09.09.2019
76. Filmfestspiele von Venedig 2019

Der wahre Sieger heißt Polanski

J'accuse
Damals wie heute wird einer Symbolfigur der Schauprozess gemacht...
(Foto: Weltkino Filmverleih GmbH)

Lässigkeit gegen Hypermoral: Todd Philipps »Joker« gewinnt den Goldenen Löwen von Venedig, aber die heuchlerische Debatte um Roman Polanski schwelt auch nach der Preisverleihung weiter – Notizen aus Venedig, Folge 10

Von Rüdiger Suchsland

Das war mehr als eine große Über­ra­schung zum Abschluss der Film­fest­spiele in Venedig: Der bislang nur Experten bekannte Ameri­kaner Todd Phillips gewann am Sams­tag­abend für seinen Film Joker den Goldenen Löwen von Venedig.

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Jury-Entschei­dungen in Venedig sind fast immer ein Problem. Die Preise dort sind seit jeher viel zu ameri­kalastig und desin­ter­es­siert an anderem, vor allem an europäi­schen wie asia­ti­schen Filmen.

Joker ist ein Film, der von anderen Filmen zehrt, ein vampi­ri­scher Film, der wenig Eigenes und Origi­nelles hat, der eine leere Hülle ist ohne seinen Haupt­dar­steller. Bar jeder Substanz ist Joker eine Behaup­tung. Denn die Joker-Figur ist nur dann inter­es­sant, wenn sie über das Private hinaus geht. Joker ist ein Zeitgeist-Film; es ist der Zeitgeist, der behauptet, dass jeder ein Opfer sei, auch der schlimmste Täter. Es ist der Zeitgeist, der behauptet, dass alle Menschen irgendwie trau­ma­ti­siert sind; es ist der Zeitgeist, der es nötig hat, die Joker-Figur als unpo­li­ti­sche Figur zu erzählen, der nicht im Joker den Tyrannen entdeckt oder den Medi­en­ty­coon, nicht den Joker in uns allen entdeckt, sondern der den Joker aus unserer Mitte entfernt und zu einer exzen­tri­schen Existenz erklärt. Der Vorteil von »Joker«, das, was der Film wirklich leistet, ist, dass er aufs Kino aufmerksam macht, dass er sich in die Film­ge­schichte einschreibt, in die der 70er Jahre, dass er uns einen so wunder­baren Film wie The French Connec­tion ins Gedächtnis ruft und die Filme von Martin Scorsese.

Joker ist keine schlichte Comic-Super­hel­den­ver­fil­mung, sondern der Versuch, den schil­lerndsten Gegen­spieler von »Batman« in unsere Gegenwart zurück­zu­holen und »realis­tisch« neu zu erzählen: Als Sozio­pa­then! Aber auch als Zeichen für die Bosheit der Unter­hal­tung, die Bosheit des Humors. Was den Film aber moralisch wie ästhe­tisch proble­ma­tisch macht, ist, dass hier ein gewalt­tä­tiger, psycho­pa­thi­scher Wutbürger zum Ventil der Erleich­te­rung des Publikums wird.

Dazu eine Prise Hass – böse Reiche –, ein Löffel­chen Medi­en­re­fle­xion – böse Talkshows!! – und noch eine Dosis Film­ge­schichte: Stel­len­weise wirkt der Film epigonal und wie der Versuch eines Remakes von Scorseses Taxi Driver und King of Comedy.

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Der polnischs­täm­mige fran­zö­si­sche Regisseur Roman Polanski bekam den Spezi­al­preis der Jury für J'accuse – auch damit hatten im Vorfeld nur wenige gerechnet. Zu schwer schienen die ameri­ka­ni­schen Vorwürfe auf dem Meis­ter­re­gis­seur zu lasten, nach denen sich Polanski vor 42 Jahren einem Gerichts­ver­fahren entzogen habe – auch wenn die europäi­sche Recht­spre­chung diese Sicht der Dinge keines­wegs teilt.
Mitunter hatte man bei den kampa­gnen­haften Kommen­taren im Vorfeld, und den Vorwürfen gegen das Festival, weil es diesen Film zeigt, den Eindruck, es gehe gar nicht um Polanski, sondern um Venedig.

Ist es ein Zufall, dass es fast nur ameri­ka­ni­sche Medien waren, die die Empörung über Venedig befeu­erten? Könnte es nicht sein, dass banale Industrie-Inter­essen hinter alldem stehen? Der Zorn der Nordame­ri­kaner, dass es nicht Toronto, Telluride oder Tribeca ist, das in den letzten Jahren zur zentralen Start­rampe für die Oscars wurde, sondern das alte Europa mit einer seiner europäischsten und geschicht­s­träch­tigsten Städte, mit Venedig?

Dass es nur der zweit­wich­tigste Preis werden konnte, war beim Blick auf den Regisseur klar. Joker war offen­sicht­lich ein Kompro­miss­kan­didat.

Der wahre Sieger der dies­jäh­rigen Venedig-Ausgabe heißt trotzdem Roman Polanski. Mit großer Lässig­keit zeigt Polanski die poli­ti­schen und die gesell­schaft­li­chen Schwächen einer Massen­de­mo­kratie auf. Seine Erzählung der Dreyfus-Affaire zeigt, wie Meinungs­frei­heit in Popu­lismus, wie Popu­lismus in Demagogie und Hetze umschlägt: er zeigt Bücher­ver­bren­nungen, anti­se­mi­ti­sche Ausschrei­tungen und Verschwörungen einer rechts­kon­ser­va­tiven, katho­li­schen, mili­täri­schen Clique.

So ist diese Erin­ne­rung an eine verges­sene Zeit eine zeit­ge­mäße Geschichte: Über die Hexen­jagden der Gegenwart, von denen Polanski selbst ein Lied singen kann; über den Anti­se­mi­tismus der Gegenwart in Polen, in Frank­reich und in Deutsch­land, über Über­wa­chungs­wahn­sinn, über den Mut der Whist­le­b­lower.

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Gerade in ihrer Zusam­men­schau bildet diese Preis­ver­gabe aber ein inter­es­santes, vor allem poli­ti­sches Statement der Jury um die Jury­prä­si­dentin, die argen­ti­ni­sche Regis­seurin Lucrecia Martel: Es sind poli­ti­sche Preise, mit denen zum einen die Autonomie der Filmkunst gegen die ethisch-poli­ti­schen Zumu­tungen der neuen gras­sie­renden Hyper­moral und der Empörten von Links vertei­digt wird. Die auf der anderen Seite auf die Gefahren durch die Wutbürger von Rechts verweist.

Insgesamt war 2019 ein durch­schnitt­lich guter Festi­val­jahr­gang, aber kein heraus­ra­gender. Zu ameri­kalastig und dabei nicht abwechs­lungs­reich genug, zu wenig ästhe­ti­sche Inno­va­tion, zu wenig Über­ra­schungen, um restlos zufrie­den­zu­stellen. Trotzdem bleibt Venedig nach Cannes das beste und wich­tigste Festival der Welt.

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Aber die Affäre des Umgangs mit Polanski wird die Filmwelt weiter verfolgen.

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Gerade in den letzten Wochen im Umfeld von Venedig fällt wieder diese uner­träg­liche mehrfache Legen­den­bil­dung auf: So ist es geradezu niedlich, wie immer wieder auch von Redak­teuren und Mode­ra­toren beim Radio oder in Agen­tur­mel­dungen davon gespro­chen wird, Polanski sei ja »wegen Miss­brauch« angeklagt – nein! Man muss da sehr deutlich unter­scheiden: Miss­brauch oder irgend­welche Vorfälle im Zusam­men­hang mit »#Me too« wirft Roman Polanski niemand vor. Was man Polanski vorwirft, ist eine Verge­wal­ti­gung und Sex mit Minder­jäh­rigen. Letzteres hat er zugegeben, Ersteres nicht. Er ist verur­teilt worden, und er hat diese Strafe ange­nommen. Er hat sich dem Verfahren nicht entzogen, er hat sich erst einem zweiten Verfahren entzogen, weil es da bereits offen­sicht­lich war, dass der Richter eigene persön­liche Inter­essen und eigenen persön­li­chen Ehrgeiz und Karrie­re­streben verfolgt hat, und dies auf dem Rücken eines Promi­nenten austragen wollte. Alles dies ist zur Genüge darge­stellt worden – in Büchern, in Zeitungs­ar­ti­keln, in Filmen wie Roman Polanski: Wanted and Desired. Über Jahr­zehnte hat niemand mit Roman Polanski ein Problem gehabt. Polanski war auf Festivals wie der Berlinale einge­laden und in Cannes, wo er 2002 die Goldene Palme gewonnen hat.

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Die Probleme mit Polanski kamen erst, nachdem eine rechts gewendete, puri­ta­nisch und erzkon­ser­vativ gewordene US-Justiz und der Präsident George W. Bush im Jahr 2008 einen neuen Haft­be­fehl ausge­stellt hatte, und die Schweiz Polanski 2009 für eine Weile in Unter­su­chungs­haft genommen hat. Nach europäi­scher Rechts­auf­fas­sung ist Roman Polanski nicht angeklagt, nach europäi­scher Rechts­auf­fas­sung wird der ameri­ka­ni­schen Auffas­sung wider­spro­chen. Dies ist Rechts­auf­fas­sung in der Schweiz, in Frank­reich, in Deutsch­land und in vielen anderen Ländern.

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Es ist uner­träg­lich, zu sehen, wie sich europäi­sche Medien eine selbst in den USA umstrit­tene Rechts­auf­fas­sung von erzkon­ser­va­tiver Seite einfach zu eigen machen, und sich diese Medien dann auch noch liberal vorkommen, auch noch glauben, sie würden die »Sache der Frauen« in irgend­einer Form vertei­digen oder ihr helfen.
Der ganze Fall Polanski schadet der »Sache der Frauen«, denn er ist so offen­sicht­lich ungerecht; hier wird mit offen­sicht­lich zweierlei Maß gemessen, dass die unsäg­liche unfaire Behand­lung der Person Polanski nur dazu führt, dass man diese von inter­es­sierter Seite als Argument benutzen kann, um allgemein Verge­wal­ti­gungs- und Miss­brauchsan­klagen in Zweifel zu ziehen.

Etwas anderes kommt dazu. Nach Auffas­sung aller frei­heit­li­chen Rechts­sys­teme, auch in den USA, darf kein Täter für dasselbe Verbre­chen zweimal verur­teilt werden. Genau dies aber soll mit Polanski geschehen. Eigent­lich will man Polanski lebens­läng­lich geben: Lebens­läng­liche öffent­liche Ächtung; lebens­läng­liche öffent­liche Verfol­gung; lebens­läng­li­ches öffent­li­ches Verbot, Filme zu machen, Filme gefördert zu bekommen, diese Filme aufge­führt zu sehen, lebens­läng­li­ches Verbot einer Teilnahme an Film­fes­ti­vals – alles dies ist nicht nur unfair und unmo­ra­lisch. Es ist auch rechts­staat­lich voll­kommen frag­würdig und ein Skandal.

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Noch etwas: Das Verbre­chen, das Polanski vorge­worfen (!) wird, liegt über 40 Jahre zurück. Sogar über­führten Mördern gesteht man eine Reso­zia­li­sie­rung, eine Wieder­ein­glie­de­rung in das bürger­liche Leben nach 15 Jahren zu. Polanski nicht. Warum?

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Aber hier wird einer Symbol­figur der Schau­pro­zess gemacht. Denn Polanski ist ein Aushän­ge­schild, eine Symbol­figur, eine Ikone der liber­tären Gegen­kultur um 1968. Hinzu kommt: Polanski macht Filme, die dem bürger­li­chen Main­stream, den Bieder­män­nern als »geschmacklos«, »pervers« und »provo­kativ« erscheinen. Polanski hat Lust an der Provo­ka­tion und er hat keine Lust, sich bei den braven Bürgern zu entschul­digen.

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Hat all das wirklich nichts damit zu tun, dass Polanski eine Symbol­figur der liber­tären Gegen­kultur ist? Hat es wirklich nichts damit zu tun, dass seine Filme sind, wie sie sind? Und hat es wirklich nichts damit zu tun, dass Polanski Jude ist? »Natürlich nicht!« werden jetzt viele rufen: »Nein nein, ganz und gar nicht«. Aber ich glaube, Freunde, es hat sehr viel damit zu tun!

(to be continued)