30.01.2020
70. Berlinale 2020

Die Berlinale ist eine Baustelle

Kehraus
Schauspieler Alexander Scheer fährt mit einer Elektro-Kehrmaschine am Roten Teppich vor
(Foto: Berlinale)

Aufräum­ar­beiten an der Kosslick-Ruine: ein neuer Stil, erste Umbau­ar­beiten, und viele ungelöste Fragen – vier Wochen vor dem Goldenen Bären gibt es die erste Berlinale-Pres­se­kon­fe­renz gegen die Kiez­ki­no­ge­müt­lich­keit

Von Rüdiger Suchsland

»Es gibt einen amor intel­lec­tualis zum Küchen­per­sonal, die Versu­chung für theo­re­tisch oder künst­le­risch Arbei­tende, den geistigen Anspruch an sich selbst zu lockern, unter das Niveau zu gehen, in Sache und Ausdruck allen möglichen Gewohn­heiten zu folgen, die man als wach Erken­nender verworfen hat. Da keine Kategorie, ja selbst die Bildung nicht mehr dem Intel­lek­tu­ellen vorge­geben ist und tausend Anfor­de­rungen der Betrieb­sam­keit die Konzen­tra­tion gefährden, wird die Anstren­gung, etwas zu produ­zieren, was eini­ger­maßen stichhält, so groß, daß kaum einer ihrer mehr fähig bleibt. Weiter setzt der Druck der Konfor­mität, der auf jedem Produ­zie­renden lastet, dessen Forderung an sich selbst herab.«
Adorno, Minima Moralia

Heute in genau vier Wochen, am 29. Februar, wird der Goldene Bär verliehen, der erste nach 18 Jahren Berlinale unter Dieter Kosslick.
Man kommt um den Vergleich mit dem Vorgänger im ersten Jahr ja gar nicht herum, wenn man derzeit über Kosslicks Nach­folger Carlo Chatrian als Künst­le­ri­schen Leiter und Mariette Rissen­beek als Geschäfts­füh­rerin redet. Auch Kosslick wurde seiner­zeit mit seinem Vorgänger vergli­chen, man könnte das nachlesen.

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Was sie anders machen, ist die entschei­dende Frage, schließ­lich wurden sie geholt, und Kosslicks Vertrag zuvor nicht verlän­gert, weil es Klagen und Kritik gab, weil deutsche Regis­seure dutzend­weise gegen den Direktor in Stellung gingen, weil objektive Mängel zu Ärger bei den inter­na­tio­nalen Gästen führten.

Nach der Ära Kosslick – und es ist eine Ära, im Guten wie Schlechten – müssen bei der Berlinale nun erstmal viele Altlasten weggeräumt werden, vor allem solche, die das geneigte Publikum nicht sieht und die die Kosslick-Fans unter der Haupt­stadt­presse nicht sehen wollen.
Es ist einer­seits ein Groß­r­ei­ne­ma­chen, ande­rer­seits ein Umbau, und in gar nicht so weniger Hinsicht muss das Fundament neu gegossen werden.

Dieses Groß­r­ei­ne­ma­chen umfasst zunächst mal das, was neudeutsch »Wording« genannt wird, also das PR-Sprech, in dem die Berlinale über sich selber spricht. Die wohl­be­kannte »Floskel« vom »Publi­kums­fes­tival« zum Beispiel.
Da es kein Film­fes­tival gibt, das ohne Publikum statt­findet, stellt sich die Frage, was das heißen soll, außer einer Selbst­ver­ständ­lich­keit. Was zum Teufel ist ein »Publi­kums­fes­tival«?

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Publi­kums­fes­tival kann nicht nur heißen, dass man dem Publikum nach dem Mund redet, seinen Geschmack bestätigt und verfes­tigt – ein Geschmack, der sowieso immer nur ein ange­nom­mener und vermeint­li­cher Geschmack ist.

Publi­kums­fes­tival muss auch heißen, dass man das Publikum verun­si­chert, irritiert, verstört, provo­ziert. Genau damit wird man alte einge­fah­rene Gewohn­heiten produktiv heraus­for­dern, und auch neue Publi­kums­schichten gewinnen, von denen man zuvor nicht einmal wusste, dass es sie gibt.

Publi­kums­fes­tival sollte daher auch Publi­kums­er­zie­hung heißen.

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Es ist eigent­lich ganz einfach.

Die Kiez­ki­no­ge­müt­lich­keit, die sich in der Berlinale einge­nistet hat, muss ein Ende haben. »Kiezkino« ist eine überaus beliebte Reihe im Berli­na­le­ver­ständnis des alten Direktors, das besten­falls ein popu­lis­ti­sches Verständnis war.
Kiezkino heißt: »Drei Damen vom Grill«; »Praxis Bülow­bogen«, West­ber­liner Schre­ber­garten. Kiezkino heißt: Das Publikum kann sich darauf verlassen, dass ihnen nichts droht. Dass ihre Denk­faul­heit nicht gestört wird. Dass ihr Geschmack nicht infrage gestellt wird. Dass sie sich selber keine Fragen stellen müssen, dass sie auf alle Fragen, die mögli­cher­weise im Berlinale-Kino auftau­chen, mund­ge­rechte Antworten serviert bekommen. Dass sie nach dem Film gut schlafen können, und viel­leicht schon im Kino.

Film­fes­tival in meinem Verständnis bedeutet genau das Gegenteil: Mehr Fragen als Antworten. Irri­ta­tion statt Gemüt­lich­keit. Beun­ru­hi­gung statt Einschlä­fe­rung. Unruhige Nacht­ge­danken.

Ins Kino am Kiez sollen die Menschen an 51 Wochen im Jahr gehen, und sich dort Wohl­fühl­filme, Arthouse-Wellness und Entspan­nungs­kla­mauk angucken. Spannung und Action und nicht süßstoff­ge­tränkte Emotionen gibt es dort sowieso nicht, die gibt's eh nur noch im Cineplex.

Aber während der einen Woche der Berlinale sollte es Platz für anderes geben dürfen und können. Und es sollte den Menschen von der Festi­val­lei­tung wie der Kultur­po­litik nahe­ge­legt werden, dass das auch gut so ist.

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Mitt­woch­morgen um 10.30 Uhr, Einlass bis 10 Uhr, hatten Mariette Rissen­beek und Carlo Chatrian ihre erste Pres­se­kon­fe­renz als Berlinale-Leiter angesetzt, also genau dann, wenn alle eigent­lich gern über die neuen Film­starts schreiben würden.
Viel­leicht könnte man das ja in den nächsten Jahren wieder korri­gieren, wieder am Dienstag, oder besser noch Donnerstag verkünden, wenn die Aufmerk­sam­keit, die innere, ganz den Offen­ba­rungen der Film-Propheten gilt.
Es war also nicht alles schlecht unter Kosslick.

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Mag man die Presse, vor allem die Film­kritik, nun wieder lieber, als in den letzten 18 Jahren, in der man uns nur wie lästige Kost­gänger, wie Parasiten behan­delte. Abwarten.
Manche Zeichen stehen auf Entspan­nung, auch wenn die Leiterin der Pres­se­ab­tei­lung die gleiche ist, wie bereits in den kompletten Kosslick-Jahren und in den letzten unter seinem Vorgänger Moritz de Hadeln, auch wenn es kein auslän­di­scher Beob­achter, der mir bekannt ist, fassen kann, dass es hier nicht auch eine gewisse Rotation, einen Neuanfang gibt, wie erst im letzten Jahr in Cannes.
Ande­rer­seits kam heute die Nachricht, dass Pres­se­ver­treter 50 Euro extra bezahlen sollen, zusätz­lich zu den bereits mit 60 Euro horrenden Akkre­di­tie­rungs­ge­bühren, um eine Down­load­mö­g­lich­keit für Pres­se­kon­fe­renzen und Regis­seurs­ge­spräche zu erhalten.
50 Euro extra! Für Pres­se­kon­fe­renzen und Film­ge­spräche, etwas, das komplett öffent­lich ist. Das jeder einfach mitschneiden darf. Und das staatlich mit Steu­er­gel­dern komplett gefördert wird. Eigent­lich eine Frechheit. So etwas gibt es nirgendwo, nur hier.
Und doch werden wir deutschen Unter­tanen zahlen. Ich übrigens auch.
Wir alle aber sollten die Berlinale pira­tieren!

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Das Kino jeden­falls mag man nun lieber, als früher.

Schon in seinem ersten Jahr als neuer Berlinale-Direktor beweist Carlo Chatrian, wie leicht sich einige Dinge ändern lassen. Man muss noch nicht einmal die berühmten »Stell­schrauben verschieben«, man muss noch nicht einmal die Zahl dieses aufge­bla­senen Film­fes­ti­vals von rund 400 Filmen auf 150 kürzen (Obwohl das ganz bestimmt ein Ziel für die mittel­fris­tige Zukunft wäre).
Man muss einfach mit etwas mehr Geschmack Filme auswählen. Man muss sich einfach mit etwas mehr Interesse fürs Weltkino unter den Filme­ma­chern der Welt umschauen. Man muss einfach ein paar Kontakte haben und diese auch spielen lassen, um ein besseres Programm zusam­men­zu­stellen.

Philippe Garrell, Kelly Reichardt, Hong Sang soo, Abel Ferrara – Filme­ma­cher von vergleich­barer Qualität hat es in den letzten 15 Jahren in der Fülle nicht in einem Berlinale-Wett­be­werb gegeben.

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Das erste Programm unter Chatrian ist dabei keines­wegs perfekt. Es gibt zu viele neue, unbe­kannte Namen, es ähnelt zu sehr einem Nachwuchs-Festival oder einer Neben­reihe in Cannes oder Venedig.
Aber es zeugt auch von einer grund­sätz­li­chen Neugier und von einem grund­sätz­li­chen Interesse an der Geschichte und Tradition des Autoren­films. Es zeugt von einer Offenheit für verschie­dene Welt­re­gionen und es zeugt von Kontakten mit den wichtigen Produ­zenten und Regis­seuren des Autoren­kinos.
Man muss die Filme von Hong sang soo oder von Ricky Phan erst einmal bekommen, man muss einen Philippe Garrell erst einmal überreden, seinen Film nicht wie bisher fast immer in Frank­reich zu zeigen, sondern in Deutsch­land; man muss die ameri­ka­ni­sche Regis­seurin Kelly Reichardt, die mit ihren Filmen bisher immer in Venedig oder in Cannes Premiere hatte, dazu bringen, sich in den kalten Winter der grauen Metro­polis Berlin zu wagen.
Chatrian hat es geschafft!

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Alexander Kluge war mit einem neuen Film zuletzt vor über 20 Jahren auf der Berlinale unter dem Vorgänger von Dieter Kosslick. Dazwi­schen liefen seine neuen Filme in Venedig oder auf anderen Festivals in der Welt. Es lag eben nicht daran, dass Kluge, inzwi­schen 88 Jahre alt, keine neuen Filme mehr machen würde, sondern daran, dass den bishe­rigen Berlinale-Chefs das Kino Kluges und die Intel­lek­tua­lität, mit der es verbunden ist, offen­kundig nicht inter­es­sierte, oder – das wäre mein Verdacht – er sie sogar gefürchtet hat, sie ihm sogar zuwider war. Sie störte seine Vorstel­lung einer mittleren Wohl­fühl­har­monie und der gesüßten Kino-Welt zwischen Kiezkino und Publi­kums­fes­tival. Das ist jetzt anders.

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Es gibt auch negative Über­ra­schungen. Viele hatten mit dem neuen Film von Oskar Röhler gerechnet, ein Biopic zu Fass­binder, das nach allem, was man hört, auch fertig geworden wäre, und zu »Berlin Alex­an­der­platz« natürlich super gepasst hätte. Dieser Film wurde von der Berlinale allem Anschein nach abgelehnt. Ebenso wie die Filme von Jan Ole Gerster, der dann bereits im letzten Jahr in München Premiere hatte, und von der Schwedin Carolina Hells­gaard, der gerade in Saar­brü­cken gezeigt wurde, und die beide zumindest einen gehobenen Premie­re­platz im Panorama verdient gehabt hätten.
Statt­dessen läuft mit »Undine« nun auch der fünfte Film von Christian Petzold im Berlinale-Wett­be­werb – viel­leicht auch, weil dieser wieder einmal von Cannes abgelehnt wurde. Aber die Frage ist, ob eigent­lich jeder Film Petzolds auch in Zukunft eine Art auto­ma­ti­sches Wett­be­werbs-Abon­ne­ment haben wird?

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350 Filme statt 400, das sind immerhin gut zehn Prozent weniger. Da braucht Chatrian noch 15 Jahre, bis er bei der Größen­ord­nung von Cannes ange­kommen ist. Man wünscht ihm mehr Mut.

Die wahre Baustelle liegt bei den offenen Raum­fragen, bei der Frage nach Profil und Unab­hän­gig­keit gegenüber ameri­ka­ni­schen Will­kür­ent­schei­dungen, wie den Oscar-Terminen.

Ohne Mut wird Chatrian die Berlinale auch nicht zeitlich oder räumlich verlegen können – das wird er aber müssen, wenn er diesen kaum beweg­li­chen und an einigen Stellen leck geschla­genen, unzeit­ge­mäßen Tanker wieder flott­ma­chen will.

(to be continued)

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