12.02.2019
Berlinale 2019

Warum die Berlinale mich zu einem schlechten Menschen macht...

The Thin Red Line
Als die Welt noch in Ordnung war: der Berlinale Sieger vor 20 Jahren, 1999 – Terrence Malicks The Thin Red Line

Drei Wieder­vor­lagen – Berlinale-Tagebuch, Folge 7

Von Rüdiger Suchsland

»Während sie weiter­quas­selt stellt er sich vor, wie es wäre, mit ihr verhei­ratet zu sein. ... Er kennt diese Sorte. Selbst wenn man auf alle ihre Forde­rungen eingeht, kann man es ihnen nicht recht machen. Nie. Unter keinen Umständen. In fast jedem Satz, den sie sagen, ist ein Vorwurf versteckt. Oft wird er nicht ausge­spro­chen, aber er schwingt immer mit, im Tonfall, der Art zu gucken, Augen­brauen hoch­zu­ziehen, die Nase zu kräuseln. Er nutzt eine kurze Gedan­ken­pause, um sie zu unter­bre­chen.«
Heinz Strunk: »Der Goldene Handschuh«, S.59

»Europäi­sches Auto­ren­kino von gestern und unab­hän­gige ameri­ka­ni­sche Unter­hal­tungs­ware von heute, das ist die Mischung, die sich auf diesem Festival immer mehr breit­macht. Dazwi­schen liegen die Filme, auf die es ankommt. In Berlin gibt es von ihnen nicht genug.«
Andreas Kilb, FAZ

Was ich der Berlinale mehr übel nehme als alles, als alle schlechten Filme und die Geschmack­lo­sig­keiten ihres Direktors zusammen: Dass sie mich zu einem schlechten Menschen macht. Dass sie meine blödesten, schlech­testen Eigen­schaften heraus­kit­zelt, anstatt meine Begeis­te­rung für gutes Kino zu wecken.
Es ist in der Hinsicht zwar alles gesagt, aber nicht für alle. Manche haben es nicht gelesen, andere haben es vergessen.
Daher hier noch einmal zur Wieder­vor­lage. Denn die Berlinale braucht keine Reform, sondern eine Gene­ralüber­ho­lung.

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Und wer glaubt, das sei eine marginale Einzel­mei­nung, der kann ja zum aufwärmen hier einmal lesen, was der lang­jäh­rige Viennale-Leiter und große Cinephile Hans Hurch über die Berlinale gedacht hat. Ein unver­ges­senes Gespräch aus dem Februar 2016, das man auch auf YouTube anschauen kann.

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Und wer dann immer noch glaubt, dass sei nur dummes Geschwätz, dem möchte ich auch jene Vorrede empfehlen, in der die Filme­ma­cher Thomas Heise und Christoph Hoch­häusler zusam­men­fassen, wie die Berlinale wirklich ist.

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Liebe Berlinale,

das worum es in unserer Beziehung gehen sollte, ist wohl am besten mit dem Wort »gegen­sei­tiger Respekt« bezeichnet.
Die Berlinale aller­dings, die kann ich nicht mehr respek­tieren, und das nicht erst seit diesem Jahr – und da bin ich ja nicht der Einzige. Und dass viele die Berlinale in ihrem jetzigen Zustand nicht mehr respek­tieren, ist viel schlimmer, als wenn man sie hassen und als Gegner begreifen würde. Die Berlinale aber ist zur Zeit einfach nicht satis­fak­ti­ons­fähig.
Wenn Du wüsstet (viel­leicht weißt Du es ja auch, möchtest es aber öffent­lich vers­tänd­li­cher­weise nicht sagen), wie scheiße die Berlinale alle Kollegen in meinem Freundes- und Bekann­ten­kreis hier wirklich finden, was da so »unter uns« gesagt wird, völlig unter der Gürtel­linie, wie sehr die ganzen Tage gelästert wird, wie viel gekotzt wird, unter Film­kri­ti­ker­kol­legen aber auch unter Filme­ma­chern, unter Berlinale-Preis­trä­gern und Gästen, Kuratoren, wie viel sogar von Mitar­bei­tern – ehema­ligen aber vor allem derzei­tigen der Berlinale! Unter der Hand natürlich.
Du weißt, dass glaube ich, aber eigent­lich auch ganz genau... An Deiner Stelle würde ich dazu dann auch klug schweigen, und versuchen, mir keine Blöße zu geben.

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Ich kenne so viele Leute, die nur noch auf die Berlinale gehen, weil sie müssen, die einfach nur genervt und gelang­weilt sind von Eurem Programm. Ich kenne Kritiker, die sich ihre Akkre­di­tie­rung nicht abholen, weil sie einfach von der Vorstel­lung abge­schreckt sind, sich den ganzen nichts­sa­genden Schmarrn antun zu müssen. Ich kenne »Profis«, die auf ihre Profiak­kre­di­tie­rung in diesem Jahr verzichten, weil »es nichts bringt«, und/oder weil sie »im letzten Jahr nur doofe Filme gesehen haben« usf. Mit dem Winter­wetter hat das nichts zu tun. Sondern mit zuviel Filmen und zuviel schlechten. Mit einem völligen Verzicht aufs Kura­tieren.

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Natürlich kannst Du mich als Queru­lanten betrachten und abtun, das ist einfach und bequem. Die, die das hier lesen, wissen aber, dass ich nur das schreibe, was viele denken, was auf der Berlinale die meisten reden. Es ist kein Überdruss mehr, keine Lange­weile, kein Generv­t­sein, es ist blanke Abneigung gegenüber einem Festival, das wunderbar sein könnte.

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Regel­mäßige Leser wissen auch, dass ich von anderen Festivals schwärmen kann, von Filmen sowieso. Dass ich pathe­tisch werden kann, viel­leicht sogar über Gebühr.
Und was ich der Berlinale am meisten übelnehme ist, dass sie mich zwei Wochen lang zu einem solchen Miese­peter und Recht­haber und Kotz­bro­cken macht, dass sie meine schlech­testen Eigen­schaften heraus­kit­zelt. Ich nehme der Berlinale übel, dass sie mich zum Dauer­schimpfen zwingt.
Mich kotzt es aber selber an, dass man diesen Blog als Berlinale-Bashing miss­ver­stehen kann, und sei es nur ironisch. Mein Ziel mit diesem Blog ist nämlich kein Bashing. Es ist Offenheit, und Anregung zur offenen Debatte. Das Ziel ist, das zu schreiben, was aus verschie­denen Gründen margi­na­li­siert ist. Ich schreibe hier, was ich sehe, was ich erlebe, was mir andere erzählen.
Es geht dabei einfach um gut begrün­dete berech­tigte Kritik, die nicht nur von mir geübt wird. Ich bin kein Mecker­fritze. Auch wenn Schimpfen gar nicht so selten gut tut und befrei­ende Wirkungen hat.

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Man kann jetzt sagen, dann sollte ich doch über die Filme schreiben, die ich gesehen habe, aber warum übers Festival? Einfache Antwort: Weil die Filme in den letzten Jahren immer seltener gut genug sind, dass man Lust hat, darüber zu schreiben, und sei es auch nur, sie zu verreißen.
Es gibt gute Filme, die rezen­siere ich auch während der Berlinale bei den Radio­sen­dern und Zeitungen, für die ich arbeite. Aber was ist das für eine Fest­stel­lung? Ihr habt über 400 Filme. Über 400!! Also mehr als alles, was in Cannes und Venedig läuft, zusammen.
Was soll es also heißen, dass es hier gute Filme gibt? Selbst wenn dies 40 Filme sein sollten, wären das mal gerade zehn Prozent, Ich habe keine 40 guten Filme gesehen in diesem Jahr und ich kenne niemanden, der erzählt, dass er das hat. Aber ich bin sicher es gibt 40 oder sogar 60 gute Filme in diesem ganzen Berli­nale­haufen. Aber das heißt eben auch, dass es 360 Filme gibt, die nicht gut sind. Die besten­falls gehobener Durch­schnitt sind. Ihr zeigt die Filme, die für Venedig/Toronto/San Sebastian nicht fertig sind, und von Cannes nicht genommen werden, und die nicht lieber nach Rotterdam gehen.
Ihr seid ein A-Festival. Also sollten 80 Prozent Eurer Filme gut sein, es wert sein, gesehen zu werden, Nicht lang­weilen, nicht nerven. Das ist leider nicht der Fall.

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Es geht bei der Kritik an der Berlinale von mir und anderen aber gar nicht um einzelne Filme, sondern um die Umstände, unter denen sie gezeigt und gesehen werden. Es geht um die Wahr­neh­mungs­be­din­gungen. Diese Bedin­gungen, unter denen wir auf der Berlinale Filme sehen, unter denen sie von Euch präsen­tiert werden, sind lieblos und vulgär, sie sind alles andere als cinephil, sie sind mindes­tens im Effekt zynisch und sie schaden den Filmen.

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Dazu nur ein Beispiel: 400 Filme habt ihr. Eine Filmin­fla­tion. Inflation heißt ja nun »Entwer­tung« und es findet bei Euch auf der Berlinale eine enorme Entwer­tung statt: Zual­ler­erst eine Entwer­tung der Filme: Man kann sie nicht sehen, sie werden nicht präzise auf ein Publikum hinku­ra­tiert, und mitein­ander sorg­fältig in einen Programm­fluss program­miert, sondern einfach ausge­kü­belt.
Mittelbar ist das auch eine Entwer­tung der Berlinale selbst. Denn Cannes und Venedig zeigen in der »Offi­zi­ellen Selektion« kaum 80 Filme – wenn ihr dreimal so viel Filme zeigt, dann ist der Bär auf dem Plakat halt nur ein Drittel davon wert.
Auch darum würde fast jeder Filme­ma­cher seinen Film lieber in Cannes und Venedig laufen haben, als in Berlin.

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Das versuche ich zu beschreiben. Als Mängel­liste. Denn der Zustand der Berlinale ist ein kultur­po­li­ti­scher Skandal! Darum versuche ich nüchterne Fakten zu präsen­tieren, wie die Münchner Studie zur Diver­sität auf der Berlinale. Darum beschreibe ich Gerüchte, und anony­mi­sierte Anekdoten.
Das sauge ich mir nicht aus den Fingern. Aber wenn es für Dich beru­hi­gender ist, musst Du mir nicht glauben, dass ich die Wahrheit sage. Mir genügt, dass ich die kenne, mit denen ich gespro­chen habe. Ich nenne die Namen hier nicht,weil ich aus eigener Erfahrung weiß, dass es schwarze Listen gibt, das Deine Pres­se­ab­tei­lung mit Zucker­brot und Peitsche, vor allem mit Peitsche versucht, auf Jour­na­listen und ihre Bericht­erstat­tung Einfluss zu nehmen. Reden wir doch nicht darum herum!
Aus der Deckung kommen nur die, die sich ganz sicher fühlen oder Außen­seiter wie der aus Korea stammende Berliner Philosoph Byung-Chul Han: In seinem sehr lesens­werten, krassen Text in der Welt steht natürlich auch mancher Quatsch, jeden­falls nach meiner Ansicht, aber auch in diesem Fall müsstet ihr Euch doch fragen, warum ihr bei dem Typ diese Aggres­sionen weckt, dass er schreibt: »Das Berliner Film­fes­tival ist zu einem kafka­esken Schloss geworden.« und noch vieles mehr.

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Wir müssen mehr über Festivals nach­denken, Festivals sind wichtig. Wir müssen darüber nach­denken, wozu sie da sind, was sie leisten sollen, und was sie viel­leicht auch nicht leisten können. Ein Festival kann es nicht allen recht­ma­chen.

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Die Berlinale ist ein wunder­bares Festival. Poten­tiell. Poten­tiell könnte sie Venedig locker einholen. Poten­tiell wären Locarno und San Sebastian keine Konkur­renz.
Aber Euer Wett­be­werb ist bieder und inhal­tis­tisch. Der Sieger­filme der letzten Jahre sind nicht mal im Traum ein Film, dem man sich im Wett­be­werb von Cannes oder Venedig auch nur vorstellen könnte.

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Ich weiß auch, dass ich mir Blößen gebe. Vermeid­bare und unver­meid­liche. Dass nicht jeder Kommentar sitzt. Dass ein paar, die davon wissen, viel­leicht tatsäch­lich glauben, ich würde mich hier nur dafür rächen, dass vor zwei Jahren mein Film, »Hitlers Hollywood« über das NS-Kino vom Panorama der Berlinale nicht einge­laden wurde. Wer das behaupten will, zeigt damit natürlich vor allem erstmal, wie er selber denkt. Solche Art der Rache habe ich nicht nötig. Zumal ich die Berlinale schon in früheren Jahren schlecht fand. Zumal ich tatsäch­lich die Doku­men­tar­filme in allen Reihen in diesem Jahr das Stärkste am ganzen Festival fand.
Man muss das aber anspre­chen, auch das gehört zur Offenheit. Um aller­dings auch die ganze Sache zu erzählen: Einrei­chen wollte mein Welt­ver­trieb. Dazu gehört auch, dass der im Forum gar nicht einge­reicht hat, mit der Begrün­dung, »dass das Forum dem Film nichts bringt«. Ich habe übrigens, dafür gibt es Zeugen, gleich gesagt: Die nehmen mich nicht. Mir war bei der Einrei­chung auch deshalb nicht wohl, weil ich mir dachte: Wie kann ich dann je noch über die Berlinale schreiben? Hier übrigens fand ich die Berlinale wieder mal töricht. Es wäre für Euch nämlich eine wunder­bare Chance gewesen, großzügig zu sein, einen, der Euch seit Jahren in nicht völlig unbe­deu­tenden Medien kriti­siert, einfach einzu­laden.
Das wäre übrigens nicht nur großzügig gewesen, sondern auch ein cleverer Schachzug. Wie hätte ich dann denn noch jemals im Ernst über die Berlinale schreiben können? Egal was ich geschrieben hätte – man hätte mir entweder vorge­worfen, keine Manieren zu haben, oder mich einseifen zu lassen.
Daher bin ich eher erleich­tert darüber, dass ihr weder besonders großzügig seid, noch clever.

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Das ist die egozen­tri­sche Sicht. Ihr bei der Berlinale bewegt Euch umgekehrt aber auch in einer einzigen Filter­blase: selbst-zentriert, selbst-gefällig, selbst-gerecht – so tritt der Laden auf und wird wahr­ge­nommen. Diese Berlinale-Blase, die müssen wir aufste­chen. Und das werden wir. Irgend­wann wird sie platzen. That will be ugly.
Ich glaube, dass es auch beim Berlinale-Betrieb so etwas wie ein Stockholm-Syndrom gibt – die Iden­ti­fi­ka­tion mit dem eigenen Gefan­genen-Wärter? Da müssen manche bei Euch aufpassen.

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Die »Handvoll ange­säu­erter Kritiker« (Dieter Kosslick am 7.2.2019) und ihre Erklärung hier noch mal zum Nachlesen:

ERKLÄRUNG:
«Die Berlinale ist eines der drei führenden Film­fes­ti­vals weltweit. Die Neube­set­zung der Leitung bietet die Chance, das Festival program­ma­tisch zu erneuern und zu entschla­cken. Wir schlagen vor, eine inter­na­tio­nale, zu gleichen Teilen mit Frauen und Männern besetzte Findungs­kom­mis­sion einzu­setzen, die auch über die grund­le­gende Ausrich­tung des Festivals nachdenkt. Ziel muss es sein, eine heraus­ra­gende kura­to­ri­sche Persön­lich­keit zu finden, die für das Kino brennt, weltweit bestens vernetzt und in der Lage ist, das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen. Wir wünschen uns ein trans­pa­rentes Verfahren und einen Neuanfang.«

UNTERZEICHNER:

Maren Ade
Faith Akin
Irene von Alberti,
Thomas Arslan
Aysun Bademsoy
Anne Zohra Berrached
Bettina Böhler,
Hermann Bohlen,
Jan Bonny,
Jutta Brückner,
Dietrich Brüg­ge­mann
Florian Cossen
Ebbo Demant
Doris Dörrie
Andreas Dresen
Heinz Emigholz
Maxi­mi­lian Erlenwein
Katrin Gebbe
Stefan Geene
Dominik Graf
Valeska Grisebach
Hans W. Geißen­dörfer
Almut Getto
Ulrich Gerhardt
Hans-Dieter Grabe,
Henk Hand­lo­egten
Thomas Heise
Sonja Heiss
Benjamin Heisen­berg
Christoph Hoch­häusler
Barbara Junge
Winfried Junge
RP Kahl
Romuald Karmakar
Fred Kelemen
Michael Klier
Barbara Klemm
Ulrich Köhler
Nicolette Krebitz
Lars Kraume
Michael Krum­menacher
Jakob Lass
Tom Lass
Aron Lehmann
Caroline Link
Max Linz
Pia Marais
Jeanine Meerapfel
Elfi Mikesch
Franz Müller
Peter Nestler
Asli Özge
Christian Petzold
Hans Helmut Prinzler
Lola Randl
Axel Ranisch
Edgar Reitz
Michael Ruetz
Helke Sander
Thomas Schadt
Volker Schlön­dorff
Sebastian Schipper
Hans-Christian Schmid
Jan Schomburg
Maria Schrader
Robert Schwentke
Christian Schwochow
Jan Soldat
Hans Stein­bichler
Oliver Sturm
Isabel ?Suba
Sven Taddicken
Tamara Trampe
Georg Stefan Troller
Tom Tykwer
Simon Verhoeven
Achim von Borries
Julia von Heinz
Rosa von Praunheim
Marga­rethe von Trotta
Nicolas Wacker­b­arth
Christian Wagner
Henner Winckler
David Wnendt

(to be continued)

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