06.09.2020
77. Filmfestspiele von Venedig

Das Evangelium nach Abel

Sporting Life
Ein Ausschnitt unser aller Leben in der Pandemie
(Foto: BIENNALE CINEMA 2020 Press Service)

Abel Ferraras »Sporting Life« ist ein Film übers Filme­ma­chen – Notizen aus Venedig, Folge 5

Von Rüdiger Suchsland

»Es liegt in der Natur des Kinos, dass mit Wundern jederzeit zu rechnen ist.«
Michael Althen; FAZ, 05.09.2009

Der auch schon 69 Jahre alte Abel Ferrara haut zurzeit einen Film nach dem anderen heraus. Nicht jeder ist gut, aber jeder ist es wert, gesehen zu werden.

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»He is a maniac. He is a Maverick on tour.« – mit diesen Sätzen springt Sporting Life mitten hinein in sein Thema. Und das heißt Abel Ferrara. Oder auch nicht, denn wer Ferrara mal persön­lich erlebt hat, weiß, was man auch aus seinen Filmen lernen kann: Dass man diesen Mann nicht zu fassen kriegt. Was Ferrara hier ziemlich früh über seinen Schau­spieler Willem Dafoe sagt, das gilt auch für ihn selbst: »You are in and out in the same time.«
Auch sonst ist dieser Film nicht einfach zu charak­te­ri­sieren: »We are shooting a docu­men­tary about the art of making docu­men­ta­ries.« sagt Ferrara einmal, als er ein paar Round-Table-Inter­views in Berlin gibt und auch die zum Teil recht dummen deutschen Presse-Fragen mit Würde über sich ergehen lässt.

Dies ist, wenn man so will, also ein Doku­men­tar­film, aber keiner über Ferraras Leben und Werk. Ein paar Film­aus­schnitte gibt es schon – aber nur, wenn sie stell­ver­tre­tend für den Autor sprechen. Man sieht hier Ferrara ziemlich oft, aber nur im Jahr 2020: Im Gespräch mit Dafoe, seinem Haupt­dar­steller in mehreren Filmen, auf der Berlinale, wo sein Spielfilm Siberia im Wett­be­werb lief, und hier stellt Ferrara subtil die Belie­big­keit der Berlinale aus, die Vulga­rität der öffent­li­chen Präsen­ta­tion der Filme dort, die völlig aus der Zeit gefallene Musik der Intros – als Beispiel, um die Belie­big­keit und Vulga­rität der Welt zu zeigen, in der sich das Kino heute bewegen muss.

Man sieht auch Ausschnitte aus Ferraras Film Pasolini, da geht es ganz explizit um das Filme­ma­chen selbst – also auch um den Film­künstler Pasolini und seine Art des Filme­ma­chens; Pasolini spricht in Inter­views z.b. über die Krise unserer Kultur, die natürlich dann immer auch eine Krise des Kapi­ta­lismus ist. Es geht hier ganz explizit um das Filme­ma­chen, um die Position des Films innerhalb unserer Kultur. Diese Passagen von Pasolini werden zitiert.

Dieser Film ist eigent­lich ein Essay, in dem ein Künstler über sein Leben reflek­tiert, sich auch austauscht mit seinem Partner in Crime Willem Dafoe und seinem – wenn man so will – Alter Ego Pasolini, und sich in diesen Figuren spiegelt, sich aber auch an ihnen reibt. Es ist also kein eitles Spiegeln, sondern eher eine Selbst­re­fle­xion, bei der es auch darum geht: Wo sind die Unter­schiede? Wo stehe ich? Werde ich meinen großen Vorbil­dern überhaupt gerecht? Kann ich selber noch in den Spiegel gucken?

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Pasolini sprach in seinem letzten Interview vom »Deathwish, which binds us together in this changing life state.« Das passt zu gut in die Gegenwart, um nicht von Ferrara zitiert zu werden.

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Wir lernen auch seine Frau kennen und sein Kind. Aber es wird hier nicht konven­tio­nell erzählt: Dieser Film ist ein musi­ka­li­scher. Es ist auch ein frag­men­ta­ri­scher.

Zur Musik ist zu sagen: Ferrara macht selber Musik, und man kann ihn hier mindes­tens 5-6 Mal auf der Bühne sehen: Singen, Gitar­re­spielen. Wir sehen auch ein paar alte Musik­aus­schnitte, Sachen aus den 50er und 60er Jahren, bekannte Popsongs wie z.b. »Runaway« – dies ist ein Film, bei dem ganz offen­sicht­lich alle Betei­ligten sehr sehr viel Spaß haben. Fort­wäh­rend wird gelacht, Dafoe und Ferrara auch einfach mitein­ander, weil sie fröhlich sind, weil sie Spaß haben, und wir können uns vorstellen, dass es auch bei der Montage dieses Films, beim Zusam­men­stellen dieses vielen Materials so war, das auch auf eine sehr musi­ka­li­sche Art und Weise zusam­men­ge­stellt ist und gewis­ser­maßen sehr schnell wie eine DJ-Perfor­mance geschnitten ist, ein bisschen aus der Hüfte geschossen – das springt über aufs Publikum. Ich habe gestern eine Vorstel­lung gesehen, bei der alle heraus­kamen und strahlten und wirklich ein bisschen den Eindruck hatten: super!

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Dann sieht man Bilder aus New York und aus Rom, die Heimat­stadt Ferraras und der Ort, an dem er zur Zeit vor allem lebt – beide Städte werden gezeigt auf dem Höhepunkt des Ausnah­me­zu­stands, in dem kaum ein Mensch auf der Straße zu sehen ist. Wir sehen tote Städte, einen einsamen Bus, der voll­kommen leer durch die Gegend fährt. Nach­richten und Bilder, in denen die Regie­renden und auch das Versagen Donald Trumps zu sehen sind – unter anderem ist dieser Film auch ungemein zeit­genös­sisch und gegen­wärtig: eine harte ätzende Kritik an dem Amerika der Gegenwart, zugleich ist es natürlich auch ein Film, in dem Abel Ferrara über sich selbst über seine Kunst und über sein Leben reflek­tiert.

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Indem wir einen Ausschnitt aus unser aller Leben in der Pandemie sehen, bekommen wir mit dieser unglaub­lich inten­siven Wirk­lich­keit ein sehr präzises Bild von diesem Regisseur und von seiner Welt, seinem Blick auf die Welt und seiner Haltung vermit­telt.

Ferrara ist ein wilder Typ, ein Inde­pen­dent-Regisseur, der kulturell und politisch aus den 60er Jahren kommt, also aus der Zeit der Rebellion. Und der sich diesen Geist der Rebellion bewahrt hat.
Gleich­zeitig sagt er Sätze wie: Ich bin Old-School. »That is one of the best things about being out we got a whole bag of tricks. You know, we gonna make it work.« Der Vorteil, wenn man älter ist, sei: »A bag full of tricks«. Die Zitate sind sehr spannend, mit denen Ferrara sein eigenes Filme­ma­chen skizziert. Insofern ist dieser Film auch eine Sammlung kleiner feiner Weis­heiten über das Filme­ma­chen, über Kino und damit natürlich über das Leben.
So zitiert er einen Satz, der wiederum auf den ehema­ligen Schach­welt­meister Bobby Fischer bezogen ist: Bobby Fischer denkt gar nicht an so viele Dinge, er denkt nicht psycho­lo­gisch, er denkt einfach an den nächsten guten Zug »und so ist es bei uns auch«: »We are not playing games, we are just thinking about the next move. Any fucking move can change the game.«

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Dieser Film Abel Ferraras ist es also nicht nur wert, gesehen zu werden. Er ist super.

(to be continued)

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