05.09.2020
77. Filmfestspiele von Venedig

Liebestod im Irrenhaus...

Oasis
Ein kleiner Film von großer Zärtlichkeit: »Oasis« von Ivan Ikic
(Foto: BIENNALE CINEMA 2020 Press Service)

...und Mutter Beimer im Krieg: Zwei Filme aus Bosnien, einer von Almodovar und ein hervor­ra­gender Gangs­ter­film aus Korea – Notizen aus Venedig, Folge 4

Von Rüdiger Suchsland

»A writer needs a pen, an artist needs a brush, but a filmmaker needs an army.«
Orson Welles

»Jean-Luc Godard zieht in 'For Ever Mozart' eine Verbin­dungs­linie vom Theater über den Krieg und das Kino zur Musik. Er spielt dabei Sarajewo nach, und wer das für frivol hält, der hat im Grunde schon verstanden, worum es Godard geht. So wie früher die Cara­bi­niers in den Krieg zogen und mit einem Haufen Post­karten zurück­kamen, so gilt auch heute noch: Vom Krieg kann man sich kein Bild machen. Und wer es trotzdem tut, muß sich nicht wundern, daß den Bildern ein Hauch von Thea­tralik und der Geruch von Verwesung anhaftet. Cocteaus Spruch, daß man im Kino dem Tod bei der Arbeit zusehen kann, bleibt den Helden hier nicht ohne Grund im Munde stecken.«
Michael Althen, SZ 06.09.1996

Endlich mal das Beispiel eines bosni­schen Films, in dem der jugo­sla­wi­sche Bürger­krieg überhaupt keine Rolle spielt. Welch ein Glück!
Oasis von Ivan Ikic läuft in den Giornate degli Autori und beginnt einlei­tend mit einem kurzen tollen alten Repor­ta­ge­film, aus dem Jahr 1968, in pinkem Agfacolor: Ein seiner­zeit hyper­mo­dernes Wohnheim für geistig Behin­derte wird da vorge­stellt, der Sprecher redet in pater­na­lis­ti­schem Ton immer wieder von den »armen Geschöpfen« und den »Unglück­li­chen«, die man früher ins Meer geworfen oder in den Bergen ausge­setzt hatte. Jetzt gebe es das schöne Heim.
Dort, in einem inzwi­schen herun­ter­ge­kom­menen, etwa 60 Jahre alten Gebäude mit funk­tio­na­lis­ti­scher Archi­tektur, spielt dann der eigent­liche Film. Und zeigt das Glück dieser angeblich so Unglück­li­chen: Die Liebe!

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Hätte man mir vorher erzählt: 'Es geht um Liebes­be­zie­hungen geistig Behin­derter in Bosnien', hätte ich – ganz ehrlich – wahr­schein­lich mit den Augen gerollt und wäre gar nicht ins Kino gegangen. So kann man sich täuschen. Denn von Anfang an ist das alles erstaun­lich faszi­nie­rend und über­ra­schend.

Die drei, um die es geht, heißen Marija, Dragona und Robert. Alle um die 16. Marija ist die Neue. Sie ist recht hübsch und die ebenfalls gut ausse­hende Dragona erkennt in ihr sofort eine geis­tes­ver­wandte Rebellin. Oder eine Konkur­rentin, was viel­leicht aufs Gleiche hinaus­läuft. Die beiden freunden sich an. Doch dann ist da Robert, auf den Dragona schon länger ein Auge geworfen hat, und der die Mädchen durch ein Loch im Zaun zu kleinen Ausflügen in die Wiesen und Wälder einlädt. Viel­leicht ist das die Freiheit des Filme­ma­chers, viel­leicht geht es in bosni­schen Irren­häu­sern tatsäch­lich so para­die­sisch frei zu, viel­leicht herrscht nur Perso­nal­mangel – jeden­falls können die Insassen ziemlich oft einfach unbe­auf­sich­tigt tun und lassen, was sie wollen. Und so bleibt es nicht beim Spazie­ren­gehen. Eines Tages behauptet Dragona, sie sei schwanger, Marija ist es, wie sich dann heraus­stellt, tatsäch­lich und wird zur Abtrei­bung gezwungen.

Ganz langsam ziehen die Konflikte und die Spannung in Oasis an, die Liebe der Verrückten wird tatsäch­lich fou und eskaliert, die fehlende Freiheit drückt immer mehr, Hoffnung und Utopie liegen bald nicht mehr im gemein­samen Leben, sondern im Tod.

Auch gelinde gesagt liberal ist in dieser Anstalt der Umgang mit Küchen­mes­sern. Schon früh hat man gesehen, dass alle drei Haupt­fi­guren sich in der Vergan­gen­heit öfters selbst verletzt haben. Und immer wieder geht es in ihren Gesprächen ums »Schneiden« und die Faszi­na­tion der Todesnähe. Und man kann sich sicher sein, dass jedes Messer und jede Scherbe, die wir in diesem Film sehen, irgend­wann noch benutzt werden wird – und nicht nur zum Gurken­schneiden.

Das ist bis zum bitteren, vorher­seh­baren Ende sehr dezent und unauf­dring­lich, dafür mit um so größerer Neugier insze­niert. Wie im korea­ni­schen Film Night in Paradise (s.u.) schauen sich hier die Menschen im Moment des Sterbens in die Augen.
Ein kleiner Film von großer Zärt­lich­keit.

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Die andere Seite des bosni­schen Kinos verkör­pert Jasmila Zbanic. 2006 gewann sie, sehr über­ra­schend, mit erst 32 Jahren den Goldenen Bären für Grbavica, in dem sie recht zwingend über eine Mutter-Tochter-Geschichte von den Folgen der Massen­ver­ge­wal­ti­gungen im jugo­sla­wi­schen Bürger­krieg erzählte.
Auch 15 Jahre später hat sie das Thema nicht losge­lassen. Das muss man respek­tieren. Wie sie vom Krieg erzählt, aller­dings nicht. Dies ist ein Monument, ein Film wie ein Denkmal, das auf einer Opfer­ge­denk­s­tätte einen würdi­geren Platz fände, als auf der Leinwand.

Quo vadis, Aida? spielt im Juli 1995 in Srebre­nica. Aida ist der Name der Haupt­figur, einer Frau mittleren Alters, einer Gymna­si­al­leh­rerin für Englisch, die jetzt als Über­set­zerin für die vor Ort statio­nierten nieder­län­di­schen UNO-Truppen arbeitet. Anhand dieser Konstel­la­tion erzählt die Regis­seurin vom Massaker von Srebre­nica.

Ästhe­tisch ist der Film von der Kamera-Arbeit inter­es­sant und gut, er ist auch souverän insze­niert. Aber in dieser Souver­änität beginnt das Problem – es ist schon oft bemerkt worden, dass es ein Wider­spruch ist, einen Anti­kriegs­film vom Feld­her­ren­hügel aus zu insze­nieren – und auch in diesem Film stört immer wieder die glatte Maschi­nerie und komplexe Logistik, mit der Maschi­nerie und Logistik des Mordens choreo­gra­phiert werden.

Das Problem dieses Films ist, dass er eigent­lich nur die 25 Jahre alten FAZ-Leit­ar­tikel illus­triert, in denen Johann Georg Reiß­müller und Fritz Ullrich Fack den jugo­sla­wi­schen Krieg zum abend­län­di­schen Vertei­di­gungs­kampf gegen kommu­nis­ti­sche Aggres­soren und Serbien zu Tätern und Angriffs­krie­gern stili­sierten. Und die zum großen Unglück der Jugo­slawen leider erheb­li­chen Einfluss auf die auch von Alli­ierten kriti­sierte partei­ische deutsche Außen­po­litik der Kohl-Regierung im Jugo­sla­wien-Krieg hatten.

Das politisch-moralisch Infame liegt dabei gerade darin, dass es in diesem konkreten Fall schon alles ungefähr so gewesen sein wird, wie der Film zeigt.
Aber wenn man noch nicht mal die Hälfte der Wahrheit zeigt, wird diese zur Lüge. Man kann sich dann nicht mehr damit heraus­reden, dass man bei Morden und Menschen­rechts­ver­let­zungen nicht aufrechnen soll – hier ist alles voll­kommen aus dem Zusam­men­hang eines blutigen, von allen Seiten mit Verbre­chen geführten Bürger­krieges gerissen.

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So sind wieder die Serben die einzigen Bösen. Man sieht nur hässliche, muskel­be­packte, bis an die Zähne bewaff­nete Männer, die fort­wäh­rend schreien und mit den Augen rollen. Und die alle schon so aussehen, wie Menschen, denen man nicht im Dunkeln begegnen möchte. Dieser Film zeigt nicht einen positiven Serben. Und er zeigt nicht einen unsym­pa­thi­schen Bosnier.
Die Serben werden hier alle so gezeigt, wie in alten Holly­wood­filmen die Indianer, Sie haben nichts anderes im Sinn, als möglichst viele weiße Skalps zu erobern – und die Bosnier sind in diesem Western die Weißen. Sie sind grundgut, soli­da­risch, es gibt nicht einen Verräter unter ihnen, und natürlich keinen Bosnier, der je eine Waffe gegen ein anderes Volk gehoben hätte. Dass dies ein einziges Klischee ist und im Kontext obszön, zeigt allein schon die Tatsache, dass Ratko Mladic, der Mörder von Srebre­nica, ja nicht einfach ein Serbe ist, sondern ein bosni­scher Serbe. Geboren in Bosnien – und solche Wider­sprüche machen ja gerade die Abgründe des jugo­sla­wi­schen Bürger­kriegs aus. Dass man zwischen Gut und Böse, zwischen Bosniern, Serben, Kroaten und allen anderen nicht besonders gut und klar und jeden­falls bestimmt nicht moralisch unter­scheiden kann.

Der Regis­seurin geht es aber lieber darum, auf der vermeint­lich richtigen Seite zu stehen, nicht darum zu zeigen, dass bereits die Unter­schei­dung, die dieser Idee der verschie­denen Seiten zugrunde liegt, selbst obszön ist, moralisch, politisch und anthro­po­lo­gisch frag­würdig.

25 Jahre nach dem Krieg müsste man über sowas hinaus sein, und müsste gerade in der Lage sein, klar zu machen, dass der Natio­na­lismus als solcher das Übel ist, nicht eine Unter­schei­dung zwischen guten und bösen Nationen.

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Auch die Rolle der Nieder­länder und ihres Komman­danten Karremans wird sehr frag­würdig zusam­men­ge­stutzt. Schuld­zu­wei­sungen sind einfach, der Film versäumt, seine Fragen zu vertiefen, ob die Kata­strophe vom Juli 1995 nicht eher von der UNO zu verant­worten ist, die spätes­tens in diesem Krieg ihre Unfähig­keit und Über­flüs­sig­keit bewiesen hat.

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Und dann die Haupt­figur: Mitten­drin im Massaker sagt sie wie einst Mutter Beimer Sätze wie »We just need to stick together«, und beginnt sich fast ausschließ­lich um ihre Familie zu kümmern. Dass Aida besonders ihre Söhne retten will, ist verständ­lich und womöglich ein an Dreh­buch­work­shops unter­rich­tetes Moti­va­ti­ons­tool für eine Filmfigur – aber was soll das eigent­lich für ein mora­li­sches und poli­ti­sches Statement des Films sein?
Wahr­schein­lich gar keins, sondern der Drama­tur­genge­danke: Dann verstehen's die Leute besser, dann bleibt alles nicht abstrakt.

Nie gönnt dieser Film seinen Zuschauern eine Verschnauf­pause, er treibt die Mani­pu­la­tion voran bis zum bitteren Ende, malt seine Vorgaben exakt aus.

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Tilda Swinton in einem Heim­wer­ker­markt vor dem Stand, an dem man Äxte kaufen kann, ist ein schönes Bild.
Damit beginnt The Human Voice ein Kurzfilm von Pedro Almodóvar, der aus uner­find­li­chen Gründen vor Quo Vadis Aida? lief. Mit dem hat er nichts zu tun.

Anfangs steht Swinton in einem leeren Film­studio mit einem roten Kleid – auch ein schönes Bild. Danach sieht man sie in einer typischen Almodóvar-Wohnung, die kunter­bunt und über­trieben stylisch einge­richtet ist. Sicher alles sehr teuer, aber ein bisschen sieht es auch aus wie von Ikea.

Es folgt ein Monolog in Groß­auf­nahmen, bei denen der Hund an ihrer Seite das Leben­digste ist. Natürlich wird man Tilda Swinton bewundern wollen – aber das wussten die meisten ihrer Bewun­derer schon, bevor der Film anfing. Womit nicht gesagt werden soll, dass sie Bewun­de­rung nicht verdient. Aber der Film?

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Ein ziemlich lustiger Film über den Tod. Und natürlich zugleich auch ein sehr trauriger. Vor allem aber ein ganz konse­quenter Film – und über wie viele Filme kann man das schon sagen?

Night in Paradise ist ein Gangs­ter­film. Sehr schön, extrem hart. Erstmal sieht man das, von dem man glaubt, dass man es schon hundertmal aus Korea gesehen hat: Koreaner in Anzügen dreschen aufein­ander ein, als gäbe es kein Morgen. Und für viele von ihnen gibt es das auch nicht. Das machen sie gerne auch mit langen Messern, weniger gern mit Faust­feu­er­waffen, aber zur Not tun es diese auch. Dabei können sie einste­cken, was das Zeug hält. Bald sind sie über und über mit Blut besudelt und stehen trotzdem immer wieder auf.
Man kann auch dieses Kino wieder als die Einfüh­rung ins Sterben-lernen bezeichnen. Aber vor allem lernt man hier, wie schwer sterben ist, und dass es ganz schön lange dauert und nie so schnell geht, wie man erwarten und erhoffen würde, auch nicht für sich selber.

Night in Paradise erzählt von zwei Todge­weihten, einem jungen Mann, der von einem Mafiaboss als Killer auser­koren wird, um einen Konkur­renten zu besei­tigen. Das tut er dann auch, in einer spek­ta­ku­lären Aktion in einem Badehaus. So weit, so gut. Genau gesagt: so, weit, so schlecht. Denn das auser­ko­rene Mordopfer ist nicht ganz tot. Und auch der große Boss hat nicht ganz saubere Arbeit gemacht. Zu viele Leute bleiben am Leben. So kommt es bald zu Gegen­schlägen. Er wird auf einer russi­schen Insel geparkt.
Die aber zum großen Teil von Koreanern bevölkert ist. So gelingt es auch sogar diesem stink­nor­malen Genrefilm, in tolle, aber fremde und durchaus faszi­nie­rende Lebens­welten einzu­führen. Wir lernen also ein Gebiet kennen, das ein bisschen so aussieht, wie Skan­di­na­vien, also flach und bewaldet mit einem eher grauen als blauen Himmel. Auch im Sommer muss man sich hier etwas wärmer anziehen. Wie die Finnen oder Norweger tragen die Menschen Daunen­ja­cken. Wie die Norweger verdient man das Geld mit der Fischerei, mehr Geld aller­dings mit den Waffen, die unter den Fischen geschmug­gelt werden.

Auf der Insel trifft er ein junges Mädchen, das schießen kann wie ein Gangster, weil ihre Familie von der Mafia ermordet wurde. Die beiden müssen sich erst besser kennen­lernen. Dann verbringen sie einen sehr schönen Nach­mittag, an dem sie die Zeit anhalten, trinken Soju und essen rohe Fisch­suppe. Dann kommt, was kommen muss.

Davor sieht man harte Menschen beim Essen brüchige Verträge knüpfen, eine Styro­por­kiste voller abge­schnit­tener Finger, Tatort-Reinigung mit Feuerzeug und Benzin­ka­nis­tern – am Ende geht es in dieser Todes-Sinfonie auch um Rache: Das Mädchen rächt den Tod dessen, den sie kaum kannte, dann geht sie zum Meer und schießt sich in den Kopf. Bis zum Letzten zeigt der Film in schönen Bildern schöne Orte und ist sehr konse­quent – und über wie viele Filme kann man das schon sagen.

(to be continued)

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