schen, sondern dauer­hafte. Die Müll­ab­fuhr ist eines der besseren Bilder – aber viel­leicht muss man dazu nicht nach Boston fahren.
Ich würde gerne einen solchen Film über die Stadt­ver­wal­tung von Bombay sehen oder von Teheran. Da gäbe es mehr zu entdecken.

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