11.07.2019
37. Filmfest München

Die Einsamkeit der Empathie

TRAVELING WHILE BLACK
Zu Gast in »Ben's Chili Bowl«

Virtual Worlds zeigte inter­es­sante Perspek­tiven des Mediums VR – passt aber nicht recht zum Filmfest München

Von Thomas Willmann

Irgend­wann wendet man den Blick, den Kopf auch nach rechts. Dorthin, wo in »Ben's Chili Bowl« auf Augenhöhe eine Spie­gel­leiste ange­bracht ist. Aber genau an der Stelle, wo man darin sein eigenes Gesicht erblicken müsste, klebt »zufällig« ein Flyer.
Es ist ein Detail in Traveling While Black, das die Illusion zugleich vor dem Zerbre­chen bewahrt, und als Illusion bewusst macht. Man weiß in dem Moment freilich, dass der Flyer die Reflexion der 360°-Kamera verbirgt. Aber solange der Spiegel auf diesem Fleck blind ist, kann man sich ande­rer­seits immer noch einreden, dass man sich darin sonst selbst sehen würde.
Roger Ross Williams' VR-Doku war die eine soge­nannte »Expe­ri­ence« bei den »Virtual Worlds«, wo mich tatsäch­lich einmal kurz dieses Gefühl angefasst hat: »Das könnte die Zukunft sein.« Vieles an Traveling While Black erinnert an die (emotio­na­li­sie­rende) Ästhetik heutiger Main­stream-US-Doku­men­tar­filme. Aber dass er statt tradi­tio­neller »talking heads« seine Inter­views insze­niert als Gespräche im Diner, bei denen man stumm zuhörend mit am Vierer­tisch sitzt – das stellt erstaun­lich viel mit einem an, das ist eine erstaun­lich funda­men­tale Verän­de­rung.
Es war bei den »Virtual Worlds« meine erste Ahnung, dass die Möglich­keiten der seltsamen Präsenz/Nicht-Präsenz, die man im Medium der Virtu­ellen Realit ät innehat, noch nicht ansatz­weise ausge­schöpft sind.

VR befindet sich derzeit in einer vergleich­baren Phase, wie es das Kino in den 1910er Jahren war: Man ist über die ersten Anfänge als bloße tech­ni­sche Neuheit, Jahr­markt­sat­trak­tion hinaus, auf der noch offenen Suche nach Wegen, es zu einer wahren Kunstform zu machen. Kettet sich dabei aber noch sehr an die etablierten Ahnen: Was dem Film einst Roman, Theater, Malerei/Photo­gra­phie waren, sind VR nun der Film und die Video­spiele.

Ein verbrei­tetes Genre der »Expe­ri­ences« sind nichts weiter als gewöhn­liche Kurzfilme mit Rund­um­sicht. Gegen die sie dann mühevoll ankämpfen: ALONE etwa verwendet den Großteil seiner eher beschei­denen Kunst auf Anreize, den Blick genauso auf den einen Szenen­aus­schnitt vor sich fixiert zu halten wie aus dem Kino gewohnt. Das Umschauen ist uner­wünscht, der Film arbeitet aktiv gegen die Grund­ei­gen­heit seines Wahl­me­diums. The Fernweh Opera versetzt einen immerhin gleich in eine Thea­ter­si­tua­tion, auf einen Sitzplatz im Parkett – was aber eben auch eine Ansage ist, wie tief das Prinzip Guck­kas­ten­bühne da im Erbgut steckt. Selbst wenn sich der Raum dann kurz­zeitig auflöst und von rechts aus dem Off ein Planet hindurch und vorüber schwebt.

Viele »Erleb­nisse« sind schlicht Games mit einer immer­si­veren Form der 3D-Darstel­lung und der Steuerung.
Und wie einst das Kino, wird auch VR derzeit zu einem Gutteil als touris­ti­sches Medium genutzt: Eine Möglich­keit, sich an ferne Orte zu versetzen und diese zu begaffen – bevorzugt an solche, die schwer oder gar nicht zugäng­lich sind. Sei's wegen realer Hinder­nisse (Mount Everest, Wüsten, etc.), weil diese Orte nicht mehr exis­tieren (virtuelle Rekrea­tionen histo­ri­scher Schau­plätze), oder weil sie nie existiert haben (Fantasie- und Rauschwelten).
Als Tele­por­ta­tions- und/oder Zeit­ma­schine mitunter durchaus beein­dru­ckend – aber meist mit wenig tieferer Reflexion verbunden.
Wo VR aber als Verlän­ge­rung des Kinos mit anderen Mitteln gedacht wird, da ist es vor allem im Aspekt des Rausch­haften, des Entgren­zenden. Und es wundert nicht, dass das Medium einen Filme­ma­cher wie Jan Kounen anzieht, der seit seinen strunz­pu­ber­tären Anfängen mit Vibroboy und Dobermann trotz eines deut­li­chen Reife­pro­zesses immer wieder (siehe Blueberry) nach einem Kino strebte, das die Grenze zwischen Leinwand und Leib sprengt, das einem auf die Pelle rückt, einen deli­rie­rend verschlingt. -22,7°, seine Zusam­men­ar­beit mit dem Elektro-Musiker Molécule, ist da eine durchaus stimmige Fort­füh­rung: Anfangs scheinbar ein ebenfalls touris­ti­scher, doku­men­ta­ri­scher Ausflug nach Grönland. Der sich dann zu einer kosmi­schen, abstrakten (Klang-)Land­schaft weitet.

Traveling While Black aber war in meiner (zugegeben begrenzten) Stich­probe die eine VR-Erfahrung, die bewusst die neue Tech­no­logie zum Zweck der Empathie einsetzt.
Im Vergleich zu dem, was die anderen Rundum-Filme teils an Aufwand und Inno­va­tion auffuhren, klingt es so simpel, fast nichtig: Einen schlicht mit fremden Menschen, die ihre Geschichten erzählen, scheinbar an einen Tisch zu setzen. Aber das stellt auf einer ganz tiefen mensch­li­chen Ebene mit einem etwas an, das tatsäch­lich neu und anders ist als alles, was von einer Leinwand zu einem herab­spre­chende Gesichter leisten können. Und wie Traveling While Black mit dem vom Flyer verdeckten Spiegel einen dabei an den Abgrund der Illusion führt – einem bewusst macht, dass man einen Körper hat, der einem nicht in den doku­men­ta­risch-virtu­ellen Raum gefolgt ist, und der dort in Wahrheit auch störend wäre: Das gibt dem Moment die Größe der Hoffnung wie seine Tragik.
Das sagt: VR kann die Zuver­sicht inne­wohnen, dass uns die Tech­no­logie als Menschen näher bringt zuein­ander, dass wir Gast sein können an fremden Tischen, dem Anderen (und »Dem Anderen«) auf Augenhöhe begegnen. Aber zugleich beharrt es auf dem Bewusst­sein (um es mit den Worten des Philo­so­phen U. Jürgens zu sagen): »Ich werd immer nur ein Fremder sein. Und allein.«

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Es ist mithin durchaus richtig, diesem Medium eine Art (gern auch alljähr­liche) Leis­tungs­schau zu widmen. Solange es sich noch in eben dieser Phase befindet der Pioniere, der Plura­lität und Offenheit der Möglich­keiten, der (Selbst-)Entde­ckung und Erfindung.
Und durchaus ist's auch schön, dass München mal nicht wartet, bis ein neues Medium durch­ko­di­fi­ziert, gut abge­hangen und mit dem Stempel bildungs­bür­ger­li­cher Akzeptanz versehen ist.
Also grund­sätz­lich, grade nach dem Erlebnis mit Traveling While Black: Nichts gegen die »Virtual Worlds«. Gern mehr davon.

Nur: Mit dem Filmfest hat die Veran­stal­tung nichts zu tun. Und von »Synergien«, und was das Marketing- und Berater-Sprech sonst so alles anpreist von der Verbin­dung, keine Spur. Im Gegenteil.
Von einem Ausstrahlen auf das Filmfest war exakt gar nichts zu merken. Solange man sich dort bewegte, wo ganz tradi­tio­nell Filme auf Leinwände proji­ziert wurden, waren die »Virtual Worlds« schlicht kein Thema. Aus den Cineasten-Kreisen habe ich niemanden gespro­chen, die oder der auch dort gewesen wäre. Und von den Menschen vor Ort kam mir niemand aus dem Kino bekannt vor.
Es tummelte sich auf der Isarinsel ein komplett anderes Publikum. Und da auch auf Seite der Verant­wort­li­chen praktisch keine Über­schnei­dungen herrschen, blieben die »Virtual Worlds« eine völlig eigene Paral­lel­welt.
Das ist kein weiteres Standbein für das Filmfest München – das ist, als hätte man dem Filmfest irgendwie ein zusätz­li­ches Knie an den Hintern genäht.

Für die »Virtual Worlds« selbst aber hat es deutliche Nachteile, als bloße Fußnote des Filmfests wahr­ge­nommen (oder eben über­wie­gend: gar nicht wahr­ge­nommen) zu werden.
Das beginnt schlicht damit, dass Sommer die denkbar unge­eig­netste Zeit ist für eine VR-Groß­ver­an­stal­tung. Bei den Außen­tem­pe­ra­turen diese Woche wurde es unter den Brillen schnell unan­ge­nehm dampfig. Die Rechner und vor allem die Akkus ächzten und röchelten nah am Kollaps.
Und es fällt schwer, es nicht symbo­lisch zu inter­pre­tieren, dass man die ganze Veran­stal­tung im Forum der Technik in einen Raum getackert hat, der früher bloß der Durchgang war zu den Kinos und dem IMAX.
Dank der Licht­stim­mung einiger bunter Strahler geben Fotos vom Veran­stal­tungsort nur ein viel zu schmei­chel­haftes Bild ab davon, wie armselig hand­ge­klöp­pelt und behelfs­ge­bas­telt dort alles in der Realität wirkte. Die einzelnen Stände waren nur durch über­di­men­sio­nale Bettlaken vonein­ander abge­schirmt, und außer dem notwen­digsten Mobiliar (Stühle, Liege­matten und Tischchen für die Laptops) und halt den VR-Brillen gab es nichts an räum­li­cher Gestal­tung, das den Eindruck gemindert hätte, dass man das alles da halt mal schnell provi­so­risch rein­geräumt hätte, weil sonst nirgends Platz war.

Für die Außen­wir­kung der Veran­stal­tung aber fataler: Die Bericht­erstat­tung im Rahmen des Filmfests beschränkt sich oft auf bloß einige Zeilen Nach­ge­danken. In der Werbung des Filmfests ist der VR-Anhang so gut wie unsichtbar. Und selbst die Website ist mehrere Linke­benen versteckt von der Filmfest-Seite ansteu­erbar (und von recht begrenzter Brauch­bar­keit).
Mag sein, dass die Wahr­neh­mung innerhalb der Branche eine andere ist. Fürs reguläre Münchner (geschweige denn über­re­gio­nale) Publikum blieben die Virtual Worlds weit­ge­hendst obskur.

»Aber es waren doch alle 3000 Zeit­fenster ausge­bucht!«, mag man jetzt einwenden. Und bei drei Stich­proben an den drei Tagen fand sich vor Ort auch stets ein Häuflein Slot-Loser, bereit­willig even­tu­elle Lücken zu füllen.
Man muss bei den 3000 »Tickets« aber bedenken, dass die einzelnen Expe­ri­ences im Schnitt lediglich um die 10 Minuten dauerten. Und dass wohl wirklich niemand für nur eine gebucht hatte und hinge­fahren war. Die meisten Leute hatten eher gleich im Dutzen­der­pack geplant. Und im Endeffekt reden wir bei den 3000 VR-Erfah­rungen also netto in Hinsicht auf tatsäch­liche Publi­kums­zahlen (und indi­vi­du­elle »Lauflänge«) vom Äqui­va­lent von lediglich und besten­falls zwei, drei ausver­kauften Kino­vor­stel­lungen.

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Da sind wir aber an dem Punkt, in dem Filmfest und Virtual Worlds sich immer im Kern wider­spre­chen müssen: Es steckt in der DNA des Mediums Virtual Reality, dass es ein Medium der Verein­ze­lung, der Verein­sa­mung ist. Der Abschot­tung von Gemein­schaft. (Mögli­cher­weise werden Multi­player-Expe­ri­ences das dereinst zumindest im virtu­ellen Raum ändern. Aber im Meatspace bleibt es allemal so.)
Das Kino an sich, und insbe­son­dere ein Filmfest, beruhen aber genau auf der Idee eines gemein­schaft­li­chen Erleb­nisses. Auf der Bereit­schaft, sich mit Dutzenden, Hunderten fremder Menschen zusammen einem Film auszu­setzen. Mit allen Fähr­nissen und Beglü­ckungen, die das mit sich bringen kann.

Mag sein, dass es für die Profis bei der Konferenz anders war. Aber die Virtual Worlds, so wie sie sich der Münchner Öffent­lich­keit beim Debüt präsen­tierten, waren zwar eine inter­es­sante, berei­chernde Demons­tra­tion des noch jungen Mediums. Von Festival, Fest war aber nicht das Geringste zu spüren.
Und so eindrucks­voll Traveling While Black war: Mit anderen Menschen virtuell gemeinsam am Tisch gesessen zu sein, kann an dieser Realität nichts ändern.

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