16.02.2019
Berlinale 2019

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Lou Ye The Shadow Play
Kino als Widerstand: »Marighella«

Wer gewinnt heute Abend den Goldenen Bären? Maze­do­nien, China, Israel! Und warum gewinnt der aller­beste Wett­be­werbs­film nichts? – Berlinale-Tagebuch, Folge 10

Von Rüdiger Suchsland

Juliette Binoche auf Instagram: Ein Photo der Jury­prä­si­dentin gemeinsam mit Sandra Hüller und mit Rajendra Roy, dem ehrgei­zigen Film­ku­rator des Moma: »The future of cinema is female«. Das gibt schon den Kurs vor, der heute Abend die Vergabe der Goldenen und Silbernen Bären bestimmen wird.
Zur zeit brodeln die Gerüchte: Zurück­ge­rufen oder angerufen wurden, wie wir aus recht sicherer Quelle hören, Teona Strugar Mity­sevska, die Regis­seurin des maze­do­ni­schen Films. Ebenfalls einge­flogen ist der Israeli Nadav Lapid, Regisseur des Wett­be­werbs­bei­trags »Synonymes«. Und irgend­etwas wird der Chinese Wang Xiaoshuai gewinnen für sein Drei-Stunden-Epos »So long my son ».

Wohl eher unsicher sind die Chancen für den Türken Emin Alper, der aller­dings sowieso noch vor Ort ist. Die besten Chancen eines deutschen Films hat Angela Schan­elecs strenger Kriti­ker­lieb­ling »Ich war zuhause, aber...«

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»Sind Sie Maoist, Trotzkist oder Leninist?« Auf solche Fragen eines fran­zö­si­schen Jour­na­listen möchte Carlos Marig­hella gar nicht antworten. »Ich bin Brasi­lianer« sagt er.
Dem Politiker der radikalen Linken, der in Brasilien nach dem faschis­ti­schen Militär­putsch von 1964 in den Unter­grund ging, der verhaftet und gefoltert wurde, dann mit Maschi­nen­pis­tolen und Bomben gegen die Diktatur kämpfte und schließ­lich von dieser ermordet wurde, dieses kurze wilde anar­chis­ti­sche Leben hat der brasi­lia­ni­sche Regisseur Wagner Moura jetzt zu einem ebenso wilden und rasanten Film verar­beitet. Stilis­tisch muss man ihn irgendwo zwischen den politisch enga­gierten Polit-Thrillern eines Costa-Gavras und dem eleganten Neo-Noir-Kino eines Michael Mann ansiedeln.

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Die Kombi­na­tion ist gelungen: Wagner Moura ist ein Star der Streaming-Drogen­serie »Narcos«. Und der brasi­lia­ni­sche Politiker Carlos Marig­hella (1911-1969) ist der Che Guevara Brasi­liens: Autor der »Kleine Gebrauch­an­lei­tung für die Stadt­gue­rilla«, eine legendäre wie umstrit­tene Gestalt. Im Wider­stand gegen die rechte Militär­dik­tatur ging er in den Unter­grund.

Einer­seits ist »Marig­hella«, so heißt auch der Film, dyna­mi­sches Action­kino, dicht und präzise und immer unter­haltsam insze­niert. Getragen auch von mitreißender Filmmusik.
Ande­rer­seits ist dies auch der Versuch, aus heutiger Sicht dieser wichtigen histo­ri­schen Persön­lich­keit gerecht zu werden. Denn Carlos Marig­hella ist im Brasilien von heute weit­ge­hend unbekannt, obwohl er in den 1970er Jahren ein Natio­nal­held war.
Der Film ist ein Nach­denken über Politik am offenen Herzen: Ob Gewalt richtig sein kann, wenn andere Mittel nichts bewirken, und wenn die Gegner sich selbst brutalster Methoden wie der Folter bedienen. Ob Gerech­tig­keit möglich ist? Ob poli­ti­sches Enga­ge­ment bis zum Tod führen darf? Und ob dieje­nigen, die sich opfern, Helden sind, oder Idioten?
Dies ist »Kino als Wider­stand«, wie der Regisseur im Gespräch mit mir zu dem Film erklärte.

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Es ist auch ein Kino, das um Wahrheit kämpft. Denn was dem einen sein Frei­heits­kämpfer ist dem anderen bekannt­lich sein Terrorist. Und Marig­hellas poli­ti­sche Wider­sa­cher wollten ihn als Terro­risten und besser noch gemeinen Räuber­ban­den­führer ins nationale Gedächtnis einschreiben, er selbst natürlich nannte sich Revo­lu­ti­onär.
Diese histo­ri­sche, 50 Jahre alte Geschichte ist vor dem Hinter­grund der neuesten poli­ti­schen Ereig­nisse in Brasilien unver­mit­telt brand­ak­tuell geworden.
Denn der neue rechts­ex­treme brasi­lia­ni­sche Präsident Bolsonaro verherr­licht die Diktatur, die Marig­hella bekämpfte.

Darum fragt man sich, warum ausge­rechnet dieser Film in Berlin außer Konkur­renz läuft, und nicht im Wett­be­werb um den »Goldenen Bären«?
Ist dies nicht genau diese Art von Kino, wie es die Berlinale liebt.

(to be continued)

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