19.08.2019
72. Locarno Film Festival 2019

Haare im Steinpilzrisotto

Das freiwillige Jahr
Man muss dazu nicht nach Rumänien fahren, Westfalen genügt: Das freiwillige Jahr

Sie fährt zum Flughafen, aber... Tratsch und Beob­ach­tungen an der Piazza, und vor allem neue Filme von Samir, Ulrich Köhler und Henner Winckler; Notizen aus Locarno, 6. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Du musst Dir viel­leicht mal klar werden, was du willst, auch wenn du damit viel­leicht jemand anderen verletzt.«
- Aus: Das frei­wil­lige Jahr

Vier Mal in den letzten fünf Jahren haben asia­ti­sche Filme gewonnen in Locarno, sieben Mal in den letzten 12, erzählt ein Schweizer Kollege. Die Statistik lügt nicht. Trotzdem fällt es schwer zu glauben, dass schon wieder ein Asiate gewinnen wird.

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Es wimmelt hier in Locarno nur so von Alters­heimen, in einem wohne ich selbst, seit Jahren immer wieder, denn die Hotels sind während des Festivals knapp. In einem der Alters­heime wohnt, wie erzählt wird, auch Marco Solari, die graue Eminenz das Festivals. Grau ist hier doppelt wörtlich zu nehmen, die Farbe der Haare und die Farbe der Anzüge. Solaris vornehmes, kluges Habicht-Gesicht strahlt vor allem eines aus: Macht. Man muss ihn nur einmal ansehen um zu erkennen, einfach zu spüren: Das hier der wahre Chef des Festivals vor einem steht.
«Dies ist ein Festival des Mutes, der Freiheit und der Courage.« hatte er zu Beginn des Festivals in seiner Eröff­nungs­rede gesagt. Ein bisschen klingt das auch wie ein Befehl: So habe es zu sein, nicht feige, nicht erwartbar.
Ob sich das die künst­le­ri­sche Leiterin Lili Hinstin zu Herzen genommen hast, da bin ich mir kurz vor Ende des Festivals etwas weniger sicher als zu Beginn. Wir werden auch sehen, was die Jurys so machen mit dem, was ihnen hier in den verschie­denen Sektionen so vorge­setzt wird.

Aber zurück zur Frage der Alters­heime. Tatsäch­lich ist Locarno ja vor allem ein Ferienort ein Kurort; die Menschen, die hier wohnen sind die Älteren und die Betuchten. Die Preise in der ganzen Schweiz sind bereits für europäi­sche Verhält­nisse obszön, die Preise in Locarno sind aber selbst für schwei­ze­ri­sche Verhält­nisse mehr als über­durch­schnitt­lich.

Auch das Festival kostet viel Geld, und zu dem Klatsch, der die Gespräche zwischen den Kino­be­su­chen, auf der Piazza und an den Restau­rant­ti­schen in diesem Jahr dominiert gehört viel Gerede über Geld: Ein riesiges Defizit hätte Carlo Chatrian 2018 in seinem letzten Jahr als Direktor hinter­lassen, so wird kolpor­tiert. Das kann ich mir gut vorstellen, denn ich hatte auch den Eindruck, dass Carlo in seinem letzten Jahr richtig in die Vollen gegangen ist. Aber auch seine Nach­fol­gerin Lili Hinstin hätte bereits im Vorfeld das Budget um eine mittlere sechs­stel­lige Summe über­schritten, so erzählen mir gut unter­rich­tete Schweizer, wie wir es mal hier nennen wollen.
Das kann gut sein, denn Hinstin musste ja noch nie mit einem annähernd so hohen Budget umgehen. Es muss aber auch nicht stimmen – ich erwähne solche Kommen­tare eher, um die Stimmung zu beschreiben. Man sucht hier in Bezug auf die neue Chefin gerade die Haare im Stein­pilz­r­i­sotto.

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Der Vor-Vorgänger von Lili Hinstin war Olivier Père. Er amtierte von 2010 bis 2012 als künst­le­ri­scher Leiter des Locarno Film­fes­ti­vals. Dieser Tage konnte man in Locarno einem gut gelaunten Olivier Père begegnen, der dort, begleitet von seiner neun­jäh­rigen Tochter Josephine, einige entspannte Tage verbrachte. Am vergan­genen Dienstag mode­rierte Père die gut besuchte öffent­liche Master­class mit dem dies­jäh­rigen Cannes-Gewinner Bong Joon-ho und dessen Lieb­lings­schau­spieler Song Kang-ho. Père erzählte auch, er habe Hinstin im Vorjahr auf die Idee gebracht, sich zu bewerben – da war sie gerade mit ihrer Bewerbung für den Leitungs­posten bei der »Quinzaine« in Cannes erfolglos geblieben.

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Über 240 Filme werden in diesem Jahr gezeigt. Das sind weniger als im Vorjahr. Es seien aber mehr Schweizer Filme, betont Hinstin im Gespräch. Auf die Frage, warum es überhaupt so viele Filme sein müssten, und den Hinweis, dass man in Cannes ja nur um die hundert zeigen würde, rechnet sie ihr Programm klein: Da sei ja die Retro­spek­tive dabei. Und die Kurzfilme. »Außerdem program­mieren wir bestimmte Sektionen nicht selbst.« Nämlich nicht die Settemana, die Open Doors und den Showcase des Schweizer Kinos. Hinstin kommt so auf »etwa 80« Filme. Ich rechne das nicht nach, genauso wenig, wie ich sie darauf hinweise, dass die gut 100 Filme in Cannes ja inklusive der beiden unab­hän­gigen Sektionen gerechnet sind.
Es sind so oder so einfach zu viele Filme hier, und die Wege zwischen den Kinos sind noch länger als die Schlangen vor ihnen.

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Wie man sich da überhaupt zurecht­findet, werde ich gefragt. Meine spontane Antwort, wohl inspi­riert vom fabel­haften Space Dogs: Streunend, driftend, wie die Straßen­hunde in Moskau. Klar bin ich auch ein bisschen süchtig nach alldem, ich mag Filme, ich nehme Filme auch als ein Medium der Welterfah­rung. Und ich sehe darin tolle Dinge, ich erfahre etwas. Festivals sind zudem ein sehr bestimmter, zusätz­lich rausch­hafter Zustand.
Hinzu kommt, dass man auf Film­fes­ti­vals andere Filme sieht, oft bessere. Denn neunzig Prozent von dem, was in unsere Kinos kommt, ist ja relativ depri­mie­rend.
Ich gehe nicht zuletzt deshalb auf Film­fes­ti­vals, weil ich hier viel viel viel bessere Filme sehe. Die meisten von denen kommen nie ins deutsche Kino, laufen allen­falls mal bei einem Film­fes­tival in Deutsch­land oder in einem Programm­kino, vorzugs­weise in ganz großen Städten wie Berlin, München, Köln danach wird es schon düster; die wenigsten Filme die hier laufen werden von deutschen Verlei­hern gekauft, weil diese Verleiher oft relativ feige sind.
Auch deshalb boomen die Festivals umgekehrt – sie über­nehmen diese mutige Arbeit. Der Mut wird aller­dings auch mit Steu­er­gel­dern vergleichs­weise – zur Kinoför­de­rung – üppig finan­ziert.

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Ein bemer­kens­werter Schweizer Film, eine inter­na­tio­nale Kopro­duk­tion zwischen der Schweiz, Deutsch­land und England, die auch ins deutsche Kino kommen wird, ist Baghdad in my Shadow vom Schweizer Samir, der zuletzt mit »Iraqi Odessey« auf der Berlinale lief. Der Regisseur, selbst Schweizer mit iraki­schen Wurzeln, erzählt die Geschichte einer Handvoll Exil-Iraker in London.
Dabei berührt Samir auch mehrere Tabus der arabisch-mosle­mi­schen Welt: Atheismus, die Über­brü­ckung der Frau und Homo­se­xua­lität.

Baghdad in my Shadow ist ein stim­mungs­voller, atmo­s­phä­ri­scher Film mit viel Musik. Mal melan­cho­li­sche Jazz­klänge mal Punkrock (mit einem Auftritt von Hazel O'Connor), mal arabische Schnulzen aus früheren Jahr­zehnten. Das meiste spielt kurz vor Weih­nachten. Den Rahmen bildet das Verhör von Taufiq, eines älteren Dichters, der als Nacht­wächter arbeitet. Einst wurde er von Saddams Schergen gefoltert. Damals hatte er seinen eigenen Bruder verraten. Nun kämpft er mit Schuld­ge­fühlen gegenüber dessen Sohn Naseer. Naseer radi­ka­li­siert sich zunehmend bei einem sala­fis­ti­schen Prediger. Im Rückblick entfaltet sich die ganze Geschichte. Man begegnet diversen Figuren, einem Dichter, Kommu­nisten, Agenten des alten Regimes, Reli­giösen Hetzern. Samir hat die drama­ti­schen Geschichten seiner Figuren in eine poetische Form gegossen.
Der Regisseur zielt auf die Schnitt­stelle zwischen Westen und Osten, sein Film will vermit­teln. Das gelingt dem Film gut. Eine Stärke sind die hier­zu­lande oft völlig unbe­kannten Darsteller Haytham Abdul­razaq, Zahraa Ghandour, und Waseem Abbas. Um so bekannter ist dafür Kerry Fox in einer prägnanten Neben­rolle.

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Einen Esel gibt es auch hier. Aber so ganz anders als in Angela Schan­elecs Berlinale-Kriti­ker­er­folg Ich war zuhause, aber.... Nicht als Faust-aufs-Auge-Bresson-Verweis, sondern als leben­diges Tier. Das die Verbun­den­heit der jungen Frau mit diesem Ort gleich im ersten Bild vor Augen führt. Sie soll gehen. Will aber nicht. Sie fährt zum Flughafen, aber...

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Vater spricht, Tochter schweigt. Man spürt eine bestimmte unaus­ge­spro­chene Spannung zwischen den beiden, sie ist am Handy, er sagt »Pack' das doch mal weg, das nervt dich doch selber.« Er weiß, was gut für sie ist, sie sieht das anders. Sie hat Probleme mit ihrem Freund, sie heult. Er holt die Kamera, er macht alle möglichen Dinge »für die Tochter«, die sie gar nicht gemacht haben will, und es ist deutlich, dass er sie eigent­lich für sich macht. Wir lernen den Vater sogleich als über­grif­figen Menschen kennen, als jemanden der in die Wohnung seines Bruders einbricht, weil der scheinbar nicht aufmacht – tatsäch­lich ist er nicht da – und erkennen, dass die Tochter mit irgend­etwas hadert. Menschen am Rande des Nerven­zu­sam­men­bruchs. Eine gewisse Hektik, ja latente Hysterie durch­zieht diesen Anfang. Sie ist einer­seits der Situation geschuldet, denn Jette, die gerade ihr Abitur gemacht hat, muss zum Flughafen, um nach Costa Rica zu fliegen, wo sie in einem Kran­ken­haus arbeiten wird. Das ist das »frei­wil­lige Jahr« des Titels von Ulrich Köhlers und Henner Wincklers neuem Film.

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Ande­rer­seits hat die Anspan­nung einen tieferen Grund. Er liegt in der Dynamik der Situation dieser Menschen und ihres Umfelds, die der Film über die folgenden drei Tage entfalten wird. Denn Jette nimmt den Flug nicht, »verpasst« ihn – nicht ganz unfrei­willig. Vorwand ist ein kleiner Blech­schaden am Auto, als ihr Freund sie zum Flughafen bringt. »Bleib doch hier«, sagt er, und dann bleibt sie tatsäch­lich im Auto. Die beiden verbringen dort auch die folgende Nacht, nehmen Anrufe der Angehö­rigen nicht an. Man lernt mit Vater und Tochter somit zwei Menschen kennen, die ihr Leben in irgend­einer Weise nicht ganz unter Kontrolle haben. Tochter Jette hat Schwie­rig­keiten, sich zu entscheiden. Sie weiß nur, was sie nicht will. Etwa als der Freund am Morgen doch seine Mutter anruft, geht sie kurzer­hand einfach weg, geradeaus in den Wald, um erst am Abend wieder aufzu­tau­chen. Eine Verwei­ge­rungs­hal­tung.

Vater Urs entscheidet viel, vor allem für Andere. Für den prak­ti­schen Arzt, der er ist, ist sein Benehmen und die Art, wie er mit seinem Mitmen­schen (nicht) kommu­ni­ziert, aller­dings erstaun­lich unsen­sibel. Urs ist auf gewisse Weise ein Chaot, und oft unwirsch. Er hört nicht auf andere, ist sehr auf sich fixiert und auf seine Tochter. Die erzieht Urs offenbar allein – von der Mutter ist nicht die Rede, bis zum Ende des Films erfährt man nicht, ob die Eltern getrennt sind, oder die Mutter gestorben. Urs' Verhältnis zu den anderen Mitmen­schen ist oft unfreund­lich. Er will es zwar allen recht machen, macht es dadurch aber niemanden recht, zumal klar ist, dass er auch will, dass alle seinen Erwar­tungen entspre­chen.

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Die beiden Berliner Regis­seure Ulrich Köhler und Henner Winkler – beide Jahrgang 1969 – entwi­ckelten und insze­nierten diesen Film gemeinsam – ursprüng­lich als reine Fern­seh­ar­beit für den WDR. Das merkt man dem Film kaum an. Im Gegenteil findet auch Kame­ra­mann Patrick Orth immer wieder unge­wöhn­liche Bilder und über­ra­schende, schiefe, auch poetische Perspek­tiven auf die Figuren und den Ort.
Die Regis­seure erzählen von dieser schwie­rigen Vater-Tochter-Beziehung und entfaltet die Dynamik der Situation dieser Menschen und ihres Umfelds. So geht es in diesem Gene­ra­tio­nen­stück auch um ein etwas anderes, schräges Portrait des Dorf­le­bens, der Provinz und eines »ganz normalen« bundes­re­pu­bli­ka­ni­schen Mittel­stands. Die Alten können nicht loslassen, die Jungen kopieren entweder schon alter­na­tivlos das Lebens­mo­dell ihrer Eltern, oder sie müssen noch lernen, die Bevor­mun­dungen durch deren Erwar­tungen abzu­werfen.

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Dies ist ein in leichter Weise erzählter Film, einer der leider viel zu seltenen Fälle, wo es überhaupt versucht wird, dass ein Film die Balance zwischen Ernst und Witz hält, ohne nach einer der beiden Seiten abzu­stürzen. Über allem schwebt in diesem Fall auch der Schatten von Toni Erdmann, jener anderen deutschen Geschichte über eine untrenn­bare, kaputte Vater-Tochter-Beziehung, zu der sich Das frei­wil­lige Jahr« manchmal wie eine bewusste, durchaus liebe­volle Karikatur und Farce, jeden­falls als Kommentar verhält. Man muss dazu nicht nach Rumänien fahren, Westfalen genügt.

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