13.02.2020
70. Berlinale 2020

Das Publikum orientieren

Akin - der goldene Handschuh
Ivan Trojan, Juraj Loj in »Charlatan« von Agnieszka Holland, Sektion »Berlinale Special«
(Foto: Berlinale Presseservice)))

Im Janus­pa­last der Berlinale: Ein Festival sucht seine Aufgabe zwischen Popu­lismus und Anspruch – Berlinale-Tagebuch, Folge 01

Von Rüdiger Suchsland

»In the morning you have the jour­na­lists; in the night you have the sponsors.«
Carlo Chatrian

Es ist ein anderer Ton, ohne Frage, mit dem die Berlinale jetzt auftritt: Ruhiger, gelas­sener, zuhörend und cinephil. Äuße­rungen des neuen Berlinale-Chefs Carlo Chatrian fehlt alles Verkäu­fer­ge­habe und die Vulga­rität seines Vorgän­gers. Die stil- und instinkt­losen Kosslick-Jahre sind erkennbar vorbei.
Die Frage ist aller­dings, ob sich hinter dem Ton auch die Substanz verändert.

Einen ersten Einblick in das, was im Kopf der Spitze der Inter­na­tio­nalen Film­fest­spiele Berlin vorgehen könnte, über das hinaus, was die Programm­prä­sen­ta­tion und das Programm selbst offen­baren, bot jetzt das 14. »Akademie Gespräch« an der Berliner Akademie der Künste. Betitelt mit »Wozu Film­fes­ti­vals?« und bestückt mit immerhin drei Direk­toren verschie­dener Festivals, war doch jedem klar, dass man die Runde auch hätte »Wozu Berlinale?« taufen können. So gesehen war es ein Glück, dass der in der Ankün­di­gung noch annon­cierte Thierry Frémaux, künst­le­ri­scher Direktor der Cannes-Film­fest­spiele, abgesagt hatte. Sein Besuch wäre zwar eine nach­trä­g­liche Spitze gegen Kosslick gewesen, er hätte Carlo Chatrian aber die Schau gestohlen.
Gemeinsam mit Chatrian debat­tierten die Viennale-Direk­torin Eva Sangiorgi, Karlovy-Vary-Leiter Karel Och und die AdK-Präsi­dentin, Regis­seurin Jeanine Meerapfel.

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Der Mode­ra­tion von FAZ-Film­kri­tiker Andreas Kilb war kaum anzu­merken, dass er wahr­schein­lich noch lieber mit Chatrian allein gespro­chen hätte. Er begann gleich mit einer Frage, die ins Zentrum von Eva Sangi­orgis Kino-Verständnis führte: Nach der Aufhebung der Unter­schei­dung zwischen Spiel- und Doku­men­tar­film, die sie vor zwei Jahren zum Verdruss nicht weniger Wiener einge­führt hatte. Als Sangiorgi meinte, alle Art von Filmen spiegele die Welt, und in gewissem Sinn sei auch jede Film-Form mani­pu­lativ, konterte Kilb mit dem Hinweis, es mache doch einen essen­ti­ellen Unter­schied, ob man eine Umwelt­ka­ta­strophe mit tatsäch­li­chen Toten nun doku­men­tiere, oder mit Schau­spie­lern und Tricks der Masken­ab­tei­lung nach­stelle. Darüber hätte man nun eine eigene Veran­stal­tung machen können, viel­leicht unter dem Titel: »Wozu Wahrheit?« Mit dem Thema des Abends hatte das nichts zu tun.
Viel­leicht, weil sie dies spürte, wich Sangiorgi derar­tigen »philo­so­phi­schen Themen« aus, und bemerkte, es ginge doch bei Filmen wie bei Festivals darum, »das Publikum zu orien­tieren«. Ein eleganter Formu­lie­rungs­er­satz für das Wort »Erziehung«, das längst auch in jenen bildungs­bür­ger­li­chen Kreisen verpönt ist, die einst ihr komplettes Selbst­ver­ständnis auf der Distink­tion zwischen den Gebil­deten und denen, die es nicht sind, stützten.

Denn selbst­ver­ständ­lich muss es Film­fes­ti­vals genau darum gehen: Darum, das Gegebene, also zual­ler­erst den meist nicht vorhan­denen Geschmack der Leute, nicht etwa hinzu­nehmen, sondern infrage zu stellen, heraus­zu­for­dern, und zu formen. Also um Bildung und Erziehung des Publikums. Um seine Orien­tie­rung. Die hat aber nur der nötig, dem der Kompass fehlt.
Ein gutes Film­fes­tival ist wie ein gutes Programm­kino: Es sucht sich sein Publikum selbst, es will ihm etwas zeigen, was es noch nicht kennt, es will Lust machen, Horizonte erweitern, Tunnel­blicke zersplit­tern. Je mehr ein Festival das bestätigt, was die Menschen sowieso schon meinen, desto schlechter ist es.
Der Volks­tribun ist nur eine andere Art von Diktator.

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Karel Och war eher fürs Anek­do­ti­sche zuständig. Geschichten aus der guten alten Zeit des Staats­so­zia­lismus, als Festi­val­pro­grammer auch noch selbst der Preis-Jury vorsaßen, und derglei­chen. Tempi passati, und man weiß nicht, ob man das nicht doch bedauern sollte. Filme waren mehr wert damals, Demo­kra­ti­sie­rung bedeutet auch Infla­tio­nie­rung.
Man erfuhr auch, dass Karlovy Vary nicht öffent­lich finan­ziert ist, sondern ein privat­wirt­schaft­li­ches Unter­nehmen. »We try not to upset our audience«, lächelte Och, der immerhin sein Film­pro­gramm kürzlich von 230 auf 180 Titel, also um über 20 Prozent reduziert hatte – wovon die Berlinale trotz deutlich über 300 Filmen weit entfernt ist. Ausge­blendet bleibt bei Ochs Verdruss­ver­mei­dungs­stra­tegie aber die Möglich­keit, dass ein Teil des Publikums, gerade des gebil­deten, zum Kultur­event geht wie zu einer Domina: Es will gepeitscht und drang­sa­liert werden, um sich richtig wohl­zu­fühlen.
Dann wandte sich die Debatte endlich Carlo Chatrian zu.

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Kilb fragte nach »dem neuen Gesicht« der Berlinale, »was könnte eine neue Idee des Festivals sein?« »Ich kann das nicht beant­worten«, sagte Chatrian, hier immerhin ehrlich. Ihm sei diese Frage zu abstrakt, Festivals folgten schließ­lich dem Gang des Kinos. Und das Kino sei schneller als Festivals.

Dass solche Antworten (oder Über­le­gungen?) gut klingen und zwar nicht ganz falsch, aber eben auch nur allen­falls halb richtig sind, machte Jeanine Meerapfel in einer direkten, wenn­gleich höflich getarnten Gegenrede klar: Kino sei natürlich immer ein Spiegel der Gesell­schaft. Aber »Kino findet nicht mehr im Kino statt. Sondern auf Festivals.« Das bedeutet in der Konse­quenz, dass Festivals heute eine größere Verant­wor­tung haben, denn je. Sie sind nicht nur Hüter der Kino-Erfahrung, einen Film gemeinsam mit vielen Fremden im dunklen Saal zu sehen, und später womöglich noch zu bespre­chen. Sie ersetzen auch die Programm­kinos, die weniger werden, und wo sie verbleiben, oft dem Hang zum Wellness-Arthouse verfallen, also den niederen Instinkten des Publikums nach­zu­laufen, anstatt seine Neugier zu triggern, sein Gewissen und seinen Geschmack zu trai­nieren.

Chatrian betonte, dass er alle Arten von Kino liebe, und dass für ihn Filme Selbst­zweck sind, nicht Träger von Botschaften. Er erwähnte seine Liebe zum Genre, zu Hollywood-Erzähl­weisen, ebenso wie die Gefahr, die allen Festivals dann droht, wenn sie zu viele jener Filme aussuchen, die nur noch eigens für Film­fes­ti­vals gemacht werden. Wer sein Programm in Locarno erlebt hat, kann das bestä­tigen. Zugleich kann die Berlinale kein zweites Locarno werden – zumindest hier muss man jenen Beob­ach­tern zustimmen, für die jetzt schon »Locarno« und die »Locar­no­sie­rung« der Berlinale Codeworte ihrer Befürch­tungen sind.

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Genau das ist aller­dings die Frage, an der sich der Erfolg von Carlo Chatrian entscheiden wird. Wird es ihm und der kauf­män­ni­schen Geschäfts­füh­rerin Mariette Rissen­beek gelingen, der Berlinale eine Konzen­tra­tion auf das Wesent­liche zu geben, ihr klare »rote Fäden« zu verpassen? Je mehr Filme man weiterhin zeigen will, um so mehr wäre das nötig.
Wer die Antworten Chatrians am Mitt­woch­abend hörte, wird bei aller Sympathie vorläufig skeptisch bleiben. Denn je länger Kilb fragte, um so mehr schien der Berlinale-Boss abzu­wie­geln: Zum Beispiel auf die Frage, ob es nicht zu viele Sektionen gebe – einer der zentralen Kritik­punkte vieler Berlinale-Beob­achter. »The number of sections is a result of a demand«, erklärte Chatrian, als sei es das Publikum, das eine Unter­schei­dung von »Berlinale Panorama« und »Berlinale Gala« fordere, das sich eine Diffe­ren­zie­rung zwischen »Forum« und »Forum Expanded« wünsche. Und als sei die Berlinale nur der erste Diener des Publikums, sein Butler, der ihm jeden Wunsch von den Augen ablese. Tatsäch­lich ist die Berlinale eine nach Kriterien der Effizienz, Kosten­re­du­zie­rung und Einnah­men­ma­xi­mie­rung durch­ge­plante Maschi­nerie.

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Dass die erst unter seinem Vorgänger aufge­blähte Zahl der Sektionen nicht reduziert werden könnte, konnte Chatrian ebenso wenig triftig begründen, wie er erklären konnte, warum unbedingt 360 Filme gezeigt werden müssen. Zur Erin­ne­rung: In Cannes und Venedig, der unbe­strit­tenen Haupt­kon­kur­renz zu Berlin (oder findet man sich inzwi­schen selbst nicht mehr satis­fak­ti­ons­fähig?) laufen in allen Sektionen zusammen zwischen 100 und 120 Filmen. Eine Einladung dorthin ist also gut dreimal so viel wert. Derartige Arith­metik mag etwas schlicht sein, wie mir Eva Sangiorgi später im persön­li­chen Gespräch gut erklären konnte. Man muss sie aber einsetzen, weil die Berlinale selbst gern mathe­ma­tisch argu­men­tiert: 300.000 Zuschauer müssten schließ­lich irgendwo unter­kommen, sagte Chatrian allen Ernstes, um die Zahl der Filme zu vertei­digen. Aber warum müssen überhaupt 300.000 Menschen auf die Berlinale gehen?
Die Berlinale sei ein demo­kra­ti­sches Festival, behaup­tete Chatrian – man muss da wider­spre­chen, denn derartige Rhetorik ist vor allem popu­lis­tisch. Ein Festival ist auch dann nicht unde­mo­kra­tisch, wenn nur Profes­sio­nelle und Akkre­di­tierte Zugang haben. Es ist anders. Und auch die Berlinale muss viele Zuschauer wegschi­cken, wenn eine Vorstel­lung ausver­kauft ist. Ist sie dann unde­mo­kra­tisch? Chatrian hätte die Übergröße auch anders, mit gewach­sener Tradition zum Beispiel vertei­digen können.
»Demo­kratie« ist hier ein Totschlag­wort, mit dem Kritik und Diskus­sion erstickt werden sollen.

Aber was spricht dagegen, dass statt 300.000 Karten nur noch 150.000 Karten gekauft werden könnten? Die Ideologie des »Publi­kums­fes­ti­vals«.
Wer aber wirklich der Kino­kultur etwas Gutes tun will, der würde versuchen, ihr nicht durch ein Megaevent das Wasser abzu­graben, und lieber etwas dafür zu tun, dass die übrigen 150.000 Zuschauer die auf der Berlinale gezeigten Filme dann später im Kino sehen. Zu entgegnen, wie es gele­gent­lich geschieht, dass das ja eh nicht passieren werde, ist eine zu bequeme Ausrede.
Das alles passt ins Gesamt­bild: Grund­sätz­liche Verbes­se­rungen sind bei der Berlinale einst­weilen nicht zu erwarten. Wesent­liche Mängel werden bis auf Weiteres bleiben.

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Auf die Frage, ob ein Festival subversiv sein könne, erklärte Chatrian, Kino habe einst eine Relevanz gehabt, die heute verloren gegangen sei. In den 80ern habe ein Bruch statt­ge­funden, der Weg zu den alten Verhält­nissen sei für immer verbaut. Subver­sion sei ein Begriff vergan­gener Zeiten. Er wolle lieber von »Über­ra­schung« sprechen.
Wieder kam die Gegenrede von Jeanine Meerapfel. Sie habe erst kürzlich das Film­fes­tival im kuba­ni­schen Havanna besucht. Unter den dortigen wirt­schaft­lich wie politisch belas­teten Bedin­gungen sei Kino selbst­ver­ständ­lich subversiv. Dort gebe es großen Hunger nach den Bildern und Erfah­rungen, wie sie das Kino vermit­teln kann.

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Man könnte ähnliche Geschichten nicht nur aus ganz Latein­ame­rika, sondern ebenso aus China, aus dem Iran, aus Russland und dem kompletten Nahen Osten erzählen. Neben dem Verdum­mungs-Main­stream der Kultur­in­dus­trie, die in ihrer größten Scham­lo­sig­keit aber längst das Fernsehen und das Internet für sich reser­viert hat, gibt es in all diesen Regionen ein starkes Autoren­kino indi­vi­du­ellen Zuschnitts, das den Verhält­nissen ästhe­ti­schen Wider­stand entge­gen­setzt.
Die euro­päi­schen Verhält­nisse, wo das nicht passiert, sind der eigent­liche Sonder­fall.

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Film­fes­ti­vals müssen sich entscheiden, wo sie sich hier posi­tio­nieren. Der übliche Weg ist der, sich zur Bühne für die Wider­stands­gesten aus dem Rest der Welt zu machen, die Verhält­nisse, die darin bekämpft werden, aber zuhause zu bestä­tigen. Dort huldigt die Kunst am Abend dann den Poli­ti­kern und den Sponsoren, die tagsüber mit den Folter­knechten der Künstler paktieren. Dieter Kosslick war ein solcher Kerker­meister, der die Berlinale in einen Ort verwan­delt hat, wo das Publikum in verschie­dene Einzel­zellen sortiert und aller gemein­samen Erfahrung, ja der Erfahrung der Verge­sell­schaf­tung selbst beraubt war. Die Leute wollen es so, war die Entschul­di­gung – die alte Ausrede aller Volks­tri­bune.
Adorno hat das den »Einbau der Barbarei« genannt: »Dabei aber kann der Wille der Verfü­genden auf den Welt­willen sich berufen. Ihre Massen­ge­sell­schaft hat nicht erst den Schund für die Kunden, sondern die Kunden selber hervor­ge­bracht.«

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Viel­leicht hat sich ja das Kino doch gar nicht verändert. Viel­leicht haben die Menschen der Wohl­stands­ge­sell­schaften nur verlernt, an das Kino – und damit an sich selbst – bestimmte Erwar­tungen anzulegen. Und Film­fes­ti­vals im modischen post­mo­dernen Zuschnitt haben dazu beigetragen. Sie haben aktiv an diesem Verlernen, am Zustand des Verges­sens und Geschmacks­ver­lusts, der ein Geschichts­ver­lust ist, mitge­wirkt.
Film­fes­ti­val­for­schung hätte, anstatt im Bund mit den Gewerk­schaften Arbeits­be­din­gungen zu erfor­schen, zual­ler­erst dem gesell­schaft­li­chen Auftrag, also der poli­ti­schen und ökono­mi­schen Funktion von Festivals sich zuzu­wenden. In diesem Rahmen versteht man dann auch die (Selbst-)Ausbeu­tung von Prak­ti­kanten besser.

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Es gibt keinen Grund zur poli­ti­schen Paranoia. Festivals mögen ein Instru­ment im Auftrag eines immer rigideren film­in­dus­tri­ellen Regimes sein. Aber sie haben in einer nach wie vor vergleichs­weise offenen Gesell­schaft genug Spielraum und viele Möglich­keiten. Zudem tun im gerade zerfal­lenden Rahmen der alten Verhält­nisse immer neue Löcher und Leer­stellen sich auf, die von Initia­tiven grund­sätz­lich gefüllt werden könnten. Ein Chan­cen­mangel ist also weniger zu beklagen, als ein Mangel an Ideen.
Die real exis­tie­renden Film­fes­ti­vals tragen zu diesem nun wesent­lich bei. Nichts wird in den Gesell­schaften des Westens heute noch wirklich ernst genommen, schon gar nicht die Politik, in der entspre­chend auch die Clowns regieren. Am wenigsten aber nehmen die Menschen sich selbst ernst. Dies spiegelt Verhält­nisse, in denen leut­se­liger Humor zur Maske von Rohheit und Stumpf­sinn geworden ist, und die Glätte der Ober­flächen die Ahnung des Grauens, das unter ihnen verborgen liegt, eher noch verstärkt.
Wenn im breiten Publikum und selbst in den inter­es­sier­teren Kreisen der »Filmszene« Dekadenz und Snobismus sich breit­ma­chen und mit wohl­feiler Eliten­kritik (an der »Arroganz von Cannes« z.B.) paaren, dann ist dies das Ergebnis einer verengten Vorstel­lung von »Film­fes­tival« und »Film­kultur«. Diese wieder zu erweitern, und aus dem Gefängnis der eigenen Borniert­heit zu befreien, ist die wesent­liche Aufgabe. Erst recht auch für ein Film­fes­tival, das als politisch sich verstehen will.

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Ein Film­fes­tival sollte vor allem eine gemein­same Erfahrung sein. Seine Besucher, egal ob »profes­sio­nell« oder nicht, sollten sich auch in ihren Erleb­nissen begegnen, diese mitein­ander teilen können. So wie es Städte gibt, die zu groß werden und zum Moloch dege­ne­rieren können, kann das auch Festivals geschehen.
Ein Festival ist im Unter­schied zum normalen Kino kein Super­markt, sondern ein Ort für freund­schaft­li­chen Austausch, mal konzen­triert, mal in Trance, mal driftend, voller Vertrauen in die Kuratoren. Es wäre schön, wenn die Berlinale dies eines Tages wieder sein könnte.

(to be continued)

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