21.02.2020
70. Berlinale 2020

»Auf der Suche nach dem Echten, auch wenn ich dabei zutiefst unecht wirke...«

Schlingensief
Berührend, aggressiv und überraschend: Schlingensief – In das Schweigen hineinschreien
(Foto: Berlinale Presseservice)

Bettina Böhlers furiose Schlin­gen­sief-Doku Schlin­gen­sief – In das Schweigen hinein­schreien hatte heute auf der Berlinale Premiere und zeigte einen ewigen Wi(e)dergänger, einen Künstler, der gerade im Abstand zu seinem Wirken immer aktueller und immer wichtiger wird

Von Axel Timo Purr

»Ich sehe mich in der Tradition des Neuen Deutschen Films. Der ist mal ange­treten mit dem Vorsatz, Filme zu machen , innovativ zu sein, aber dann wurde er wehleidig. Der Autor ruft mea culpa, und die Kritiker nicken. Trotzdem sehe ich mich in dieser Tradition, aber ich glaube, dass meine einzige Berech­ti­gung im Moment in der Drastik liegt: 75 Minuten mit der Faust auf die Leinwand.«
(Christoph Schlin­gen­sief im filmi­schen Interview mit Frieder Schlaich, 2004)

2014, vier Jahre nach Christoph Schlin­gen­siefs Krebstod, hatte er es im Grunde schon einmal geschafft, wieder­auf­zu­er­stehen, hatte er es mit der Schlin­gen­sief-Retro­spek­tive im New Yorker PS1 in den künst­le­ri­schen Pantheon geschafft, weit über sein ursprüng­lich deutsch-spra­chiges Wirkungs­zen­trum hinaus. Ich hatte damals meine Zweifel, als ich mir die Werkschau in New York ansah, vor allem sein filmi­scher Nachlass erschien mir wie ein schlechter Witz aus alten Zeiten, sein Gesamt­werk völlig aus der Zeit gefallen.

Wie man sich doch täuschen kann.

Denn pünktlich zu Schlin­gen­siefs 60. Geburtstag hat Bettina Böhler, die großar­tige Editorin, die u.a. mit Christian Petzold und Valeska Grisebach zusam­men­ge­ar­beitet hat, ihre erste Regie-Arbeit vorgelegt, eine zweis­tün­dige Montage, die das Leben und Werk von Schlin­gen­sief rasant montiert wieder­erzählt und ihn zum zweiten Mal zum Leben erweckt. Von Schlin­gen­siefs ersten Super-8-Filmen bis zum Fluxus-Oratorium „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, umspannt Böhlers Film das 40-jährige Schaffen Schlin­gen­siefs. Privat­vi­deos, Thea­ter­mit­schnitte und unver­öf­fent­lichtes, neu digi­ta­li­siertes Material fügen sich zu einem Mosaik zusammen, das über­ra­schender nicht sein könnten.

Denn was mir vor sechs Jahren noch völlig aus der Zeit gefallen schien, was in meinen Augen aufge­setzter Sponti-Quatsch war, verdreht sich durch Böhlers wild auf dem Fluss der Zeit trei­benden Film und der in den letzten Jahren so drastisch zuge­nommen „Poli­ti­sie­rung des Alltags“ zu einem fast schon prophe­ti­schen „Back-to-the-Future-Kommentar zu unserer Gegenwart. Denn alles, was heute relevant ist – sei es der Popu­lismus in der Politik, sei es das Dilemma um die Asyl­po­litik, sei es die ostdeut­sche Verzweif­lung oder der eigene Nazi in jedem von uns, all das findet sich in Schlin­gen­siefs Werk nicht nur wieder, sondern ist mehr noch: über­ra­schende kreative Hand­lungs­an­wei­sung für eine Welt, die keiner mehr versteht. Allein schon der Diskurs darüber, „wie mit Rechten zu reden sei“ – bei Schlin­gen­sief ist er berührend, aggressiv und über­ra­schend in die Tat umgesetzt.

Und auch wenn Schlin­gen­sief am Ende die Kunst immer weniger in die Quere kommt, er in fast schon Knaus­gard­scher Manier die Welt immer weniger ausschließ­lich als Mani­pu­la­tion bzw. Film ertragen will, er dem Echo seiner eigenen Schöpfung und seiner Erlösung immer verzwei­felter folgt, dann wird auch das gerade in unserer gegen­wärtig so totalitär-sozial-medialer Ich-Bezü­g­lich­keit zur schil­lernden Vignette. Und man kann nur von Glück reden, das Schlin­gen­siefs Vater seinen Sohn nicht – wie von aggres­siven Schlin­gen­sief-Kritikern an ihn heran­ge­tragen wurde – vor Zeugung in die Ruhr abge­spritzt hat.

Und ein Glück ist es dann sowieso, dass Bettina Böhler diesen Film gemacht hat.

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