05.12.2019
Cinema Moralia – Folge 208

Attrappen aus Pappe, angemessen elitär...

Bin im Wald
Peter Handke liest viel und geht gerne in den Wald. Kann sein, dass er sich verspätet. (Foto: Piffl Medien / zero one film)

Förderer-Software, Kinos als Kulturort, die Verlu­de­rung kommu­naler Film­po­litik und Peter Handke als Filme­ma­cher – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­gän­gers, 208. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Tape my head and mike my brain,
stick that needle in my vein.«
Thomas Pynchon

»Sobald aber die einfachen Leute um ihren Anteil am Sozi­al­pro­dukt sich raufen müssen, über­treffen sie an Neid und Gehäs­sig­keit alles, was unter Literaten oder Kapell­meis­tern beob­achtet werden kann. Die Glori­fi­zie­rung der präch­tigen underdogs läuft auf die des präch­tigen Systems heraus, das sie dazu macht. Berech­tigte Schuld­ge­fühle derer, die von der physi­schen Arbeit ausge­nommen sind, sollten nicht zur Ausrede werden für die 'Idiotie des Land­le­bens'«.
Adorno, Minima Moralia

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Die Software ist schuld. Heißt es. Das Medien­board, die Förderung in Berlin-Bran­den­burg, bittet zwar an diesem Donnerstag zur Weih­nachts­feier, aber alle möglichen, keines­wegs nur unbe­kannte Filme­ma­cher und -innen und auch Jour­na­listen nicht voll­kommen unbe­kannter Medien sind nicht einge­laden. Bezie­hungs­weise doch, wie ein Anruf bei der freund­li­chen Pres­se­stelle ergab. Denn zwar gibt es natürlich keinen Anspruch auf derartige Einla­dungen, auch keinen, der aus früheren entspre­chenden Einla­dungen abge­leitet werden könnte. Den hatten wir auch – dies fürs Protokoll – gar nicht gestellt. Sondern nur nach­ge­fragt, zumal in der sozialen Doppel­rolle als Bericht­erstatter und antrag­stel­lender, mitunter gar geför­derter Filme­ma­cher.
Wir wollten nur wissen, ob denn die Nicht-Einladung Absicht war oder viel­leicht wollte man ja auch Geld sparen? Zum Beispiel für den bestimmt nicht ganz billigen alljähr­li­chen Cannes-Empfang, den das Medien­board immer zusätz­lich zum sowieso schon statt­fin­denden German-Films-Empfang ausrichtet. Irgendwo müssen die deutschen Cannes-Besucher ja etwas zu essen bekommen.
Aber nichts von alldem, sondern wieder nur ein Soft­ware­fehler – wie zuletzt beim Berlinale-Empfang des Medien­boards. Neue Software zwar, aber alter Fehler, der nun tatsäch­lich mehr als ein halbes Dutzend mir bekannter Filme­ma­cher traf.
Wir haben uns zurück­ge­meldet, wie es mili­tä­risch, preußisch heißt, und werden berichten. »Zeit gewonnen. Alles gewonnen!« schrieb schon der preußi­sche Leutnant Heinrich von Kleist.

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Ein Mann­heimer Licht­spiel­theater warb 1913 mit dem Slogan »Kommen Sie nur herein, unser Kino ist das dunkelste in der ganzen Stadt«. (Zitiert nach Friedrich Kittler, »Gram­mo­phon – Film – Typewriter«, S.186)

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Heidel­berg und Mannheim – die beiden so gegen­sätz­li­chen wie kulturell verbun­denen Städte können eigent­lich nicht zufällig gewählt sein für dieses Thema, und wenn doch, dann hat der Zufall hier einen Genie­streich voll­bracht: Denn der 15. Bundes­kon­gress der Kommu­nalen Kinos, der am kommenden Woche­n­ende (6.-8.12.) in diesen beiden Städten statt­findet, hat das Oberthema »Cinema and the City«. Damit setzt der BKF (Bundes­ver­band Kommunale Film­ar­beit) fort, was beim vorigen Kongress begonnen wurde: Die Diskus­sion über das eigene Selbst­ver­ständnis als Veran­stal­tungsort. Wenn das Kino mehr ist, als eine über­dachte Abspiel­fläche mit mehr oder weniger bequemen Plätzen, die sich auch in einer städ­ti­schen Mehr­zweck­halle, einer Schulaula oder in einer provi­so­risch hoch­ge­zo­genen Zelt­land­schaft befinden könnte, was ist es dann?
Die vorläu­fige Antwort, die gegeben wurde, lautet: Ein Kulturort. Wenn man Kultur danach nicht allzu breit und popu­lis­tisch definiert, nicht im Sinne des Konsu­mismus als WiNeWaWiKrie (»Wir nehmen was wir kriegen«) oder JeKaMiMa (»Jeder kann mitmachen«), sondern ange­messen elitär, als Ort des Beson­deren für alle, dann bedeutet »Kulturort Kino« die Musea­li­sie­rung des Kinos. Das fordern manche mit guten Argu­menten schon länger.
Die Konse­quenzen fürs Programm sind da noch unklar, aber nichts spricht gegen Offenheit. Klar aber ist: Finan­ziell müssen Kinos, jeden­falls einige, weitaus besser ausge­stattet werden, wenn sie erst Museum sind. Was hätte man alles machen können mit dem Geld, das eine einzige Hamburger Elbphil­har­monie, eine einzige Berliner Hohen­zol­lern­schloss­at­trappe, ein einziger Opern­neubau in Frankfurt kostet?

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Kino als Kulturort, das bedeutet auch einen anderen Bau. Mit Archi­tek­turen des Kinos setzt sich darum der Kongress diesmal besonders ausein­ander: Man hätte sich dafür keine Bessere holen können, als die Wiener Archi­tektin Gabu Heindl – sie ist nicht nur theo­re­tisch gebildet, und hat im Gegensatz zu vielen Kino­be­trei­bern und den meisten Film­kri­ti­kern tatsäch­lich Siegfried Kracauer und Hannah Arendt gelesen. Sie hat auch praktisch gezeigt, was passiert, wenn man solche Autoren nicht nur gelesen, sondern auch verstanden hat. So bei der Neuge­stal­tung des Foyers des Stadt­kinos im Wiener Künst­ler­haus. Bei der dies­jäh­rigen Diagonale hielt Heindl einen Vortrag von flirrend-verfüh­re­ri­scher Intel­li­genz, allein ihre Anwe­sen­heit ist Grund, die Veran­stal­tung zu besuchen.

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Kino­bau­weisen und Archi­tek­turen des Sehens sind das eine. Das andere ist die stadt­pla­ne­ri­sche Verortung des Kinos. Es gibt kaum bessere Orte, um die fatalen Folgen eines schlud­rigen Umgangs mit den städ­ti­schen – und schließ­lich steuer(unter)finan­zierten – Kultur­orten Kino zu besich­tigen als Mannheim und Heidel­berg.
Beide Kinos sind in prekärer räum­li­cher Lage: Gerade am letzten Woche­n­ende ist das Cinema Quadrat, eines der tradi­ti­ons­reichsten Kommu­nalen Kinos Deutsch­lands aus seinem jahr­zehn­te­langen Quartier im Collini-Center ausge­zogen, hinein in den sonder­baren Ort einer ersten Etage eines zuvor abge­wi­ckelten ehema­ligen Kauf­hauses. Man hört, alles sei jetzt besser als zuvor, aber das will erst persön­lich besich­tigt werden. Allemal ist von Kino­ro­mantik auch hier wenig zu sehen, und das gele­gent­liche städ­ti­sche Gerede eines geplanten »Film­hauses« ist zur Zeit wieder sehr leise geworden.
Wie beim von beiden Städten getra­genen Film­fes­tival Mannheim-Heidel­berg zeigt sich auch am Umgang mit den Kinos eine Kultur­po­litik, die – sei es aus Naivität oder aus Bosheit oder aus unein­ge­stan­denen Minder­wer­tig­keits­kom­plexen einst stolzer Kurpfälzer – Kino und Film nicht versteht, und glaubt, das könne man so nebenbei machen und habe mit gewach­senen Orten nichts zu tun.
Auch in Heidel­berg zeigt sich eine grobe Vernach­läs­si­gung des kommu­nalen »Karlstor«-Kinos, das bisher verkehrsgünstig und zentral am Rand der Altstadt gelegen ist, nun aber in die Neubau­wüste des depra­vierten Rand­vier­tels Heidel­berg-Kirchheim verschoben werden soll, das mit öffent­li­chen Verkehrs­mit­teln kaum zu erreichen ist, und das Kino zum langsamen Ersti­ckungstod verur­teilt – während das Mann­heimer kommunale Kino immerhin im neuen Quartier noch inner­städ­ti­scher liegt.

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Auch sonst ist der Dezember nicht nur Zeit der Weih­nachts­feiern, sondern grund­sätz­li­cher Besinnung: Am Potsdamer »Erich Pommer Institut« findet nächsten Mittwoch die zweite Veran­stal­tung der Reihe »reclaimt­hetruth« statt, die sich mit Dynamiken der Desin­for­ma­tion in sozialen Medien befasst: Romy Jaster, Philo­so­phin an der HU Berlin spricht über »Alles Fake News?«

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Last not least: Peter Handke, der am kommenden Dienstag den Lite­ra­tur­no­bel­preis bekommt, ist, daran wollen wir erinnern, auch Filme­ma­cher, als Regisseur, wie als Autor.

Viel­leicht sollte man sich, bevor man sich den zehnten Text über »Handke und Serbien« reinzieht, besser noch mal den wunder­baren Doku­men­tar­film von Corinna Belz Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte ansehen.
Inter­es­sant wäre auch hier einmal eine genauere Betrach­tung der Frage, ob Autor und Werk zu trennen sind, und was deren Nicht­tren­nung für Handke und sein Werk bedeutet?

Allemal gibt es eine Gemein­sam­keit zwischen den mora­li­sie­renden Debatten über Handke, Woody Allen und andere: Die Verwechs­lung von Film­kritik mit Hexenjagd und Tribunal und die Lust der vielen, den einen, der anders zu sein scheint als sie, vom Sockel zu stoßen.
Die derzei­tigen, also wir alle, aber auch wir als Leser und Publikum, sind mit unserer unbän­digen Skan­da­li­sie­rungs­lust, unserer Freude am Spektakel, daran beteiligt. Ein Grund mehr für Publi­kums­be­schimp­fung.

(to be continued)

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Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind hier in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurz­kri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.