19.08.2019
72. Locarno Film Festival 2019

Die Mandarins von Locarno

Space Dogs
Was ist los? Mit Locarno, mit dem Kino? Pedro Costas Siegerfilm Vitalina Varela

Costa es was es wolle: Nach der Leoparden-Verlei­hung ist die Ernüch­te­rung groß. Das Film­fes­tival von Locarno ist kein Ort für Entde­ckungen mehr, sondern für die Insider der Insider. Die Zukunft des Kinos findet woanders statt; Notizen aus Locarno, 7. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Das Film­fes­tival von Locarno ist schon lange kein Trend­setter mehr. Einer der Preis­träger der letzten zehn Jahre ist schon tot: 2012 bekam Jean-Claude Brisseau (1944-2019) den Goldenen Leoparden. Er war mit 68 Jahren der älteste in einer Herren­runde, von der nur ein einziger, der Spanier Albert Serra, zum Zeitpunkt der Preis­ver­lei­hung noch unter 40 Jahre alt war. Lav Diaz war 54, Hong Sang-soo 55, Wang Bing 50, und der dies­jäh­rige Preis­träger, Pedro Costa ist über 60. Einzige Ausnahme: Die Bulgarin Ralitza Petrova. Sie war 43.
Die Zukunft des Kinos? Wohl kaum.

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Einst war das anders: John Fran­ken­heimer bekam den Goldenen Leopard mit 27, Stanley Kubrick mit 31, Glauber Rocha mit 29, Milos Forman mit 32, Alain Tanner mit 39, Mike Leigh war 29, Krystof Zanussi 34, Bela Tarr 27, Wolfgang Becker 34, Jim Jamusch 31, um jetzt nur mal die bekann­testen Namen zu nennen. Aber die Liste könnte man verlän­gern.
Jugend war die Regel für einen Locarno-Sieger wie überhaupt für die Wett­be­werbs­teil­nahme. Das ging so weiter, bis einschließ­lich Guo Xiaolu und MIlagros Mumenthaler, die 2010 mit 36, bzw. 2011 mit 34 gewannen.

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Dann ein Bruch, und plötzlich kamen die Alten. Und mit ihnen setzte sich auch ein sehr einsei­tiger Stil am Lago Maggiore durch: Eine akade­mi­sche Kunstat­titüde, nach der Filme sehr langsam erzählt sein müssen, mit möglichst wenigen Schnitten und noch weniger Dialogen. Nach der alles sehr stili­siert und gleich­zeitig sehr einfach zu sein hat, »natürlich«. Nach der Wesent­li­ches gern unaus­ge­spro­chen bleibt.
Gewiss: Es gibt keine Verschwö­rung des Kunst-Funda­men­ta­lismus und der Anti­nar­ra­tiven gegen den Rest der Welt. Gewiss gibt es Unter­schiede: Bei Hong Sang-soo wird zum Beispiel oft viel geredet. Aber die generelle Richtung ist dieselbe. Warum auch immer.

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Jetzt hat der portu­gie­si­sche Film Vitalina Varela von Pedro Costa den Goldenen Leoparden gewonnen, und außerdem die Haupt­dar­stel­lerin Vitalina Varela, nach der der Film benannt ist, den Preis für die beste Darstel­lerin.
Auch Costas Film ist sehr langsam und fast ohne Worte oder Emotionen erzählt und fast ausschließ­lich in der Dunkel­heit gedreht. Der Film ist eine trotz kunstvoll kompo­nierter, hoch­sti­li­sierter Bilder, natu­ra­lis­ti­sche und in Teilen doku­men­ta­ri­sche Studie über das Leben in einem von kapver­di­schen Emigranten bewohnten Ghetto in Lissabon.

Dieser Preis war alles andere als eine große Über­ra­schung, jeden­falls nicht für die, die mit inter­na­tio­nalen Film­fes­ti­vals und den dort zur Zeit wirkenden inneren Dynamiken vertraut sind – eher eine allzu vorher­seh­bare Entschei­dung, erst recht, wenn man wusste, wer in der Jury saß. Denn Regisseur Pedro Costa ist zum einen der mit Abstand bekann­teste Name im Wett­be­werb, zudem ein »üblicher Verdäch­tiger« des Hardcore-Kunst­kinos, und seit Jahr­zehnten Gast im inter­na­tio­nalen Festi­val­zirkus.

Auch die übrigen dies­jäh­rigen Preise entspre­chen im großen Ganzen der Richtung, die die Jury mit dem Haupt­preis einschlug: Anspruchs­volle Kunst­filme ohne viel Handlung, dabei soge­nannte »relevante« Themen. In diesem Fall Armut und Flucht. Wenig Dialog, kein schnelles Erzählen, sondern viel Medi­ta­tion und Mini­ma­lismus.
Tatsäch­lich gab es auch keinen anderen Film, der sich nach zehn Tagen aufge­drängt hätte – eher bot der dies­jäh­rige Wett­be­werb zwar ein paar inter­es­sante Filme, aber wenige echte High­lights. Zudem relativ viel Tristesse – und kaum einen Film, der verschie­dene gegen­sätz­liche Stim­mungen mitein­ander zu verbinden vermochte.

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Einst waren in Locarno nicht nur die Filme­ma­cher jünger, sondern – ich wage das zu behaupten – ihre Filme waren besser.

Nun wird Locarno von einem Festival für Entde­ckungen und Newcomer zu einem für die Insider der Art-Szene, für die Freunde der Freunde.

Was ist los? Mit Locarno, mit dem Kino?

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Welchen Sinn macht es, in einem Festival, das immer eines des Nach­wuchses, der Jugend und der Entde­ckungen gewesen ist, einen Regisseur auszu­zeichnen, der über 60 Jahre alt ist, der eher am Ende seiner Karriere steht? Und einen Film, der allen­falls für ein Nischen­pu­blikum und das Festival-Stamm­pu­blikum der immer gleichen hundert Kuratoren, Einkäufer, TV-Redak­teure und Film­kri­tiker attraktiv ist, das breite Publikum aber sehr bewusst ausschließt?
Denn das tut Costa. Gerade wer ihn mag, wird ihm nicht nachsagen, er wisse nicht, was er tue. Sein Film ist unglaub­lich langsam und anti­nar­rativ, eine Zumutung auch für viele profes­sio­nelle Zuschauer – oder eine erzie­he­ri­sche Maßnahme.
Das ab und an so ein Film den Leoparden gewinnt, ist ok. Aber muss es fast jedes Jahr sein?

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Dies ist also eine überaus durch­wach­sene Bilanz im ersten Jahr der neuen Direk­torin Lili Hinstin – und ange­sichts der Geschichte des Festivals von Locarno und dem scharfen Wett­be­werb mit anderen Festivals, gerade auch dem neurei­chen Newcomer von Zürich im eigenen Land, muss einem um die mittel­fris­tige Zukunft von Locarno sogar angst und bange werden.

Das liegt auch daran, dass die neue künst­le­ri­sche Leiterin, die in Paris prächtig vernetzt ist, und – offenes Geheimnis – lieber als in der Tessiner Provinz in der Quinzaine von Cannes den Direk­to­ren­posten bekommen hätte, ein bisschen sehr viel der üblichen Verdäch­tigen und des elitären Festival-Jet-Sets an den Lago Maggiore gebracht hat: Albert Serra moderiert John Waters, Olivier Père moderiert Bong Joon-ho, es gibt einen Festi­val­preis für Kompli­zen­film, Valeska Grie­se­bach sitzt in der Jury, Ulrich Köhler im Wett­be­werb – gegen jede einzelne dieser Entschei­dungen ist nichts zu sagen, aber im Gesamt­bild wirkt das alles schon sehr einseitig. Es fehlt die Diver­sität, die doch gerade von Hinstin in anderem Zusam­men­hang so betont wird.

Unüber­sehbar ist, das Locarno sein Programm in den letzten zehn Jahren gewandelt hat. Seine Rolle als Ort für die Entde­ckung neuer Trends, gar der Zukunft des Kinos, die Locarno mal hatte, hat das Festival eingebüßt. Was einst ein Film­fes­tival für Newcomer gewesen ist, wo das Kino der Zukunft entdeckt wurde, und später berühmte Filme­ma­cher ihre ersten Preise bekamen, als sie Anfang oder Mitte 30 waren, da liegt der Alters­schnitt der Preis­träger plötzlich über 50.
Und stilis­tisch ist es die Norm des Anti-Normalen, der Affekt gegen die Konven­tionen, die sich hier durch­setzen obwohl sie längst keinen mehr über­ra­schen.
Fast muss man also allen »normalen« Filme­ma­chern raten, ihre Filme vorerst ja nicht mehr nach Locarno zu geben. Sie werden hier jeden­falls keinen Preis gewinnen.

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Die beschrie­bene Entwick­lung spiegelt im Übrigen die auch ansonsten spürbare Über­al­te­rung des Auto­ren­kinos wie auch dessen zuneh­mendes stilis­ti­sches Auf-der-Stelle-treten. Seit 15 Jahren gibt es kaum noch wirkliche ästhe­ti­sche Inno­va­tionen im Kino. Nichts, was man nicht schon gesehen hätte. Statt­dessen einen Akade­mismus, der zunehmend verknöchert und dogma­tisch wird, das Beste­hende verwaltet, aber keine neuen Ideen hat.
Sie spiegelt auch die zuneh­mende Forma­tie­rung des Auto­ren­kinos. Denn auch die Film­sprache und Ästhetik, die hier wieder ausge­zeichnet wurde, ist zuletzt immer uniformer und einsei­tiger geworden: Ein über­wie­gend anti-narra­tives, medi­ta­tives, lako­ni­sches, mit sehr langen Einstel­lungen arbei­tendes Kino. Das ist nicht weniger konven­tio­nell, als das Block­buster- und Main­stream-Kino, nur anders. Es gibt nämlich auch einen »Kunst-Main­stream«, der einen Teil der aktuellen Kino­land­schaft insgesamt prägt.

Wenn man in anderen Fällen sehr zu Recht den Hang zum Inhal­tismus kriti­siert, zu Filmen, die nur gefeiert werden, weil sie ohne Rücksicht auf Ästhetik irgend­wel­chen Inhalte oder Themen auf die Leinwand bringen, die man für wertvoll hält, dann muss man hinzu­fügen: Die andere Seite dieses Inhal­tismus, die diesem komplett entspricht, ist der Forma­lismus, die Verab­so­lu­tie­rung der Form.
Die Eindi­men­sio­na­lität des Main­stream-Kinos wird nur gespie­gelt durch die Eindi­men­sio­na­lität des Kunst­sek­tors.
Wenn das „Dazwi­schen“ fehlt, schadet das dem Kino.

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»Dies ist ein Festival des Mutes, der Freiheit und der Courage« hatte Festi­val­di­rektor Marco Solari bei der Eröffnung der Film­fest­spiele betont. Doch das Programm war in diesem Jahr wenig mutig.
Klar: Wer im Wett­be­werb ist, kann und darf gewinnen. Aber soll er? Man muss viel­leicht einfach ganz andere Filme in den Wett­be­werb nehmen. Riskan­tere, über­ra­schen­dere, auch auf hohem Niveau gewöhn­li­chere. Denn wenn alles sich betont unkon­ven­tio­nell gibt, ist die Konven­tion plötzlich über­ra­schend inter­es­sant.

Auch klar: Die Vertei­diger von Pedro Costa sagen jetzt: Dieser Alte ist im Herzen jünger, als wir alle zusammen.

Das Kino der Zukunft liegt in solchen Preisen aber jeden­falls nicht. Das Kino der Zukunft muss beides verbinden, über­ra­schend sein, irri­tie­rend – auch für den Festival-Jet-Set.

Einst­weilen findet die Zukunft des Kinos woanders statt: Zum Beispiel in zehn Tagen in Venedig.

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