23.02.2020
70. Berlinale 2020

Wait and see!

Woche der Kritik
Diskutiert wird auf der Woche der Kritik, immer noch abseits der Berlinale
(Foto: Dunja Bialas)

Die neue Berlinale ist fast die alte Berlinale. Man setzt auf sanfte Reformen, nicht auf Umbrüche. Ein erster Eindruck

Von Dunja Bialas

Berlinale reloaded. So nenne ich die Berlinale unter der neuen Leitung Rissen­beek-Chatrian. Ähnlich wie in Wien, wo nach dem plötz­li­chen Ableben von Hans Hurch sichtbar auf Konti­nuität gesetzt wurde, oder gar in Rotterdam, wo im fünf-Jahres­ryhthmus die Leitung wechselt, ohne dass sich was verändert – allen­falls ist ein fast unmerk­li­cher Shift hin zum Main­stream-Arthouse fest­zu­stellen –, hat sich auch in Berlin kaum etwas geändert. Das bisschen Änderung betrifft die Korrektur der gröbsten Kosslick-Fehler, wie die zynische Reihe Kuli­na­ri­sches Kino, wo zu Eintritts­preisen von 80 Euro Filme Menüs werden konnten, während die Armut der Menschen in Berlin von Jahr zu Jahr sicht­barer wird.

Es gibt keine neue Berlinale. Verän­de­rungen gibt es allen­falls auf Makulatur-Ebene, wie dem reloa­deten Design oder der Website. Dabei hat in nahezu allen Sektionen die Leitung gewech­selt. Das Forum gestaltet jetzt die Film­kri­ti­kerin Cristina Nord, das Panorama wurde nach einem Dreier-Inter­mezzo im letzten Jahr an Michael Stütz übergeben. Für den Wett­be­werb verant­wort­lich, wie für die Berlinale insgesamt, zeichnet Carlo Chatrian, der vom Filmfest Locarno zu den Berliner Film­fest­spielen kam. Dass er als neuer Leiter für Konti­nuität sorgt, mag allein schon an der Verbun­den­heit zu Frauke Greiner liegen. Greiner war die rechte Hand von Berlinale-Chef Kosslick, zugleich ist sie in Locarno auch nach dem Weggang von Chatrian verant­wort­lich für die Arbeit mit der deutschen und öster­rei­chi­schen Presse. Sie hat die Rolle der Diplo­matin, die seit jeher beiden Festivals loyal verbunden war, Locarno und der Berlinale. Der Berlinale ist sie als Pres­se­chefin und -spre­cherin erhalten geblieben, und Gerüchte besagen, dass sie maßgeb­lich Anteil daran hat, dass sich hier vieles nach Konti­nuität anfühlt, weniger nach einem Neustart, für den erst einmal Tabula rasa gemacht wurde.

Carlo Chatrian seiner­seits hat aus Locarno seinen Programm­chef Mark Peranson und, fürs Auswahl­team des Wett­be­werbs, Sergio Fant mitge­bracht. Beides verspricht ein noch stärker auf die rand­stän­digen, expe­ri­men­tellen Formen setzendes Arthouse-Film­pro­gramm. Was womöglich dieje­nigen irritiert, die der Berlinale in der Vergan­gen­heit vorwarfen, keine echten A-Festival-Premieren mit großen Namen und Stars an Land gezogen zu haben.

Chatrian hat diese Richtung forciert, indem er eine weitere Reihe einge­führt hat: »Encoun­ters«. Mit dieser Wett­be­werbs­sek­tion, die erstaun­li­cher­weise in keinem der Grußworte der Berlinale Chefs Mariette Rissen­beek (Geschäfts­füh­rerin) und Carlo Chatrian (künst­le­ri­scher Leiter) Erwähnung findet, sollen Begeg­nungen mit aufre­genden Posi­tionen des Weltkinos statt­finden. »Encoun­ters« versteht sich als »Kontra­punkt und Ergänzung des Wett­be­werbs«, so ist auf der Website zu lesen.

Auch im großen Wett­be­werb aber finden sich, neben den Stamm­gästen Christian Petzold und Sally Potter, längst verschwunden geglaubte Namen. Ein Beispiel ist Rithy Panh, der wohl nur Doku­men­tar­film­spe­zia­listen ein Begriff ist. Seine filmi­schen Aufar­bei­tungen sind leise, kluge Studien, die bereits vor Jahren den Kunst­griff des Reenact­ments für die poli­ti­sche Therapie des Landes entdeckt hatten, lange vor Joshua Oppen­hei­mers und Christine Cynns The Act of Killing. Mit S-21: Die Todes­ma­schine der Roten Khmer (2003), Les artistes du Théâtre Brûlé (2005) und auch Das fehlende Bild (L’image manquante) (2013) setzte er Meilen­steine in der über­fäl­ligen Geschichts­auf­ar­bei­tung Kambo­dschas. Mit Irradiés werden seine analys­tisch-emotio­nalen Geschichts-Rekon­struk­tionen jetzt fort­ge­setzt. Ein Film, dem man unbedingt seine Aufmerk­sam­keit schenken sollte.

Im Wett­be­werb außerdem zu finden ist Hong Sangsoo, der bereits 2017 im Wett­be­werb lief. In On the Beach at Night Alone spielt auch Mark Peranson mit. Ein Beispiel dafür, dass sich auch unter der »Berlinale reloaded« viele doch sehr enge Bezie­hungen zu alten Konstel­la­tionen finden lassen. Was auch zeigt, dass die Wett­be­werbs-Film­aus­wahl der letzten Jahre bereits den Weg für eine noch stärker fokus­sierte Chatrian-Berlinale bereitet hat.

Subjektiv setzt sich das Gefühl fest, dass die Berlinale jetzt noch mehr Filme im Programm hat, da man die beiden abge­schafften Reihen (neben »Kuli­na­ri­sches Kino« ist das die Reihe »Native«) ohnehin ausge­blendet hatte. Jetzt drängt sich dagegen plötzlich »Encoun­ters« auf, und das geht dann im Zwei­fels­fall auf Kosten der Besuche im »Forum«, zumal mit Filmen von Victor Kossa­kowsky, Matías Piñeiro, Josephine Decker, Sandra Wollner und Heinz Emigholz. Alles Namen, die sich mit dem Forum verbinden, und die jetzt in Encoun­ters zu sehen sind.

Bleibt noch die »Woche der Kritik«, die wie ein Satellit Abstand zur Berlinale wahrt. Hier wird über Film nach­ge­dacht, an konzen­trierten sieben Abenden. Die neue Leitung hat es bislang nicht gewagt, wie in Locarno, Venedig oder Cannes, die Woche der Kritik als autonomen Bestand­teil ins Festival zu inte­grieren. Dazu muss sich eine neue Berlinale wohl erst einmal selbst finden und festigen. Wait and see.