09.02.2017
67. Berlinale 2017

»Die Berlinale nimmt sich selbst nicht mehr ernst.«

Hans Hurch
Hans Hurch

Wie könnte eine ganz andere Berlinale aussehen? Ein offenes Gespräch mit einem ganz anderen Festivaldirektor: Viennale-Leiter Hans Hurch über den Zynismus der Berlinale und die »Witzfigur« Kosslick – Berlinale-Tagebuch, Folge 01

Von Rüdiger Suchsland

Stimmen wir uns ein. Morgen geht es wieder los. Die Berlinale eröffnet, zum 16. mal mit Dieter Kosslick als Direktor. Die Berlinale hat sich in seiner Amtszeit radikal verändert. Um diese Verän­de­rung zu beschreiben, haben wir im vergan­genen Jahr für den artechock-YouTube-Blog mit Hans Hurch gespro­chen, dem lang­jäh­rigen Direktor der Viennale.
Zur Einstim­mung in Deutsch­lands größtes Film­fes­tival veröf­fent­li­chen wir diesen Wiener-Preußi­schen Dialog in Schrift­form.
Ab morgen finden Sie an dieser Stelle dann unser gewohntes Berlinale-Tagebuch

Hans Hurch, Sie sind regel­mäßiger Besucher der Berlinale. Wie schätzen Sie den Rang dieses großen deutschen, aus dem Etat der deutschen Kultur-Staats­mi­nis­terin stark geför­derten Festivals im inter­na­tio­nalen Vergleich ein?

Hurch: Ich komme natürlich hierher, um Filme zu sehen. Das ist der Haupt­grund, warum ich herkomme. Aber natürlich ist so ein Festival der Platz, wo man Leute trifft.
Es ist jetzt natürlich blöd, dass ich das jetzt als Leiter eines anderen Festivals sage, doch die Viennale ist mit der Berlinale gar nicht vergleichbar, insofern komme ich nicht in Verdacht, hier einen Konkur­renten schlecht machen zu wollen – aber ich finde, dass die Berlinale immer weiter an Bedeutung verliert. Und zwar deswegen, weil sie sich selbst keine Bedeutung gibt. Sie nimmt sich selber nicht mehr ernst. Sonst gäbe es dieses ganze Drumherum nicht, dieses Theater, oder das mit dem Essen.

Das »Kuli­na­ri­sche Kino«...

Hurch: Das »Kuli­na­ri­sche Kino« finde ich so einen unglaub­lich dummen Zynismus – und es begründet sich einzig und allein in dieser Witzfigur von einem Kosslick. Nur einfach, weil der etwas für Küche und Essen übrig hat, erfindet man dazu so einen ganzen Festi­val­teil.
Kürzlich gehe ich irgendwo vorbei, da gibt es so Wägen, wo man essen kann – und zwar völlig normales Essen, das würde in Öster­reich nicht einmal etwas Beson­deres sein: Käse­spätzle, das ist das normalste von der Welt, aber das wird hier zele­briert, als w äre das sozusagen »Autore­n­essen«.

Das ist etwas sehr Bürger­li­ches, nicht? Sich auf Essen und Ernährung zu konzen­trieren, und darüber alle wich­ti­geren Fragen aus den Augen zu verlieren...

Hurch: Es ist etwas absolut reak­ti­onäres finde ich, in dieser Welt, in dieser Zeit sich in dieser Form mit Essen zu beschäf­tigen. Und dann noch Kosslicks flotter Spruch: »Make food, not war.« – als würde man Essen »machen«, als wäre das nicht eine Vertei­lungs­frage, als wäre das eine freie Entschei­dung, essen zu machen. Für uns ja: Wir können ins Restau­rant gehen, einkaufen, kochen – ganz viele Menschen können das nicht.
Und der konstru­ierte Zusam­men­hang von Essen und Krieg – das ist so grotesk und so zynisch und so dumm – so ist das ganze Festival. Vor ein paar Jahren hätte ich noch gesagt: Die Berlinale ist ein schlechtes sozi­al­de­mo­kra­ti­sches Festival. Inzwi­schen ist es noch schlimmer.
Die Berlinale hat überhaupt keinen Charakter mehr. Das sieht man am aller­besten daran, dass sie 2016 im Wett­be­werb einen acht­stün­digen Film von Lav Diaz zeigen. Das inter­es­siert den Kosslick überhaupt nicht. Sondern das ist im aktuellen Festi­val­ge­schehen (in dem Lav Diaz schick ist und Locarno-Sieger) reiner Oppor­tu­nismus, so etwas zu zeigen – dem Film gegenüber dem Festival gegenüber, den Besuchern gegenüber.
Daran sieht man, dass die Berlinale kein Profil hat, dass sie nichts Eigenes versucht und kein Herz hat.

Wie machen Sie es bei der Viennale besser?

Hurch: Das kann man nicht als Modell propa­gieren – aber wir haben die Möglich­keit, ein völlig selbst­be­stimmtes Programm zu machen.
Das heißt: Ich nehme mir die Freiheit, den Luxus heraus, über jeden einzelnen Film persön­lich zu entscheiden. Das mache ich mir nicht leicht, oft lasse ich sie lange liegen und schaue sie mir nochmal an, aber es bleibt eine persön­liche Entschei­dung. Weil ich dagegen bin, dass man solche in Diskus­sionen und in Gruppen und Auswahl­kom­mites trifft – aber nicht, weil ich mich nicht gerne mit anderen über Kino austau­sche, im Gegenteil. Aber ich finde, man ist dem Filme­ma­cher die persön­liche Entschei­dung schuldig. So wie ein Filme­ma­cher eine ästhe­ti­sche und poli­ti­sche Entschei­dung trifft, kann er auch von einem Gegenüber verlangen, dass der auch eine ästhe­ti­sche und poli­ti­sche Entschei­dung trifft. Das ist meine Haltung. Wenn es jemand anders sieht, will ich das nicht vorwerfen.
Das andere ist aber, dass man nicht versuchen darf und soll, es allen recht zu machen und so auf eine pseu­do­po­li­ti­sche Aktua­lität zu machen.
Ich trage noch immer eine Berlinale-Tasche – da steht drauf: »Towards Tolerance«. Solche Motti sind völlig leere Worthülsen, schick, sinnlos und politisch korrekt, die ein komisches Einver­s­tändnis mit allen geben wollen. Und so sind auch diese ganzen Film­schienen, diese ganzen Neben­pro­gramme, diese ganzen Dinge drumherum. Irgend­wann wird eine Festival eine Maschine. Dann verliert es das eigene Herz und seine innere Notwen­dig­keit.
Das sehe ich bei der Berlinale.

Dieter Kosslick, der Direktor der Berlinale würde jetzt auf diese Kritik antworten: Die Berlinale ist ja ein Publi­kums­fes­tival, die will allen etwas bieten, und deswegen irrt dieser Herr aus Wien. So ähnlich hat Monika Grütters auch in ihrer Berlinale-Eröff­nungs­rede 2016 argu­men­tiert. Was würden Sie beiden antworten?

Hurch: Ich glaube, dass jedes Festival ein Publi­kums­fes­tival ist. Es gibt natürlich reine Markt­fes­ti­vals, aber von denen reden wir nicht.
Der Renoir hat mal gesagt: Jeder Film ist ein kommer­zi­eller Film. (denn er kostet Geld, es wird Arbeit inves­tiert, er wird nachher gezeigt) und jedes Festival ist ein Publi­kums­fes­tival. Nur bedeutet das nicht, dass man das Publikum als Legi­ti­ma­tion miss­braucht.
Die Formel »Publi­kums­fes­tival« bedeutet zugleich, wenn Kosslick das sagt: Ganz weit, ganz offen, ganz alles, denn das Publikum ist ja eine anonyme Masse, und die will bedient sein von links bis rechts, von oben bis unten. Stimmt überhaupt nicht!
Es bedeutet noch mehr Verant­wor­tung, ein Festival zu schärfen und den Leuten ein ganz konkretes Angebot zu machen.
Das Publikum als Legi­ti­ma­tion für alles zu nehmen, ist genau falsch. Wenn ich sage: Ich wende mich an viele Leute, dann muss ich mir doch genau überlegen: Was will ich diesen Leuten zeigen? Womit will ich sie provo­zieren? Was will ich, das sie sehen. Deswegen ist die Floskel »Publi­kums­fes­tival« überhaupt kein Grund und kein Anlass zu sagen: »Deswegen mach ich alles und zeig soviel, und mach auch Kochen, und mach auch Talent Campus, und mach auch ich weiß nicht was« – das ist eigent­lich zynisch, sich damit zu legi­ti­mieren, dass man kein eigenes Verhältnis zum Publikum hat, sondern das man dieses Denken umdreht und sagt ich mach’s fürs Publikum und deswegen kann ich alles machen. Super­markt zuzusagen. Das ist im Grunde eine Verach­tung der Leute. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters darauf so begeis­tert reagiert.
Wie der Brecht mal gesagt hat: »Das Volk ist nicht tümlich.«

Muss man oder darf man dem Publikum denn auch etwas beibringen? Hat man als Festival das Recht, dem Publikum etwas vorzu­setzen, was es auf Anhieb erstmal nicht mag und auf den zweiten mögli­cher­weise um so mehr?

Hurch: Ich glaube, dass Erziehung absolut ein Teil davon ist. Wenn mich jemand fragt, was ich mir von einem Film erwarte, dann ist das im Idealfall, dass ich etwas gesehen und erfahren habe, was ich vorher nicht so kannte oder wusste. Ich will mich nicht bestä­tigen lassen im Kino – das ist das Lang­wei­ligste.
Ich will einen Moment von Erfahrung oder von Verun­si­che­rung oder auch von Glück oder was auch immer. Man kann den Leuten grund­sätz­lich alles zumuten, aber das, was man tut und zeigt muss aus einer Über­zeu­gung und aus einer Haltung und aus einer grund­sätz­li­chen Beziehung zu den Leuten entstehen. Nicht aus einer kommer­zi­ellen Beziehung oder einer Medien-Beziehung.
Man muss in einer Res Publica ein Publikum ernst nehmen als Staats­bürger. Man kann das Publikum entweder ansehen als mündige Citoyens, oder als riesige Ansamm­lung von zahlenden Leuten, die sich durch ihre schiere Anzahl legi­ti­mieren. Die Idee dahinter ist ja, dass man sich selbst durch die Menge der Leute selber legi­ti­miert.

Also Popu­lismus?

Hurch: Genau! »Wir sind ein Publi­kums­fes­tival. Wir haben noch mehr Besu­cher­zahlen dieses Jahr. Deswegen gibt es keine Debatte mehr.« Das ist das Problem. Das ist eigent­lich ein kleiner tota­li­tärer Traum.
Denn: Wo endet das? Wo hört das auf? Mehr will mehr und wird am Ende zum Nichts.

Sie werden ja auch kriti­siert...

Hurch: Es gibt viele Leute, die mit dem, was ich mache, auch nicht zufrieden sind. Aber zumindest weiß man, man kann mich als Person kriti­sieren.
In Berlin ist das so eine riesige wabernde anonyme Ange­le­gen­heit – zwischen­durch tritt dann kurz der Kasperl auf, der Kosslick. Alleine, wie sich der nicht ernst nimmt! Das spürt man. Wenn man das Vorwort im Katalog liest, dieses »Route 66«... Die Haltung des Festivals löst sich völlig auf.

Wenn man dieses Vorwort einmal vergleicht mit dem Vorwort von Moritz De Hadeln von 1986 (das hab ich als Beispiel mal nach­ge­lesen), dann sieht man einen frap­pie­renden, tollen Kontrast: Auch De Hadeln redet vom Publikum. Aber er sagt: Man darf es dem Publikum nicht leicht machen. Er argu­men­tiert: Bei einem Festival geht es um Konse­quenz, auch um Irri­ta­tion. Er sagt, »wir sind eine Insti­tu­tion als Berlinale, aber deswegen können und müssen wir trotzdem anti-insti­tu­tio­nell sein.«

Hurch: Genau. Oft geht die Erin­ne­rung verloren, was ein Festival mal war. Und plötzlich behaupten alle, der Moritz De Hadeln war ja auch nix. Das ist natürlich Unsinn, und manchmal, wenn man diesen histo­ri­schen Moment vergegenw ärtigt, dann wird das, was jetzt ist, noch viel gnaden­loser.

Damals liefen Fellini, Nanni Moretti, William Friedkin im Wett­be­werb, das war die Mischung, drei deutsche Filme im Wett­be­werb, unter anderem Achtern­busch. Reinhard Hauff hat gewonnen mit Stammheim.

Hurch: Das ist auch so ein verdrehtes Argument: Dass die Berlinale sich heraus­redet mit dem Satz: »Die Leute gehen nicht mehr nach Berlin.« Es muss aber ja auch einen Grund geben, warum ich wohin nicht mehr gehe. Das ist ja eine Wech­sel­wir­kung. Produ­zenten und Welt­ver­triebe entscheiden ja nicht nur aus Jux und Dollerei, oder weil in Berlin das Wetter so schlecht ist.
Ich glaube wirklich, dass Berlin im Moment so ein Ort ist, an dem nichts wirklich Wesent­li­ches fürs Kino mehr passiert. Das ist brutal, das so zu sagen. Was aber nicht heißt, dass es nicht einzelne inter­es­sante tolle Filme gibt.
Aber es geht mir darum, dass das Festival nicht nur ein Additives ist, sondern dass es auch in sich eine Form haben muss
Jeder sieht hier ein paar schöne Filme. Aber es geht darum: Wo steht die Berlinale im Kino und in der Politik?